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Trächtige Stuten reiten – darf man das?

Stuten sind nicht selten einer Doppelbelastung ausgesetzt, wenn sie einerseits als Zuchtstute ihren Dienst tun und andererseits weiterhin als Reitpferd dienen sollen. Ab wann die Belastung für die Stuten zu groß wird, wann und ob Zuchtstuten überhaupt unter dem Sattel gearbeitet werden sollen, steht immer wieder in der Diskussion.
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698802_web_R_K_B_by_Astrid Götze-Happe_pixelio.deWährend in größeren Gestüten die Zuchtstuten oftmals gar nicht geritten werden, möchte gerade der Freizeitreiter, der nur mal hobbymäßig ein Fohlen aus seiner Stute ziehen möchte, auf das Reiten nicht ganz verzichten. Eine auf dem Turnier erfolgreiche Stute soll möglicherweise ihre Leistungsfähigkeit weitervererben, weiterhin aber auf Turnieren Höchstleistungen erbringen. In diesem Zwiespalt befinden sich viele Pferdebesitzer, denn gerade das Turnierpferd wird auch als Zuchtstute oder -hengst nicht mehr den Marktwert haben, wenn es einmal von der Turnierfläche verschwunden ist. Somit sollen erfolgreiche Pferde zwar einerseits in der Zucht eingesetzt werden, andererseits aber auf Turnieren weiterhin präsent bleiben.

Für Hengste ist der Turniereinsatz – wenn sie trotz des Deckgeschäfts gut zu handeln bleiben – weniger problematisch als für Stuten, die elf Monate lang trächtig sind und anschließend für etwa sechs Monate ein Fohlen bei Fuß führen. Die Zeiten, in denen die Pferde nach einer erfolgreichen Turnierkarriere in die Zucht gehen, sind nahezu vorbei. Nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen wird versucht, beides – den Turnier- und Zuchteinsatz – zu vereinbaren. Doch die Belastung für die Pferde ist dabei enorm hoch.

Die Belastung einer Trächtigkeit für die Stute darf man nicht vergessen. Eine übertriebene Rücksichtnahme, die zwar stets gut gemeint ist, ist oft auch nicht die beste Lösung. So ist eine regelmäßige Bewegung für tragende Stuten sehr sinnvoll. Die Stuten bleiben bei einer guten Kondition, was ihnen die Geburt erleichtert. Eine gedeckte Stute „wegzustellen“, ist deshalb nicht sinnvoll.

Belastungen immer der Situation anpassen

Im Prinzip sollte der Alltag für eine trächtige Stute wie gehabt weitergehen, damit fühlt sie sich am wohlsten. Da Pferde prinzipiell Gewohnheitstiere sind, lieben sie den stets gleichen Tagesablauf und fühlen sich dabei sicher und geborgen. Für Zuchtstuten eines großen Betriebes bedeutet dies häufig der Gang auf die Koppel mit anderen Stuten. Manchmal werden die Stuten in einem Zuchtbetrieb longiert, als Handpferd ins Gelände geführt oder sporadisch geritten. Damit erhalten die Stuten genügend Bewegung und Kondition. Die ursprünglich als Reittiere gehaltenen Pferde hingegen erbringen in der Regel höhere Leistungen unter dem Sattel. Deren Einsatz ist sehr unterschiedlich. Während Freizeitpferde oftmals täglich eine Stunde im Gelände spazieren geritten werden, müssen talentierte Spring-, Dressur-, Renn- oder Westernpferde ein mehr oder weniger anstrengendes Trainingsprogramm absolvieren.

Werden Turnierstuten gedeckt, stellt die Trächtigkeit natürlich eine neue Situation dar, die der Stute ein gewisses Leistungspotenzial abverlangt. Somit gilt es, die sportlichen oder arbeitstechnischen Belastungen der jeweiligen Situation anzupassen. Die Natur reagiert aber auch bei zu großen Belastungen und Stresssituationen, um das Leben der Mutterstute zu schützen. So besteht insbesondere in den ersten zwölf Trächtigkeitswochen die Gefahr, dass die Stute die Frucht resorbiert. Die Wahrscheinlichkeit einer Resorbtion ist relativ hoch, wenn die Stute unter großem Stress steht, krank wird oder der Fötus schwerwiegende Fehlentwicklungen aufweist.

Großen Stress vermeiden

Aus diesem Grund sollte der Stresspegel gerade in den ersten zwölf Wochen niedrig gehalten werden. Nicht jedes Pferd empfindet eine Hängerfahrt oder einen Turnierstart gleichermaßen stressig. Manche Pferde bleiben auch nach der fünften Prüfung an einem Tag gelassen, andere wiederum steigen schon völlig erschöpft und verschwitzt aus dem Pferdeanhänger, wenn sie den Zielort erreicht haben. Somit kann der Stresspegel des Pferdes nicht grundsätzlich pauschalisiert werden, dennoch stellt der Transport mit einem Pferdehänger immer eine gewisse Stresssituation für das Pferd dar. Allein die dabei erforderliche Muskeltätigkeit, die zum Ausgleich der Fahrbewegungen notwendig ist, wird oftmals unterschätzt.

Doch es muss nicht immer der Turnierstart sein, der für die Stute einen Stressfaktor darstellt. Besonders stressanfällig sind stets Situationen, die vom üblichen Tagesablauf abweichen. So kann sich ein Stallwechsel oder wenn ein neues Pferd in die bestehende Herde integriert werden soll, negativ auswirken. Natürlich gehen auch Besitzerwechsel oder eine schnelle Futterumstellung nicht spurlos an einem Pferd vorüber.

Stehen dennoch unweigerliche Veränderungen wie Stallwechsel an, sollten diese möglichst ab dem vierten Trächtigkeitsmonat durchgeführt werden. Der Fötus ist zu dieser Zeit gut „fixiert“, aber noch nicht besonders groß, so dass für die Stute keine großen Belastungen entstehen. Die Stute kann dann normalerweise im üblichen Rahmen geritten werden.

Ab dem achten Trächtigkeitsmonat gilt es wieder wachsam zu werden. Normalerweise galoppieren die Stuten auch noch mit dickem Bauch gerne und bewegen sich selbst oft noch bis kurz vor der Geburt wie gewohnt. Dennoch sollte man auf anstrengende Ritte verzichten, denn die Stute hat nun doch schon einiges mehr an Gewicht zu schleppen.

Wenn der Bauch zu dick wird

In den meisten Fällen schränken die Stutenbesitzer die reiterlichen Tätigkeiten dann etwas ein, wenn der Bauch der Stute zu rundlich wird und sie feststellen müssen, dass der Sattel nicht mehr passt. Der Sattelgurt wird zu kurz und bleibt nicht mehr in seiner ursprünglichen Lage. Der Sattel rutscht, da er auf dem rundlichen Rücken nicht mehr passt. So mancher Pferdebesitzer ist nun erfinderisch und weicht auf ein Sattelkissen aus oder reitet gar ohne Sattel weiter.

Da nicht jede Stute dieselbe Konstitution hat und nicht jede Trächtigkeit gleich abläuft, kann es keine pauschalen Empfehlungen geben, ab wann man das Reiten einstellen sollte. Manche Stutenbesitzer reiten ihr trächtiges Pferd bis kurz vor dem Geburtstermin, andere hingegen verzichten auf reiterliche Aktivitäten ab etwa drei Monaten vor der Geburt. Mit ein wenig Einfühlungsvermögen erkennt man schnell, wann es der Stute zu beschwerlich wird, bestimmte Dienste zu verrichten. Die Stuten werden dann etwas langsamer und behäbiger in ihren Bewegungen. Ein dicker Bauch kann bei vielen reiterlichen Manövern schon ein Hindernis darstellen. Normalerweise galoppieren die Stuten aber bis zum Geburtstermin problemlos, dennoch ziehen manche Stuten in den letzten Wochen die langsameren Gangarten vor. Wenn eine Stute signalisiert, dass für sie die Zeit der Schonung gekommen ist, sollte man darauf auch entsprechend Rücksicht nehmen. Spaziergänge hingegen sind nach wie vor bis zum letzten Tag immer angesagt und wird eine gesunde Stute auch gerne annehmen.


Quelle:

Renate Ettl
Bild: Astrid Götze-Happe_pixelio.de