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Zucht :: Zuchtverfahren

Inzucht bei Pferden: Risiken und Gefahren?

Die Vererbungslehre ist nicht nur für den Laien, sondern auch für viele Züchter nicht einfach zu begreifen, zumal recht viele Komponenten zu berücksichtigen sind und überaus große Kombinationen des genetischen Erbmaterials möglich sind. Ist es dennoch möglich, sein „Traumpferd“ gezielt zu züchten oder muss dies dem Zufall überlassen bleiben?
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katharinapaulik_img_3126Um die Chancen abschätzen zu können, sich das eigene „Traumpferd“ buchstäblich ins Leben zu rufen, ist es unabdingbar, sich näher mit der Vererbungslehre und den Zuchtstrategien auseinander zu setzen. Nur mit diesem Wissen kann die richtige Stute dem passenden Hengst zugeführt werden, womit die Chancen, das ersehnte Zuchtziel zu verwirklichen, erhöht werden.

In der Zucht ist nicht immer zwei mal zwei gleich vier, damit muss man sowohl als Hobby- als auch als Profizüchter rechnen. Es gibt immer wieder besonders positive, aber auch unliebsame Überraschungen in der Zucht. Solchen Zufallsprodukten kann man aber mit bestimmten Zuchttechniken vorbeugen oder sie zumindest eindämmen. Bei der Wahl von durchgezüchteten Eltern ist der unvorhergesehene Erbanteil mit seinen entsprechenden Auswirkungen geringer. Darum ist man hier auch eher vor Überraschungen gefeit.

Sehr oft tauchen in den Pedigrees beispielsweise von Arabern, englischen Vollblütern, aber auch Quarter Horses die gleichen Pferde häufiger auf. Dabei hört man dann auch den Ausspruch: „Mein Araber hat dreimal Nazeer im Pedigree“ oder „Doc Bar vererbt sich bei meinem Quarter Horse sowohl über die Mutterlinie als auch über die Seite des Vaters.“ Das heißt, dass wiederholt nah verwandte Tiere miteinander gepaart wurden.

Das Risiko der Reinerbigkeit

Dieses Vorgehen nennt man im extremen Maße Inzucht (Paarung von Pferden im ersten Verwandtschaftsgrad). Auf diese Weise will man erreichen, dass bestimmte vorteilhafte Eigenschaften durch eine mögliche „doppelte“ Weitergabe in der Nachzucht erhalten oder sogar verstärkt werden. Der Trend zur Reinerbigkeit zeichnet sich darum in der Inzucht stark ab, denn zwei verwandte Tiere haben mehr gemeinsames Erbmaterial als zwei fremde. Reinerbigkeit bedeutet, dass das entsprechende Tier das Erbmaterial, das „reinerbig“ vorhanden ist, mit 100-prozentiger Sicherheit an das Fohlen weitergeben wird, egal, welches Erbmaterial vom Partnerpferd hinzukommt.

In fast jeder Pferdezucht wird mehr oder weniger stark mit Inzucht gearbeitet. Je häufiger und je weiter „vorne“ (Eltern, Großeltern, Geschwister) ein Vererber in der Abstammung eines Pferdes auftaucht, desto stärker ist es ingezüchtet. Die Inzucht beinhaltet allerdings große Risiken, denn auch die negativen Eigenschaften, die zunächst verborgen im Erbmaterial vorhanden sein können (rezessiv), können aufgrund möglicherweise entstandener Reinerbigkeit plötzlich ans Tageslicht treten. Darum müssen Gestüte, die eine sehr starke Inzucht betreiben, auch viele Pferde komplett aus dem Zuchtprogramm nehmen, wenn sich in der Nachzucht negative Eigenschaften durchgesetzt haben. Häufig tragen Pferde negative psychische und auch physische Eigenschaften rezessiv in sich, sie kommen also zunächst nicht zur Geltung. Durch die Inzucht können solche unerwünschten Eigenschaften allerdings sehr schnell dominant werden, sie sind dann durch doppeltes Auftreten in der Nachzucht vorhanden und treten damit auch in Erscheinung. Für den Hobbyzüchter, der nur wenige Pferde für seine Zucht zur Verfügung hat, wäre Inzucht ein besonders hohes Risiko. Die Inzuchtplanung muss besonders gut durchdacht sein, das Zuchtprogramm muss über viele Generationen laufen, um letztendlich dem gesteckten Zuchtziel nahe zu kommen, und sollte darum nur erfahrenen Profis vorbehalten bleiben.

Gefahren der Inzucht

Für denjenigen, der „nur mal“ ein Fohlen aus seiner Stute ziehen will, kommt Inzucht keinesfalls in Betracht, man sollte seine Stute niemals beispielsweise vom Vater der Stute decken lassen, auch wenn dieser beim Nachbarn oder vielleicht sogar im eigenen Stall steht. Die Gefahr von erheblich schlechteren Nachkommen ist hierbei zu groß. Außerdem kann es bei Inzucht zu genetischen Defekten kommen (Erbkrankheiten).

Ein einfaches Beispiel, die Gefahr von Inzucht zu verdeutlichen, sind Albinos. Durch Inzucht kann nämlich auch eine Anhäufung von tödlichen Faktoren möglich sein. In genetisch reiner Form ist der Albino nicht lebensfähig. Wenn also zwei (mischerbige) Albinos gekreuzt werden, so stirbt das Fohlen meist bereits im Mutterleib ab, das von beiden Eltern deren rezessive Anlage zum Albinismus mitbekommen hat. Hier hilft sich die Natur selbst und trifft von sich aus eine natürliche Selektion durch die mit Albinismus verbundenen Totgeburten. (Teil-)Albinismus hat meist auch noch weitere negative Eigenschaften zur Folge: Empfindlichkeit gegen Sonneneinstrahlung, schlechteres Sehvermögen und allgemeine Anfälligkeit für Krankheiten.

Die Linienzucht: Ein guter Kompromiss

In der „Linienzucht“ wird im Grunde ebenfalls Inzucht betrieben, allerdings nicht in so ausgeprägtem Maße. Das heißt, dass hier nicht Tiere im ersten Verwandtschaftsgrad gepaart werden, also keine Vollgeschwister untereinander, auch nicht Vater und Tochter oder Mutter und Sohn. Linienzucht versucht, in langsamen Schritten das positive Erbmaterial zu potenzieren, das Risiko von überdurchschnittlich schlechten Pferden ist darum nicht so groß, aber auch besonders gute Pferde tauchen erst nach Generationen auf. Die Reinerbigkeit wird hier nicht unbedingt erhöht, darum ist diese Zuchtform auch für den „kleineren“ Züchter eine gute Grundlage.

Das vom Hobbyzüchter häufig angewandte Zuchtsystem ist die Anpaarung von nur sehr weit entfernt oder gar nicht verwandten Tieren. Man sucht sich für seine Stute den passenden Hengst, wobei nicht nur Exterieur- und Interieurmerkmale entscheidend sind, sondern ebenfalls die Höhe der Decktaxe, der Standort des Hengstes und nicht zuletzt die Bedeckungsmethoden. In den seltensten Fällen wird dabei der Hengst zur Stute verwandt sein, auch wenn er der gleichen Rasse angehört. Da jedes Pferd – Hengst wie Stute – 50 Prozent seines Erbmaterials an das Fohlen weitergibt, und nicht sehr oft gleiche Erbanlagen vorhanden sind (keine Verwandtschaft), sinkt die Reinerbigkeit. Vorhandene dominante Eigenschaften kommen darum verstärkt zum Vorschein, weil das Fohlen auch über sehr viele mischerbige Genpaare verfügt, die andererseits unterdrückt werden. Besonders gute, aber auch sehr schlechte Pferde sind in dieser Zuchtform selten.

Kreuzungsprodukte

Empfehlenswert ist in dieser Zuchtform, bei der Auswahl der Elterntiere innerhalb der gleichen Rasse zu bleiben. Das empfiehlt sich vor allem aus dem Grund, da durch die Anpaarung von zwei „fremden“ Tieren kaum Reinerbigkeit entsteht (anders als bei ingezüchteten Pferden) und es darum kaum möglich ist, vorauszuberechnen, welche Eigenschaften (die der Stute oder des Hengstes) letztendlich im Fohlen hervortreten. Schließlich vererbt jedes Elternteil 50 Prozent seiner Anlagen. Ganz vereinfacht gesehen entsteht bei einer Anpaarung eines Norwegers mit einem Warmblut nicht unbedingt ein kleines, hübsches falbfarbenes und lebhaftes Warmblutpferd. Es kann auch ein großes braunes Pferd mit Ramskopf und kurzem dicken Hals und einem ponytypischen „Dickschädel“ werden: Das erwünschte Traumpferd? Für die meisten Pferdeliebhaber sicher nicht. Gerade bei Rassenkreuzungen ist darum Vorsicht geboten, weil das Produkt durch den hohen mischerbigen Anteil schwer kalkulierbar ist. Es ist deshalb nicht unbedingt das beste Mittel, seine „mittelmäßige“ Stute zu nehmen und damit zum Europameisterhengst zu gehen. Es ist nicht gesagt, dass das Fohlen besser als die Stute wird.

Dem angestrebten Zuchtziel kommt man immer dann am nächsten, wenn man zwei durchgezüchtete (also reinerbig veranlagte) Elterntiere miteinander paart. Die reinerbigen und damit zum Vorschein getretenen Eigenschaften werden hierbei auf jeden Fall dem Fohlen weitervererbt. Die Nachkommen zeigen meist die guten Veranlagungen der Eltern. Aus einer solchen Anpaarung kann eher das erwünschte Traumpferd geboren werden. Zumindest hat man dabei die größten Chancen. Bei der Weiterzucht mit dem nun erworbenen „Traumpferd“ wird man allerdings dann meist wieder Enttäuschungen erleben, da im Wunschpferd wiederum eine Mischerbigkeit entstanden ist, die die Qualität der Nachzucht beeinträchtigt.


Quelle:

Renate Ettl
Bild: Katharina Paulik