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Reiter :: Training

Gegen Sitzfehler und schlechte Gewohnheiten: Reiten nach Feldenkrais

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Leider bleiben ihm gerade die schlechten Angewohnheiten besonders treu. Beim Reiten sind das zum Beispiel verdeckte Hände, hängende Köpfe und eingeknickte Hüften. Jeder Reiter kann ein Lied von den Sitzfehlern singen, die ihm quasi „in Fleisch und Blut“ übergegangen sind und sich auch durch hartnäckiges Üben nicht ausmerzen lassen. Feldenkrais schafft hier Abhilfe.
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girl with horse in stableSechs Frauen haben sich im Dezember ein Wochenende lang getroffen, um ihren schlechten Reitgewohnheiten den Garaus zu machen. Zusammen mit einer Reittherapeutin und einer Reitlehrerin machen sie sich an die Arbeit und Bekanntschaft mit „Reiten nach Feldenkrais“. Der Schwerpunkt des Wochenendes lautet „Wendungen“.

Die Frauen gehen nicht sofort aufs Pferd, sondern auf Gymnastikbälle, Balimostühle und Trampolin. „Mit Übungen auf den Bällen und Stühlen kommt unglaublich gut Bewegung in die Hüfte. Diese Bewegli

chkeit der Hüfte brauchen wir für den Drehsitz in den Wendungen unbedingt“, erläutert die Therapeutin. Auf Isomatten absolvieren die Frauen noch bestimmte Feldenkraisübungen. Dabei geht es darum, den Körper als Einheit zu erfahren. Die Übungen sind durchaus mit Joga zu vergleichen.
Erst nach den Trockenübungen soll später geritten werden. Allerdings erst einmal an die Longe. „So kann sich der Reiter voll und ganz auf seinen Sitz konzentrieren. Um alte Gewohnheitsmuster zu durchbrechen braucht es die ungeteilte Aufmerksamkeit“, weiß die Reitlehrerin mit Zusatzausbildungen im Bereich Feldenkrais und Reiten aus Erfahrung.

Squaredance vor dem Reiten

Bevor es nach der Mittagspause auf die Pferde geht, steht ein interessantes Experiment an. In der Reithalle ertönt Squaredance Musik und die Frauen werden aufgefordert, sich paarweise zum Tanzen aufzustellen. „So, und jetzt bitte eine flotte Sohle aufs Parkett legen“, fordert Marina Erdmann auf. Das lassen sich die Frauen nicht zweimal sagen. Mit viel Spaß sind sie dabei. „So, und jetzt lässt der Führende einmal die Führhand los“, regt die Reitlehrerin an. Nach einigen Takten: „Führhand wieder geben, dafür die innere Hand loslassen.“ Das Ergebnis ist verblüffend: „Das ist ja Wahnsinn. Ohne äußere Begrenzung driftet man total ab und ohne innere Begrenzung wird alles instabil und wackelig. Jetzt kann ich mir vorstellen, wie mein Pferd sich fühlt“, so resümieren die Teilnehmerinnen ihre Tanzerfahrungen.

„Man lernt einfach besser und effektiver, je mehr Sinne des Menschen angesprochen werden. Jeder Reiter hat sicherlich mehr als einmal vom verwahrenden äußeren Schenkel gehört und innerer Zügel ist keinem Reiter kein Fremdwort. Aber dieses Erleben geht weit über hören hinaus. Außerdem ist es uns ungeheuer wichtig, dass Reiter versuchen, sich in ihr Pferd einzufühlen“, erläutert die Reitlehrerin ihre Vorgehensweise. Bilder können von Menschen effektiver umgesetzt werden als reine Theorie und so hört man in ihrem Unterricht auch viele Vergleiche und Bilder. Stell dir vor, du hättest einen Krokodilschwanz, den du schwer und lang hinter dir herziehst. Diese Worte bewirken auf jeden Fall, dass die Reiterin sich tiefer in den Sattel setzt.

Sensibles Reiten ohne Kraft

Überhaupt ist Marina Erdmann sehr sensibel in ihrer Wortwahl. „Ich lehne Kraftreiterei völlig ab. Oft hört man: Mach Druck mit dem inneren Schenkel. Mit Druck wird oft Kraft assoziert. Druck erzeugt Gegendruck und gegen ein Pferd zieht der Mensch kräftemäßig stets den Kürzeren. Ich spreche also lieber davon Energie durch den Schenkel ins Pferd zu bringen. Das trifft es meines Erachtens genauer.“

Überhaupt empfiehlt sie ihren Reitschülern immer wieder zwischendurch einhändig zu reiten. „Ein Prinzip des Feldenkrais ist, falsche Bewegungen, die man sich angewöhnt hat, mit neuen ungewohnten Bewegungen zu ‚löschen’“, erläutert sie. Und so reiten die sechs Frauen am Nachmittag nicht nur einhändig um die Pylonen, sondern nehmen in der Wendung ihren inneren Arm möglichst gerade nach oben. Wer seinen Arm nach oben streckt, kann nicht in der Hüfte einknicken. Für die Reiterin ist das ein echtes „Ahaerlebnis“

Ähnliche Erfahrungen wie diese teilen auch die anderen Frauen. Natürlich müssen sie jetzt nicht ein Leben lang mit gestreckten Armen in Wendungen reiten. Aber es ist wichtig zu fühlen, wie es ist, wenn man korrekt sitzt. Erst wenn man dieses Gefühl kennt, kann es einem in Fleisch und Blut übergehen.
Die Reiterfahrungen des Nachmittags werden zum Schluss des Wochenendes mit einer Videoanalyse reflektiert. Die Teilnehmerinnen sind sich auf jeden Fall sicher: Der Kurs hat sich gelohnt und sie nehmen eine Menge guter Anregungen mit nach Hause.


Quelle:

Petra Herrmann
Bild: Fotolia #111655247