1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Haltung :: Fütterung

Pferdefutter Heu: Die richtige Qualität

Schlechte Heuqualität hat nicht nur mit dem Wetter zu tun. Immer mehr Landwirte produzieren qualitativ minderwertiges Heu, weil sie Arbeitszeit sparen oder mehr Gewinn machen wollen. Deshalb empfiehlt es sich, Ihrem Heulieferant einmal genau über die Schulter zu schauen. 
Grenzen Sie ihre Suche auf dem Gebiet Fütterung ein. Mit einem Suchbegriff liefert unsere Datenbank Fachbeiträge zu diesem Thema an.

Manches war in den guten alten Zeiten tatsächlich besser. Die Heuqualität zum Beispiel. In mühsamer Arbeit wurde das wertvolle Raufutter damals von Hand gewendet, lose eingefahren und aufgereutert. Heute werden zumeist von der Maschine gepresste Rundballen frei Scheune geliefert. Was bei deren Herstellung schief gehen kann, erklärt Tierärztin und Futtermittel­expertin Dr. Dorothe Meyer von IWEST Tierernährung: „Die Heugewinnung ist sehr arbeits- und dieselintensiv. Häufig wird schon bei der Ernte an den falschen Stellen gespart.“

Das geht bereits beim Mähen los. Hygienische Mängel im Heu entstehen zum Beispiel durch ein zu tief eingestelltes Mähwerk. Bei einer Schnitthöhe von unter sechs Zentimetern gelangen Erdverunreinigungen ins frisch gemähte Gras und die Verdaulichkeit der organischen Masse sinkt.

Auch ein zu später Schnitt führt zu Schimmelbildung. Nach der Blüte verpilzen grundsätzlich alle Pflanzenhalme. Kommen dann noch ungünstige Witterungsbedingungen oder andere Faktoren dazu, so ist das Heu von Anfang an schimmelig. In manchen Jahren verpassen die Landwirte das kurze Schönwetter-Fenster im Juni oder Juli und mähen viel zu spät. Bis dahin sind die Untergräser bereits eingewachsen, die Obergräser extrem lang. Mit der Länge eines Halms ändert sich auch dessen Rohfastergehalt. Denn als „Stütze“ lagert die Pflanze viel Lignin ein. Lignin kann im Dickdarm des Pferdes aber nicht abgebaut werden. Dadurch kommt es zu Anschoppungen im Darm und im schlimmsten Fall zu Koliken. Was viele Reiter nicht wissen: Bei solchem Futter sind Rittigkeitsprobleme inklusive. „Versuchen Sie mal, ein Pferd mit Anschoppungen im Bauch ans Bein zu kriegen oder mit der Hinterhand untertreten zu lassen“, sagt Dr. Meyer.

Niemand will mehr Ballen stapeln

Oft werde das Heu außerdem mit zu hohem Feuchtigkeitsgehalt gepresst. „Über 18 Prozent Restfeuchte kann man eigentlich nicht pressen“, sagt Dr. Meyer. Hauptfaktor für Feuchtigkeit ist natürlich schlechtes Wetter oder die Lage der Wiese am Waldrand im Schatten. Solches Heu sollte grundsätzlich lose eingebracht oder an Rinder verfüttert werden. Doch nicht nur das Wetter ist verantwortlich für den Trockenheitsgrad von Heu. Häufiges, langsames Kreiseln des Schnittguts, besonders am ersten Tag, und evtl. der Einsatz von Mähwerken mit Aufbereitern können helfen. In Notsituationen (Wetter) oder aus Sparsamkeit (Dieselverbrauch) wird jedoch oft zu feuchtes Heu eingefahren. Dadurch kommt es zu erhöhtem Schimmel- und Bakterienbesatz. Besonders schlimm wüten thermophile Schimmelpilze – also solche, die Temperaturen ab 45 Grad aufwärts lieben – in gepresstem Heu, das sich während des Lagerns aufheizt. Je stärker der Pressdruck, desto mehr Pilze. Am größten ist das Problem in Rund- und großen Quaderballen. „Leider gibt es kaum mehr kleine Ballen“, beklagt Dr. Meyer. „Die Zeiten sind vorbei, wo Horden von Kindern und Einstellern sie gestapelt haben.“

Falsche Lagerbedingungen sind ein weiterer Hauptgrund für schlechte Heuqualität. Der Heuboden sollte gut durchlüftet sein und am besten einen Holzboden haben. Aus etwa 50 Kubikmeter Heu entweichen während der Lagerzeit rund 250 Liter Restwasser. Um dieses zu binden, bedient sich Dr. Meyer in ihrem Stall eines jahrhundertealten Tricks: „Ich streue eine Menge Viehsalz über die Ballen. Das zieht die Restfeuchtigkeit raus und gibt sie später langsam wieder ab. Diese Maßnahme kostet ein paar Pfennige und macht einen Riesen-Unterschied.“

Ein großes Problem ist das Vorkommen von Unkräutern und Giftpflanzen im Heu. Die meisten davon kann man im Heu nicht mehr erkennen. Am heimtückischsten ist laut Dr. Meyer das Jakobskreuzkraut. Da das Heu im Normalfall vor der Blüte der gelben Pflanzen geschnitten wird, landet allenfalls deren Rosettenstadium im Heu. Dieses ist optisch unauffällig aber genauso giftig. Eine Untersuchung des Heus im Labor schafft keine Abhilfe, da die eingeschickte Stichprobe zu klein ist, um die Verseuchung mit Jakobskreuzkraut und anderen Giftpflanzen anzuzeigen.

Wer seine Mähwiese nicht selbst auf Unkräuter und Giftpflanzen kontrollieren kann, sollte sich die Wiese seines Heulieferanten ganz genau anschauen und mit dem Verkäufer reden. „Wenn jemand sagt, er hätte nie Probleme mit Giftpflanzen, dann ist das von vornherein verdächtig“, findet Dr. Meyer. Sie selbst geht ihre Wiesen regelmäßig ab und sticht Ampfer und Jakobskreuzkraut von Hand aus. Nehmen solche Arten überhand, so gebe es keinen anderen Weg, als den Einsatz der „chemische Keule“, sagt die Expertin.

Mindestens ein Drittel des Raufutters ist ungenießbar

Tatsache ist: In den letzten Jahren gab es mehrere Untersuchungen an Raufutter. Dabei schnitt das Heu zunehmend schlechter ab. Die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen testete 23 Heuproben und stellte gar in 60 % der Proben eine stark erhöhte Keimbelastung fest. Dabei handelt es sich meist um Schimmel- und Schwärzepilze, Milben-, Bakterien- und Hefebefall sowie Verunreinigungen durch Sand, Erde oder Nagerkot. Von den Futterproben, die in den letzten Jahren an den Lehrstuhl für Tierernährung und Diätetik an der LMU München gesandt wurden, waren 65 Prozent der Heuproben ungenießbar. In diesen Fällen lag zwar bereits ein Verdacht vor. Doch auch zufällige Stichproben in Reitställen ergaben: Knapp ein Drittel der Heuproben waren hygienisch bedenklich.

„Pferde sterben daran nicht“, sagt Lehrstuhlinhaberin Prof. Dr. Ellen Kienzle. „Aber sie werden langsam aber sicher lungenkrank. Rund drei Viertel aller Pferde haben bereits Probleme, wenn man mit dem Endoskop in die Lunge schaut. Selbst wenn sie nur hin und wieder husten.“.

Neben der hygienischen Beschaffenheit des Raufutters, spielen auch die enthaltenen Proteine und Mineralstoffe eine Rolle. Im Jahr 2008 führte der Lebensmitteltechnologe Vincent Hinnen für die Firma Pavo eine Untersuchung von Raufutter durch. Insgesamt wurden 109 Heuproben von verschiedenen Ställen untersucht. Dabei kam heraus, dass der Mineralgehalt im Heu insgesamt viel niedriger ist, als bisher angenommen. 46 % der Proben lagen, was den Magnesiumgehalt betrifft, unter der Minimumnorm. Magnesium ist wichtig für den Knochenaufbau, die Muskeln und zahlreiche weitere Vorgänge im Körper. Außerdem wurde festgestellt, dass die Hälfte aller Proben einen sehr geringen Eiweißgehalt und Energiewert aufwiesen. „Das Protein war früher im Raufutter viel höher“, sagt Vincent Hinnen.

Warum das so ist, ist nicht eindeutig klar. Verschiedene Umweltfaktoren werden diskutiert. Auch die zunehmende Substratgewinnung für Biogasanlagen auf den Feldern könnte eine Rolle spielen – solches Heu braucht nämlich keine Qualität. Pech für die Pferde, wenn es am Ende doch in deren Verdauungstrakt landet. „Fakt ist, wir bekommen zunehmend schlechtere Qualitäten“, sagt Dr. Meyer. „Und am Wetter allein liegt es nicht.“

So überprüfen Sie die Heu-Qualität

Nehmen Sie das Heu aus dem Ballen zwischen Ihre Handflächen und drücken Sie zu. Dann spüren Sie, ob es gut im Griff ist. Ist es weich und blattreich? Es sollte nicht in Ihre Handflächen stechen. Verunreinigungen durch Erde erkennen Sie meist mit bloßem Auge. Suchen Sie die Probe auch nach Moos, Käfern, Unkräutern und Giftpflanzen ab. Vom Geruch her sollte hochwertiges Heu aromatisch und angenehm duften. Feuchtes Heu hat einen flachen Geruch, schimmeliges riecht muffig. Die Farbe sollte kräftiggrün bis leicht ausgeblichen sein. Ist das Heu leicht aufzuschütteln, so handelt es sich beim abfallenden Staub nur um Erde. Klebt es bereits zu Nestern zusammen, haben Sie es mit Schimmel zu tun. Die hier beschriebene „Sinnenprobe“ und eine mikrobiologische Untersuchung Ihres Heus nehmen in Deutschland mehrere Stellen vor. Beim Lehrstuhl für Tierernährung und Diätetik in München beispielsweise kostet sie 95 Euro.


Quelle:

Regina Käsmayr

_min