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Ranchreiten: Peter Pfister und seine neu entdeckte alte Reitweise

Was für einen Grund gibt es eigentlich, sich freiwillig in eine Schublade zu stecken? Keinen, findet Peter Pfister, der sich selbst nie zu den „Englischreitern“, „Westernreitern“ oder „Klassischreitern“ zählen wollte. Deshalb hat der Ausbilder aus dem hessischen Eschenburg eine alte Reitweise, das Ranchreiten, neu entdeckt. Oberster Grundsatz seiner Philosophie ist ein Spruch aus der Bibel: „Prüfet alles. Das Beste aber behaltet.“
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bildschirmfoto-2014-10-17-um-13-05-03Klötzchen“, heißt eigentlich Survivor. Und ein „Überlebender“ war er in der Vergangenheit tatsächlich. Der Welsh-Cob-Wallach hatte ein derart gestörtes Verhältnis zu Menschen, dass er seine Vorbesitzerin kreuz und quer über die Koppel jagte, anstatt sich einfangen zu lassen. Er war ein echtes Problempferd. Dazu kommt, dass der Rappe sich von seinen körperlichen Anlagen her mehr zum Kutschpferd eignet, denn zum Reiten. Trotzdem piaffiert der schwarze Wallach unter Peter Pfister grazil über den Reitplatz. Er zeigt Seitengänge, steigt auf Kommando und galoppiert Runde um Runde, während Pfister im Sattel steht oder seitlich am Pferdebauch baumelt. Trickreiten ist nämlich ein Hobby des Manns mit der Baskenmütze.

Keine Angst – um Ranchreiter zu sein, müssen Sie keinen Spagat auf dem Pferd können. Denn vorgeschriebene Ausbildungsinhalte, Lektionen oder Sättel gibt es nicht. „Ranchreiter sind Freidenker auf dem Pferd“, erklärt Peter Pfister. „Wer in Schablonen denkt und handelt, hat am Ende nur einen starren Geist.“ Stattdessen beschreibt sich der Ausbilder eher als eine Art Paartherapeut, der für diejenigen Pferd-Reiter-Paare, die sich in seine Obhut begeben, den individuell passenden Weg findet. Klare Ziele gibt es dennoch. Dazu zählen höchste Durchlässigkeit und Feinfühligkeit beim Reiten und ein respektvoller Umgang mit der Kreatur Pferd.

Im Einzelnen gliedert sich Pfisters Ausbildungsmethode in drei Schritte:

1. Bodenarbeit und Zirkuslektionen

Peter Pfister ist praktizierender Christ. Seine Überzeugung: „Gott hat uns die Tiere untergetan. Das bedeutet aber nicht, dass wir sie ausbeuten und Willkür betreiben dürfen. Es heiß vielmehr, dass wir verantwortlich für sie sind.“ Weil Pferde keine Menschensprache lernen können, muss also der Mensch die Pferdesprache lernen.

Pfister selbst verständigt sich mit seinem „Klötzchen“ und dem Andalusier „Michel“ durch hunderte von kaum merklichen Signalen. Ein sanftes Absenken seiner Hand reicht aus, um Klötzchen klarzumachen, dass er fürs Foto noch weitere fünf Minuten liegen bleiben soll. Ein Hochreißen seiner Schultern bedeutet Michel, dass er stehen bleiben und rückwärtstreten soll. Wenn der Ausbilder mit seinen Pferden kommuniziert, so ist das ein ständiges stilles Gespräch von zahlreichen Hand- und Körpersignalen. So ausgefeilt geht das am Anfang natürlich noch nicht. Als erste Schritte lernen seine Berittpferde an Knotenhalfter und Seil, beim Führen hinter dem Menschen zu gehen, ruhig stehen zu bleiben, mit Vor- oder Hinterhand zu weichen, sich biegen zu lassen und weder vor einem Hänger noch vor einer Plastikplane zu scheuen.

Das „i-Tüpfelchen für die Partnerschaft zwischen Mensch und Pferd“, sind laut Pfister Zirkuslektionen. Sie verlangen das Geben und Annehmen feinster Körpersignale. Außerdem haben Sie einen gymnastizierenden Effekt. Ein Pferd, das mit den Vorderbeinen auf ein Podest steigt – oder wie Klötzchen mit allen Vieren auf einen Pizzateller – ist nicht nur nett anzusehen. Es dehnt dadurch auch seine Rückenlinie. Ein kontrolliert steigendes Pferd wird vom Publikum begeistert beklatscht – aber es nimmt auch Last auf die Hinterhand auf und schult seine Balance. Und ein spanischer Schritt taugt sowohl zur Show als auch zur Kräftigung der Schultermuskulatur.

Ein entscheidender Bestandteil der Bodenarbeit sind auch sogenannte Druckpunktanwendungen. „Das Pferd soll lernen, dem punktuellen Druck meiner Fingerspitzen, den ich an bestimmten Körperstellen ansetze, zu weichen“, erklärt Pfister. Wirkt er zum Beispiel mit zwei Fingern zangenförmig auf das Nasenbein ein, so lernt das Pferd, rückwärts zu treten. Ein Druckpunkt im Nacken bewirkt das Absenken des Kopfes in eine Entspannungshaltung. Ähnlich kann man die Schulter oder die Hinterhand über Druckpunkte weichen lassen. Im Maul regt Pfister durch gezielte Fingerimpulse das Pferd zum Abkauen an. All diese Stellen werden später auch beim Reiten durch die Zäumung oder den Reiterschenkel angesprochen. Hat das Pferd bereits bei der Bodenarbeit gelernt, was ein Druck auf Nase, Genick, Maul oder kurz hinter dem Gurt bedeutet, so tut es sich beim Reiten leichter. Pfister nennt das ein „Installieren der reiterlichen Hilfen vom Boden aus“.

2. Klassische Lektionen an der Hand

Ähnlich verfährt er auch bei der Arbeit an der Hand. Mit der Trense im Maul bringt er das Pferd zum Abkauen und biegt es seitlich im Hals. Alles Übungen aus dem Nähkästchen des hierzulande nicht unumstrittenen Duos Baucher-Fillis. Da fragt sich der konventionelle „Englischreiter“ sofort: Weshalb muss ein Pferd lernen, sich im Hals zu biegen, wo es selbigen im Sommer doch täglich hundertmal biegt – nämlich immer dann, wenn es nach einer Fliege auf seiner Kruppe schnappt?

Im Gegensatz zu den meisten anderen Ausbildern macht Peter Pfister den Eindruck, als freue er sich über solche kritischen Fragen. „Mag sein“, antwortet er schlicht. „Aber sie müssen lernen, es auf unser Kommando hin zu tun.“ Denn auf diese Weise werden nicht nur die Muskeln im Halsbereich gekräftigt und gedehnt, sondern auch die Grundlagen dafür geschaffen, dass sich ein durchgehendes Pferd durch einseitigen Zügeleinsatz auf eine Volte lenken lässt, anstatt über die äußere Schulter weiter davon zu galoppieren. „Die Geschmeidigkeit im Hals ist der Schlüssel zum durchlässigen Pferd“, sagt Pfister und bestätigt damit nicht nur die Meinung französischer Reitmeister, sondern auch der meisten Westernreiter.

Mit dem angeblichen Kutschpferd Klötzchen zeigt er ausdrucksvolle Seitengänge, Piaffen und Passagen an der Hand. In seinem Buch beschreibt er sogar, wie man so etwas einübt. Ist das nicht etwas viel Futter für freizeitreitende Leser? „Nein“, sagt Pfister. „Das Schlimmste, was nach der Lektüre passieren kann, ist, dass es nicht klappt. Ein Pferd kaputt machen kann man durch solche Anleitungen nicht. Eher durch schlechtes Reiten.“

3. Reiten

Der siebenjährige Andalusierwallach Michel hat in der Vergangenheit genug Erfahrung damit gemacht, was es bedeutet, schlecht geritten zu werden. Bevor er in Pfisters Offenstall einziehen durfte, wurde er von mehreren Dressur-, und Springreitern derart hinter die Senkrechte geritten, dass er sich bereits durch ein leichtes Annehmen des Zügels freiwillig in die „Rollkur“ begab. Wenn Peter Pfister davon erzählt, huscht ausnahmsweise ein Schatten über sein Gesicht. Eine „Vergewaltigung der Schöpfung“ nennt er das. „Hyperflexion“, sagt die Turnierreiterszene dazu, das klingt nämlich besser.

Angenehm ist, dass der unkonventionelle Ausbilder die klassisch-englische Reiterei nicht verteufelt, sondern nur deren Auswüchse im großen Sport ablehnt. So beschreibt er in seinem Buch auch den Weg ins Vorwärts-Abwärts über die Anlehnung, sagt aber dazu, dass er selbst einen anderen Weg vorzieht: Ähnlich wie bei den Druckpunktanwendungen und dem Abkauen im Maul lässt das Pferd auch beim Reiten den Hals dann fallen, wenn es durch die zunächst hohe Zügelhand im Nacken nachgibt und zum Abkauen angeregt wird. Auch hier erkennt man wieder die Zusammenhänge zwischen Ranchreiten und Westernreiten.

In punkto Zäumung und Sattel ist der Ranchreiter wieder ganz Freidenker. In Pfisters Stall gibt es baumlose Sättel, Eigenbauten und Sättel, die speziell zum Trickreiten konstruiert wurden. Genauso preist er aber auch die Vorzüge von Stocksätteln, Vielseitigkeits-, Dressur- und Westernsätteln an. Ein Sattel trägt das Monogramm „PP“ – er hat einen Westernsattelbaum, der das Gewicht auf eine breite Auflagefläche verteilt, australische Bügelriemen für eine gute Bewegungsfreiheit des Beins und bequeme portugiesische Steigbügel. Zum Trickreiten kann man einen Griff, ähnlich eines Western-Horns einschrauben. Der Sattel perfektioniert den Grundgedanken der Ranchreiter: „…das Beste aber behaltet“.

Wer waren die Ranchreiter?

Im Gegensatz zu den Cowboys, die ihre Pferde oft mit Gewalt brachen und sehr schnell verschlissen, betrachteten die Rancher ihre edlen Rösser als Partner und wertvollen Besitz. Sie legten Wert auf einen gepflegten Reitstil und fanden ihn bei den alten europäischen Meistern. Ein Gros der Rancher orientierte sich schließlich an James Fillis, dem bekanntesten Schüler von Francois Baucher. So kam die Impulsreiterei nach Amerika und beeinflusste dort nicht nur die Rancher, sondern am Ende auch die Westernreiterei.

Ähnlich wie Peter Pfister heute, waren die Rancher echte Freidenker. Sie guckten hier und probierten da, entwickelten eigene Sättel und ritten ebenso ins Gelände wie über einen Springparcours. Diese Vielseitigkeit war es, was Peter Pfister an den Ranchern begeisterte. Deshalb etablierte er das Ranchreiten, was mehr als Philosophie, denn als Reitlehre zu verstehen ist, zwei Jahrhunderte später in Deutschland.

Die sieben Grundsätze der Ranchreiter:

  1. Reiterliche Ausrichtung nach den Werten der alten europäischen Meister
  2. Langsamer Aufbau und Konsequenz in der Ausbildung
  3. Naturorientierter Umgang mit dem Pferd
  4. Offenheit für andere Reitkulturen und Übernahme als für sinnvoll und brauchbar erkannte Techniken und Gebrauchsgegenständen
  5. Hoher Anspruch an sich selbst und Ethik im Umgang mit dem Pferd
  6. Ständiges Streben nach Verbesserung, um die Qualität im Umgang mit dem Pferd zu steigern
  7. Reiten als Passion und Lebenseinstellung

Quelle:

Regina Käsmayr

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