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Zucht :: Vererbungslehre

Inzuchtgrad mit dem Pedigree ermitteln – Line Breeding

Die meisten Pferderassen werden heute noch unter milder Inzucht geführt, mit Zuwachsraten von etwa einem halben Prozent pro Generation. Werden allerdings Vererber über mehrere Generationen bevorzugt eingesetzt (Elitebildung), kann dies zu einem deutlichen Inzuchtzuwachs führen.
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nikarehm_img_7722-kopieAuch der unkontrollierte Einsatz neuer Reproduktionsmethoden (Gefriersamen, künstliche Besamung) kann die genetische Vielfalt in einer Rasse verdrängen. Pferdezüchter umgehen Inzucht zwar oft bewusst, da sie ihre negativen Auswirkungen fürchten, doch in einer geschlossenen Rasse und bei Elitebildung wird Inzuchtzuwachs selbst bei offenen Zuchtbüchern unvermeidlich sein.

Linienzucht: Mäßige Inzucht und Selektion

Um möglichst viele Erbanlagen für Leistungsmerkmale eines berühmten Ahnen zu erhalten, zugleich aber die Nachteile enger Verwandtschaftspaarung zu umgehen, wird im Westernpferd nicht selten eine Inzucht bevorzugt, die Line Breeding bzw. Linienzucht genannt wird. Der Linienzüchter betreibt ein konsequentes Zuchtprogramm mit vorwiegend eher mäßiger Inzucht. Er bewegt sich dabei immer zwischen Inzuchtchance und Inzuchtrisiko. Bei zu hohem Blutanteil des Linienbegründers steigt das Risiko der Leistungsminderung, bei zu geringem Blutanteil können die Erbanlagen des Stammtieres andererseits nur ungenügend genutzt werden. Bei gleichzeitiger Selektion werden negative Inzuchtauswirkungen aber deutlich reduziert. Der verantwortungsbewusste Linienzüchter wird Tiere, bei denen er Leistungsdepressionen erkennt, nicht zur Weiterzucht zulassen und sie auch nicht an andere Züchter verkaufen.

Zum Aufbau der Linien wird ein bevorzugter Zuchthengst zum Beispiel zunächst an eine möglichst große Gruppe nicht verwandter Stuten angepaart. Nur die besten Fohlen – sie sind Halbgeschwister – werden zur Zucht selektiert und untereinander verpaart. In der nachfolgenden Fohlengeneration erfolgt eine weitere Selektion, bevor erneute Verwandtenverpaarungen untereinander erfolgen. Mit hoher Risikobereitschaft aus genetischer Sicht durchaus eine Methode, die herkömmliche Selektionsmaßnahmen zurzeit noch deutlich übertreffen kann.

Man kann den Zuwachs identischer Erbanlagen mit dem sogenannten Inzuchtkoeffizienten abschätzen. Er ist ein statistisches Maß, das über Pedigreeanalysen ermittelt wird und einen Anhaltspunkt für die durchschnittliche Zunahme herkunftsgleicher Gene in einer Rasse gibt. Ein Fohlen aus der Paarung von Halbgeschwistern wird zum Beispiel einen Zuwachs homozygoter Gene von 12,5 Prozent besitzen. Sind zwei Urgroßeltern identisch, wird hingegen nur ein Zuwachs von drei Prozent bei einem Fohlen erreicht – ein Prozentsatz, den man regelmäßig auch in der gemäßigten Linienzucht findet.

Eine Generation

Verwandtschaftspaarung

Erwartete Zunahme der Genorte mit herkunftsgleichen Genen
Vater – Tochter 25 %
Mutter – Sohn 25 %
Vollgeschwister 25 %
Halbgeschwister 12,5 %
Großeltern – Enkel 12,5 %
Onkel – Nichte 12,5 %
Vetter – Cousine 6,3 %
Ein gemeinsames Großelternteil 3,1 %
Ein gemeinsames Urgroßelternteil 1,6 %
Zwei gemeinsame Urgroßeltern 3,1 %
Drei gemeinsame Urgroßeltern 4,7 %

 

Durch die Arbeit erfahrener US-Züchter über viele Generationen findet man im Westernpferd gerade solche Linien und mit molekulargenetischen Methoden kann man heute schon abschätzen, wie stark sie sich tatsächlich genetisch voneinander unterscheiden. Durch Kreuzung solcher Linien, die mit etwas verschiedenem Zuchtziel geführt werden, konnten beim englischen Vollblut und auch beim Westernpferd nicht selten dann gerade besonders erfolgreiche Pferde erhalten werden. Die Linienzucht setzt allerdings große Herden, Risikobereitschaft und konsequente Selektion über Generationen voraus. Dem Einzelzüchter muss deshalb schon aus wirtschaftlichen Gründen empfohlen werden, enge Verwandtschaftspaarungen zu vermeiden.


Quelle:

Dr. Ines von Butler-Wemken
Bild: Nika Rehm