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Gesundheit :: Vorsorge

Parasiten beim Pferd: Die Auswirkungen von starkem Wurmbefall

Das Thema „Parasiten“ wird von sehr vielen Pferdehaltern vernachlässigt. Man führt jährlich ein oder zwei Wurmkuren durch – und das war es dann auch. Wie gefährlich Parasiten auf den Organismus wirken können, wird doch eher selten bedacht. Das Zauberwort heißt hier Hygiene im Stall und nur ersatzweise nachsorgende Medikation. Der Sachbuchautor Ingolf Bender mahnt im Folgenden zur Vorsorge.
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img_4291Ganz grob definiert ist ein Parasit ein Lebewesen (z. B. Tier, Pflanze), das sich von einem anderen Organismus, also dem „Wirt“, ernährt und/oder ihn zu seiner Fortpflanzung befällt und nutzt. Da auch krankheitserregende Bakterien und Pilze nur auf Kosten des Wirts leben, zählen sie ebenfalls zu den Parasiten. Viren und andere infektiöse Elemente wie Prionen stellen hingegen eine besondere Form dar, sie sind keine Lebewesen: Da sie keinen eigenen Stoffwechsel besitzen, gehören sie auch nicht zu den Parasiten.

Was bedeutet der Begriff  Parasit?

Der Begriff „Parasit“ stammt aus der griechischen Antike und bedeutet wörtlich übersetzt: „Nebenmäster“ – oder auch weit gefasst: „Tischgenosse“.  Bei den alten Griechen war ein Parasit ein ausgewählter Opferbeamter, der an Opfermahlen teilnahm und auf Kosten der Allgemeinheit Nahrung zu sich nahm. Die Bedeutung wandelte sich, denn später wurden als Parasiten solche Menschen bezeichnet, die sich bei Wohlhabenden (z. B. für ein Essen) einschmeichelten. Dem entsprach der mittelhochdeutsche Begriff „Schmarotzer“, worunter man im Mittelalter einen „Bettler“ verstand. Heutzutage wird man diese Begriffe als kultivierter Mensch lediglich auf nichtmenschliche Organismen anwenden – so wie es die Naturwissenschaften tun, also auf Zecken, Blutwürmer, Stechmücken u. Ä.

Was bewirken Parasiten? 

Parasiten schwächen unter anderem das Immunsystem des Wirts, rufen Entzündungen und allergische Reaktionen hervor (z. B. Ekzeme mit Juckreiz), bewirken chronische Krankheiten, Stoffwechselstörungen und teils gravierende Organschäden, Wachstumsstörungen und Störungen des Hormonhaushalts sowie des Säure-Basen-Gleichgewichts im Wirtskörper. Parasiten leben demnach mit ihrem Wirt nicht etwa in einer sog. Symbiose, die beidseitig Vorteile brächte, sondern sie nutzen ihren Wirt einseitig aus. Durchweg wird der Wirt dadurch in mehrfacher Hinsicht geschädigt: Der Parasit verletzt die Haut, zerstört Gewebe, scheidet giftige Stoffwechselprodukte aus, entzieht Nährstoffe. Besonders Spulwürmer und Bandwürmer können bei Pferden durch starken Befall erhebliche Mangelernährung verursachen. Bei Jungpferden kann sogar das Wachstum fundamental gestört und bleibend gehemmt werden. Schließlich bewirken speziell innere Parasiten aufgrund ihrer Wanderungen durch innere Organe erhebliche Gewebeverletzungen, die bei Pferden manchmal als Spätschäden (u. a. in Lunge und Darm) stärker hervortreten, aber nicht mehr zu therapieren sind. Erkrankungen, die durch Parasiten hervorgerufen werden, bezeichnet man als Parasitosen.

Innere und äußere Parasiten

Parasiten können sich artabhängig als Ektoparasiten (z. B. Milben, Kriebelmücken) außen auf dem befallenen Organismus (auf der Haut, in den Haaren) oder als Endoparasit (Blut, Magen-/Darm- und Gewebsparasiten) im Innern des Wirts ansiedeln. Manche befallen den Wirt nur temporär (= zeitweise, z. B. Zecken), andere hingegen permanent (= ständig, z. B. Blutwürmer).

Parasiten sind extrem anpassungs- und wandlungsfähige Lebewesen

Entwicklungsgeschichtlich zählen Parasiten zu den Lebensformen, die sich ungeheuer wandlungsfähig zeigen. Im Laufe von Jahrtausenden passten sich unterschiedliche Arten an spezielle Wirte und Zwischenwirte an, das heißt, dass beispielsweise bestimmte Pferdeblutwürmer eben nur auf Pferde spezialisiert sind, aber z. B. im Magen-/Darmtrakt von Wiederkäuern (u. a. Rinder und Schafe) zugrunde gehen. Diese Spezialisten besitzen in ihrem Erbgedächtnis quasi eine Anpassung an spezifische Lipoide (Fette) und das Eiweiß des Pferdes.

Winzige Parasiten können sich sogar in den Zellen des Wirts verstecken. Das hat zur Folge, dass die Immunabwehr des Wirts sie gar nicht mehr oder nur unzureichend bekämpfen kann. Ein Beispiel dafür ist der Befall von roten Blutkörperchen (Erythrozyten) durch sog. Plasmodien. Plasmodien sind Einzeller, die keine Zellwand, aber als Eukaryoten – im Gegensatz zu Bakterien (Prokaryoten) – einen Zellkern besitzen. Die roten Blutkörperchen transportieren bekanntlich den lebenswichtigen Sauerstoff innerhalb der Blutgefäße, um ihn dann an die Zellen abzugeben. Dieser Transport wird durch den Parasitenbefall erheblich gestört. Verschiedene Plasmodien-Arten lösen z. B. Malaria aus.

Oberstes Lebensziel des Parasiten ist die Arterhaltung. Er muss auch seine Nachkommenschaft vor der Abwehr des Wirts schützen. Manchen Parasiten steht aus diesen Gründen eine weitere Variante zur Ausschaltung der Abwehrmechanismen des Wirts zur Verfügung: Sie wechseln ihre Oberflächenstruktur. Hat der Wirt seine Immunabwehr gegen den Parasiten angekurbelt, häutet sich dieser – und die neue Oberfläche kann von den bereits gebildeten Antikörpern des Wirts zunächst nicht erkannt werden. Der Wirt muss neue Antikörper bilden, da seine bisherigen Antikörper nur mit der abgelegten Parasitenhaut bzw. mit deren Eiweiß reagieren. Das alles belastet den Organismus des Wirts. Etliche Parasiten bilden eine besonders dicke Schutzschicht (Cuticula) sowie dicke Eikapseln, die dadurch vom Abwehrsystem des Wirts nur schwer zu erkennen sind.

Infektions-Symptome

Bei Infektionen mit Parasiten treten erste Symptome oft nicht sofort, sondern erst nach Tagen oder Wochen auf. Ähnlich wie bei der Inkubationszeit  bei sonstigen Infektionen wird die Zeit zwischen dem Parasitenbefall und dem Erscheinen von Larven oder Eiern als Präpatenz bezeichnet. Von diesem Zeitpunkt an bis zum Erlöschen der Ausscheidung spricht man von einer Patenz. Im Pferdebereich sind besonders die Spätschäden, hervorgerufen durch Parasitenbefall im Fohlenalter, gravierend. Zu nennen sind primär Darm- und Lungenschäden.

Fazit:

Pferdehalter sind gut beraten, sich ihrer Vierbeiner fürsorglich anzunehmen, um Parasiten fernzuhalten bzw. vorsorglich auf ein Minimum zu reduzieren. Durchweg sind unsere Hauspferde heute vierbeinige Partner, die uns als denkenden Menschen anvertraut sind. Wer aber möchte denn ernsthaft Partner, die voller Würmer sitzen bzw. sich stets neu infizieren, weil man selbst lieber eine Stunde mehr im Sattel verbringt, als die Gabel in die Hände zu nehmen oder den Stall regelmäßig zu desinfizieren oder mal 20 Euro mehr für eine geeignete Wurmpaste auszugeben? Immer noch sind Unwissenheit, aber leider auch falsch verstandene Sparsamkeit und gelegentlich auch eine gewisse Lethargie maßgebend für die Parasitenverseuchung vieler Vierbeiner. Erst bei Spätschäden (oft Lungenprobleme) wird mancher Zeitgenosse wach – aber dann ist es durchweg zu spät für eine Therapie.

Die Vorstellung, dass in einem Partner eklige 50 cm lange Spulwürmer oder 10.000 Blutwürmer ein paradiesisches Parasitendasein fristen, dürfte für einen kultivierten Pferdehalter eher stark unappetitlich als erbaulich sein.

Ein Blick in den Humanbereich mag ebenfalls nützlich sein, um die Parasitenproblematik ernst zu nehmen: Jeder, der z. B. bei seinen Kindern die Diagnose „Wurmbefall“ zur Kenntnis bekommt, wird unverzüglich geeignete Maßnahmen treffen, um den Parasiten den Garaus zu machen. Dazu muss man wissen, dass heute auch in allen mitteleuropäischen Ländern der Parasitenbefall bei Menschen (vor allem bei Kindern) arg zugenommen hat. Hauptursache sind mangelnde Hygiene sowie allzu sorgloser „Schmuse-Umgang“ mit Haustieren, insbesondere völlig inakzeptable Schleimhautkontakte zu Katzen und Hunden. Wer z. B. meint, seine lieben Haustiere „küssen“ oder mit ins Bett nehmen zu müssen, sollte sich nicht wundern, wenn unterschiedliche Parasiten sich irgendwann am oder im eigenen Körper melden. Hier sind wieder vor allem die recht langen und dicken Spulwürmer zu nennen, die als Vorstadien und Eier ungeniert von Katze oder Hund auf den Menschen umsiedeln. Aber auch Madenwürmer sind häufig anzutreffen. Nicht besonders delikat, aber Kinderärzte kennen sowas. Darüber gesprochen wird üblicherweise so gut wie nirgendwo.

Zu erwähnen ist beispielhaft auch die Coccidiose, eine sog. Zoonose, d. h., Parasiten übertragen sich von Tieren (meist Katzen, Hunde und Kaninchen oder Merrschweinchen), die zunächst Wirt sind, auf den Menschen (z. B. durch Kontakte des Menschen mit Ausscheidungen, oft sog. Schmierinfektionen). Folgen sind starke Durchfälle und weitere unangenehme Symptome. Das Fatale: Selbst manche Ärzte halten die Symptome des Parasitenbefalls für die Folgen einer anderen Erkrankung – und der Parasit wird nicht behandelt.

Coocidien sind auch bei der Hühnerhaltung durchaus verbreitete Parasiten, die – soweit Hühner Zugang zum Pferdeterrain bekommen – auch Pferde infizieren können (z. B. durch Hühnerkot im Weidegras). Darmstörungen mit Durchfällen sind die Folge.

Abschließend soll noch erwähnt werden, dass hier und da zu hörende Aussagen, wonach ein Pferd sich an einen bestimmten Parasitenpegel gewöhnt, es dagegen sogar „immun“ würde, streng genommen falsch sind. Diese „Immun“-Aussage veranlasst Pferdehalter nicht selten dazu, wichtige vorsorgliche Hygienemaßnahmen, die stets zeitraubend und auch lästig sein können, zu vernachlässigen. Zwar ist sehr geringgradiger Parasitenbefall durch ein ansonsten gesundes Pferd in Grenzen kompensierbar (und auch unter Naturbedingungen als normal einzustufen), aber unsere Hauspferde sollen durchweg etwas leisten, uns als Reiter und Reiterinnen sicher durch Bahn und Gelände tragen – von daher ist jeder leistungsmindernde, krank machende Parasitenbefall vorsorglich durch geeignete Hygienemaßnahmen in Stall und Weide zu vermeiden bzw. strikt zu bekämpfen. Hinzu kommt der Tierschutzaspekt, wonach einem Pferd zugefügte vermeidbare Schmerzen/Schäden als Tierquälerei zu definieren sind. Parasitenbefall kann man vermeiden. Es bedarf dazu des Fleißes („Abäppeln“ der Koppeln, Stall- und Auslaufhygiene) und rechtzeitiger, richtig dosierter Medikationen. Allerdings sollte man Wurmkuren nicht als Ersatz für notwendige Hygiene betrachten. Wurmkuren können diese allenfalls sinnvoll ergänzen.


Quelle:

Ingolf Bender
Bild: Stefanie Holzhäuser