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Reiter :: Training

Horsemanship für Kinder: So lernen Kids den Umgang mit dem Pferd

An vielen Reitschulen ist es noch Gang und Gäbe: Die Kinder übernehmen ihr gesatteltes Pferd in der Hallenmitte von ihrem Vorreiter, reiten eine dreiviertel Stunde in der Abteilung und übergeben dann das Pferd an den nächsten Schüler. Ob ein Kind so reiten lernt, ist die eine Frage. Sicher ist: Den Umgang mit dem Pferd lernen sie dabei definitiv nicht. Auch der Aufbau einer Beziehung zum Lebewesen Pferd ist unter solchen Umständen kaum möglich.
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Reiten lernen sollte mehr sein. Es reicht nicht aus, sich im Sattel halten zu können. Reiten ist Kommunikation – und zu jeder gelungenen Kommunikation gehört es, den anderen wirklich verstehen zu können. Das gilt für Reiter jeden Alters, auch für Kinder. Und vor allem Kinder genießen den Kontakt zum Pferd. Sie lieben es, die Pferde zu putzen, zu streicheln und mit ihnen zu reden. Damit dieser Kontakt für Pferd und Kind Freude bringt, sind bestimmte Regeln wichtig. Das Zauberwort lautet hier: Horsemanship, genau genommen Horsemanship for kids.

Ungleiches Kräfteverhältnis

Kräftemäßig sind Pferde Kindern eindeutig überlegen. 500 Kilo Lebendgewicht hat ein Kind nichts entgegen zu setzen, und selbst bei einem Shetty ziehen Kinder den Kürzeren. Wollen wir mit Pferden kommunizieren, darf Kraft keine Rolle spielen. Doch was spielt bei Kommunikation zwischen Pferd und Kind eine Rolle?

Stefanie Schade, Ausbilderin in Eschenburg bietet regelmäßig „Horsemanship for kids“ Kurse an. Sie rät: „Wenn wir mit Pferden kommunizieren möchten, dann müssen wir sie verstehen lernen. Es geht im Horsemanship sozusagen darum, „Pferdisch“ zu lernen.“ Zum Pferdischlernen geht sie mit den Kindern gerne in eine Pferdeherde und lädt die Kinder ein, genau zu beobachten. Auf die Aufforderung: „Nun hört mal hin, was die Pferde sagen!“ kommt regelmäßig die spontane Antwort: „Die sagen nichts.“ Pferde kommunizieren unter einander nur in seltenen Ausnahmen per Lautübermittlung. Durch Wiehern oder lautes Schnauben würden sie in der freien Wildbahn nur ihre Feinde auf sich aufmerksam machen. Aus diesem Grund kommunizieren Pferde untereinander nonverbal, körpersprachlich.

Selbstverständlich dürfen und sollen Kinder auch mit ihrem Pferd reden, aber: „Das Pferd versteht nicht die Worte, die du sagst. Es spürt am Klang deiner Stimme, ob du ihm freundlich gegenüber trittst oder ob du ihn tadelst. Das ist ungefähr so, als würde ein Ausländer mit dir reden, dessen Sprache du nicht verstehst“, erklärt Stefanie Schade. Stefanie Schade ist die Tochter des bekannten Pferdeausbilders Peter Pfister und von Kindesbeinen an vom Pferdevirus infiziert. Damit Pferde verstehen, was Menschen von ihnen wollen, müssen Menschen Pferdisch lernen, müssen auch sie körpersprachlich kommunizieren.

Der Chef geht voran

Kinder sind gute Beobachter. Sie haben schnell heraus, welches Pferd in der Herde das Sagen hat und welche Konsequenzen sich daraus ergeben: Der Chef sagt, wo es lang geht. Der Chef darf immer zuerst. Daraus ergeben sich für den Umgang mit dem Pferd klare Regeln: Der Chef geht vorne und bestimmt Richtung und Tempo. Ein Chef wird niemals angerempelt.

So lernen die Kinder bei Stefanie Schade, dass das Führen auf Schulterhöhe, wie es an vielen Reitschulen gelehrt wird, zwar früher sinnvoll war – nämlich damit die Soldaten vor feindlichen Kugeln geschützt waren – es heute aber sinnvoller ist, dem Pferd bereits durch die Führposition zu verdeutlichen, welchen Platz es in der Hierarchie Pferd-Mensch einnimmt. Auf Schulterhöhe läuft das rangniedrigere Pferd, das Leittier geht vorweg. Auch in der Herde wird die Rangfolge immer wieder angefragt. In der Regel reichen Ohrenanlegen und ein warnendes Anheben des Hinterbeines aus. Anderenfalls bekommt der Rangniedrigere die Hufe und /oder Zähne des Ranghöheren zu spüren. Ein Kind kann nun schlecht austreten oder zubeißen. Um ihre Führposition zu sichern, lernen die Kinder beim Horsmanship for kids Kurs folgende Möglichkeiten:

  • Bevor das Pferd an einem vorbei geht, wechselt das Kind ganz schnell die Richtung. Automatisch befindet es sich wieder vor dem Pferd. So wird allerdings die Rangfrage nicht endgültig geklärt.
  • Das Kind lässt das Ende des langen Arbeitsseiles wie einen Propeller kreisen. Schiebt sich das Pferd vorbei, kommt es mit dem Propeller unangenehm in Berührung. Das Pferd straft sich so zusagen selbst.
  • Verringert das Pferd unaufgefordert den Abstand, macht das Kind sich groß, dabei atmet es ein. Es nimmt die Ellebogen seitlich hoch, rammt die Füße in den Boden und stößt beim Ausatmen einen Zischlaut aus. Wenn notwenidig, geht es in dieser Haltung rückwärts auf das Pferd zu und lässt dieses weichen. Diese Übung flößt Pferden Respekt ein und hilft Kindern zu einem selbstsicheren Auftreten. Selbstverständlich wird sie nur im Bedarfsfall angewendet und nicht aus „Lust und Laune“.

Die Ausrüstung

Um Pferde sicher zu führen, trägt das Pferd am besten ein Knotenhalfter und ein etwa drei Meter langes Arbeitsseil. Mit einem Knotenhalfter kann man gezielter einwirken und mit einem langen Arbeitsseil hat man zum einen bessere Möglichkeiten, ein Pferd festzuhalten und zum anderen bietet es einem die Möglichkeit ein Pferd um einen herum zu schicken. Kinder sollten aus Sicherheitsgründen selbstverständlich festes Schuhwerk und Handschuhe tragen.

Ein Pferd fühlt sich sicher, wenn sein Leittier voran geht. Diese Sicherheit können auch Kinder ihrem Pferd geben. Es macht Kinder und Pferde gleichermaßen stolz und selbstbewusst, wenn sie gemeinsam Aufgaben, wie das Überschreiten einer Plane, das Durchschreiten von Flatterbändern oder das Passieren von Engpässen üben. Hierbei ist systematisches Vorgehen in kleinen Schritten wichtig:

  • Pferde bekommen Zeit, sich in aller Ruhe mit neuen Gegenständen (z.B. Plane, Flatterband etc.) auseinander zu setzen
  • Jeder Schritt in die richtige Richtung wird gelobt
  • In schwierigen Fällen geht ein sicheres Führpferd voran
  • Das Kind steht immer zwischen „Gefahr“ und Pferd. So bekommt das Pferd Sicherheit und im Falle eines kleinen Hüpfers zur Seite landet das Pferd nicht auf den Füßen des Menschen

Druckpunke erleichtern das Aufhalftern

Horsemanship for kids unterscheidet sich von den Inhalten her selbstverständlich nicht vom Horsemanship für Erwachsene. Die Inhalte werden lediglich kindgerecht vermittelt. Eine Übung ist für Kinder besonders wertvoll: Das Kopfsenken. Einem Erwachsenen mag es gelingen einen 1,70 m großen Warmblüter aufzuhalftern, selbst wenn dieser seinen Kopf in die Höhe reckt. Ein Kind hat keine Chance.

Um ein Pferd dazu zu bewegen, auf Kommando den Kopf zu senken, arbeitet man mit sogenannten Druckpunkten. Bevor die Kinder mit den Pferden die Arbeit mit Druckpunkten erlernen, sensibilisiert Stefanie Schade die Kinder in ihren Kursen mit Partnerübungen. So erfahren die Kinder am eigenen Leib, wie wichtig es ist, den Druck angemessen zu dosieren, ihn im richtigen Moment wegzunehmen und wie unangenehm permanenter Druck ist. Damit das Pferd lernt, seinen Kopf zu senken, legt der Mensch seine Hand ins Genick des Pferdes. Mit Daumen und Zeigefinger wird nun leichter Druck hinter den Ohren aufgebaut. Stefanie Schade: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich.“ Sobald das Pferd seinen Kopf auch nur ein wenig in die gewünschte Richtung, also nach unten bewegt, wird der Druck sofort weggenommen. Nur so lernt das Pferd, was von ihm erwartet wird.

Später senken die meisten Pferde bereits den Kopf, sobald sie die Hand im Genick spüren. Diese Übung hat neben der Erleichterung beim Auftrensen und -halftern einen weiteren Vorteil. Sobald Pferde durch irgendetwas alarmiert sind, nehmen sie den Kopf in die Höhe, um ihre Umwelt genau im Blick zu haben. Entspannte Pferde stehen mit gesenktem Kopf. Sie fühlen sich in diesem Moment sicher. Beginnt nun ein Pferd unsicher zu werden und nimmt den Kopf hoch, kann der Mensch ihm durch die Druckpunktanwendung signalisieren: Es ist alles in Ordnung, da bist du sicher. Ich habe hier die Verantwortung und passe auf. Nimm du den Kopf runter und entspanne dich. So können auch Kinder ihr Pferd in heiklen Situationen beruhigen.

Horsemanship ist eine Lebenseinstellung

Horsemanship for Kids hilft Kindern, sich mit Pferden zu verständigen. Kinder lernen Pferdisch. So lernen sie ein Pferd sicher von A nach B zu bringen, es richtig festzubinden, zu putzen und vieles mehr. Dieses Wissen macht sie kompetent und minimiert Gefahren, die beim Umgang mit solch großen Tieren bestehen. Hinter diesem Ansatz steht aber auch ein ganz wichtiger Gedanke: Zu einer gelungenen Kommunikation gehört es, den Standpunkt des anderen verstehen zu wollen. Jedes Geschimpfe über den „sturen Bock, der einen nur verar… möchte, weil er ja eigentlich genau weiß, was man möchte“ spiegelt wider, dass wir von Horsemanship weit entfernt sind. Es macht keinen Sinn, Pferde zu vermenschlichen, wir müssen bereit sein, die Pferde zu verstehen. Erst dann kann Kommunikation gelingen, ist harmonisches, respektvolles Miteinander möglich. Je früher Menschen diese Haltung lernen, desto besser. Deshalb sollte Horsemanship for Kids Schule machen.

 

Auch Ihr Kind ist vom Pferdevirus befallen und möchte reiten lernen?

Bevor sie es in einer Reitschule anmelden, schauen Sie sich den Reitbetrieb genau an.
Hier einige wichtige Fragen:

  • Wird den Kindern auch der Umgang mit dem Pferd vermittelt? Dazu gehört das richtige Führen eines Pferdes genauso wie richtiges Anbinden, Putzen, Satteln und Trensen.
  • Machen die Pferde einen ruhigen, ausgeglichenen Eindruck?
  • Ist die Unterbringung der Pferde artgerecht?
  • Sind die Pferde und ihr Equipment gepflegt?
  • Legt die Reitschule Wert auf Sicherheit? Reiten ohne Helm und in Turnschuhen sollten tabu sein!
  • Stimmt das Größenverhältnis Pferd/ Kind? Ponys eignen sich zum Reitenlernen für Kinder besser als Pferde.
  • Ist der Umgangston freundlich und respektvoll; sowohl zwischen den Menschen als auch zwischen Mensch und Tier? 

 


Quelle:

Petra Herrmann

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