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Gesundheit :: Vorsorge

Parasitenbekämpfung: Selektive Entwurmung von Weidepferden

Seit den 60er Jahren werden Pferde nach einem Schema entwurmt, das hauptsächlich auf die Bekämpfung der großen Strongyliden oder „Blutwürmer“ ausgerichtet ist. Diese waren damals für ernsthafte Erkrankungen der Pferde, wie z. B. schwere Koliken, verantwortlich. Das hierfür übliche Therapieschema, auch heute noch überwiegend angewandt, ist die viermal jährliche Entwurmung des gesamten Bestandes mit wechselnden Präparaten. Aber ist das wirklich noch sinnvoll?
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dscn0209Die großen Strongyliden sind heutzutage in unserer Pferdepopulation nahezu ausgerottet. Die derzeit am häufigsten auftretenden Parasiten erwachsener Pferde mit Weidegang sind die Gruppe der kleinen Strongyliden oder auch „Palisadenwürmer“. Daneben spielen Spulwürmer, Dassellarven und Bandwürmer eine Rolle, andere Endoparasiten sind eher selten vertreten. Man kann festhalten, dass die meisten erwachsenen Pferde einen gewissen Befall mit kleinen Strongyliden aufweisen.

In den letzten Jahren haben sich zunehmend Resistenzen der kleinen Strongyliden gegenüber den gebräuchlichsten Wurmkuren gebildet. Die Gruppe der Benzimidazole (Fenbendazol, Mebendazol und Febantel) sind bei 90% der kleinen Strongyliden nicht mehr wirksam. Auch gegenüber Pyrantel sind erste Resistenzen aufgetreten.

Die Gründe für diese Resistenzlage sind vielfältig: falsch dosierte Wurmkurgaben (zumeist durch falsche Gewichtseinschätzungen der Pferde), zu häufige und wahllose Entwurmung „nach Schema F“ ohne vorherige Diagnostik des Befalls der Einzeltiere und der im Gesamtbestand vorhandenen Parasiten, sowie fehlende Kontrolle der Wirksamkeit (selten werden Kontroll-Kotproben angeboten oder durchgeführt).

Was kann man tun ?

Seit mehr als zehn Jahren wird in Skandinavien ein innovatives Verfahren der Parasitenbekämpfung durchgeführt, die sogenannte „selektive Entwurmung“. Diese basiert auf der Tatsache, dass die meisten erwachsenen Pferde von kleinen Strongyliden befallen sind, ein geringer Befall mit diesen Wurmarten jedoch bei ihnen keine Symptome verursacht. Der Großteil der erwachsenen Pferdepopulation (> 70%) hat keine oder nur eine geringe Ausscheidung von Strongyliden-Eiern. Nur einzelne Pferde (die „starken Ausscheider“) scheiden viele Wurmeier aus und kontaminieren so die Weiden.

Die selektive Entwurmung basiert auf dem fortlaufenden Monitoring des Wurmbefalls durch diagnostische Kotproben-Untersuchungen vor geplanten und nach durchgeführten Entwurmungen. Die Kleine-Strongyliden-Eizahlen in Pferdekotproben (des einzelnen Pferdes und/ oder des ganzen Bestandes) werden überprüft, dokumentiert und bewertet. Dazu erfolgt die Sammlung und Untersuchung von maximal vier Kotproben pro Pferd in einem „Übersichtsjahr“ (Abstand 6 Wochen, 3 Monate und 3 Monate) und zwei Kotproben pro Pferd in den Folgejahren (im Frühsommer und Herbst). Die Proben werden in einem zertifizierten Labor ausgewertet.

Neben den „kleinen Strongyliden“ werden auch mögliche Infektionen mit Dasseln, Bandwürmern, Spulwürmern und große Strongyliden überwacht und ggf. behandelt: Anhand der Zahl der ausgeschiedenen Eier der kleinen Strongyliden pro Gramm Kot (EpG) wird festgelegt, welche Pferde entwurmt werden und welche keiner Behandlung bedürfen. Solange ein Pferd nicht mehr als 200 Eier pro Gramm Kot (EpG) ausscheidet, wird dieses Pferd nicht entwurmt. Somit wird die Resistenzentwicklung gegenüber den verwendeten Wurmkuren nicht gefördert.

Sobald ein Pferd in einer Kotprobe mehr als 200 EPG hat und somit als starker Ausscheider gilt, wird das Pferd sofort entwurmt. Entscheidend für die Methode der selektiven Entwurmung ist die Kontroll-Kotprobe bei den entwurmten Pferden zwei Wochen nach Behandlung. Diese beantwortet zwei wichtige Fragen: Wie hoch ist die Eiausscheidung nach der Entwurmung? Und ist der verwendete Wirkstoff noch wirksam? Die „starken Ausscheider“ werden solange regelmäßig entwurmt, bis die Eiausscheidung konstant unter 200 EpG liegt. Das kann bedeuten, dass ein Pferd über Jahre kontinuierlich entwurmt werden muss!

Zusammenfassend kann man festhalten:

  • Es wird nur noch nach Bedarf entwurmt (starke Ausscheider von Strongylideneiern, dazu Spulwurm, Bandwurm, Dassel).
  • Es werden alle Pferde im Bestand fortlaufend auf Wurmbefall und Resistenzen überwacht.
  • Die Entwicklung von Resistenzen wird minimiert durch gezielten Einsatz der Therapeutika und „Nichtbehandlung“ des Teiles der Wurmpopulation in den schwachen Ausscheidern, der somit nicht mit den Therapeutika in Berührung kommt und keine Resistenzen ausbildet.

Die Vorteile der selektiven Entwurmung liegen auf der Hand: Die Wirksamkeit der Entwurmungsmittel wird erhalten, die Bildung von Resistenzen wird verlangsamt, die Pferde werden geringer mit Medikamenten belastet, das Immunsystem wird angeregt, die Weidekontamination reduziert und nicht zuletzt führt die selektive Entwurmung mittel- bis langfristig zu einer Kostenersparnis.

Und nun: Alles gut ?

Leider nur bedingt, denn die Methode ist für Fohlen und Jungpferde, die noch keine Immunität gegen Endoparasiten aufgebaut haben, und Zuchtstuten nicht geeignet. Diese müssen also weiterhin aufkonventionellem Weg entwurmt werden. Der Schwellenwert von 200 EpG als Entscheidungskriterium für die Behandlung ist wissenschaftlich noch nicht genügend abgesichert, auch bestehen Zweifel an Anzahl der nötigen Kotproben für die Identifizierung starker Ausscheider. In Pensionsbetrieben ist nicht wegzudiskutierendes Problem die fragliche Akzeptanz der Pferdebesitzer hinsichtlich der unterschiedlichen Behandlungsbedürftigkeit der Pferde und der ungleichen Kostenverteilung.

Über die medikamentöse Bekämpfung der Endoparasiten darf man auch einen weiteren immens wichtigen Faktor nicht vergessen:

Die Hygiene

Auf der Weide muss unbedingt das Ausmähen der Geilstellen erfolgen, Weiden sollen mindestens zweimal wöchentlich abgesammelt werden, unkompostierter Pferdemist darf keinesfalls auf Weiden ausgebracht werden, da er infektionsfähige Eier und Wurmlarven enthält. Ausläufe müssen täglich gesäubert und Futterstellen, insbesondere bei Bodenfütterung von Raufutter, gewissenhaft sauber gehalten werden.

Die Laufstall-Arbeits-Gemeinschaft (LAG) e.V. empgiehlt deshalb grundsätzlich:

  • Größten Wert auf die Hygiene – insbesondere auf der Weide – zu legen.
  • Unabhängig vom praktizierten Entwurmungsregime Erfolgskontrollen durch Kotprobenentnahme nach erfolgter Behandlung durchzuführen.

Hier einige Labore, die Kotproben untersuchen:

  • Veterinärmedizinisches parasitologisches Labor „Der Wald“, Postfach 1165, 47552 Kranenburg. Telefon: 03124-3480534, E-Mail: info@wurmbekaempfung.eu
  • Parasitologisches Speziallabor Vergleichende Tropenmedizin und Parasitologie, LMU München, Leopoldstr. 5, 80802 München, Tel. (089) 2180 3622. labor@tropa.vetmed.uni-muenchen.de
  • LABOKLIN GMBH & CO.KG 
LABOR FÜR KLINISCHE DIAGNOSTIK 
Dr. Elisabeth Müller (Firmenleitung)
Steubenstraße 4
97688 Bad Kissingen, www.laboklin.de
  • Freie Universität Berlin., Institut für Parasitologie und Tropenveterinärmedizin, Robert-von-Ostertag-Str. 7-13, Gebäude 35, 22, 23, 14163 Berlin, parasitologie@fu-berlin.de

HINWEIS:

Eine Kotprobenuntersuchung kostet zwischen 10 und 15 Euro. Prinzipiell sollten Kotproben rektal entnommen werden. Sofern das nicht möglich ist, sollte die Probe möglichst sauber vom Boden genommen werden. Soll auf verschiedene Erreger untersucht werden, muss ausreichend Material eingeschickt werden. Bei Pferden mindestens 10 Gramm pro Tier pro Untersuchungsmethode. Bis zum Transport sollten die Proben kühl gelagert werden und sobald wie möglich ins Labor geschickt werden. Zur Aufbewahren eignen sich Plastikdöschen aus dem Supermarkt oder Baumarkt.


Quelle:

Annette Wagener-Kettler, 2. Vorsitzende der Laufstall-Arbeits-Gemeinschaft (LAG)

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