1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars

Wenn die Stute stirbt: Alles über Kolostralmilch und Ammenstuten

Wenn eine Stute bei der Geburt stirbt, ist ihr Fohlen ebenfalls in Lebensgefahr. Um im Notfall schnell helfen zu können, sollte jeder Züchter wissen, wo es Kolostralmilch und Ammenstuten gibt. Interview mit Ulrike Castle vom Gestüt Isarland, die mit ihrem Ammendienst schon vielen notleidenden Fohlen geholfen hat.
Grenzen Sie ihre Suche auf dem Gebiet Fohlen-Management ein. Mit einem Suchbegriff liefert unsere Datenbank Fachbeiträge zu diesem Thema an.

Die Quarabstute Monas June Power mit ihrem Palomino Stutfohlen von Hot Power Shot (Quarter Horse)Barnboox: Warum ist Kolostralmilch so wichtig?

Castle: Der Organismus des neugeborenen Fohlens ist selbst noch nicht in der Lage, Antikörper zu bilden. Es hat also keine eigene Immunabwehr. Über die Kolostralmilch erhält es neben Eiweißen, Vitaminen und Mineralstoffen auch die Antikörper der Mutter. Das macht das Fohlen weniger anfällig für Infektionen. Außerdem hilft das Trinken der Biestmilch beim Abgang des so genannten Darmpechs. Das ist der erste Kot, den das Fohlen nach seiner Geburt absetzt.

Barnboox: Was passiert, wenn es keine Kolostralmilch bekommt?

Castle: Es ist sehr viel anfälliger für alle Fohlenerkrankungen und Infektionskrankheiten. Gesundheitliche Probleme, auch lebensgefährdende, sind dann vorprogrammiert. Deshalb sollte man grundsätzlich bei jedem Fohlen im Zeitraum zwischen 16 und 24 Stunden nach der Geburt durch eine Blutprobe überprüfen lassen, ob die Qualität und Quantität der Biestmilch in Ordnung war.

Barnboox: Wie viel Zeit hat man, um die Milch aufzutreiben?

Castle: Eigentlich sollte das Fohlen die erste Kolostralmilch in den ersten zwei Stunden nach der Geburt erhalten. Bis 36 Stunden lang kann es die enthaltenen Abwehrstoffe über die Darmwand aufnehmen. Danach hat man nur noch die Chance, Antikörper direkt über eine Blutplasmaübertragung zuzuführen. Das ist aber nicht ungefährlich und kann beim Fohlen auch einen anaphylaktischen Schock verursachen. Besser ist, sich an einen Fohlennotdienst, den Tierarzt oder größere Betriebe in der Nähe zu wenden, um Kolostralmilch zu bekommen. Trinkt das Fohlen nicht aus der Flasche und die Zeit läuft davon, so kann der Tierarzt die Milch auch über eine Sonde direkt in den Magen verabreichen.

Barnboox: Gibt es irgendeinen sinnvollen Ersatz für Biestmilch?

Castle: Es gibt künstliche Ersatzprodukte. Darin sind Antikörper enthalten, aber keine stallspezifischen, das Fohlen hat also nur begrenzten Schutz und der Gehalt der Antikörper im Blut des Fohlens sollte auf alle Fälle anschließend auch überprüft werden.

Barnboox: Könnte man das Fohlen auch bei der toten Stute trinken lassen oder diese abmelken?

Castle:
Nein, das ist nicht möglich. Wenn allerdings abzusehen ist, dass es der Stute schlecht geht und sie vielleicht sterben muss, dann sollte man noch möglichst viel abmelken und das dem Fohlen verabreichen. Sehr zu empfehlen ist, sich in jedem Fall einen Kolostrumvorrat anzulegen, wenn man züchtet. Es kann auch ohne den Tod einer Stute für ein Fohlen benötigt werden, z.B. wenn die abfohlende Stute minderwertiges oder wenig Kolostrum hat.

Dazu melkt man bei einer Stute mit guter Kolostrumqualität (keine Erstabfohlende!) eine der beiden Euterhälften aus und lässt anschließend das Fohlen normal an seiner Mutter trinken. Die Milch gibt man durch ein Teesieb und friert sie ein. So kann man einen Vorrat an Kolostralmilch anlegen, der mindestens zwei Jahre lang haltbar ist.

Barnboox: Wie geht es danach weiter? Raten Sie betroffenen Pferdehaltern eher zu einer Ammenstute, zum Fohlenhof oder zur Aufzucht mit der Flasche?

Castle:
Die beste Wahl ist sicher eine Ammenstute, die das verwaiste Fohlen mit Milch versorgt und ihm das so wichtige Sozialverhalten beibringt. Zweitbeste Variante ist ein Fohlenhof, wo es zumindest Spielkameraden gibt. Die Aufzucht mit der Flasche durch den Pferdehalter ist eine immense Arbeitbelastung, weil man in den ersten vier bis sechs Wochen jede Stunde tränken muss, danach alle zwei Stunden. Außerdem besteht dabei die Gefahr, dass das Fohlen auf den Menschen gepolt wird. Das gibt später Probleme mit dem Sozialverhalten in der Herde und gegenüber dem Menschen.

Barnboox: Wie kann man da vorbeugen?

Castle:
Man sollte so schnell wie möglich von der Flasche auf eine Schüssel umsteigen, aus der das Fohlen alleine trinken kann. Ansonsten besteht noch die Möglichkeit in der Nähe einer braven Stute zu tränken, damit beim Fohlen zumindest der Anschein erweckt wird, es werde von einem Pferd gesäugt. Das machen wir auch bei Stuten, deren Milch vorübergehend versiegt ist, wir reichen die Flasche unter dem Bauch einer braven Stute durch.

Barnboox: Worauf muss man beim Füttern mit der Flasche achten?

Castle:
Die Flasche muss nach jedem Tränken ausgekocht werden. Milchreste kann man später zwar noch einmal aufwärmen, aber sie dürfen nicht so lange in der Flasche bleiben. Die Temperatur der Milch sollte etwa gleich sein wie bei einem menschlichen Baby. Um sie zu überprüfen hält man sich die Flasche nach dem Aufwärmen entweder ans Augenlid oder an tropft sich etwas auf eine Vene am Handrücken. Das sollte sich angenehm warm anfühlen. Wir benutzen normale Babyflaschen mit einem Nuckel für Schafe. Einen speziellen Pferde-Nuckel gibt es nicht. Man kann auch einfach das Loch in einem Babynuckel mit einer Nähnadel etwas vergrößern.

Barnboox: Können Fohlen gleich auf Anhieb aus der Flasche trinken?

Castle:
Nein. Viele wollen den Gumminuckel gar nicht ins Maul nehmen. Das braucht viel Geduld. Das vorherige Benetzen des Nuckels mit Milch bringt es schneller auf den Geschmack. Hilfreich ist auch, ein paar Tropfen der Flüssigkeit seitlich ins Maul rinnen zu lassen, damit das Fohlen auf den Geschmack kommt, aber unter keinen Umständen so, das das Fohlen sich verschlucken könnte. Grundsätzlich ist es wichtig, dass das Fohlen beim Trinken seine natürliche Trinkhaltung mit langem Hals einnehmen kann. Deshalb sollte man sich zum Füttern seitlich neben das Tier stellen und den Arm mit der Flasche in der richtigen Höhe nach vorn ausstrecken.

Barnboox: Welche Stuten eignen sich als Ammen?

Castle:
Das hängt von vielen Faktoren ab. Umso zeitnaher der Verlust des eigenen Fohlens ist, umso größer ist die Chance, dass die Stute ein anderes Fohlen akzeptiert. Hat eine erstgebärende Stute ein totes Fohlen zur Welt gebracht, so eignet sie sich nicht als Amme, da sie noch keine Muttergefühle entwickeln konnte. Dann ist das natürlich eine Charakterfrage. Es gibt Stuten, die auch andere Fohlen in ihre Nähe lassen und solche, die nach jedem fremden Fohlen treten und daher ungeeignet sind. Auch bestimmte Rassen wie u.a. Haflinger, Tinker und Isländer eignen sich erfahrungsgemäß besser als andere. Die Größe der Stute ist nicht so entscheidend – außer es handelt sich um ein sehr kleines Pony.

Barnboox: Wie hoch ist die Chance, dass die Amme das Fohlen annimmt?

Castle:
Schwer zu sagen. Aber geschätzt etwa 70 Prozent. Das kommt auch auf die Erfahrung der Menschen an, die die beiden Tiere miteinander vertraut machen.

Barnboox: Wie genau läuft so etwas ab?

Castle:
Die ersten drei Tage und Nächte müssen Sie als Fohlenbesitzer komplett zur Verfügung stehen. Da müssen Sie immer dabei sein. Im besten Fall – aber das ist selten –  wiehert die Stute und nimmt das Fohlen sofort an. Wahrscheinlicher ist aber, dass Sie die ersten Trinkversuche mit drei Helfern unterstützen müssen. Einer trenst die Stute auf und bleibt am Kopf stehen. Er hält den Kopf, lobt und tadelt die Stute mit der Stimme, je nachdem, welches Verhalten sie zeigt. Ein anderer Helfer steht auf der Seite des Fohlens an der Hinterhand und legt die Hand auf die Flanke der Stute, damit sie nicht gleich versucht ist, nach dem Fohlen zu treten. Der dritte Helfer hebt den Vorderfuß der Stute auf.

Barnboox: Dann lässt man das Fohlen einfach drauflos?

Castle:
Man sollte vorher dafür sorgen, dass es zwar etwas hungrig ist, aber nicht völlig ausgehungert. Sonst stößt es der Stute zu stark ins Euter und macht sie dadurch unleidlich. Lassen Sie die Stute erst am Fohlen schnuppern. Wenn diese erste Begegnung friedlich verläuft, führen Sie es ans Euter. Einer muss es dabei halten. Es sollte nicht frei in der Box herumlaufen. Anschließend kommt das Fohlen in der Nachbarbox, idealerweise mit Sicht- und Schnupperkontakt oder es bleiben genügend Personen zum Schutz mit in der Box.

Barnboox: Und wenn die Stute ablehnend reagiert?

Castle:
Im Notfall kann man bei den ersten Versuchen eine Nasenbremse einsetzen oder sie sogar leicht sedieren lassen. Innerhalb der ersten drei Tage entscheidet sich dann, ob die Stute das Fohlen annimmt. Bleibt die Stute zwar noch unfreundlich, aber mit sich stetig in kleinsten Schritten verbesserndem Verhalten, so wird sie das Fohlen wohl irgendwann annehmen. Wenn sich ihr Verhalten aber bei jedem Trinkvorgang eindeutig verschlechtert, klappt es nicht und man sollte abbrechen.

Barnboox: Kann man die Akzeptanz der Stute fördern?

Castle:
Ja. Der beste Trick ist das Einreiben des Fohlens mit der Nachgeburt. Der Geruch von Fruchtwasser weckt Muttergefühle in der Stute, auch wenn es nicht ihr eigenes ist. Außerdem kann man dem Fohlen seinen „fremden“ Geruch nehmen, indem man beide Tiere mit dem Kot oder Urin der Stute einreibt. Wir benutzen manchmal auch Kampfer, weil sein Geruch alles andere überdeckt.

Barnboox: Wann kommt der Punkt, wo Stute und Fohlen miteinander allein gelassen werden können?

Castle:
Die Stute sollte während der ganzen Gewöhnungsphase immer wieder aus der Box geführt und bewegt werden, damit sie sich wohl fühlt. Wenn es so weit ist, dass sie dem Fohlen deutlich freundlicher gegenübertritt, so können beide miteinander auf dem Paddock spazierengeführt werden. Dazwischen sollte anfangs noch ein Mensch gehen. Später kann das Fohlen frei laufen. Oft passiert es dann, dass das Fohlen übermütig weggaloppiert. Wenn die Stute dann wiehert und es zurückruft, haben Sie gewonnen.

Barnboox: Woran erkenne ich, ob ich alles richtig mache und mein verwaistes Fohlen gut gedeiht?

Castle:
Wenn Sie eine Amme haben, erkennen Sie es daran, dass die Stute das Fohlen angenommen hat und regelmäßig säugt. Wenn Sie es mit der Flasche aufziehen, sollten Sie in den ersten Tagen alle paar Stunden den Halsfaltentest machen: Dazu ziehen Sie die Haut am Hals in Falten und lassen sie wieder los. Ist das Fohlen ausreichend mit Flüssigkeit versorgt, so geht die Haut sofort zurück in ihre Ausgangslage. Bei einem dehydrierten Fohlen ist die Falte noch einige Sekunden sichtbar. Dann braucht es wahrscheinlich eine Infusion vom Tierarzt. Als Grundregel könnte man sagen: Wenn Sie es schaffen, dass Ihr Fohlen jede Stunde brav säuft, sind Sie auf dem richtigen Weg.

Barnboox: Vielen Dank für das Gespräch


Quelle:

Regina Käsmayr
Bild: Roberto Robaldo