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Jungpferdeaufzucht – Gute Kinderstube

Wie sieht die ideale Jungpferdeaufzucht aus? Sollte man Pferdekinder frühzeitig an den Menschen gewöhnen oder doch besser ganz in Ruhe lassen? Welches sind die wichtigsten Faktoren, die eine gute Kinderstube braucht? Auf viele Fragen, die im diesem Zusammenhang auftauchen, hat jeder Praktiker eine eigene Antwort.
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sv101702Allerdings plädieren erfahrene Züchter, Ausbilder und nicht zuletzt namhafte Tierärzte und Verhaltensforscher für eine Kindheit und Jugend, in der der Nachwuchs in erster Linie Pferd sein darf, in der es im sozialen Verbund der Herde durch diese erzogen wird. Sie behaupten und können belegen, dass diese Jungpferde sich Menschen gegenüber später nicht etwa angstvoll verhalten, sondern respektvoll und neugierig, dass sie gesünder heranwachsen, eine hohe Lebensqualität genießen und weniger häufig frühzeitig „verbraucht“ aus ihrem Berufsleben ausscheiden.

Was brauchen junge Pferde?

Die sachgerechte Gestaltung der Haltungsbedingungen beginnt bereits mit der Wahl eines optimalen Decktermins. Im Winter oder Vorfrühling geborene Fohlen verbringen oft die so wichtigen ersten Lebensmonate in der Box bei ihrer Mutter, ohne ausreichende Bewegungsmöglichkeiten oder Sozialkontakte. Nicht nur die psychische Entwicklung wird dadurch negativ beeinflusst, auch die Reifung des Organismus leidet. Durch die mangelnde Bewegung wird kaum Energie verbraucht, es kommt leicht zum Fettansatz.

Liegt der Decktermin günstiger, kann das Fohlen schnell mit der Stute auf die Weide entlassen werden oder wird sogar auf der Weide geboren. Zudem profitiert die Stute vom gehaltvollen ersten Aufwuchs – und durch die dementsprechend gute Milchbildung auch das Fohlen. Der Nachwuchs hat ausreichend Gelegenheit, Muskulatur, Skelett, Wärmeregulationsmechanismen, Kreislauf und nicht zuletzt seine soziale Intelligenz zu trainieren. Durch die ausreichende Bewegung wird so viel Energie verbraucht, dass es zu keinem nennenswerten Fettansatz kommt.

Absetzer und Jungpferde verbringen im Idealfall den Sommer auf der Weide, die Wintermonate in Offenställen oder Laufställen. Ställe und Weiden sollten so gestaltet sein, dass die Jungpferde ihrem natürlichen Bewegungsbedürfnis nachgehen können: Langrechteckige Weiden und Ausläufe laden eher zu Laufspielen ein als quadratisch angelegte, ein abwechslungsreiches Gelände fördert Trittsicherheit und Aufmerksamkeit, weite Wege zwischen Tränke, Futterplatz und Unterstellmöglichkeit oder Liegefläche zwingen zu regelmäßiger Bewegung. Vor einer Aufstallung in Einzelboxen ist abzuraten, da die mangelnden Bewegungsmöglichkeiten und fehlenden Sozialkontakte zu Problemen in der physischen und psychischen Reifung führen. Jungpferde in Boxenhaltung neigen zur Verfettung und leiden besonders unter intensiver Fütterung, da sie aufgrund der stark eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten und -anreize kaum tragfähige Muskulatur entwickeln, artgerecht in der Gruppe aufgezogene Pferde dagegen werden auch bei eher gehaltvoller Fütterung nicht verfetten. Abgesehen davon ist die Einzelhaltung von Pferden auch aus tierschützerischer Sicht nicht nur bei Jungpferden äußerst problematisch.

Schöner wohnen

Es gibt ihn nicht, den einen, idealen Kindergarten für Fohlen, Absetzer und Jungpferde. Zu verschieden sind die lokalen Gegebenheiten, zu unterschiedlich die Wünsche und Ansprüche der Züchter und Aufzüchter, zu individuell auch die Persönlichkeiten der Pferde. So muss Raum für Lösungen sein, die ganz auf die jeweiligen Verhältnisse zugeschnitten sind. Immer aber haben Pferde jeden Alters dieselben Grundbedürfnisse nach Licht (natürliches Sonnenlicht), Frischluft, Bewegung und der Gesellschaft von Artgenossen. Diese Bedürfnisse gelten im besonderen Maße für junge Pferde, die in der Entwicklung stehen. An Körper und Seele gesunde Pferde wachsen nur heran, wenn ihre arttypischen Bedürfnisse langfristig erfüllt werden. Dies ist vor allem dann möglich, wenn der Aufzüchter die Haltung im Herdenverband, auf weitläufigen Weiden und in großzügigen Offenstallanlagen praktiziert.

Der im kleinen Rahmen züchtende Pferdefreund entschließt sich aus nachvollziehbaren Gründen oft dazu, Stute samt Fohlen oder spätestens den Absetzer auf einem größeren Gestüt aufzustallen, um so dem Nachwuchs eine artgerechte Aufzucht zu ermöglichen. Ein guter und im Sinne des Pferdes positiver Entschluss, denn:

  • die Überwachung der hochtragenden, gebärenden und laktierenden Stute durch ein qualifiziertes Team ist gewährleistet und bei Problemen ist schnelle Hilfe durch erfahrene Hände möglich
  • das Fohlen wird direkt in einen Herdenverband hinein geboren und lernt von der ersten Lebensminute den Umgang mit gleichaltrigen (Fohlen) und älteren (fremde Stuten) Artgenossen
  • große Gestüte verfügen in der Regel über weitläufige Stallungen und Weiden, was dem Bewegungsbedürfnis der jungen Pferde entgegen kommt und kräftige, gesunde Pferde heranwachsen lässt
  • eine sachgerechte Fütterung ist gewährleistet und der gesamte Umgang mit dem jungen Pferd, insbesondere Vorgänge wie Hufpflege, Entwurmen oder der Transport ist von Erfahrung und Sorgfalt gekennzeichnet
  • das Absetzen verläuft wesentlich weniger dramatisch für das junge Pferd, da es in der Gemeinschaft seiner gleichaltrigen Freunde verbleiben kann
  • oft können später erste Ausbildungsschritte vom Gestüt übernommen werden und auch die Grundausbildung kann durch das Gestüt geleistet werden, da viele Züchter ihre Pferde vor allem angeritten vermarkten

Was Hänschen nicht lernt …

Junge Pferde vom Fohlenalter bis zum Beginn des „Berufslebens“ sind in besonderem Maße auf eine möglichst artgerechte Gestaltung ihres Lebensumfeldes angewiesen. Versäumnisse in dieser Zeit sind ausnahmslos nicht wieder gut zu machen. Richtiges Management bedeutet deshalb, bei aller Sorgfalt junge Pferde in den ersten Lebensjahren einfach nur Pferd sein zu lassen, immer vorausgesetzt, es steht regelmäßig zumindest indirekt im Kontakt mit Menschen: Als Futter-Bringer und Auf-frische-Weide-Umtreiber, als freundlich sprechendes, im Notfall hilfreich eingreifendes Lebewesen, das Interesse weckt und nicht als Fremdkörper begriffen wird, aber eben auch nicht als sozial gleichgestellt. Das Pferd verhält sich dem Menschen gegenüber respektvoll, neugierig und aufgeschlossen. Respektvoll, weil es überhaupt nicht auf die Idee kommt, den Menschen wie einen Artgenossen zu behandeln; neugierig, weil Pferde von Natur aus über ein ausgeprägtes Erkundungsverhalten verfügen und keine schlechten Erfahrungen der Vergangenheit das junge Pferd negativ beeinflussen; aufgeschlossen, wenn der Mensch sich vom ersten Moment der Ausbildung an als Freund und verlässliche Führungspersönlichkeit etabliert.

Viele namhafte Zuchtbetriebe praktizieren einen sinnvollen Mix aus artgerechten Aufzuchtbedingungen und Erziehung, nicht in Form von Kinderarbeit, sondern als Pferde-Kindergarten. Sie lassen ihre Nachzucht im Herdenverband, in großzügigen Offen- oder Laufställen und auf der Weide aufwachsen, lernen sie jedoch auch frühzeitig an und lassen sie Bekanntschaft mit Halfter und Putzzeug, mit dem Geführtwerden und Geputztwerden schließen. Sie hüten sich davor, junge Knochen und junge Psychen durch Überforderung – körperliche wie seelische – kaputt zu machen.

Kinderarbeit

Namhafte Verhaltensforscher und Praktiker warnen davor, sich zu früh und zu intensiv in das Leben eines Fohlens einzumischen. Insbesondere die unter dem Begriff „Imprinttraining“ bekannte Methode des US-amerikanischen Tierarztes Miller ist äußerst umstritten. Dabei muss das neugeborene Fohlen unter Zwang dulden, vom Menschen überall angefasst und gehalten zu werden. Ziel dieser Methode ist es vor allem, dem Pferd so die Angst vor Manipulationen, wie sie etwa bei medizinischen Eingriffen nötig sind oder beim Auftrensen und Satteln vorkommen, zu nehmen, allerdings wird zudem angestrebt, das Pferd auch auf den Menschen zu prägen.

Unter „Prägung“ versteht man einen verhaltensbiologischen Vorgang, bei dem, vereinfacht gesagt, das Fohlen durch Sinneseindrücke seine Mutter und damit seine eigene Art kennenlernt. Prägung ist ein irreversibler Vorgang; einmal gelernt, kann die Prägung nicht mehr beeinflusst werden. Sie ist beim Pferd ein Lernvorgang, der nur in einem extrem kurzen Zeitfenster von etwa einer halben Stunde bis zu wenigen Stunden möglich ist. Wird das Fohlen in dieser sensiblen Phase in der von Miller propagierten Weise solchen erheblichen Manipulationen unterworfen, kann die Mutter-Kind Prägung gestört werden; diese Störung hat dann schwerwiegende Auswirkungen auf sein gesamtes Sozialverhalten.

Von dieser in Fachkreisen durchaus umstrittenen Methode zu trennen sind Erziehungs – und Ausbildungsansätze. Wenn das junge Pferd artgerecht aufwächst, kann und darf es auch frühzeitig auf altersgerechte Weise einer gewissen Basiserziehung unterzogen werden: Die Gewöhnung an das Halfter, einfaches Führen, Anbinden, Putzen und Hufpflege lernt es anfangs an der Seite von Mama, nach dem Absetzen auch alleine. Wann ein Jungpferd „richtig“ gearbeitet werden kann, ohne Schaden zu erleiden, lässt sich pauschal nicht beantworten. Oft müssen Kompromisse geschlossen werden, wenn etwa der Nachwuchs auf einer Schau oder zur Körung vorgestellt werden soll. Auch ist Arbeit nicht gleich Arbeit – es kommt eben nicht nur auf das „wann“, sondern auch auf das „wie“ und das „was“ an.

Prinzipiell lässt sich sagen, dass Pferde dann reif für erste Belastungen sind, wenn ihr Größenwachstum weitgehend abgeschlossen ist. Warmblüter können mit etwa drei Jahren, Urponyrassen wie der Isländer mit ungefähr viereinhalb Jahren angeritten werden. Etwa ein halbes Jahr vor der Arbeit unter dem Sattel kann damit begonnen werden, die Pferde systematisch an der Hand auszubilden.

Es erweist sich als langfristig äußerst günstig, wenn die jungen Pferde nach einer ersten Arbeitsphase von etwa sechs bis zwölf Wochen für ein paar Wochen oder Monate noch einmal Urlaub in der Herde erhalten, damit sie das bisher gelernte körperlich und psychisch verdauen können. Das Training junger Pferde sollte nicht nur ihre körperliche Unreife, sondern auch ihre geringe Konzentrationsspanne berücksichtigen und deshalb Zeitspannen von zwanzig bis höchstens dreißig Minuten, zu Beginn auch wesentlich weniger, nicht überschreiten. Jungpferde, die bereits im Alter von Absetzern intensiv angeleitet werden, stumpfen unweigerlich ab, verlieren ihre Gehfreudigkeit, oft auch ihre Lebensfreude. Sie sind dann besonders „brav“ …

Was spielt es schon für eine Rolle, ob ein Pferd mit zweieinhalb, drei oder gar dreieinhalb Jahren angeritten wird, wenn man diese kurze Wartezeit der gesamten Lebensdauer und vor allem der Lebensqualität gegenüberstellt!


Quelle:

Angelika Schmelzer
Bild: Katarinenhof