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Western-Modehengste: „Es geht nur noch um den Hype!“

Immer mehr Pferdefachleute beklagen eine einseitige Hengstauswahl bei den Stutenbesitzern. Der „Run auf wenige Spitzenhengste“ bringe zum Teil unbefriedigende Ergebnisse hervor. Gut verkäuflich sind die Fohlen trotzdem – wegen des Namens im Papier.
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trottingheaddownIn der Western-Sportpferdezucht mit Quarter oder Paint Horses ist die Bedeckung  mit Gefriersamen weit verbreitet. Verschiedene Anbieter wie „Frozen-Partners“ bieten nahezu ausschließlich Gefriersamen von Hengsten aus den USA. Darunter aktuelle Spitzenhengste aber auch einige interessante Newcomer oder Out-cross-Blutlinien. Immer wieder, wenn  Kunden in Bezug auf die Hengstauswahl beraten werden, wird klar, was die Stutenbesitzer wollen: „Es gibt einen Run auf wenige bekannte Spitzenhengste“. Dieses Vorgehen führt aber nicht unbedingt immer zu optimalen Zuchtergebnissen.

Viele Hobbyzüchter entscheiden sich für einen solchen Hengst, weil ihnen dessen Pedigree, Zeichnung oder Leistung gefällt und weil sie wissen, dass ein solcher Name im Papier das Fohlen gut verkäuflich macht. Oft käme unter Umständen aber mit einem anderen Hengst am Ende etwas Besseres heraus. Deshalb sollte bei der Hengstauswahl zur „Ur-Entscheidung des Züchters“ zurückgegangen werden, in der die Parameter (Gebäude, Bewegung, Verhalten, Umgang, Trainierbarkeit, Leistung, Erfolge) der Stute mit der des Hengstes verglichen werden. Der Hengst soll ja die Nachkommen der Stute ‚bessermachen’, also sollte er in den schwachen Bereichen der Stute in jedem Fall besser sein.

Mängel werden übersehen

Auf lange Sicht blieben durch die einseitige Auswahl viele gute aber unbekannte Hengste auf der Strecke und die genetische Vielfalt innerhalb der Rasse verringere sich. Das findet auch Henrike Garcke von der Triple-D-Ranch im brandenburgischen Wiesenburg. Die Pferdewirtschaftsmeisterin züchtet mit Foundation-Blutlinien und hat echte Probleme damit, ihre vier Deckhengste erfolgreich zu vermarkten. Und das obwohl deren Nachzucht zum Teil sehr erfolgreich im Turniersport läuft. „Bei den Quarter Horses gibt es immer wieder diese Modehengste aus Amerika. Da wird nicht mehr darauf geachtet, ob diese Pferde Mängel haben, ob sie Taubheit vererben oder überhaupt zu der Stute passen. Es geht nur noch um den Hype. Ich finde, dass sich das in den letzten Jahren zugespitzt hat.“

Ihre eigenen Hengste stehen allesamt im soliden alten Typ. Mit den Bewegungen der heutigen Pleasure- und Reining-Champions können sie nicht mithalten. Aber in punkto Gebäude, Gesundheit und Charakter sind sie ganz vorne dabei. Und bei guter Ausbildung auch auf Turnieren erfolgreich. Aber das sehen nur die wenigsten potentiellen Kunden, vor allem im Winter, wenn die ganzjährig draußen gehaltenen Hengste einen dicken Zottelpelz tragen.

Spezialisten-Zucht

Insgesamt habe die Quarter-Horse-Zucht eine Wendung in Richtung Sportreiterei eingeschlagen, die die Züchterin bedenklich findet. „Wir bringen nur noch Spezialisten hervor, die durch ihre Bewegungen auf Turnieren in bestimmten Klassen Erfolg haben. Viele davon haben extreme Stellungsfehler oder sind so groß wie Warmblüter. Warum müssen wir aus unserem ursprünglichen, gesunden Quarter Horse unbedingt ein krankes, leistungsfähiges Pferd machen?“, beklagt sie.

Züchterin Karin Meyer-Reike aus Celle sieht nicht ganz so schwarz für die Rasse. „Die große Bandbreite der Pferde bringt zwar auch eine breite Variation in dem Typ des Quarter Horses mit, was von einigen als negativ angesehen wird, aber es bringt eben auch die Chance für die Rasse mit, auf das Bewährte aus den anderen Bereichen zurückgreifen zu können. Und so wird man immer wieder auch die Chance haben, eventuelle Schwächen des Pferdes (z.B. schlechtes Fundament) ausgleichen zu können, da in anderen Bereichen genau hierauf ein größeres Augenmerkt gelegt wurde.“

Je nachdem, worauf ein Stutenbesitzer aus ist, achte er auf ganz unterschiedliche Dinge. So würden Züchter mit dem Käuferkreis „Futurity-Reiter“ eher mit Hengsten aus diesen Bereichen züchten. Wer vorwiegend an Freizeitreiter verkaufe, greife eher zu einem Hengst mit besonders gutem Charakter.

Nicht jeder übernimmt Verantwortung

„Aber es ist richtig, dass derzeit ein regelrechter Run auf bestimmte Hengste besteht“, räumt Karin Meyer-Reike ein. „Da liegt natürlich der Verdacht nahe, dass nicht jeder Stuteneigentümer sich mit einer verantwortungsvollen Auswahl des Hengstes für seine Stute auseinandersetzt. Aber dies nur durch den Run auf bestimmte Hengste nun allen Züchtern, die diese Hengste nutzen, zu unterstellen, wäre genauso falsch wie die reine Auswahl eines Zuchthengstes nur nach Papier oder nur nach bestimmten Erfolgen!“

Züchten: Für den Markt oder für mich?

Modehengste gibt es nicht nur im Westernbereich, sondern auch bei den Warmblutpferden. Gerd Sielemann, der in Asbach-Hussen Deutsche Warmblüter züchtet, findet zwar, dass der Trend in den letzten Jahren eher zur breiter aufgestellten Hengstauswahl ging. Dennoch sagt auch er: „Es kommt darauf an, ob ich für den Markt züchte oder für mich.“ Passt beispielsweise ein Hengst gut zu seiner Stute, liegt aber nicht im Trend, so ist ihm klar, dass das Fohlen schwer verkäuflich sein wird. „Die Namen im Papier haben eben schon einen großen Stellenwert.“ In dem Fall bleibt dem Züchter nur eines übrig: Das Fohlen zu behalten, turnierfertig zu machen und erste Erfolge einzuheimsen. Dann hat er bewiesen, dass seine Anpaarung sinnvoll war und kann das Pferd verkaufen.

Nach diesem Rezept geht auch Henrike Garcke vor, wenn sie die Fohlen ihrer Foundation-Hengste an den Mann bringen will. Neben einigen Stammkunden in Portugal und Dänemark, sind die eigenen Stuten die besten Kunden. Die Fohlen werden zwischen Hunden, Kindern und Playdays groß und bekommen später eine ausgiebige Grundausbildung, bevor es aufs Turnier geht. Wer dann erkennt, wie klar und rittig die Pferde sind, schlägt auch ohne den Modehengst im Papier zu. Ändern will die Züchterin in Zukunft nichts an ihrem Konzept. „Zucht ist eine Riesen-Verantwortung“, sagt sie. „Wir spielen dabei ein bisschen Gott. Dessen sollte man sich bewusst sein.“ Und nichts in die Welt setzen, wofür man nicht geradestehen kann.


Quelle:

Regina Käsmayr