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Zucht :: Pferde-Rassen

Moyle Horse

Im Amerika des anbrechenden 20. Jahrhunderts heiratete Ranchersohn Hanson Moyle die richtige Frau. Denn als Aussteuer brachte sie eine trächtige Stute mit. Hanson kreuzte sie kurzerhand mit entlaufenen Mormonen-Hengsten und Mustangs. Heraus kam eine neue Rasse – das Moyle Horse. Erkennbar an einem kleinen Horn auf der Stirn.
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Der Handel mit dem alten Mormonen war perfekt. „Mein Urgroßvater tauschte sein einziges goldenes Schmuckstück gegen eine Zuchtstute“, erzählt Dan Moyle, Rancher auf einer abgelegenen Farm in Weiser, Idaho. In der vierten Generation züchtet Dan die gehörnten Moyle-Horses. Wobei es auf das Horn überhaupt nicht ankommt, findet Dan. „Wir haben keine Ahnung, weshalb diese Knubbel da wachsen!“ Knubbel, bitte. Oder Verwachsungen. „Hörner“, will Dan nicht hören, das klingt nach Stieren. Etwa jedes dritte Moyle Horse hat die sagenumwobenen Verknöcherungen auf der Stirn. Sie kommen bei beiden Geschlechtern vor, vermehrt jedoch bei Hengsten. Wird der Hengst kastriert, so werden die Hörnchen kleiner. Das gleiche passiert im Alter.

Dans Großmutter brachte die wertvolle Zuchtstute in trächtigem Zustand mit in die Ehe mit Hanson Moyle – und benannte sie dann auch nach ihrem Ehemann „Hanson“.

„Ride ’em hard and ride ’em long“

„Mein Großvater erkannte sofort, wie wunderbar diese Stute und ihr Fohlen waren“, schwärmt Dan. Deshalb zog er in den folgenden Jahren mehrere Fohlen aus ihr. Die Väter waren die besten Mustangs, die er finden konnte. In den 30er Jahren geschah dann ein Wunder: Hansons Sohn Rex hatte mittlerweile Ranch und Pferde geerbt, als ein ortsansässiger Mormone Hunderten seiner Pferde die Freiheit schenkte, um sie vor der Inbesitznahme der US-Cavallery zu retten. Rex organisierte sofort einen Suchtrupp und fing sieben Hengste und einige Stuten ein. Damit war die Moyle-Zucht gesichert.

Die Gemeinsamkeit dieser sieben Gründerhengste waren die knöchernen Verkalkungen auf der Stirn. „Wir nehmen an, dass die Knubbel ein Erbe spanischer, russischer oder chinesischer Pferde sind“, sagt Dan. Genau weiß es keiner. Fest steht aber, dass die Mormonen-Pferde auf Zähigkeit und Ausdauer gezüchtet wurden, um den Reitern des Pony-Expresses im Wilden Westen gute Dienste zu leisten. Und in genau diese Richtung züchtete Rex weiter. „Ride ’em hard and ride ’em long“, war sein Motto. Wer das nicht aushielt, taugte nicht für die Zucht und wurde notfalls an die Nerze verfüttert, die Rex ebenfalls züchtete.

„Unsere Pferde sind zäh und gesund“, sagt Rex’ Sohn Dan über das Zuchtziel. „Viele davon haben cow-sense. Man kann mit Ihnen alles machen, was man will: Ranch-Arbeit, Roping, Distanzreiten, Fahren, Springen und sogar Dressur. Sie sind absolute Ein-Mann-Pferde, die für Ihren Besitzer durchs Feuer gehen!“

Einhörner im Distanzsport

In den Jahren vor seinem Tod 1993 ließ Rex wissenschaftliche Studien über seine Pferde durchführen. Bei der Sezierung einiger Moyle-Horses stellte sich heraus, dass sie durchschnittlich 54 Prozent rote Muskelmasse hatten. Die untersuchten Quarterhorses und Vollblüter hingegen wiesen durchschnittlich nur 48 Prozent auf. Rote Muskeln machen einen Sportler ausdauernd, jedoch nicht schnell. Weiße Muskeln zeichnen einen typischen Sprinter aus.

Kein Wunder also, dass in den 60er bis 80er Jahren Moyle Horses die vorherrschende Rasse in der 100-Meilen-Distanz-Szene waren. „Es gab keine anderen Pferde, die so stark, gesund und hart waren“, erinnert sich Amerikas bekannteste Moyle-Reiterin Becky Siler. „Moyles kennen keine Krankheit, keine Kolik und auch keine Hufrehe wie all die überzüchteten domestizierten Pferde. Sie sind außerdem wahnsinnig gut in den Bergen. Von diesen Pferden kommt nicht eine einzige Beschwerde!“ Dennoch verdrängte der moderne Araber die Moyles immer mehr. Das Araber-Herz erholt sich noch schneller, auch im Speed stechen sie die Moyles aus. „Die wenigen, die immer noch Moyle Horses vorziehen, stehen eben einfach auf die Rasse und wollen einen zuverlässigen Kumpel, der sie über tausende von Meilen und viele Jahre begleitet.“

Becky, die hauptberuflich 75 Pferde auf der Walt Disney World’s Tri-Circle-D Ranch in Orlando betreut, reitet ihren 14-Jährigen Moyle Miles trotzdem immer wieder an die Spitze, auch gegen Araber. „Wir haben zusammen über 6000 Meilen hinter uns gebracht“, sagt sie stolz. Mit ihrem zweiten Moyle-Wallach Eli tritt sie gelegentlich auf Rodeos auf. „Berittenes Cowboy-Schießen“ nennt sich ihre Show. Außerdem nehmen die beiden erfolgreich am Cattle Penning teil, einer Western-Disziplin, bei der Kühe in einen Pferch getrieben werden.

Keine Moyles in Deutschland

Moyle Eli stammt wie fast alle Pferde dieser Rasse direkt aus der Moyle-Zucht in Idaho. Dort grasen laut Dan zurzeit etwa 100 Pferde, meist völlig wild auf 100 Quadratkilometern. Dans Hauptaufgabe besteht darin, die Pferde so zu sortieren, dass keine Inzucht passiert. Seit dem Tod seines Vaters Rex ist die Population ziemlich geschrumpft. Neben den Tieren auf der Farm leben noch etwa 100 bis 150 weitere in „Privatbesitz“. Während Rex seine Pferde in ganz Amerika verkaufte, gibt Dan die ausgereiften Dreijährigen meist direkt aus der Herde in die Hände von Freunden oder alten Bekannten.

Vor einigen Jahren habe er ein Tier in die Arabischen Emirate verkauft, erinnert sich Dan. „Nach Deutschland … nein, dahin noch nie.“ Denn auch hier hat mittlerweile der Araber Einzug gehalten. Die Kader-Reiterin Belinda Hitzler aus dem bayerischen Dillingen ritt mit ihren Arabern und Partbred-Arabern bis auf Platz eins der Weltrangliste. Von Moyle Horses hat sie noch nie etwas gehört. „Natürlich würde ich mich dafür interessieren“, sagt sie, denkt aber auch, dass keine andere Rasse dem Araber das Wasser reichen kann, was Härte und Schnelligkeit angeht. Ihre Pferde sind entweder selbst gezüchtet oder stammen aus einer bekannten Zucht in Frankreich. Ebenso die ehemalige Deutsche Vizemeisterin im Distanzreiten, Marianne Hähnel. „Ich teste alle Pferde, vom Pony bis zum Warmblut, um zu sehen, ob sie für den Distanzsport geeignet sind. Mein Interesse würde aber nie so weit gehen, dass ich mir ein Moyle Horse kaufen würde und aus den USA einfliegen lasse. Wir züchten unseren Nachwuchs selbst.“ Auch in diesem Stall stehen Arabische Vollblüter, Asil-Araber, Shagyas und Arabo-Haflinger.

Dan Moyle kümmert das nicht. In Idaho weht immer noch ein anderer Wind. Einer der nach Kühen und unendlicher Weite riecht. Kein Araber weit und breit. „Es reicht doch, dass ich selbst genug dieser tollen Tiere zum Reiten habe“, findet Dan. „Eigentlich ist es mir egal, ob noch irgendwer sonst welche hat!“

Steckbrief:

Name: Moyle Horse

Größe: 143 bis 160 cm

Farben: Füchse, Braune, Falben, keine Schecken

Exterieur: Länglicher Kopf mit ein oder zwei kleinen Hörnchen, kurzer Rücken, breite Brust, trockene Beine mit klaren Gelenken und steinharten Hufen.

Interieur: Ausdauernd, gesund, unermüdlich, leistungsbereit, neugierig, Ein-Mann-Pferde

Einsatz: in erster Linie Vieharbeit, Distanz- und Wanderreiten

 


Quelle:

Regina Käsmayr 

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