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Zucht :: Pferde-Rassen

Przewalski-Pferde

Mitte des vergangenen Jahrhunderts starben Przewalski-Pferde in freier Natur aus. Nur zwölf Urwildpferde überlebten in westeuropäischen Zoos. Wie eine Gruppe von Tierärzten und Biologen es schaffte, daraus die komplette Art wieder zu beleben. 
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Der sibirische Kaufmann Assanow wusste 1899 noch nicht, dass seine Jagdexpeditionen einmal in die Geschichte eingehen würden. Sonst hätte er beim Fang der kleinen falbfarbenen Pferde, die er selbst „Takhi“ nannte, vielleicht etwas weniger Rohheit an den Tag gelegt. So aber dachte Assanow nur an das Geld, das ihm der Verkauf an westeuropäische Händler, Zoos und Privatliebhaber einbrachte. Er trennte die Fohlen und Jährlinge von der Herde ab, und führte die noch säugenden Jungtiere seinen mitgebrachten – zahmen und umgänglichen – Hauspferdeammen zu. Deren Fohlen waren nun überflüssig und wurden ohne Rücksicht getötet.

Viele der gefangenen Fohlen starben bereits auf dem nun folgenden 3000 Kilometer langen Marsch bis zur nächsten russischen Eisenbahnstation. Andere während der schaukelnden Zugfahrt nach Westen. Insgesamt kamen zwischen 1899 und 1903 trotzdem 24 Hengste und 30 Stuten in Deutschland und den Nachbarländern an. Doch das Zooleben bekam ihnen nicht gut. Die meisten starben, noch bevor sie die Geschlechtsreife erreichten. 12 überlebten und pflanzten sich fort. Sie sind die Vorfahren aller heute noch lebenden Przewalski-Pferde. Denn seit etwa 1960 weiden in der mongolischen Steppe nur noch verwilderte Hauspferde. Schlechte Lebensbedingungen und der Abschuss durch Jäger führten zur Ausrottung der Urwildpferde in ihrer Heimat.

Im Kampf gegen die Inzucht

Als sich 1985 in Köln Tierärzte und Biologen zusammenschlossen und ein „Europäisches Erhaltungszuchtprogramm“ (EEP) für Przewalski-Pferde gründeten, war die genetische Vielfalt der Art auf einem absoluten Tiefstand angekommen. Zwei Kriege und die Einzüchtung von Hauspferden hatten die „Takhi“-Population auf wenige Exemplare schrumpfen lassen, die zudem nicht dem Zuchtziel entsprachen. Nur ein einziger Hengst besaß alle Kriterien, die die Kommission aufgestellt hatte. Durch perfekte Planung und Zuchtorganisation hat es das EEP bis geschafft, aus diesem Bestand rund 200 Hengste und 300 Stuten für die Weiterzucht zu erhalten. Daraus lässt sich über 200 Jahre hinweg die genetische Variabilität erhalten.

Koordiniert wird dieses schwierige Projekt von Dr. Waltraut Zimmermann vom Kölner Zoo. Ihr Ziel: Eine Population zu schaffen, die langfristig in der Lage ist, sich selbst zu reproduzieren. Trotz der enorm hohen Inzuchtquote ist das möglich. „Bei 42,5 Prozent aller Przewalski-Pferde der EEP-Population liegen die Inzuchtkoeffizienten über einem Wert von 0,2“, sagt Dr. Zimmermann. „Dieser Wert gilt allgemein schon als hoch, doch lässt er sich im Durchschnitt nicht weiter reduzieren. Ein professionelles Management aber kann verhindern, dass er in den nächsten Generationen wieder ansteigt.“

Dieses Management umfasst zum einen das Führen eines Zuchtbuches, in dem jedes Pferd mit Stammbaum eingetragen ist. Zum anderen entscheiden nun nicht mehr allein die Zoos, welcher Hengst mit welcher Stute zusammengeführt wird. Stattdessen spricht Dr. Zimmermann eine Empfehlung aus, nach der die Halter sich richten. Da werden geeignete Hengste schon mal mehrere hundert Kilometer weit gefahren und auf Dauer untereinander ausgetauscht.

Hauspferdemerkmale unerwünscht

Neben der Inzucht gibt es noch ein weiteres Problem, mit dem das EEP zu kämpfen hat: Die Hauspferdemerkmale, die durch das Einkreuzen mit anderen Equiden entstanden sind. Eines davon ist das Wachstum der Mähne, welches beim Przewalskipferd eigentlich nicht auftritt. Normalerweise wechselt es die Stehmähne im jahreszeitlichen Rhythmus wie ein Zebra. Ebenso deutet ein voller Schweif auf einen Hauspferde-Ahnen hin. Der Przewalski-Schweif ähnelt mehr einem Eselschwanz, der oben mit kurzen hautfarbenen Haaren bedeckt ist und erst im unteren Drittel schwarz und buschig ist.

Die Fortpflanzung beider Arten untereinander funktioniert trotz der unterschiedlichen Chromosomen-Anzahl im Erbgut. Przewalskis haben 66, Hauspferde nur 64. Ein Hybrid-Fohlen aus der ersten Generation hat immer 65 Chromosomen. Ab der zweiten Generation setzt sich dann wieder das Urwildpferd mit 66 durch. Ganz ohne Folgen bleibt eine solche Verschmelzung aber höchstwahrscheinlich nicht. „Wir haben den Verdacht, dass dadurch Unfruchtbarkeit und Kryptorchismus (Bauchhoden) bei Hengsten entsteht“, glaubt Dr. Zimmermann.

Auch die unerwünschte Fuchsfarbe ist ein Erbe der Hauspferde und wurde durch die hohe Inzuchtrate weitergegeben. „So etwas hält sich nur in Gefangenschaft. In der Natur hätte die Fuchsfarbe keine Chance gehabt. Deswegen selektieren wir dagegen“, sagt die Veterinärin. Über einen DNA-Test kann das Fuchsgen festgestellt werden. Ein betroffenes Pferd wird in diesem Fall nur mit einem anderen gepaart, das kein Fuchsgen hat. Wie viele Hauspferde im Laufe der Jahre in die Przewalski-Population eingekreuzt wurden, lässt sich nicht genau sagen. Fest steht, dass einige freilaufende Mongolen-Stuten von Przewalski-Hengsten gedeckt wurden und dass ein Forschungs-Institut in Halle einen Hybriden als Deckhengst einsetzte. Insgesamt vermutet Dr. Zimmermann im europäischen Bestand jedoch nur um die drei Prozent Hauspferdegene.

Przewalskis sind aggressiver als Hauspferde

Seit einigen Jahren leben Przewalski-Pferde nicht mehr nur in Zoos. Zahlreiche Exemplare wurden mittlerweile wieder ausgewildert. Das größte Reservat dieser Art befindet sich in der ungarischen Puszta. Dort leben 100 Pferde das ganze Jahr über frei. Es gibt aber auch kleinere Reservate von etwa 15 Hektar Größe wie in den Lechauen bei Augsburg, das drei junge Hengste in einer Junggesellengruppe bewohnen. Jungtiere zwischen einem und vier Jahren werden in freier Natur vom Haremshengst ausgestoßen und schließen sich dann zu einer solchen Hengstgruppe zusammen. Erst ab einem Alter von etwa sechs Jahren wagen es die männlichen Tiere, einem Haremshengst anzugreifen und ihm seine kleine Stutenherde wegzunehmen.

Bei solchen Kämpfen geht es unter Przewalski-Pferden weitaus aggressiver zu als bei verwilderten Hauspferden wie Mustangs oder Camague-Pferden. Laut Dr. Zimmermann ist das ganz natürlich: „Bei jedem Haustier wurde die Aggression weggezüchtet. Bei Wildtieren ist sie generell höher.“ In kleineren Reservaten und Zoos entsteht oft das Problem, dass ein aggressiver Hengst bestimmte Pferde davonjagt und diese ihm nicht weit genug aus dem Weg gehen können. Dabei kam es in der Vergangenheit oft zu schlimmen Verletzungen, teilweise mit Todesfolge. Vor der Gründung des EEP lösten Zoos dieses Problem, indem sie nur besonders umgängliche Hengste zur Zucht einsetzten. Dem will Dr. Zimmermann künftig entgegenwirken. „Das Aggressionspotential eines Hengstes soll in der Zucht keine Rolle spielen. Wir wollen weder einen umgänglichen, noch einen aggressiven Hengst vorziehen, sondern losgelöst von Verhaltens-Merkmalen entscheiden, welches die passenden Tiere sind.“

Steckbrief Przewalski-Pferde:

Przewalski-Pferde sind eine Unterart des Urwildpferdes, das während und nach der letzten Eiszeit in den kalten Steppen von Spanien über Mitteleuropa bis Ostasien verbreitet war. Sie werden ca. 130 bis 145 cm groß. Von den heutigen Hauspferden unterscheiden sie sich nicht nur durch ihr Erbgut sondern auch durch ihr Sozialverhalten. So leben sie in freier Natur nicht in riesigen Herden, sondern in kleinen Haremsgruppen mit Leithengst und drei bis acht Stuten zusammen. Weltweit gibt es heute etwa 1600 Tiere, davon knapp 400 in Europa.  


Quelle:

Regina Käsmayr

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