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Reiter :: Training

Voltigieren für Erwachsene

„Meine Oma voltigiert!“ Darauf ist Janina stolz. Sie erzählt es bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Die meisten schauen dann ungläubig und gehen von einer regen Phantasie der Siebenjährigen aus. Aber Janinas Großmutter voltigiert tatsächlich – und nicht nur sie!
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654530_web_r_k_b_by_anne-garti_pixelio-deneuZusammen mit sechs anderen Erwachsenen im Alter von 25 bis 62 schwingt sich Janinas Oma einmal wöchentlich aufs Pferd. „Meine Enkelin voltigiert schon länger. Ich habe sie immer begleitet und irgendwann dachte ich: Das möchtest du auch!“ erzählt Marianne Nolte. Mit diesem Wunsch stand sie nicht alleine da. Ohne großes Rühren der Werbetrommel fanden sich sieben Erwachsene, die seit nun mehr einem Jahr gemeinsam voltigieren. „Wir nennen uns die „Ü16“ – ist ja nicht gelogen“, schmunzelt Freya Poggendorf, mit ihren 25 Jahren die Jüngste im Team.

Zur Gruppe gehört auch Willi Dreide, 44 Jahre jung. Er ist Hahn im Korb und der Exot des Vereins. „Ich habe großen Spaß an diesem Sport. Mein Sohn und meine Tochter voltigieren auch. Ich war es leid, immer nur als Zuschauer am Rand zu stehen.“ So übt er jeden Montag zwischen 19.00 und 20.00 Uhr unter der Anleitung von Trainerin Kristin Struck Fahne, Stehen, Mühle, Liegestütz und Prinzensitz. Auch die ersten Kürübungen wurden bereits einstudiert.

Drei Tage Muskelkater

Die Longenführerin ist mit ihren Schützlingen mehr als zufrieden: „Sie werden von mal zu mal besser. Alle sind bereits wesentlich beweglicher als am Anfang, sie haben richtig Muckis bekommen und die Angst, die anfänglich bei einigen zu spüren war, ist deutlich weniger geworden.“ „Ich komme mittlerweile beim Rumpfbeugen mit beiden Händen flach auf den Boden“, ist Oma Marianne zu Recht stolz. „Anfangs hatten wir alle nach dem Training vier Tage Muskelkater“, gesteht Manon Sündermann. „Jetzt nur noch drei!“

Alle Ü16 sind sich einig, durch das Voltigieren beweglicher und koordinierter geworden zu sein. „Was gut für Kinder ist, ist auch für Erwachsene. Wir haben unsere Tochter mit dem Ziel der Koordinationsschulung im Voltigierverein angemeldet. Warum sollte man dies im Erwachsenenalter nicht mehr anstreben?“ fragt Beate Schwarz. Für einige ist Voltigieren der ideale Pferdesport, da sie vor dem selbstständigen Reiten zu große Angst haben. „Ich bin froh, dass die Verantwortung für das Pferd bei der Longenführerin bleibt. Das ist für mich genau richtig. Ich bin glücklich, auf diese Art Kontakt zum Pferd zu haben“, beschreibt Petra Deutschmann ihre Gefühle. Andere aus der Gruppe sind begeisterte Reiter, aber niemand sieht den Voltigiersport lediglich als Vorstufe dazu. „Wir sind Voltigierer mit Leib und Seele!“ sind sie sich einig.

Öffentliche Auftritte

Am Anfang war es der Erwachsenengruppe wichtig, unter sich, quasi unter „Ausschluss der Öffentlichkeit“, zu trainieren. Mittlerweile treten die „Ü16“ als Schaubild beim Turnier des Heimatvereins auf. Verkleidet als Hausfrauen zeigten sie auf Friesenmix Merlin gekonnte Figuren und eroberten die Herzen der Zuschauer im Sturm. Vor allem Willi Dreide hatte mit seinem Staubwedel die Lacher auf seiner Seite. „Wir wurden zwar nicht bewertet, aber die Richterin kam nachher auf uns zu und meinte: Hut ab und Respekt vor dieser Leistung! Das hat uns natürlich sehr gefreut“, berichtet Merle Tammaschke. Nun wird Montagabends des öfteren über zukünftige Turnierauftritte diskutiert. „Wir sind gut und vielleicht motiviert ja unser Vorbild auch andere Erwachsene, im Voltigiersport aktiv zu werden. Bisher würden wir ja in unserer Altersklasse so immer gewinnen – mangels Konkurrenz!“ so die Meinung der 61 Jahre jungen Großmutter. Andere sind noch skeptisch und fühlen sich noch nicht fit genug.

Die Ziele und der Leistungsstand innerhalb der Gruppe sind unterschiedlich. „Das ist auch okay so“, betont Kristin Struck. „Das ist in Kindergruppen nicht anders.“ So ist Willi Dreide bereits in der Lage, allein im Galopp aufs Pferd zu springen, während sich andere am liebsten immer noch im Schritt bewegen. „Wir werden aber immer mutiger“, ist Petra Deutschmann stolz. Sie nimmt jeden Montag 38 Kilometer Anfahrt in Kauf, um sich auf dem Pferderücken zu bewegen. „Zum Schluss unserer Stunde darf jeder eine Übung im Galopp turnen. Fahne und Knien trauen sich mittlerweile alle.“ Jeden fördern, aber keinen überfordern, so lautet das Motto der Voltigierer, egal ob groß oder klein. Die eigenen Kinder beziehungsweise Enkel sind auf jeden Fall stolz auf ihre (Groß-)Eltern und geben ihnen gerne Tipps und wertvolle Hinweise.

Einfach Spaß haben

Voltigieren wird im Reit- und Voltigierverein Equus e.V. groß geschrieben. Etwa 80 Kinder und Jugendliche und die acht „Ü16“er trainieren regelmäßig auf dem Rücken der sieben Voltipferde, die dem Verein zur Verfügung stehen. Die Leistungen können sich sehen lassen: Im Oktober 2006 belegte der Verein den zweiten Platz beim Rheinischen Volti Cup. „So hoch wollen wir dann nicht mehr hinaus“, sind sich die „Ü16“-er einig. „Aber wir haben auch so viel Spaß auf dem Pferd und bleiben dabei!“ Obwohl noch einige Jahre ins Land gehen, bis das Lied, zu dem die Gruppe ihre Showauftritte gestaltet, keine Übertreibung mehr ist, hat Sänger Udo Jürgens Recht: „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an! Mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran! Mit 66 Jahren, da kommt man erst in Schuss! Mit 66 ist noch lang noch nicht Schluss!“ Man muss aber nicht bis zum 66. Geburtstag warten, um in einen Voltigierverein einzutreten, man darf ja auch schon etwas früher damit beginnen.


Quelle:

Petra Herrmann