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Haltung :: Ausrüstung

Was ist besser: Reitstiefel oder Chaps?

Kaum ein Ausrüstungsgegenstand spaltet die Pferdewelt so klar in zwei Lager: Ziemlich genau die Hälfte aller Reiter trägt Stiefel, die andere Hälfte Chaps. Mit Chaps hat man mehr Gefühl und Bewegungsfreiheit, finden die einen. Reitstiefel stabilisieren das Bein besser, glauben die anderen. Wir haben nachgefragt, wer die stichhaltigeren Argumente hat.
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Eines gleich vorneweg: Glattleder-Chaps sind auf Turnieren in Verbindung mit gleichfarbigen Stiefeletten erlaubt. Daran hat sich seit der LPO 2000 nichts geändert, auch wenn immer wieder entsprechende Fehlinformationen durch die Reiterstübchen geistern. Wer mit Gamaschen am Bein in die Prüfung reitet, hat deshalb auch keine schlechtere Bewertung durch den Richter zu befürchten. Selbst dann nicht, wenn dieser persönlich eher schlecht auf die Beinlinge zu sprechen ist – so wie Alfons Michael Bühl, Berufsreitlehrer und Turnierrichter aus Augsburg. „Ich persönlich könnte damit nicht reiten“, sagt Bühl über die Chaps und bezeichnet sie schlichtweg als „zu labberig, zu weich und nicht stilvoll.“ Stattdessen rät er seinen Schülern immer zu maßangepassten Lederstiefeln aus dem Fachgeschäft, die dem Bein mehr Halt geben und einen besseren Schluss zum Pferd gewährleisten. Trotzdem lässt er sich auf Turnieren nicht vom Outfit des Reiters beeindrucken. „Hier gilt für mich: Alles, was zugelassen ist, ist okay. Meine persönliche Meinung kann ich nicht in die Beurteilung mit einfließen lassen. Es muss nur alles sauber und ordentlich sein.“

Erst vor kurzem trennte sich Bühl endgültig von einem Paar maßgefertigter Stiefel, die ihn sage und schreibe 40 Jahre lang über süddeutsche Reitplätze trugen. Das Nachfolgerpaar kostete 700 Euro und lag damit noch lange nicht an der oberen Grenze dessen, was möglich ist. Die Entscheidung für Chaps sei aus diesem Grund für viele Reiter einfach eine Preisfrage, so der Richter mit Schwerpunkt Springen. Wer sich keinen wirklich gut sitzenden Stiefel leisten könne, sei damit besser bedient als mit einem Gummireitstiefel, „der nur schlabbert und Schweißfüße macht.“

Sportreiter tragen Stiefel

Wer sich’s leisten kann, trägt daher meist Lederreitstiefel. Im großen Sport sind kaum Reiter mit Chaps unterwegs. Das gilt fürs Turnier ebenso wie fürs Privatleben. Ingrid Klimke, mehrfache Deutsche Meisterin und Olympiasiegerin in der Vielseitigkeit setzt lieber auf einen stabil verarbeiteten und trotzdem bequemen Stiefel. „In Stiefeln fühle ich mich einfach wohler, denn sie bieten mehr Halt und Stabilität“, sagt sie Reiterin. „Chaps sind allenfalls für einen lockeren Ausritt geeignet.“

Die Stabilität, die der Reitstiefel dem Bein des Reiters gibt, trägt zu zweierlei Dingen bei: Erstens fördert sie das Gefühl für eine ruhige, sensibel am Pferdebein anliegende Schenkellage, die gezielte und effektive Schenkelhilfen ermöglicht. Zweitens sind die Impulse, die der Reiter mit einem relativ harten Stiefel gibt, präziser als diejenigen, die mit Chaps gegeben werden, weil der Stiefel punktueller über eine kleinere Anlegefläche wirkt. Der Sportpädagoge und Bewegungstrainer Eckart Meyners wehrt sich entschieden dagegen, dass das Reiterbein besonders weich an den Pferdeleib gelegt werden müsse, was viele Chaps-Verfechter als Argument in die Waagschale werfen. „Das wollen wir gar nicht!“, sagt Meyners. „Der Treibeffekt ist ein Impuls. Der angeblich weiche Schenkel liegt meist zu lange an, blockiert die Muskulatur des Reiters und macht das Pferd triebig.“

Vorsicht mit den Sporen!

Christoph Hess, der ehemalige Leiter der Abteilung Ausbildung bei der FN, sieht ein weiteres Problem in der Gefahr, dass Chaps-Reiter unbewusst anstelle des Schenkels den Sporen einsetzen, weil dieser bei Chaps leicht nach oben rutschen könne. „Dadurch berühren die Sporen den Pferdeleib, noch ehe der Schenkel am Pferdeleib anliegt. Der Reiter treibt also mit den Sporen. Das ist ein gravierender Fehler, der bei lernenden Reitern bei der Verwendung von Chaps leider häufiger auftritt als beim Benutzen eines Reitstiefels“, ist Christoph Hess’ Erfahrung als Ausbilder.

Verstärkt wird das Problem durch unpassendes Schuhwerk. Wer unter seinen Gamaschen der Bequemlichkeit halber seine Stallschuhe trägt, riskiert unter Umständen nicht nur schwere Unfälle wegen des fehlenden Absatzes, sondern macht damit auch seinen Sitz kaputt. „Wenn die Sporen auf den Arbeitsschuhen nicht genau waagerecht sitzen, können sie nicht präzise eingesetzt werden. Daraus ergibt sich ein falsches Treiben mit hochgezogenen Knien und schlechtem Sitz“, prophezeit Eckart Meyners.

Kompromiss Stiefelschäfte

Auch die Sohlen vieler sogenannter Reit- und Arbeitsschuhe seien zu dick. Dadurch gehe die Freiheit der Zehengelenke verloren, was Meyners als Ursache vieler Sitzfehler annimmt. Stiefeletten mit flexibler Sohle hingegen ermöglichen es dem Fuß, innerhalb des Schuhs frei zu arbeiten. Überhaupt sind hochwertige Stiefeletten mit maßangepassten Stiefelschäften ein guter Kompromiss für all diejenigen, die sich keine maßgefertigten Stiefel leisten können aber nicht auf weiche Chaps ausweichen wollen. Stiefelschäfte funktionieren im Grunde wie Chaps, sind aber in der Regel aus festem Leder und kommen dem klassischen Reitstiefel sehr nahe. „Wie der Name schon sagt, sind sie gearbeitet wie der Schaft eines Stiefels“, erklärt Ann-Kathrin Viehl von der Firma Reitstiefel Königs. „Stiefelschäfte geben dem Reiter mehr Stabilität im Vergleich zu den weicheren Chaps, die hauptsächlich die Reithose vor Abrieb und Schmutz schützen.“ Nadia Geldmacher von United Sportproducts Germany (USG) fügt hinzu: „Es ist auf jeden Fall einfacher, passende Stiefelschäfte/Chaps und Reitstiefeletten zu kombinieren, als einen passenden Reitstiefel zu finden.“

Hochwertige Stiefelschäfte kosten zwischen 150 und 250 Euro und sind damit in Verbindung mit den etwa gleich teuren passenden Stiefeletten immer noch günstiger als maßgefertigte Stiefel. Auch sie können meist anhand einer Größentabelle dem Reiterbein angepasst werden oder gegen Aufpreis maßgefertigt werden. Um die Verwirrung perfekt zu machen, geben viele Hersteller ihren Stiefelschäften ebenfalls den Namen „Chaps“. Das ist nicht nur bei Reitstiefel Königs so, sondern auch bei Kieffer, Cavallo und USG.

Anpassung durch Fachhändler

Während die Passform der Schäfte noch vom Kunden selbst ausgemessen werden kann, müssen Reitstiefel unbedingt vom Fachmann angepasst werden. Dorothee Möller, S-Dressurreiterin und Inhaberin von Kubens Reitsport in Marburg, rät dringend davon ab, einen Lederreitstiefel von der Stange im Internet zu kaufen oder selber das eigene Bein auszumessen. Eine Kundin, die es trotzdem versuchen wollte, kam auf Möllers Drängen am Ende doch in den Laden gefahren und wurde von der Fachhändlerin neu vermessen. Das Ergebnis: Möller kam auf einen 4 cm höheren Wert als die Kundin selbst.

Durch solche technischen Fehler erhalten viele Reiter am Ende einen zu engen oder zu hohen Stiefel, der sie beim Reiten derart stört, dass sie am Ende keinen großen Gebrauch davon machen. „Es gibt Unmengen von Leuten, die einen nicht passenden Stiefel im Keller liegen haben“, weiß Dorothee Möller. Der Stiefel muss breit genug sein, um ein ungestörtes Arbeiten der Beinmuskulatur zu gewährleisten, aber schmal genug, um nicht zu verrutschen. Dressurstiefel werden aus optischen Gründen gern zu hoch angesetzt, um das Bein länger wirken zu lassen. Auch wenn sich der Schaft im Laufe der Zeit etwa einen Zentimeter setzt, sollte man beim Anpassen nicht zu hoch einsteigen. Im Zweifelsfall ist ein minimal zu kurzer Stiefel einem zu hohen vorzuziehen, damit der Schaft nicht in den Kniekehlen scheuert. Dressurbögen, wie sie fast alle hochwertigen Stiefel an der Außenseite haben, verlängern das Reiterbein zusätzlich optisch.

Messfehler wirken sich oft genauso fatal aus wie eine Gewichtszunahme des Trägers. Ist der Stiefel zu eng – hier macht sich schon ein Wert von einem Zentimeter bemerkbar – wird die Wade gequetscht und die Hilfengebung erschwert. Wer solche Probleme befürchtet, sollte zum einen nachmittags Stiefel kaufen gehen, weil zu dem Zeitpunkt die Beine mehr angeschwollen sind als am Morgen. Zum anderen sollte er auf einen Reißverschluss verzichten, auch wenn dieser einen bequemen Einstieg in den Stiefel garantiert. Dorothee Möller erklärt den Grund: „Einen Stiefel mit Reißverschluss kann man nur um etwa einen Zentimeter weiten, falls das einmal erforderlich ist. Ohne Reißverschluss sind bis zu zwei Zentimeter drin.“

Verschiedene Formen

Modelle ohne Reißverschluss sind unten am Spann meist breiter gearbeitet, damit der Fuß hindurch kommt. Diese Optik entspricht auch dem klassischen Dressurstiefel. Springreiter hingegen tragen gern weichere Stiefel, die weniger hoch sind. In den letzten Jahren hat sich hier die elegante Form mit schmaler Fessel etabliert – oft zusätzlich durch eine Schnürung hervorgehoben. Die meisten dieser Stiefel haben hinten einen Reißverschluss, ohne den ein Hineinschlüpfen gar nicht möglich wäre. Besonders angesagt sind sowohl im Dressur- als auch im Springlager übrigens Modelle mit zusätzlichem Schnickschnack. „Lack und Strass sind immer sehr gefragt“, verrät Katalyn Bugyi vom Marketing der Firma Cavallo. „Unsere Neuheiten sind Carboneinsätze, farbige Biesen und Krokooptik.“

Im Bereich der Dressurstiefel wird die Form insgesamt schmaler und eleganter, bleibt dabei aber klassisch, weiß Dorothee Möller. Sie selbst passt ihren Kunden zwar professionell Lederreitstiefel an, reitet in ihrer Freizeit aber lieber in Chaps. „Sie sind einfach weicher und bequemer“, findet die Dressurreiterin. Nachdem sie monatelang mit Chaps trainiert hatte, wollte sie einmal eine S-Dressur mitreiten und zog sich dafür wieder ihre alten, unbequemen Stiefel an. Die Prüfung misslang, obwohl sie die Stiefel schon zwei Tage vorher immer wieder für einige Stunden trug. „Ich hatte kein Gefühl mehr für meine Hilfengebung“, erinnert sich Möller. Am Ende zählt die Gewohnheit nämlich oft mehr als jede Theorie. Wer sich in harten Stiefeln oder Stiefelschäften einfach nicht wohl fühlt, darf seine geliebten Chaps weiterhin behalten. Versprochen: Das kann Ihnen auch auf dem Turnier keiner verbieten!


Quelle:

Regina Käsmayr
Bild: tutto62_pixelio.de