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Intelligentes Lernen oder Imprinttraining?

Die ersten Minuten und Stunden eines neugeborenen Fohlens sind entscheidend für sein ganzes Leben. In dieser sensiblen Lebensphase findet ein irreversibler Lernvorgang statt, der später wie angeboren erscheint und unwiderruflich verankert ist. Man nennt diese Form des Lernens „Prägung“. Für die Zukunft des Fohlens ist von großer Bedeutung, wie der Mensch in dieser Phase auf das Neugeborene Einfluss nimmt.
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Ponyfohlen schnuppert an HandObwohl der Begriff der Prägung schon über 100 Jahre in der Verhaltensforschung bekannt ist, hat erst der Tierarzt Dr. Robert Miller die Prägungsphase für das frühe Training von Pferden gezielt ausgenutzt. Da die Präge-Lernphase ein Vorgang ist, der unwiderruflich im Lebewesen verankert bleibt, ist es für den Pferdezüchter und -besitzer von großer Wichtigkeit, den Begriff der Prägung sowie dessen Auswirkungen zu kennen, damit fehlerhaftes Verhalten während der Prägephase vermieden werden kann.

Die Prägung wird in der Verhaltensforschung als irreversible Form des Lernens beschrieben, die in einem genetisch festgelegten Zeitfenster, der sogenannten „sensiblen Phase“ stattfindet. Hierbei führen erfahrene Reize zu einem bestimmten Verhaltensmuster, sodass sie wie angeboren erscheinen. Die Prägephase wird darum als eine Sonderform des Lernens verstanden.

Die Merkmale der Prägung

Das Lernen durch Prägung zeigt bestimmte Merkmale auf, die sich von anderen Lernformen deutlich unterscheiden. Das durch Prägung erworbene Verhalten ist unwiderruflich. Das Gelernte wird extrem schnell und vor allem nachhaltig aufgenommen und bleibt lebenslang vorhanden. Prägung findet in einer bestimmten Zeitspanne – kurz nach der Geburt sowie in früher Kindheit – statt, die „sensible Lebensphase“ genannt wird und nicht nachholbar ist. Des Weiteren sind die typischen Merkmale der Prägung, dass das jeweilige Lebewesen nur bestimmte, eng begrenzte Inhalte erlernen kann.

Prägende Lernvorgänge kommen ohne Belohnung oder Bestrafung aus, was sich deshalb deutlich vom „üblichen“ Lernen unterscheidet. Eine Prägung findet außerdem in einem Zeitrahmen statt, in dem die hierdurch erworbene Verhaltensweise noch nicht zum Tragen kommt.

Grundsätzlich unterscheidet man zwei Formen von Prägung: Die motorische Prägung und die Objektprägung. Bei der motorischen Prägung eignet sich das Fohlen bestimmte Verhaltensweisen oder Handlungen an, während bei der Objektprägung das Tier auf seine Artgenossen beziehungsweise auf seine Mutter (oder ein Ersatzobjekt) geprägt wird. Die Tiere, aber auch Menschen, kann man durch den Austausch der Mutter durch ein anderes Individuum auf die jeweilige Spezies prägen. Hier wäre dann auch der Begriff „Fehlprägung“ angebracht, da die Natur hierfür eigentlich die eigene Mutter des Individuums vorgesehen hat. Verendet jedoch ein Muttertier bei der Geburt, ist es oft die einzige Überlebenschance der Nachkommen, auf eine Ersatzmutter geprägt zu werden.

Man kennt jedoch noch weitere Varianten des Prägungslernens wie die Nachfolgeprägung, die zur Objektprägung gehört, die Ortsprägung, die Nahrungsprägung sowie die sexuelle Prägung. Die Nachfolgeprägung ist unter diesen Beispielen die wohl bekannteste Form der Prägung. Das Neugeborene erkennt nach der Geburt – oder bei Vögeln nach dem Schlüpfen – ein größeres Objekt, das es für seine Mutter hält. In der Regel handelt es sich auch um die Mutter. Diesem Objekt laufen die Jungen nach. Wenn man den Neugeborenen anstatt der Mutter ein Tier einer anderen Art beigesellt, nehmen die Jungen dieses Tier als Mutter an. Eine Rückprägung auf die Mutter ist später nicht mehr möglich.

Die Prägephase

Der Zuchtstutenbesitzer darf darum die Phase, in der das Fohlen auf das Muttertier geprägt wird, nicht stören. In den ersten Lebensstunden des Fohlens sollte man der Mutterstute also die Möglichkeit geben, das Neugeborene auf sich zu prägen. Wenn die Mutterstute es gestattet, kann man nach einiger Zeit selbst Bekanntschaft mit dem Fohlen schließen, es berühren und streicheln. Doch die reine Anwesenheit genügt, um ebenso eine Prägung auf den Menschen zu erreichen. Das Fohlen wird auch ohne großes Zutun von Grund auf keine Scheu vor Menschen haben und ihn als „Herdenmitglied“ akzeptieren.

Übrigens muss auch die Mutterstute sich auf seinen Nachwuchs prägen. Die „Prägung auf den eigenen Nachwuchs“ findet ebenfalls kurz nach der Geburt statt. Schmuggelt man hier der Mutter ein fremdes Baby unter, nimmt es dies meist problemlos als eigenes Kind an. Dies kann nicht nur unter gleichartigen Tieren erfolgreich sein, sondern auch bei unterschiedlichen Tierarten. Schiebt man beispielsweise einer Katzenmutter ein Hundebaby unter, zieht es den Welpen genauso liebevoll groß wie die eigenen Katzenbabys.

Die wichtigste Prägephase findet beim Fohlen in den ersten zwei Lebensstunden statt. Die Prägephase ist nach zwei Stunden zwar nicht abgeschlossen, aber die Aufnahmefähigkeit sinkt immer mehr ab. Auch später können Pferde noch geprägt werden, die „Nachlaufprägung“ jedoch ist nach dieser Zeit weitestgehend abgeschlossen.

Wenn in der sensiblen Phase eine vermehrte Prägung auf den Menschen stattgefunden hat, entwickeln Fohlen durchaus auch ein Nachlaufverhalten auf den Menschen. Diese Fohlen wirken recht selbstständig und entfernen sich von der Mutter oft sehr weit. Somit gerät die Mutterstute unter extremen Stress, denn auch sie hat eine Bindung zu ihrem Fohlen aufgebaut und möchte, dass das Fohlen in der Nähe bleibt. Eine gestresste Beziehung zwischen Mutterstute und Fohlen geht nicht spurlos an dem Kleinen (und der Mutterstute) vorüber. Für den Fohlenbesitzer mag das als niedlich und menschenfreundlich interpretiert werden, wenn das Fohlen einem ständig nachläuft, doch der Mensch kann die Mutterstute nicht ersetzen.

Für den Pferdebesitzer ist außerdem wichtig zu wissen, dass es auch eine Prägung auf bestimmte Futtermittel gibt. Die Nahrungsprägung beinhaltet die Bevorzugung bestimmter Futtermittel nach nur einmaligem Genuss. Dieses Phänomen kennt man auch beim Menschen: Man hat herausgefunden, dass Kinder, die schon sehr früh Süßigkeiten bekommen, auch im Erwachsenenalter süße Speisen gerne zu sich nehmen.

Das bedeutet für den Fohlenbesitzer, dass er dem Fohlen in den ersten Lebensmonaten verschiedene Futtermittel anbieten soll, um es auf verschiedene Geschmacksrichtungen zu prägen. Dies erleichtert später das Verabreichen von eventuell notwendigen Medikamenten.

Prägung contra intelligentem Lernen

Da es unsere schnelllebige Zeit mit sich bringt, immer früher und rasanter ein Pferd erziehen und ausbilden zu wollen, erhofft man sich vom so genannten „Imprint-Training“, das der bekannte Tierarzt Dr. Miller entwickelt hat, eine leichtere und schnellere Ausbildungsarbeit des Pferdes. Über die Spätfolgen eines imprint-trainierten Pferdes gibt es noch keine wissenschaftlichen Untersuchungen. Das Imprint-Training nach Dr. Robert Miller beinhaltet insbesondere das Berühren, Abreiben und Abklopfen des Fohlens, die Desensibilisierung gegenüber bestimmten Reizen. Das Fohlen wird auch bereits mit Geräuschen (zum Beispiel der Schermaschine) konfrontiert. Indem Miller seine Finger 30 bis 100 Mal in alle möglichen Körperöffnungen des Fohlens steckt, soll das Pferd später beispielsweise beim Fiebermessen keine Abwehrreaktion zeigen. Das Fohlen soll nachhaltig auf diese Reize desensibilisiert werden. Die Ziele des Imprint-Trainings sind 1. die Bindung an den Menschen, 2. Desensibilisierung und Sensibilisierung gegenüber jeweils bestimmten Reizen, 3. Unterwürfigkeit gegenüber dem Menschen. Beim Imprinting wird das Fohlen so lange am Boden gehalten und am Aufstehen gehindert, bis es den Reiz ohne Gegenwehr über sich ergehen lässt.

Das Imprint-Training ist jedoch äußerst kritisch zu sehen. Die Manipulation des Fohlens gerade in der sensiblen Phase kann durch unbewusste Fehlprägung später große Schwierigkeiten im Umgang mit dem Pferd bedeuten. Das Pferd kann unter anderem Verhaltensstörungen entwickeln. Grundsätzlich ist es fragwürdig, ein Pferd auf etwas anderes zu prägen als die Natur vorgesehen hat.

Um ein Pferd an den Menschen zu binden, benötigt man kein Imprint-Training, denn die bloße Anwesenheit des Menschen bedeutet eine (Teil-) Prägung auf ihn. Eine Desensibilisierung hat mit Prägung nichts zu tun – der Begriff „Imprint-Training“ ist also nicht korrekt gewählt. Desensibilisierung ist eine Gewöhnung, die über aktive Reize zustande kommt. Man kann hier auch von einer Reizkonfrontationstherapie sprechen. Das Fohlen wird mit allen möglichen Reizen überflutet, so dass es sich relativ schnell in sein Schicksal ergibt. Ein Fohlen hat in den ersten Lebensstunden die Angstreaktion noch nicht vollständig entwickelt. Dieser Zustand wird beim Desensibilisierungstraining ebenfalls ausgenutzt.

Ein Desensibilisierungstraining mit Hilfe des „intelligenten“ Lernens (im Gegensatz zur Prägung, welches ein intelligenzloses Lernen ist) hat einen entscheidenden Vorteil: Das Vertrauen zum Menschen wird deutlich gefestigt und die Intelligenz des Pferdes gefördert. Hierfür hat man drei Jahre lang Zeit, bis das Pferd sich unter dem Sattel bewähren kann.


Quelle:

Renate Ettl
Bild: Fotolia #53058550

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