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Gesundheit :: Vorsorge

Impfmanagement für größere Pferdebestände

Impfen ist nicht nur Sache des Pferdebesitzers. Denn jedes ungeimpfte Pferd in Ihrem Stall erhöht das Risiko einer Virusinfektion, die den gesamten Bestand betreffen kann. Aus diesem Grund betreiben einige Betriebsleiter Impfmanagement. Dadurch haben sie die Kontrolle über das Impfverhalten auf ihrer Anlage.
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Nichts los auf der Stallgasse. Keine Reiter in der Halle. Trübsinn blasen im Stübchen. Wer mit seinem Pferd schmust, muss sich danach umziehen und die Hände waschen. So sieht „freiwillige Quarantäne“ aus. Die Landestierärztekammern empfehlen diese Maßnahme, sobald eine nicht anzeigepflichtige, aber ernsthafte Virusinfektion umgeht. Passiert ist das vor einigen Jahren auch im Turnierstall des S-Dressurreiters Eberhard Geiger im baden-württembergischen Korntal-Münchingen. „Wir haben den Virus drin, es geht derzeit kein Pferd rein noch raus, bis das abgehandelt ist“, erklärte Geiger damals der Leonberger Kreiszeitung. Bei dem Virus handelte es sich um das Equine Herpesvirus. 30 von 33 Pferden erkrankten, zwei starben. Die Infektion griff auch auf den Nachbarstall über, dessen Reiter Geigers Halle mitnutzten.

Tollwut- und Tetanusimpfungen bieten einen individuellen Schutz für jedes Pferd. Bei Influenza und Herpes hingegen muss die gesamte Population eines Stalles geimpft werden, um einem Ausbruch entgegenzuwirken. Und selbst dann besteht noch ein Restrisiko, sich die Krankheiten von einem Turnier, einem Kurs oder einem Klinikaufenthalt mitzubringen. Auch ein geimpftes Pferd kann Überträger sein. Allerdings scheidet es weniger Krankheitserreger aus als ein ungeimpftes. Mit diesem sogenannten niedrigen Infektionsdruck kommt das Immunsystem der meisten Pferde klar.

Equidenpässe einsammeln

Deshalb ist es für jeden Betrieb ratsam, ausnahmslos alle eingestellten Pferde regelmäßig zu impfen. Doch wie kann so etwas kontrolliert werden? Und wie macht man seinen Einstellern klar, dass Impfen ab sofort zur Pflichtübung gehört?

Hilga Höfkens vom Hof Waldmann in Bottrop betreibt seit mehreren Jahren erfolgreich Impfmanagement für ihre 24 Einsteller, was „erstaunlicherweise problemlos“ abläuft. Im halbjährlichen Rhythmus macht die Betriebsleiterin einen Aushang, der den Termin der nächsten Impfung bekannt gibt. Alle Einsteller haben dann eine gute Woche Zeit, um ihre Equidenpässe bei Höfkens abzugeben. Viele lassen sie generell dort, damit erst gar kein Stress entsteht. Am Tag der Impfung kommt dann ein einziger Tierarzt, dem Hilga Höfkens eine Liste mit den Namen der Pferde und den Rechnungsadressen aushändigt. Hier muss er nach der Impfung nur noch ein Häkchen setzen. Anhand dieser Liste kleben dann die Tierarzthelferinnen die entsprechenden Aufkleber in die Pferdepässe.

Geimpft wird jedes Pferd gegen Influenza, Herpes, Tetanus und Tollwut. Die ganze Aktion kostet die Betriebsleiterin pro Halbjahr rund zwei Stunden Mehraufwand. Dabei ist auch eingerechnet, dass sie jedes Mal dem einen oder anderen Einsteller „hinterhertelefonieren“ muss, weil der Equidenpass noch nicht da ist. Höfkens empfindet das jedoch nicht als Belastung. „Das ist keine Relation zu dem Stress, den wir hätten, wenn tatsächlich eine Krankheit im Stall ausbrechen würde“, sagt sie.

Bis auf vier Pferde beteiligen sich alle Einsteller am Gruppenimpfen. Nicht zuletzt, weil der Tierarzt dabei Mengenrabatt gibt. Die restlichen Pferde werden zwar von ihrem eigenen Tierarzt geimpft, jedoch in denselben Intervallen. Damit das Impfmanagement so reibungslos verläuft, hat Höfkens ihre Einsteller vom ersten Tag an vorbereitet. Neulinge werden schon vor der Unterzeichnung des Einstellungsvertrags auf das im Stall geltende Gesundheitsmanagement angesprochen. So ist zum Beispiel auch die Wurmkur im Pensionspreis enthalten. Diese Gelegenheit nutzt Höfkens, um auch über das Impfthema zu sprechen und eventuelle Wissenslücken beim Kunden zu klären. Darüber hinaus hängt sie regelmäßig aktuelle Informationen ans Schwarze Brett, was die Diskussionen unter den Einstellern im Gang hält und Verständnis für das Impfen schafft. „Unsere Einsteller kennen die Gefahren, die von ungeimpften Pferden ausgehen, und üben unter einander Druck aus“, sagt die Betriebsleiterin.

Manchmal geht’s auch anders

Nicht funktioniert hat das Impfmanagement auf der Reitanlage von Anja Ebbinghaus, die in Kaldensontheim bei Biebelried einen nagelneuen Aktiv-Laufstall gebaut hat. Gleich zur Eröffnung wollte sie Impfmanagement einführen und glaubte, damit auf fruchtbaren Boden zu treffen. „Ich dachte, wir kriegen eher ein nicht so engagiertes Publikum, das froh ist, wenn wir uns um das Impfen kümmern.“ Stattdessen waren sämtliche Einsteller „extrem engagierte“ Turnierreiter, die ganz gezielte Wünsche bezüglich Tierarzt, Impfstoff und Impfschemata hatten und die Sache selber in die Hand nehmen wollten. „Im Prinzip ist das so ja auch in Ordnung“, findet Ebbinghaus. „Da heutzutage eigentlich alle Tierärzte rechtzeitig Impferinnerungen schicken, funktioniert das genauso gut.“

Dr. Ursula Mock ist selber Tierärztin und Betreiberin von „Deutschlands schönster Reitanlage“, wie das Hofgut Sachtenhorst in Mühlheim an der Ruhr genannt wird, seit es bei einem bundesweiten Wettbewerb den ersten Platz machte. Den Impfrhythmus von 40 Pferden unter einen Hut zu bekommen, hält sie für problematisch. „Wir haben viele Turnierpferde auf unserer Anlage. Es wäre schwer, einen Tag festzulegen, an dem dann alle geimpft werden müssen.“ Deshalb lässt sie sich jährlich an einem bestimmten Stichtag eine Kopie der Impfpässe vorlegen. Influenza, Herpes und Tetanus müssen regelmäßig aufgefrischt worden sein.

„Erfreulicherweise muss keiner unserer Einsteller an Impfungen sparen“, sagt Dr. Mock. Damit es auch am nötigen Grundverständnis für Immunsystem und Impfungen nicht fehlt, gibt die Tierärztin alle Broschüren zum Thema Pferdegesundheit an die Einsteller weiter und betreibt rege Aufklärungsarbeit. Daneben lädt sie alle zwei Jahre einen Kollegen von außerhalb ein, der dann mit den Einstellern das Prozedere durchspielt, das im Falle einer Viruserkrankung alle betreffen würde: Keine Turniere mehr, keine Transporte, kein Reiten. „Wir erzählen den Einstellern, wie so eine Quarantäne abläuft, dass sie vor dem Stall in Desinfektionsmatten treten müssen – den meisten Einstellern ist die Tragweite einer Quarantänemaßnahme überhaupt nicht klar“, so Dr. Mock.

Wer sein Pferd aus Prinzip nicht impfen lassen will, der kommt ins Hofgut Sachtenhorst nicht rein. „In so einem Fall bin ich grundsätzlich dagegen, jemanden aufzunehmen“, stellt die Betriebsleiterin klar.

Argumente für das Impfen

Sogenannte Impfgegner haben Argumente, die gerade von Laien oft nicht so leicht von der Hand zu weisen sind. In den meisten Fällen geht es dabei um mögliche Folgerisiken einer Impfung. Umstritten war und bleibt besonders der Kombinationswirkstoff Resequin, der sowohl Herpes als auch Influenza abdeckt. Da er sehr häufig verwendet wird, wurden auch entsprechend mehr Fälle bekannt, denen unter Umständen eine Impfreaktion zugrunde liegt. Nebenwirkungen wie lokale Schwellungen, Erschöpfung und Fieber sind nie auszuschließen. Die allgemein vorherrschende Meinung unter Medizinern ist allerdings, dass das Risiko, ein Pferd durch einen Virus zu schädigen, höher ist als jenes, das vom Impfstoff ausgeht. Insbesondere die neuen Impfstoffe haben laut Dr. Mock viel weniger Nebenwirkungen. „Dazu kann ich meine Einsteller guten Gewissens verpflichten“, sagt sie.

Ein weiteres Argument gegen das Impfen lautet: „Viele Impfstoffe sind schon so alt, dass sie gegen die aktuellen Virenstämme überhaupt nicht mehr wirken“. Diese Behauptung streitet Dr. Mock nicht völlig ab, hält sie aber nicht grundsätzlich für ein Argument gegen die Impfung“. So gebe es sicherlich zum Beispiel durch Virusmutation nicht mehr so wirksame Impfstämme, dennoch bieten selbst diese noch einen gewissen Basisschutz. Deshalb rät die Tiermedizinerin allen Pferdebesitzern, die es ganz genau wissen wollen, sich über die aktuellen Impfstoffe zu informieren, die viele Defizite ihrer Vorgänger abgebaut hätten.

Als Betriebsleiter informieren Sie sich am besten per Internet und Fachpresse über die aktuellen Diskussionen der Impfgegner. So sind Sie auf dem Laufenden, wenn Ihnen plötzlich eine meuternde Einstellerrunde gegenübersteht und ihnen Geschichten aus dem Leben der Gedächtniszellen und Antikörper erzählen will. Auch empfiehlt es sich, regelmäßig aktuelle medizinische Informationen an die Einsteller weiterzugeben und die Stimmung zum Thema Impfen abzuklopfen. Probleme handeln Sie sich unter Umständen dann ein, wenn sie einen Impfgegner einstellen lassen, der aufgrund seiner Überzeugung vom allgemein gültigen Reglement befreit ist. So etwas spricht sich schnell herum und dann will unter Umständen jeder eine Extrawurst. Außerdem gefährdet dieses Pferd ihren gesamten gut gemanagten Bestand – und damit Ihre Existenz.

Impfen – was und wann?

Tetanus (Wundstarrkrampf): Durch kleine Verletzungen gelangen Tetanustoxine ins Pferd. Es kommt zu einem unkontrollierbaren Krampf der kompletten Skelettmuskulatur.  Das Pferd leidet stark und wird aller Wahrscheinlichkeit nach sterben. Tierschützer fordern eine Impfung gegen Tetanus als allgemeine Vorschrift. Sie ist zudem billig und muss nur alle zwei Jahre aufgefrischt werden. Grundimmunisierung: Zwei Spritzen im Abstand von 6 bis 8 Wochen, die dritte nach einem Jahr.

Influenza (Pferdegrippe): Tröpfcheninfektion mit Influenzaviren. Husten, Fieber, Appetitlosigkeit. Wird das Pferd zu schnell wieder beansprucht, droht Dämpfigkeit. Wegen guter Durchimpfung des deutschen Pferdebestands, kommt die Krankheit selten vor. Von der FN für alle Turnierpferde verbindlich vorgeschrieben. Auffrischung alle 6 Monate. Grundimmunisierung: Zwei Spritzen im Abstand von 6 bis 8 Wochen.

Equine Herpesvirusinfektionen (Herpes): Es gibt insgesamt acht Herpesviren. EHV 1 bis 4 kommen beim Pferd vor, EHV 5 bis 8 nur beim Esel. EHV 1und EHV 4 sind die gefährlichsten Herpes-Typen, für die es Impfstoffe gibt. Die Krankheit löst ein Verfohlen der tragenden Stute aus, es kommt zu Erkrankungen der Atemwege und schweren Ataxien. Infizierte Pferde bleiben ein Leben lang Träger. Die Krankheit kann immer wieder ausbrechen. Impfung ist von FN für Turnierpferde nicht vorgeschrieben aber erwünscht. Auffrischung alle 6 Monate. Grundimmunisierung: Zwei Spritzen im Abstand von 6 bis 10 Wochen.

Tollwut: Infizierung durch tollwütige Wildtiere (z.B. Füchse auf der Weide). Tollwut endet für Pferde immer tödlich! Tollwut kommt auch häufig in Nicht-Tollwut-Gebieten vor, da die Wildpopulation nur schwer kontrolliert werden kann. Impfung einmal jährlich, am besten drei Wochen vor dem Weidegang. Grundimmunisierung: nicht nötig.

Bitte beachten:

  • Vermeiden Sie rund um den Impftermin unnötigen Stress im Stall und zu hartes Training der Pferde. Denn dies sorgt für Kortisol-Ausschüttungen, die die Reaktion auf den Impfstoff hemmen können.
  • Legen Sie Ihre Wurmkur auf keinen Fall in die Zeit des Impftermins! Das würde das Immunsystem der Pferde überfordern.
  • Impfen Sie nur gesunde Pferde! Ein geschwächtes Immunsystem kann die in den Impfstoff enthaltenen Erreger unter Umständen nicht verkraften und es kommt zum Ausbruch der Krankheit, anstatt zum Schutz.
  • Für Fohlen gelten spezielle Impf-Regeln. Lassen Sie sich von einem guten Tierarzt beraten!

 

Was passiert beim Impfen?

Ziel einer Impfung ist es, das Immunsystem des Pferdes gegen eindringende Erreger zu wappnen. Kommt das Pferd zum ersten mal mit einem Erreger in Kontakt, so produziert es dagegen Antikörper und speichert ihn in „Gedächtniszellen“, um bei der nächsten Attacke schneller reagieren zu können. Das Immunsystem reagiert also schneller und besser auf Erreger, die es bereits „kennt“. Aus diesem Grund gibt es neben der passiven Immunisierung (z.B. Antikörper gegen Tetanus) auch die aktive Immunisierung. Dabei werden dem Pferd stark abgeschwächte oder getötete Erreger gespritzt, um damit eine Abwehrreaktion mit Bildung von Gedächtniszellen zu provozieren. Beide Formen der Impfung müssen regelmäßig aufgefrischt werden.


Quelle:

Regina Käsmayr