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Reiter :: Training

Voltigieren als Sport: Teamsport und Kunstturnen auf dem Pferderücken

Spagat in fünf Metern Höhe, Handstand auf dem Pferd, Absteigen mit Salto rückwärts. Voltigieren ist keine Zirkusnummer und kein Kinderturnen. Dabei geht’s richtig rund. Übrigens auch rechts herum.
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Mädchen voltigiert auf PferdDer Geruch von Haarspray liegt in der Luft. Mädchen in glitzernden Lycra-Anzügen drängeln sich vor dem Spiegel in der Toilette. Es quasselt und zappelt und wuselt. Gleich werden sie damit aufhören. Denn in der Arena, vor den Richtern, gibt es kein Zaudern. Sie werden lächeln und sie werden anmutig sein wie Prinzessinnen auf einem Hochzeitsball. Was auch passiert: The show must go on!

„Voltigieren,
 faszinierender Sport, gefährliche Droge,
 von der keiner mehr loskommt
 wenn er erst einmal in die Fänge einer Turniergruppe geraten ist“, heißt es in einem immer wieder gern zitierten Gedicht über diese Disziplin. Kleine und große, ehemalige und aktive Voltigierer sprechen mit glänzenden Augen von Faszination, Zauber und Familienersatz. Viele Freizeit- und Dressurreiter schütteln dann verständnislos mit den Köpfen und können es nicht nachvollziehen. Was ist dran an den turnerisch-gymnastischen Übungen zu Pferd, die die Reiterwelt derart in zwei Lager spalten?

„Mich fasziniert die Vielfalt des Sports, die einzigartige Kombination aus Pferdesport und Kunstturnen“, schwärmt Dr. Dennis Peiler, Pressesprecher der FN und selbst ehemaliger Voltigierprofi. „Nur wenn eine Harmonie zwischen Pferd, Longenführer und Voltigierer herrscht, kann man in diesem Sport Spitzenleistungen zeigen.“ Der Träger des Goldenen Voltigierabzeichens war 1999 Deutscher Meister und 2007 Fünfter bei den Europameisterschaften im ungarischen Kaposvar, bevor er 2009 mit 30 Jahren seine Karriere beendete. Dass viele Reiter seine Vorliebe für das Voltigieren nicht teilen, sieht er gelassen: „Ich kenne eine Vielzahl von Topreitern, die in ihrer Jugend voltigiert haben. Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten, sich mit dem Hobby Pferd zu beschäftigen. Dabei hat natürlich auch jeder seine persönlichen Vorlieben und das ist auch gut so.“

Früher voltigierten mehr Männer

11.500 Menschen betreiben laut Peiler in Deutschland Voltigieren als Turniersport. Hinzu kommen an die 70.000 weitere, die nicht an Turnieren teilnehmen. Im Jahr 2010 waren bei der FN 672 Einzelvoltigierer, 1465 Longenführer und 1157 Gruppen registriert. Eine Gruppe kann je nach Prüfungsform aus sechs oder acht Voltigierern und einem Ersatzmann bestehen. Oder besser: Ersatzfrau. Denn die grazile Akrobatik auf dem Pferderücken wird zu 90 Prozent von Frauen ausgeübt.

Das war nicht immer so. Die ersten Voltigierer waren römische Soldaten. Sie schulten Gleichgewicht, Beweglichkeit, Kraft und Ausdauer durch das Auf- und Abspringen an einem Holzpferd, um später im Kampf Gefahren schnell ausweichen zu können. Bei den alljährlichen altrömischen Spielen wurden daher auch akrobatische Übungen auf dem galoppierenden Pferd gezeigt. Kavalleristen in Mittelalter und Rennaissance führten die Tradition fort und betonten den ästhetischen Aspekt.

Heutzutage müssen männliche Voltigierer eine gehörige Portion Selbstbewusstsein mitbringen wenn sie sich unter die weiblich besetzten Gruppen mischen und in figurbetonten Ganzkörperanzügen turnen. Selbst der mehrfache Welt-, Europa- und Deutsche Meister Kai Vorberg hört manchmal entsprechende Kommentare, über die er zum Glück lächeln kann. „Mittlerweile bin ich unter den Reitern gut akzeptiert“, sagt der 31-Jährige. „Ein befreundeter Springreiter meinte mal, Voltigieren sei ja schon ein bisschen schwul. Aber er fügte gleich dazu: ‚Bei dir ist das was anderes, du reitest ja auch.’“

Vorberg ist als Voltigier-Profi und FN-Bereiter allerdings eher die Ausnahme. Die meisten seiner Kollegen ziehen den Voltigiergurt einem Sattel vor. Bei Deutschlands Vorzeige-Volti liegt die Doppel-Leidenschaft daran, dass er als Kind zuerst mit Reiten angefangen hat. Seiner Mutter und Schwester beim Kunstturnen auf dem Pferd zuzusehen, fand er „langweilig“. Erst später, mit elf Jahren, entschied er auf einem hochrangigen Turnier: „Das will ich auch machen.“ Von diesem Tag an turnte er praktisch den ganzen Tag – entweder im Verein oder irgendwo anders. „Ich machte überall Handstand. Auf Hindernissen, Treppen und Stühlen. Waren unsere Eltern Essen, so gingen wir Kinder raus und übten Handstand auf dem Parkplatz. Angeblich braucht man 10.000 Stunden, bis man eine Übung wirklich beherrscht. Da wollten wir keine Zeit verschwenden.“

Training ist harte Arbeit!

Die eigene Athletik, das wusste Vorberg, schult man nicht auf dem Pferderücken. Im Voltigierzirkel wird die erlernte Bewegung lediglich aufs Pferd übertragen. Der Rest ist harte Arbeit: Krafttraining, Joggen, Gymnastik. Und dann das ewige Dehnen, runter in den Spagat, rein in den Flickflack. Jahrelang habe er sich „auf den Arsch gesetzt.“ Dafür betitelte ihn einmal die Zeitung Rhenische Post als „Künstler, der sich nie zufrieden gibt.“ Vorberg selbst sieht das mit gemischten Gefühlen. Es gebe Situationen, in denen er sich als Künstler fühle. An anderen Tagen sei sein Training nur „stumpfe, harte Arbeit.“ Doch die Mühe hat sich gelohnt. Spätestens 2006, nach den Weltreiterspielen in Aachen, wusste auch der eingefleischteste Dressurreiter, wer Kai Vorberg ist. Im hautengen Mozartkostüm zeigte er eine Kür auf das Allegro von Mozarts Kleiner Nachtmusik und Falkos „Amadeus“. Und Kai Vorberg wäre nicht Kai Vorberg, wenn er dabei nur auf Akrobatik setzen würde. Stehend auf dem Pferd ließ er auch eine gehörige Portion Performance mit einfließen, spielte Luft-Geige und dirigierte sein Publikum.

„Show gehört dazu“, sagt Maria Mahl, Trainerin der Voltigiergruppe Pferdefreunde Donau-Lech. „Wer voltigiert, sollte sich und sein Können richtig stolz präsentieren. Das wirkt einfach besser.“ Deshalb lernen bei ihr schon die jüngsten Sportlerinnen, nicht beschämt in den Boden zu gucken sondern selbstbewusst und stolz in die Ferne zu blicken.

Zweimal die Woche kommen die Mitglieder der „Voltigiergruppe III“ in Mahls Reitstall. Bevor es losgeht, müssen sich die acht Mädchen aufwärmen. Sonst könnte es passieren, dass sie später auf dem Pferd Muskelkrämpfe oder Zerrungen bekommen. Gemeinsam schleppen die Kinder Turnmatten auf den Reitplatz. Darauf macht jeder für sich Biege- und Dehnübungen. Noch ein paar Runden Joggen, einige Handstände am Zaun und es kann losgehen.

Longenführerin Eva macht derweil schon mal Wallach Rito fit. Immer zwei Mädchen zusammen kommen zu ihr in die Mitte und warten auf ihre Anweisungen. Dann laufen sie gemeinsam neben dem Pferd her und eine hilft der anderen beim Aufspringen. Nicole zeigt eine Pflichtübung, die „Fahne“ heißt.. Dazu kniet sie auf Ritos Rücken, streckt ein Bein nach hinten und den gegenüberliegenden Arm nach vorn. Wer gerade nicht voltigiert, übt nebenan auf dem Holzbock die Pflicht, oder schon mal zu zweit oder zu dritt eine Kürübung.

Links wie rechts

Im Wettbewerb werden Voltigierpferde meist auf der linken Hand vorgestellt. Auch das hat seinen Ursprung in der Militärreiterei. Die Soldaten trugen ihre Säbel rechts, weshalb sie von links aufs Pferd stiegen, um von der Waffe nicht behindert zu werden. Folglich etablierte sich die linke Seite in allen Handlungen der Kavallerie, auch bei den Turnübungen, aus denen das Voltigieren entstand.

Allerdings gibt es mittlerweile einige Landesverbände wie Westfalen, die im Turniereinstiegsbereich auch Teilprüfungen auf der rechten Hand ausschreiben, sagt Dr. Dennis Peiler. „Bei breitensportlichen Veranstaltungen ist das Verhältnis rechte/linke Hand oft ausgeglichen. Wichtig ist, dass die Pferde abwechslungsreich im Training gearbeitet werden. Dazu zählt nicht nur das Longieren, sondern auch die gymnastizierende Arbeit unter dem Sattel. Ein gutes Voltigierpferd hat in der Regel auch eine gute reiterliche Grundausbildung genossen und wird regelmäßig zum Ausgleich geritten – auch im Gelände.“

Ein Voltigierpferd muss sich laut Kai Vorberg bewegen wie ein gut versammeltes Dressurpferd auf L- oder M-Niveau: „Die einzelnen Punkte der Ausbildungsskala gelten auch für Voltigierpferde. Sie müssen in guter Selbsthaltung galoppieren, einen klaren Dreitakt und ein aktives Hinterbein zeigen. Und natürlich müssen sie dulden, was auf ihrem Rücken passiert.“ Bei jedem Turnier bekommt auch das Pferd eine Note, die zu 20 Prozent in das Endergebnis einfließt.

In einem Punkt unterscheiden sich viele Voltigierpferde von ihren Dressurkollegen: Die Aufmerksamkeit auf die reiterlichen Hilfen ist weniger stark. Das ist auch gut so, wenn man bedenkt, wie oft Arme, Beine oder ganze Körper seitlich, vorne und hinten am Pferd baumeln. „Ein gutes Voltigierpferd kann ich als Voltigierer nicht parieren“, erklärt Kai Vorberg. „Es wird immer weitergaloppieren, auch wenn ich da oben meinen Schwerpunkt verlagere. Beim Reiten ist das natürlich anders. Die Pferde können wunderbar unterscheiden, ob sie einen Sattel oder einen Gurt tragen. Aber sie bleiben etwas weniger aufmerksam.“

Der einzige, der während des Voltigierens auf das Pferd einwirkt, ist der Longenführer. Für den Voltigierer bedeutet das, die Kontrolle über das 600 Kilo schwere Tier völlig aufzugeben. Das schaffen Kinder meist leichter als Erwachsene, die den Sport nie zuvor ausgeübt haben. Der Vielseitigkeitsreiter Andreas Osthold setzt Voltigieren hin und wieder ein, um die eigene Koordination und Reaktionsfähigkeit zu schulen. Kai Vorberg gibt ihm Tipps. Einmal musste er über die Erfahrungen seines Freundes herzhaft lachen: „Er hatte kein Problem damit, auf dem Pferd zu stehen. Aber rückwärts galoppieren – eine unserer leichtesten Übungen – fand er ‚richtig krass’.“

Voltigieren macht klug!

Voltigieren für Erwachsene wird selten angeboten. Schade, denn die Übungen sorgen für einen frischen und lockeren Sitz und bringen Spaß. Gewöhnlich beginnen Kinder zwischen fünf und acht Jahren in einer Gruppe im örtlichen Reitverein mit dem Sport. Dabei schulen sie nicht nur ihre konditionellen und koordinativen Fähigkeiten, sondern entwickeln sich auch auf der psychosozialen Ebene weiter. „Toleranz, Rücksichtnahme und Verantwortung gegenüber anderen Kindern und Jugendlichen und vor allem auch gegenüber dem Partner Pferd werden frühzeitig vermittelt“, sagt Dr. Dennis Peiler. „Da mit dem Voltigieren bereits im Vorschulalter begonnen werden kann, erlernen Kinder früh einander zu vertrauen. Diese Kombination aus Teamsport und dem Pferd als Bindeglied bietet keine andere Sportart.“

Das selbe Gefühl hat auch Helga Schwerdtle. Sie hat für den Pegasus Voltigier- und Reitverein Mühlacker e.V. „Gedanken einer Mutter“ verfasst und auf deren Homepage veröffentlicht. „Unsere Kinder entwickeln schon nach ein bis zwei Jahren ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl. Sie müssen sich nichts beweisen, brauchen keine teuren Markenklamotten, müssen nicht in Nobeldiscos gehen oder gar ihre Unzufriedenheit mit Alkohol oder Drogen betäuben“, heißt es da, und weiter: „Mir ist nicht ein Volti bekannt, der seine Lehre abgebrochen hat oder gar auf die schiefe Bahn geraten ist.“

Beste Aussichten also für voltigierende Jugendliche. Auch bei der Voltigiergruppe III der Pferdefreunde Donau-Lech ist Zusammenhalt ein Thema. Nicole soll zum Abschluss der Stunde noch auf dem Pferderücken stehen. „Bei solchen Übungen ist es unheimlich wichtig, in den Knien zu federn“, erklären die Mädchen und drücken gemeinsam die Daumen. Nirgendwo Stirnrunzeln und heimliches Konkurrenzdenken. Sekunden später thront Nicole federnd ganz oben auf Rito und lässt sich den Wind um die Nase wehen. Trainerin Maria Mahl legt viel Wert darauf, dass alle Voltigierer mit Engagement bei der Sache sind. „In so einer Gruppe lernen die Kinder und Jugendlichen, als Team zusammenzuarbeiten. Da kann man sich auch mal angiften, aber später muss man trotzdem wieder gemeinsam am selben Strang ziehen.“ Erfolgreiches Voltigieren, sagt sie, sei zu 90 Prozent Kopfarbeit. Konzentration und Selbstbewusstsein sind gefragt, wenn man es einmal ganz nach oben schaffen will. Bis dahin ist es für Nicole, Regina und Anne noch ein langer Weg. Aber beim nächsten Turnier, das haben sie sich fest vorgenommen, werden sie die ersten Schritte tun. Siegertreppchen, wir kommen!

INFO:

Wussten Sie dass…

… der Begriff „Voltigieren“ nicht etwa von „Volte“ kommt – sonst müsste die Sportart ja auch „Zirkeligieren“ heißen. Das Wort ist vom französischen Begriff „La Voltige“ abgeleitet, was soviel heißt wie „Sprung über das Pferd“. Früher sagte man dazu schlicht „Rossspringen“. In der Rennaissance wurde der edle, französische Begriff eingeführt.

… es kein ideales Anfangsalter für Voltigierer gibt, sondern eine ideale Anfangsgröße: Man sollte vom Boden aus mit der linken Hand den Griff des Voltigiergurtes erreichen können.

… ein Helm beim Voltigieren ein Verletzungsrisiko darstellen würde? Dadurch besteht die Gefahr des Hängenbleibens am Gurt. Auch bei bestimmten akrobatischen Partnerübungen könnte ein Helm Verletzungen hervorrufen. Hinzu kommt noch, dass der Kopfschutz hinderlich wäre und die Sicht des Voltigierers einschränken würde. Einige Übungen, wie zum Beispiel die Rolle, wären mit Helm gar nicht mehr möglich. Eine Studie hat ergeben, dass die Gefahr einer Kopfverletzung bei Voltigierern kaum besteht.

… Voltigieren schon einmal olympisch war und zwar 1920 in Antwerpen? Kavalleristen aus der ganzen Welt traten beim „Kunstreiten“ gegeneinander an. In allen Gangarten vollführten sie Sprünge auf gesattelten und ungesattelten Pferden In den Einzelwettkämpfen gewann der Belgier Bouckaert. Nach ihm kam Field für Frankreich und Finet für Belgien. In der Mannschaftswertung gewannen die Belgier vor Frankreich und Schweden.

… Voltigierer die besseren Reiter werden? Denn Voltigieren stellt einen hohen Anspruch an die koordinativen Fähigkeiten. Insbesondere die Gleichgewichtsfähigkeit wird in keiner Pferdesportart so intensiv geschult wie beim Voltigieren. Das wirkt sich auch positiv auf den Reitersitz aus. Reiter, die über gute koordinative und konditionelle Fähigkeiten verfügen, können schneller Korrekturen umsetzen und besser auf das Pferd einwirken.


Quelle:

Regina Käsmayr
Bild: Fotolia #