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Zucht :: Vererbungslehre

Erbliche Disposition von Krankheiten beim Pferd

Wenn Freizeit- oder Turnierpferde aufgrund einer Verletzung oder Krankheit unreitbar werden, liegt bei Stuten und Hengsten der Wunsch nahe, das Tier zur Zucht einzusetzen. So kann das Pferd weiter genutzt werden und erwirbt sich damit eine Daseinsberechtigung. Doch ist es immer sinnvoll, mit reituntauglichen Pferden zu züchten? Wann ist eine Erkrankung mit einer erblichen Disposition belegt?
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Der Fall eines unreitbaren Pferdes tritt dann ein, wenn ein Pferd so schwer erkrankt oder sich verletzt, dass eine Genesung und somit der Einsatz als Reitpferd nicht mehr zu erwarten ist. Dies betrifft sehr häufig degenerative Erkrankungen des Bewegungsapparates, aber auch andere Krankheiten und Verletzungen. Der frühzeitige „Ausfall“ des Pferdes kann zum einen aufgrund eines Unfalls geschehen, zum anderen spielen nicht selten erbliche Dispositionen eine Rolle.

Für den Pferdebesitzer und Züchter ist es allerdings nicht einfach zu entscheiden, ob erbliche Dispositionen zu Buche stehen, da die Vererblichkeit zur Anlage einer Erkrankung nicht immer bewiesen ist, sondern häufig nur einer Vermutung unterliegt. Somit kommen Pferde in die Zucht, die möglicherweise unerwünschte Merkmale an die Nachzucht weitergeben. Unglücklicherweise können sich schließlich Veranlagungen zu Erkrankungen fest im Erbgut verankern. Die Verantwortung des Züchters ist deshalb sehr hoch.

Multifaktorielle Erkrankungen

Die meisten Erkrankungen sind aber multifaktoriell, was bedeutet, dass nicht nur die erbliche Komponente eine Rolle spielt, sondern auch Aufzucht, Fütterung, Haltung und Training des Pferdes. Als Beispiel steht hier die Podotrochlose (Hufrollenentzündung), bei der aufgrund einer familiären Anhäufung eine Erblichkeit dieser Erkrankung als sehr wahrscheinlich angenommen wird. Dennoch vermutet man weitere Einflussfaktoren, die das Entstehen der Hufrollenentzündung begünstigen. Stellungsfehler und zu kleine Hufe könnten so die Grundlage für die erbliche Disposition haben. Da die Podotrochlose jedoch gehäuft bei Pferden, die reiterlich (insbesondere im Springsport) eingesetzt werden, auftritt, spielt auch die (Ab-)Nutzung und das Training des Pferdes eine nicht unerhebliche Rolle bei der Entstehung der Erkrankung.

Ähnlich verhält es sich mit der Osteochondrosis dissecans (OCD), wobei sich aufgrund einer Zelldifferenzierung sogenannte „Chips“ oder „Gelenkmäuse“ (abgelöste Knochen- oder Knorpelfragmente) bilden können, die dann frei im Gelenk schwimmen. Die freien Knochen- oder Knorpelteilchen können zur Lahmheit führen oder sogar Gelenke zerstören, wenn sie sich in einen Gelenkspalt schieben. Man hat herausgefunden, dass auch Chips eine multifaktorielle Erkrankung sind, aber eine erbliche Veranlagung gegeben ist. Vor allem spielt auch das Management der Aufzuchtphase eine große Rolle für die Entstehung von Chips.

Bei der Arthrose der kleinen Sprunggelenke, der Spaterkrankung, wird die Erblichkeit von Vielen bestritten, dennoch kann eine erbliche Veranlagung in Erwägung gezogen werden, ebenso wie bei allen anderen Arthroseformen. Frühzeitiger Gelenkverschleiß hat immer auch mit der Aufzucht und dem Einsatz des Pferdes zu tun. Selbstverständlich muss aber auch das Exterieur (die Relation von Größe und Gewicht) sowie die Gelenkstellung als Grundlage für eine Vererblichkeit mit einbezogen werden.

Selbst das als „Untugend“ verharmloste Koppen gehört zu den multifaktoriellen Verhaltensproblemen, bei denen eine Erblichkeit vermutet wird. Dieser Verdacht wurde dadurch bekräftigt, dass koppende Pferde in bestimmten Blutlinien gehäuft auftraten. Zu bedenken ist aber auch, dass natürlich Langeweile, mangelnder Sozialkontakt und Überstimulation als Auslöser für das Koppen eine Rolle spielen.

Eine Disposition zur Erblichkeit scheint auch bei der chronischen Bronchitis als gesichert zu gelten. Die Erkrankung – auch als Dämpfigkeit bekannt – ist durch Leistungsminderung, Husten und Sekretproduktion in den tiefen Atemwegen gekennzeichnet. Sie gilt als unheilbar. Da bei gleicher Haltungs- und Fütterungsbedingung einige Pferde krankhaft reagierten, während andere gesund blieben, geht man von einer Anfälligkeit für diese Erkrankung aus, die von Generation zu Generation weitergegeben wird, also erblich ist.

Ebenfalls eine vererbliche Disposition wird beim Sommerekzem als nahezu gesichert angenommen. Dennoch ist die Erblichkeit noch nicht bewiesen. Auch die Haltungsbedingungen spielen beim Ausbruch der Erkrankung eine Rolle. Da jedoch bei gleicher Haltung nicht alle Pferde, sondern nur einzelne Tiere erkranken, liegt die erbliche Disposition auf der Hand.

Bewiesene Erbkrankheiten

Weitere Erkrankungen, für die eine erbliche Disposition vermutet werden oder als gesichert gelten sind unter anderem: Idiopathische Hemiplegia laryngis (IHL) – besser bekannt als „Kehlkopfpfeifen“ –, Nabelbruch, Equine Degenerative Myeloencephalopathie (EDM) und wahrscheinlich auch das Wobbler Syndrom (wobei es durch die Einengung des Spinalkanals zur Rückenmarkskompression und somit zur Ataxie kommen kann).

Neben den Erkrankungen, bei denen eine erbliche Disposition lediglich vermutet werden kann oder als höchst wahrscheinlich angenommen wird, gibt es auch Erkrankungen, deren Erblichkeit bewiesen ist. Diese Erkrankungen sind relativ selten geworden, da Pferde mit diesen Defekten von der Zucht ausgeschlossen sind. Man kann die Träger der meisten Erbkrankheiten mittlerweile mit Gentests ausfindig machen, so dass diese Pferde erst gar nicht in der Zucht eingesetzt werden, auch wenn die Krankheit bei diesem Pferd nicht oder noch nicht ausgebrochen ist. Viele Züchter lassen die Tests aber überhaupt nicht durchführen, bevor ein Pferd für die Zucht verwendet wird.

Zu den gesicherten Erbkrankheiten gehören die hyperkaliämische periodische Paralyse (HYPP), Reccurent Exertional Rhabdomylosis (RER), Polysaccaride Storage Myopathy (PSSM), Equine Maligne Hyperthermie (EMH), Severe combined immunodeficiency (SCID), Overo lethal white syndrome (OLWS), Glycogen branching enzyme deficiency (GBED), Junctional epidermolysis bullosa (JEB) und Hereditary equine regional dermal asthenia (HERDA).


Quelle:

Renate Ettl

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