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Zuchteignung – Die Qual der Wahl

Auch die Natur kennt eine Zuchtauswahl: Was früher nicht wachsam, schnell und leichtfüßig genug war, landete unverzüglich im Schlund eines Säbelzahntigers und die Sache mit der Fortpflanzung hatte sich damit erledigt. Heute spielen andere Kriterien eine Rolle, Kriterien, die vor allem etwas mit der Nutzung durch den Menschen zu tun haben. Das gilt für alle Tiere in der Obhut des Menschen, vom A wie Alpaka bis Z wie Ziege.
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Während sich Faktoren wie Milchleistung, tägliche Zunahme und viele andere erfassen und statistisch auswerten lassen, ist die Beurteilung von Aspekten wie „Reiteignung“, „Optik“ oder „Gesundheit“ schwerer, weil nicht unmittelbar messbar oder von individuellen Kriterien abhängig. Und natürlich von Rasse zu Rasse, von Linie zu Linie, ja selbst von Zuchtstätte zu Zuchtstätte verschieden!

Je nach Rasse und Reitweise hat man unterschiedliche Wege aus diesem Dilemma gesucht. Vor allem versucht man, so viele Faktoren wie möglich objektiv erfassbar zu machen: Zugleistung, Rennleistung, Gewinnsummen des Zuchtpferdes, seiner Verwandten oder  Nachkommen, Turniererfolge, diese und andere Leistungen lassen sich statistisch erheben und vergleichen. Damit ist es aber nicht getan.

Den eigenen kritische Blick schulen

Die Anlagen eines Pferdes lassen sich in drei Kategorien einordnen: Unter dem Begriff „Exterieur“ finden wir alles, was das Äußere eines Pferdes ausmacht, von der Fellfarbe über die Größe der Ohren bis zur Form seiner Hufe und der Winkelung seines Sprunggelenks. Das „Gangwerk“ sagt etwas darüber aus, wie es um die Qualität und Mechanik der Bewegung in allen natürlichen Gangarten bestellt ist. Schwerer erfassbar ist das „Interieur“, das ganz persönliche charakterliche Make-up eines Pferdes mit individueller Ausprägung etwa von Temperament und Leistungsbereitschaft.

Viele Merkmale werden rasseübergreifend relativ identisch beurteilt: Ein Bockhuf etwa ist beim Mini-Shetty ebenso unerwünscht wie beim Shire Horse, ein großes, ausdrucksvolles Auge steht allen Rassen gut zu Gesicht. Andere Eigenschaften werden je nach Rasse unterschiedlich beurteilt: Beim Vollblut spielt die Qualität des Galopps eine andere Rolle als beim schweren Kaltblut, die optimale Leistungsbereitschaft sieht bei einem Dartmoor Pony anders aus als bei einem Achal Tekkiner. Der Maßstab, an dem alle Merkmale gemessen werden, ist der Rassestandard. Hier wird für jede Rasse verbindlich festgelegt, wie ein gedachtes Idealpferd auszusehen, wie es sich zu bewegen und zu verhalten hat.

Viele Merkmale hängen irgendwie miteinander zusammen: So wird ein Pferd mit erheblichen Gebäudemängeln ebenso wie ein mit geringer Leistungsbereitschaft ausgestattetes oft wenig vorteilhafte Bewegungen zeigen. Im Grund geht es bei der Beurteilung um zwei zentrale Fragen: Ist dieses Pferd geeignet, die Rassezucht zu stabilisieren oder sogar ein Stück weit voran zu bringen? Und: Ist dieses Pferd ein gutes, ein gesundes, ein leistungsfähiges Reitpferd für den oft rassebedingt typischen Einsatzbereich bzw. ist es geeignet, ebensolche Nachzucht hervorzubringen?

Außen Hui und typgerecht

Bei der Exterieurbeurteilung wird das Pferd sowohl im Ganzen als auch im Einzelnen unter die Lupe genommen. Das Gesamtbild, die Harmonie des Körperbaus spielt eine wichtige Rolle. Die einzelnen Körperbereiche müssen zueinander passen, ein kräftiger Rumpf darf nicht auf einem zu zarten Fundament stehen, am Ende eines schwachen Halses wirkt ein grober Kopf unschön, zu einer breiten Brust gehört zwingend eine ebenso gut ausgeprägte Hinterhand. Die Relation bestimmter Körpermaße zueinander und wichtige Winkelungen helfen, den oft eher subjektiven Gesamteindruck zu präzisieren, wie etwa:

  • Vorderfußwurzelgelenk und Sprunggelenk sollten auf einer Höhe sein
  • der höchste Punkt des Widerristes befindet sich auf gleicher Höhe wie der höchste Punkt der (knöchernen) Kruppe
  • die Röhren sollten vorne und hinten gleichlang und insgesamt nicht zu lang sein
  • teilt man das Pferd im Seitenbild in die drei Regionen Vorhand-Mittelhand-Hinterhand ein, sollte das Verhältnis 1:1:1 sein
  • die Hinterbeine stehen parallel zu den Vorderbeinen und vor dem Sitzbeinhöcker
  • eine vom Buggelenk lotrecht nach unten geführte Linie trifft die Hufspitze
  • die Winkel von Schulter und Hüfte sind gleich groß und betragen etwa 40-45 Grad

Ein versierter Zuchtrichter ist kein Fehlergucker, der Sinn einer Zuchtschau ist nicht die Mängelliste für jedes Pferd. Trotzdem gehört zum Pferde-TÜV auch eine Überprüfung der Gliedmaßenkorrektheit. Schließlich bilden die Beine im wörtlichen Sinne die Basis eines Pferdelebens! Korrekte, trockene und markante Gliedmaßen sind gewünscht, ein starkes und ausgewogenes Fundament. Stellungsfehler sind keine bloßen Schönheitsfehler, sondern beeinflussen die Statik der Gliedmaße und damit die Effektivität und Ökonomie der Bewegungen. Bei Abweichungen von einem gedachten Ideal – zehenweite Stellung, Rückbiegigkeit, Durchtrittigkeit, Kuhhessigkeit und anderen – muss man davon ausgehen, dass sie mehr oder minder starken Einfluss auf die Bewegungsqualität und die Gesundheit des Fundaments nehmen.

Genau mein Typ

Während Gebäudefehler mit etwas Übung gut zu erkennen sind, Winkelungen gemessen, Ideallinien überprüft werden können, sind andere Elemente einer Beurteilung weniger griffig. Mit der Beurteilung des Typs, so könnte man meinen, tun sich Richter besonders schwer: Wer definiert bitteschön eindeutig und verbindlich, wie der ideale Typ auszusehen hat? Das American Quarter Horse gilt als besonders vielseitige Rasse und diese Vielfalt drückt sich auch darin aus, dass wir optisch ganz unterschiedlich rassereine und eben auch typvolle Pferde finden – vom muskelbepackten Kraftpaket bis zum eleganten Bluttyp. Was also sieht sich der Richter an, wenn er den Typ beurteilt?

Zugegeben, genaue Zahlen und harte Fakten dienen hier nicht als Maßstab. Der Richter achtet darauf, dass das vorgestellte Pferd einen deutlichen Rasse – und Geschlechtstyp aufweist. Man soll ihm also auch aus gewisser Entfernung an der Nasenspitze ansehen: Das hier ist ein Quarter, das hier ist ganz eindeutig ein Hengst oder eine Stute. Indifferente Zuchttiere können keine typvolle Nachzucht erbringen! Es ist der Ausdruck des Pferdes, es sind bestimmte anatomische Unterschiede – über den bewussten „kleinen Unterschied“ hinweg – die schon von weitem erkennen lassen, was man hier vor sich hat.

Ein weiterer Aspekt der Typbeurteilung ist die Harmonie des Gebäudes, die ja auch in die Exterieurbeurteilung mit einfließt. Das Pferd wird als Ganzes betrachtet: Wie wirkt es auf den Richter? Ist es ein ausbalanciertes Pferd mit guter und gleichmäßiger Bemuskelung? Passen alle Körperregionen zueinander? Ist es ein „Hingucker“, also ein Pferd mit Ausdruck, mit Adel, oder doch eher von der Art, die vorsichtig als „eher unbedeutend“ bezeichnet wird?

Aus all diesen Eindrücken ergibt sich ein Gesamtbild, das dann in Form einer Note niedergelegt wird. Vor allem die Note macht Pferde untereinander vergleichbar. Aber: Entgegen anders lautenden Behauptungen sind auch Richter nur Menschen. Damit soll weniger zum Ausdruck gebracht werden, dass sie Fehler machen sondern mehr, dass ihre Urteile auf ihrem jeweils ganz eigenen Bezugsrahmen basieren. Hier den Weg zu einer objektiven und damit nachvollziehbaren, überprüfbaren und langfristig geltenden Beurteilung zu finden, ist Aufgabe jedes Richters. Der Züchter ist aufgefordert, es ihm gleich zu tun: Die rosarote Brille abzusetzen und das eigene, vertraute und befreundete Pferd mal aus dem Blickwinkel eines Richters zu betrachten. Viele sind berufen, aber nur wenige sind auserwählt … und das ist gut so, denn sonst würde die Zucht zur bloßen Vermehrung.


Quelle:

Angelika Schmelzer
Bild: Fotolia #17463740