Pferde Berufe: Ausbildung zum Pferdewirt

Höher!“ Sie sagt das so, als gebe es noch Spielraum. Aber das letzte Loch ist schon erreicht. Höher geht die Stange nicht mehr, es sei denn, irgendjemand hat Spezial-Springständer für Leute, die besonders hoch hinaus wollen. 1,65 Meter misst der Oxer nun, über den Maleen mit ihrer Stute Ashley fliegt. „Das ist jetzt S-Niveau“, erklärt die 18-Jährige stolz.

Innerhalb ihrer Ausbildung zur „Pferdewirtin – Fachrichtung Pferdehaltung und Service“ im Hessischen Landgestüt Dillenburg hat Maleen drei Pferde zur Verfügung gestellt bekommen: Ein junges, das sie selbst ausbilden soll. Ein erfahrenes, von dem sie noch etwas lernen kann. Und außerdem ein Schulpferd, auf dem normalerweise Reitschüler sitzen und dem sie den Alltag etwas abwechslungsreicher gestalten soll. Vorhin hat sie den Ponyhengst Sirtaki geritten, einen Dreijährigen, der erst seit kurzem unter dem Sattel ist und noch nicht genau weiß, mit welchem Bein er zuerst angaloppieren soll. Jetzt ist Überfliegerin Ashley dran, deren Rücken 15 cm höher ist als der von Maleen. Zum Aufsteigen muss die Reiterin fast einen Spagat machen. „Ich bin 1,58 cm groß“, sagt sie selbstbewusst. „Das ist eigentlich die perfekte Größe, denn so kann ich auch Ponys reiten.“

Ausbildungen für Menschen mit Pferdevirus

Mittlerweile gibt es zahlreiche Berufe rund um das Tier, welches das Virus für die Pferdeverrücktheit überträgt, sogar Studiengänge und Amateurausbildungen. „Entweder man hat dieses Virus oder man hat es nicht“, sagt Hauptsattelmeister Wolfgang Benschus, der als Außendienstleiter des Gestüts auch Maleens Ausbildung überwacht. Die „Richtigen“, und nur die will Benschuss als Lehrlinge, haben sich schon als Kinder damit angesteckt. Meist wird das Virus von den Müttern auf die Töchter übertragen, wie bei Maleen. Sie ritt ihr erstes Turnier als Dreijährige und half mit elf beim Anreiten eines jungen Hengstes.

Solche Mädchen wissen genau, was in der Ausbildung auf sie zukommt. Sie stapeln tonnenweise Heu und Stroh, kratzen täglich um die 40 Hufe aus und können jahrelang an der Perfektionierung einer Dressurlektion arbeitn. „Fast alle Bewerber auf unsere Ausbildungsplätze sind weiblich“, sagt der Hauptsattelmeister. „Die müssen natürlich trotzdem ihren Mann stehen. Wir brauchen nur die Harten, keine Weicheier!“ Maleen grinst und zeigt ihre muskelbepackten Oberarme. Zweimal hat sie sich schon beim Sturz von einem Pferd das Schlüsselbein gebrochen, einmal den Arm und einmal den Oberschenkel. Wie oft sie insgesamt schon heruntergefallen ist, weiß sie nicht mehr – erst vor kurzem wieder von Jungspund Sirtaki. Aber im Normalfall steigt sie dann einfach wieder auf und reitet weiter – „Das gehört halt dazu.“

Auch vor Problempferden, die steigen, treten oder beißen, hat die zierliche junge Frau keine Angst. In den meisten Fällen beruhigen sich die Tiere schon allein dadurch, dass sie ganz selbstverständlich und ruhig in die Box geht. „Das ist nur eine Frage der Körpersprache und damit der Dominanz“, erklärt Maleen. „Und außerdem haben wir Menschen unsere Intelligenz, mit der wir die Pferde überlisten können.“ Das bestätigt auch Wolfgang Benschus. „Wenn die Maleen in eine Box geht, sagt sie dem Pferd schon durch ihre Körpersprache: Hier komme ich! Da reagiert es natürlich ganz anders, als wenn so ein Bibbelhühnchen kommt.“

Nur die Harten kommen ins Gestüt

Bibbelhühnchen, Weicheier und Leute, die von den körperlichen Voraussetzungen her keine guten Reiter abgeben, haben also von vornherein schlechte Karten auf eine gute Ausbildungsstelle. „Wenn eine 17-Jährige 90 Kilo wiegt, ist sie nicht geeignet“, sagt Benschus. Außerdem werden schon beim Einstellungsgespräch diejenigen Bewerber aussortiert, die durchblicken lassen, dass sie weder Überstunden machen noch am Wochenende arbeiten wollen. Im Gestüt müssen die Azubis nur alle drei Wochen auch Samstags und Sonntags zum Dienst antreten. In einem kleineren Pensionsbetrieb kann das durchaus auch jede Woche der Fall sein. Ähnliches gilt für Urlaub und Freizeit. „Im Privatstall werden die Pferdewirte oft ausgebeutet“, warnt Benschus. „Es gibt Betriebe, die Lehrlinge nur als billige Mistkräfte einstellen. Man muss sehr genau schauen, wo man sich bewirbt.“

Neben der Fachrichtung „Pferdehaltung und Service“, die Maleen eingeschlagen hat, gibt es noch weitere Möglichkeiten, sich zum Pferdewirt ausbilden zu lassen (siehe unten). Im Hessischen Landgestüt werden drei davon angeboten. Die Fachrichtung „Klassisches Reiten“ schlägt kaum ein Lehrling sofort ein. Stattdessen sucht Wolfgang Benschuss während der Lehrjahre in aller Ruhe nach denjenigen Azubis, die sich reiterlich besonders gut entwickeln. Denen bietet er dann nach der Abschlussprüfung ein „Zusatzjahr“ an, in dem sie die Berufsreiterlaufbahn anhängen können. Maleen gehört aller Wahrscheinlichkeit nach zu den „Auserwählten.“ Dennoch ist sie froh, vorher die andere Fachrichtung eingeschlagen zu haben, denn hier lernt sie auch Betriebsorganisation, Wirtschafts- und Sozialkunde. „Damit kann ich zum Beispiel berechnen, wie viel Heu und Stroh ich für einen bestimmten Stall anschaffen muss.“ Das Reiten selbst ist ihr aber am Wichtigsten. An Übung mangelt es ihr dabei nicht: Im Moment reitet sie acht bis 15 Pferde am Tag – teilweise im Gestüt und teilweise zu Hause, wo sie gemeinsam mit ihrer Mutter noch weitere Vierbeiner versorgt.

44 Tonnen Mist im Jahr

Dazu kommt die Stallarbeit. Ein erwachsenes Pferd produziert täglich 25 bis 35 kg Mist. Macht in Maleens Fall also einen Haufen von rund 44 Tonnen pro Jahr allein im Gestüt – die Privatpferde daheim nicht mitgerechnet. Dazu mehrere Stunden Putzen, Hufe auskratzen, Satteln, Trensen und Bandagieren, Pferde füttern, verladen, in die Führanlage oder zur Besamungsstation bringen, Kunden beraten, Stallgassen fegen und Reitunterricht erteilen. „Das ist schon ein Knochenjob“, sagte Maleen. „Tagsüber merke ich das gar nicht. Aber abends liege ich manchmal im Bett und stelle fest, dass mir der Rücken weh tut. Das Anstrengendste daran ist eigentlich, dass man immer auf den Beinen ist und das bei jedem Wetter.“

Wie zum Beispiel heute. Über der Oranierstadt Dillenburg und ihrem 400 Jahre alten Gestüt hängen dicke Regenwolken. Maleen schliddert mit ihren Lederreitstiefeln über das glatte Kopfsteinpflaster, die Schultern hochgezogen, vor sich eine riesige Schubkarre mit Mist. Ihre Hände haben eine klamme, weißblaue Farbe, unter einem Fingernagel thront eine fette schwarze Blutblase. „Mist, jetzt habe ich meinen Haarreif nicht dabei“, fällt ihr ein. „Der ist wichtig, aus Sicherheitsgründen. Man kann mit den Haaren zum Beispiel an etwas hängen bleiben.“ Oder über eine Box gezogen werden, weil das Pferd die blonden Haare für Heu hält. Maleen alles schon passiert. Sicherheitsvorschriften hält sie penibel ein, davon kann in diesem Job die Gesundheit oder das Leben abhängen. „Ich reite auch niemals ohne Helm. Das wäre grob fahrlässig“, sagt sie.

Mithilfe in der Schmiede

Drüben in der Schmiede ist heute nicht viel los, weil der Chef krank ist. Normalerweise werden die angehenden Pferdewirte regelmäßig zum Aufheben geholt. Dann muss Maleen alle vier zu beschlagenden Hufe halten, während der Schmied daran hantiert – breitbeinig aber mit geradem Rücken. Je nach Pferd kann das mehr oder weniger anstrengend sein. Zur Belohnung darf sie manchmal die bereits eingeschlagenen Hufnägel befestigen und die Enden abzwicken. Heute schaut sie nur zu Besuch vorbei und streichelt ausgiebig den kleinen Hund eines Schmiede-Azubis. Danach zeigt sie Besuchern die Besamungsstation und klärt fachmännisch über den Einsatzzweck von zwei Gummischläuchen auf, die auf einem Tisch im Labor liegen. „Das sind künstliche Scheiden“, sagt Maleen ohne rot zu werden. „Die Hengste springen ja nicht auf die Stuten auf, sondern nur auf ein künstliches Phantom. Und den Samen sammelt man dann in diesen Dingern.“ Sirtaki, verrät sie uns, lernt das auch gerade, aber es klappt noch nicht so richtig. Anstatt aufs Phantom, springt er immer noch auf die Stute. Die Gummischläuche seien trotzdem im Einsatz.

Maleen sieht auf die Uhr. In zehn Minuten wird die Reithalle frei. Dann will sie mit Sirtaki weiter an der Skala der Ausbildung arbeiten und vielleicht ein kleines Kreuz springen. Kutsche fahren und Dressurreiten findet sie spannend, aber das Springen ist ihr Lebenselixier. Eines Tages will sie ihre Meisterprüfung ablegen und dann in einem großen Springstall unterkommen. Oder sich selbstständig machen und einen eigenen Reitstall aufmachen, in dem sie für Kunden Jungpferde anreitet. Maleen will hoch hinaus. Das gilt nicht nur für Ashley und Sirtaki. Auch als Turnierreiterin hat sie sich schon einen Namen gemacht – „Maleen Sina Sahm. Der zweite Name ist wichtig, denn so kennt man mich!“ – und man darf annehmen, dass noch viele Pferde die Stange ins letzte Loch gelegt bekommen werden. Das Motto, das Maleen Sina fürs Leben und fürs Springen hat, ist nämlich ganz einfach: „Höher!“

INFO

Der Ausbildungsweg des Pferdewirts

Die betriebliche Ausbildungsdauer beträgt drei Jahre. Falls der Auszubildende bereits einen Berufsabschluss in einem anderen Ausbildungsberuf hat, dauert die Berufsbildung lediglich zwei Jahre. Auszubildende, die das Berufsgrundschuljahr (BGJ) Landwirtschaft erfolgreich absolviert haben, wird dieses als erstes Ausbildungsjahr anerkannt. Eine Verkürzung auf zwei Jahre kann auch bei Nachweis von mindestens des schulischen Teils der Fachhochschulreife beantragt werden.

Die Berufsausbildung zum Pferdewirt erfolgt nach dem dualen System. In erster Linie erfolgt die Ausbildung dabei in einem staatlich anerkannten Ausbildungsbetrieb. Der zweite Ausbildungsort neben dem Ausbildungsbetrieb ist die Berufsschule, die in der Regel einmal wöchentlich oder in Form von Blockunterricht besucht werden muss. Hier werden die Kenntnisse rund um die gesamte Ausbildung vertieft.

Pferdewirt – Fachrichtung Klassische Reitausbildung

Für diese Ausbildungsfachrichtung ist vor allem reiterliches Talent und Erfahrung im Sattel wichtig. In der Regel wird von den Ausbildungsbetrieben der Besitz eines Reitabzeichens vorausgesetzt, da sonst das Ziel der erfolgreichen Abschlussprüfung nach der Ausbildungszeit kaum erreicht werden kann. Unbedingt zu empfehlen sind die Informationsveranstaltungen der Bundesvereinigung der Berufsreiter (BBR), die an verschiedenen Orten in ganz Deutschland stattfinden und der jährlich angebotene Eignungstest für Berufsreiter.

Pferdewirt – Fachrichtung Pferdehaltung und Service

Die Aufgaben eines angehenden Pferdewirtes Fachrichtung „Pferdehaltung und Service“ sind das kunden- und serviceorientierte Handeln in allen Bereichen der Pferdehaltung. Daher sollte der freundliche und zuvorkommende Umgang mit den Kunden selbstverständlich sein. Der Pferdewirt Fachrichtung Service und Haltung kann z.B. Lehrgänge zum Verladen, Longieren oder der Grundausbildung im Umgang mit dem Pferd organisieren und durchführen. Diese Ausbildung hat einen besonders hohen Stellenwert für die Pensionspferdehaltung und die damit verbundene Dienstleistung rund ums Pferd.

Pferdewirt – Fachrichtung Pferdezucht

In der Fachrichtung „Pferdezucht“ geht es grundlegend um die Praxis auf den Zuchtbetrieben und auf den Deckstationen. Daher erlernen die Auszubildenden auch die Besamungstechnik. Solides naturwissenschaftliches Grundwissen ist notwendig, um sowohl die Zuchttheorie wie auch die Technik der Besamungsstationen erfassen zu können.

Pferdewirt – Fachrichtung Spezialreitweisen

Wer sich für diese Fachrichtung entscheidet, reitet Pferde einer anderen Reitweise als der klassischen, also meist Gangpferde oder Westernpferde.

Pferdewirt Fachrichtung Pferderennen

Diese Fachrichtung wird als einzige nicht von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, sondern entweder vom Direktorium für Vollblutzucht und Rennen oder vom Hauptverband für Traberzucht und Rennen ausgebildet.

Verdienst

Tarifempfehlungen der Bundesvereinigug der Berufsreiter
In der Ausbildung: Zwischen 503 und 576 Euro monatlich
Pferdewirt: 1470 bis 2310 Euro monatlich
Pferdewirtschaftsmeister: 2415 bis 3465 Euro monatlich

Weitere Berufe rund ums Pferd

Die FN bietet auch nebenberufliche Weiterbildungen zum Reitlehrer an. Nach den Vorgaben des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) bildet sie Amateur-Trainer in den Bereichen Reiten, Fahren und Voltigieren aus. In den Vorbereitungslehrgängen dazu kann man bereits Zertifikate als Trainerassistent im Pferdesport oder als Berittführer erwerben. Die Trainer-Lehrgänge fordern bereits ein hohes reiterliches Niveau. Gleichzeitig aber bilden sie die Teilnehmer praktisch und theoretisch umfassend weiter.

Wer es ganz ernst nimmt – und Abitur hat – kann Pferde sogar studieren. An der Fakultät für Agrarwissenschaften der Georg-August-Universität in Göttingen gibt es einen Master-Studiengang Pferdewissenschaften, einen entsprechenden Bachelor-Studiengang an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen-Geilingen und ein Bachelorprogramm Landwirtschaft mit dem Profil Pferdemanagement an der FH Osnabrück, Fachbereich Agrarwissenschaften. (weitere Infos: www.pferde.uni-goettingen.de, www.hfwu.de, www.al.hs-osnabrueck.de).

Zum DIPO-Pferde-Osteotherapeuten und DIPO-Pferde-Physiotherapeuten kann sich ausbilden lassen, wer eine Weiterbildung beim rennomierten Deutschen Institut für Pferde-Osteopathie in Dülmen (DIPO) besucht. Erstere ist nur für Tierärzte, Ärzte oder Human-Physiotherapeuten gedacht. Letztere allerdings setzt nur gute Reitkenntnisse, Basispass und Longierabzeichen IV voraus.

Hufbeschlagschmied kann werden, wer bereits eine Berufsausbildung abgeschlossen hat und anschließend diverse Lehrgänge bzw. Fortbildungen bei einem Schmied und an einer staatlich anerkannten Hufbeschlagschule mit Prüfung abgeschlossen hat. Auch unter den Hufschmieden gibt es heute immer mehr Frauen.

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