Aufzucht von Fohlen und Jungpferden

Je nach Rasse und Züchter beginnen bereits die Unterschiede mit der Vorbereitung zum Abfohlen der Stute: Die einen bereiten eine Abfohlbox vor, in welche die Stute bestenfalls bereits ein paar Wochen vor Geburt gestellt wird, um sich an das Keimmilieu zu gewöhnen und möglichst Ruhe hat beim Gebären. Die anderen bekommen ihre Fohlen im Offenstall, die nächsten auf der „Abfohlkoppel“, getrennt von der Herde.

 

Abfohlbox oder Koppel?

„Wir haben sehr gute Erfahrung mit der ursprünglichen Geburt in der Herde auf der Weide gemacht“, erklärt die Züchterin Julia Pernice. „Die Stuten sind sehr entspannt und die Fohlen werden sofort nach der Geburt von der Herde begrüßt und aufgenommen. Späteren Stress bei der Zusammenführung der Stute und der Restherde, erspart man sich und den Pferden.“

„Es gibt allerdings eine Einschränkung“, so Mario Pernice, „die Herde darf nicht zu groß sein und muss sich sehr vertraut sein. Rangordnungskämpfe um die Zeit der Geburt herum und mit Fohlen bei Fuß, kann man so vermeiden. Bei den sensiblen Vollblütern funktioniert die Geburt in der Herde sehr gut und bewirkt häufig sogar eine immense Intensivierung des Herdenverbands, so dass selbst rangniedrigere Stuten mit Fohlen bei Fuß, von Ranghöheren Schutz genießen.“

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„Touch it!“

Sind die Fohlen erst mal da, so gibt es auch hier wieder tausende von Philosophien: „T-Touch“, „horsemanship“ und wie sie sich alle nennen. Egal wie man es nennt, wichtig ist, dass das Fohlen von Beginn an die Berührung zum Menschen kennenlernt und Vertrauen aufbaut. Die tägliche Berührung des Fohlens von Kopf bis Fuß ist der erste Schritt.

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Nicht bei allen Rassen funktioniert das auf der Koppel so einfach. Genügend Pferde machen schon ohne Fohlen lieber einen Bogen um den Besitzer, wenn sie die Weite und das Futter der Weide haben. „Wir sind da von den Pasos und vor allem den Paso Iberoamericanos echt verwöhnt!“, so Julia Pernice. „Die Pura Raza Espanola Stuten, die bei uns für die Paso Iberoamericano Zucht verwendet werden, wurden Jahrhunderte lang als Kriegs- und Stierkampfpferd auf soziales, menschenbezogenes Verhalten selektiert.“

Dennoch ist es natürlich auch bei den Paso Peruanos und allen anderen Rassen möglich und nötig, die Fohlen früh Vertrauen zu lehren. Dafür ist es zumindest bei Koppelhaltung, wo Pferde dem Menschen ausweichen können, unabdingbar, dass schon die Mutterstuten gut sozialisiert sind und den Fohlen das Menschenvertrauen und den Respekt gegenüber dem Menschen zeigen. „Schlechte Sozialisierung und Charakter, sind bei uns Zuchtausschlusskriterium, egal welche Abstammung, Gänge oder Optik“, bekräftigt Mario.  „Leider wird dieser Aspekt bei der Zucht heute oft sehr vernachlässigt. Papiere, Bewertungen, Abstammung und Farbe bestimmen heute den Pferdemarkt sehr dominant und viele Züchter beugen sich diesem Trend, zumal die Sozialisierung zusätzlich Zeit und Aufwand erfordert.“ so der Züchter.

Babies und Teenager: Ab in den Dschungel?

Einfacher und weniger aufwändig ist es, die Fohlen in der reinen Fohlenherde abzusetzen und manchmal nach drei bis vier Jahren zum Verkauf von der Koppel zu holen. Diese Wildpferde ohne Sozialisierung durch den Menschen und erwachsene Pferde, die nichts kennen außer das Recht des Stärksten, machen ihren neuen Besitzern, die sich anfangs freuten, ein tolles Pferd mit klasse Gesundheit, Abstammung und Papieren zu einem verhältnismäßig niedrigen Preis erstanden zu haben, dann nicht selten viel Kummer. Im Ergebnis wandern diese Pferde von einem Reiter zum nächsten, schlimmstenfalls bis zum nächsten „Züchter“, der sich freut, mit einem billigen Zuchtpferd etwas Geld zu machen.

„Mir erschließt sich auch das Vorgehen, Fohlen in einer reinen Fohlen- oder Jungpferdeherde abzusetzen nicht“, wundert sich Julia Pernice. „Kein Mensch würde sein 14-jähriges Kind ein paar Jahre mit einer Jugendgang nach Berlin schicken und sich wundern, wenn es mit 18 Jahren zurückkommt und schwierig ist.“

Nach den Erfahrungen auf dem Vogelstockerhof ist es dennoch aus zweierlei Gründen von Nachteil, die Fohlen länger als ein halbes Jahr bei der Mutter zu lassen. Zum einen zehrt es gerade an Stuten in Offenstallhaltung extrem, wenn die Fohlen länger gesäugt werden. Zum anderen ist es ein weiterer wichtiger Schritt zur Sozialisierung sowie dem späteren Respekt vor dem Reiter, dass die Fohlen lernen, sich in eine Rangordnung einzuordnen. Ein Fohlen einer rangniedrigen Mutter wird es immer schwer haben, sich durchzusetzen, ein Fohlen einer ranghohen Mutter hat häufig zu viel Narrenfreiheit. Es ist wichtig, dass sie eine gesunde Mischung aus Selbstbewusstsein und Respekt lernen und das lernen sie am besten, wenn sie in dieser Prägephase auf sich selbst gestellt sind.

„Wir setzen, spätestens wenn es in den Winter geht, Fohlen zunächst für einige Wochen am Hof mit viel Menschenkontakt in reinen Fohlenherden ab und mischen sie mit „alten Pferden“, wenn es im Frühjahr wieder auf die Koppel geht. Im folgenden Winter werden sie dann nach Geschlecht wieder mit der ganzen Herde zusammengeführt. In der Regel ist die Emanzipation von der Mutter dann vollzogen“, so die erfahrene Züchterin.

Wir können nur folgern: „Absetzen ist gut und wichtig, auch die Emanzipation von der Mutter oder sonstigen „Tanten“. Aber in einer Herde, in der gut sozialisierte erwachsene Tiere den Ton angeben und mit täglichem, regelmäßigem Menschenkontakt. Dann haben wir später Pferde, die ihren Besitzern lange viel Freude machen.“

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