1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Zucht :: Zuchtverfahren

Zuchtmethoden beim Pferd: Linienzucht, Inzucht und Rassekreuzungen

Auch wenn so mancher Pferdezüchter aus dem „Bauch heraus“ entscheidet, welcher Hengst mit welcher Stute gepaart werden soll, ist die Zucht immer ein Glücksspiel. Um dieses Roulette einigermaßen in die Bahnen zu lenken, muss der Züchter Kenntnis über die verschiedenen Zuchtmethoden wie Linienzucht, Inzucht und Rassekreuzungen haben.
Grenzen Sie ihre Suche auf dem Gebiet Zuchtverfahren ein. Mit einem Suchbegriff liefert unsere Datenbank Fachbeiträge zu diesem Thema an.

eine kleine Stute 3 Stunden nach dem GeburtDer Hobbyzüchter sollte sich gerade deshalb intensiv mit den verschiedenen Zuchtmethoden auseinandersetzen, damit auch seine Nachzucht gesund und leistungsfähig wird. Es genügt nicht, eine gute Stute und einen erfolgreichen Hengst für die Anpaarung zu wählen. Man sollte sich zumindest in den Grundzügen der Vererbungslehre auskennen und systematisch ein bestimmtes Zuchtziel verfolgen. Die Zucht eines vorprogrammierten Endprodukts ist aufgrund von vielen Unwägbarkeiten und Launen der Natur nicht berechenbar, aber die „Fehlerquelle“ kann eingegrenzt werden.

Jeder Züchter sollte sich über die Zuchtmethoden Gedanken machen. Denn bestimmte Zuchtmethoden wie beispielsweise die Inzucht sind ein heikles Thema mit vielen Risiken. Ebenso ungünstig kann die Anpaarung von zwei Pferden völlig unterschiedlicher Rassen sein.

Man kennt in der Zucht bestimmte Methoden, die sich nach bestimmten Kriterien richten. Zunächst einmal gibt es die so genannte Linienzucht, derer sich die meisten Züchter bedienen, weil sie ein guter Kompromiss ist und die Zuchtrisiken im Rahmen bleiben.

Die Linienzucht

Bei der Linienzucht werden Pferde einer Rasse gepaart, die sich in ihren Eigenschaften sehr ähnlich sind. Oft werden verwandte Pferde angepaart, jedoch nicht sehr enge Verwandtschaften wie Vater und Tochter oder Bruder und Vollschwester. Die Linienzucht ist somit relativ sicher, was die Vererbung von erwünschten Merkmalen betrifft.

Bestimmte Hengste haben eine besonders günstige Erbfaktorenkombination, dass sie ihre Eigenschaften deutlich an die Nachzucht weitergeben. Diese Hengste haben die Zucht nachhaltig geprägt beziehungsweise ihren „Stempel aufgedrückt“. Darum spricht man hier auch von einem Stempelhengst. Diese Pferde wurden somit häufig zu sogenannten Linienbegründern. Oft sind Stempelhengste aber auch stark ingezüchtet, was eine dominante Vererbung ihrer Eigenschaften nach sich zieht.

Bei den unterschiedlichen Rassen verfolgt man deutliche Linienzuchten, die besonders geeignete Pferde für eine bestimmte Disziplin hervorbringen. Somit kann man heutzutage mehrere verschiedene Zuchtrichtungen erkennen, die auf eine starke Spezialisierung innerhalb einer Rasse hinauslaufen.

Die Inzucht

Zu starke Spezialisierung beziehungsweise der Wunsch, bestimmte Merkmale eines Pferdes fest im Erbgut zu verankern, hat die Inzucht auf den Plan gebracht. Bei der Inzucht werden nah verwandte Tiere miteinander gekreuzt, häufig werden Vollgeschwister miteinander gepaart oder Vater und Tochter. Durch die sehr ähnliche Erbmasse der beiden Pferde ist die Wahrscheinlichkeit besonders groß, dass bestimmte Merkmale, die beide Elternteile aufweisen, weitervererbt werden. Wenn identische Erbanlagen vorhanden sind, wie es bei nahen Verwandten der Fall ist, führt eine Zucht mit diesen Tieren zur Homozygotie (Reinerbigkeit). Es besteht somit eine große Wahrscheinlichkeit, dass sich diese Eigenschaften reinerbig (= homozygot) im Erbgut der Nachkommen verankern, wenn sie von beiden Elterntieren mitgegeben werden.

Das Problem dabei ist, dass zum einen nicht nur die positiven Eigenschaften vererbt und gefestigt werden, sondern auch die negativen. Es lässt sich nämlich nicht voraussagen, welche Gene sich homozygot verankern. So sind einmal verankerte Merkmale kaum mehr auszumerzen, außer man schließt die Pferde rigoros von der Zucht aus. Darin liegt das züchterische Inzuchtrisiko. Ein noch größeres Problem der Inzucht ist, dass es zu Erbfehlern kommen kann, denn es können auch Defektgene homozygot werden. Gerade in der Quarter Horse-Zucht musste man diese schmerzliche Erfahrung machen. Hier gibt es ein deutliches Inzuchtproblem wie die Erbkrankheiten HYPP (Hyperkalemic Periodic Paralysis Disease), HERDA (equine regional dermal asthenia) und GBED (Glycogen branching enzyme deficiency) beweisen. Erfahrene Pferdeleute und Züchter wissen außerdem, dass sich die Paarung von engen Verwandtschaftsgraden auf Merkmale wie Vitalität, Gesundheit, Wachstum, Fruchtbarkeit und Lebenserwartung negativ auswirken. Man spricht hier auch von einer Inzuchtdepression.

Dennoch lässt sich eine gewisse Inzucht nicht vermeiden, wenn man bestimmte Eigenschaften im Erbgut festigen will. Die genetische Vielfalt wird bei der Inzucht dabei eingeschränkt. Diese Vielfalt ist aber ein wesentlicher Faktor im Überleben der jeweiligen Spezies. Langfristig gesehen haben nur Arten Überlebenschancen, die durch ihre genetische Vielfalt in der Lage sind, sich Umweltveränderungen anzupassen. Die Natur hält sich darum einen großen Genpool bereit, um für alle „Eventualitäten“ gewappnet zu sein.

Die Inzucht ist im Prinzip die intensivste Form der Reinzucht. Man hat Populationen von Pferden wie beispielsweise das Przewalski-Pferd nur über Inzucht vor der Ausrottung retten können, denn es standen nur 13 Ahnen zur Verfügung, mit denen man die Pferde vermehren konnte. Dass hier sehr enge Blutverwandtschaften entstehen, ist logisch.

Rasse- und Gattungskreuzungen

Der Begriff der Kreuzungszucht hingegen beinhaltet die Anpaarung von Pferden unterschiedlicher Rassen miteinander. Man spricht hier auch von Rassenkreuzungen beziehungsweise von Rassenmix. Es können sich hier um zufällige Kreuzungsprodukte handeln oder auch um gezielte Anpaarungen, die in der Regel zur Veredelung einer Rasse praktiziert wird. Ein perfektes Beispiel hierfür ist der Zuchteinsatz des arabischen Pferdes in der Pony- und Warmblutzucht. Die Kreuzungsprodukte unterliegen allerdings einem recht großen Risiko, weil keine identischen oder ähnlichen Gene vereint werden, so dass man von einem wahren Lotteriespiel sprechen kann, weil man nicht weiß, welche Gene sich weitervererben und wie sie sich kombinieren.

Zum Schluss wären noch Gattungskreuzungen zu erwähnen, wobei man pferdeartige Tiere miteinander paart. Hier kennt man insbesondere das Maultier und den Maulesel, eine Mischung aus Esel und Pferd. Das Maultier hat das Pferd zur Mutter und den Esel zum Vater, während es beim Maulesel genau umgekehrt ist. Der Maulesel entstammt aus einer Eselstute und einem Pferdehengst. Die beiden Arten unterscheiden sich kaum, jedoch weist der Maulesel eher den Rücken und die Hufform vom Pferd auf, während das Maultier die Hufe vom Esel hat. In der Regel sind Maultiere und Maulesel unfruchtbar, so dass eine weitere Vermehrung untereinander in der Regel nicht möglich ist.

Man kennt auch Kreuzungen zwischen Pferden und Zebras, die man als Zebroide oder Zorse kennt. Ebenso gibt es Kreuzungsprodukte zwischen Esel und Zebras (Zesel), die aber in der Regel ebenso unfruchtbar sind und auch für den Reitsport ungeeignet und somit nicht relevant sind.


Quelle:

Renate Ettl
Bild: Karolina Rusak