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Gesundheit :: Psychologie

Ursachen für Zähneknirschen beim Pferd: Wie kann man das abgewöhnen?

Bruxismus (das Knirschen mit den Zähnen) tritt bei uns Menschen vor allem nachts auf. Pferde hingegen mahlen eher tagsüber mit den Kiefern. Der Grund dafür ist der Gleiche wie bei uns Zweibeinern: Überforderung.
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HilfszgelDie Ursache des Zähneknirschens liegt naturgemäß meistens im Gehirn. Beim Menschen wird als Auslöser tagsüber entstandener, unverarbeiteter, emotionaler Stress angenommen, der des Nachts über knirschende Geräusche an den Zähnen abgebaut wird. Es sind immer wiederkehrende Lasten, die unser seelisches Grundgerüst erzittern und uns unterbewusst alternative Handlungen finden lassen. Unser Körper macht zuerst mit Tinnitusgeräuschen auf sich aufmerksam und reduziert dann stetig und unerbittlich die Zahnsubstanz, wenn die ersten Anzeichen übersehen werden.

In freier Natur knirscht keiner

Ebenso wie uns Menschen trifft es unsere Vierbeiner, die immer größere Anforderungen im gerittenen und auch im alltäglichen Leben absolvieren müssen. Sie verarbeiten nicht artgerechte Haltungsbedingungen, einquetschende oder drückende Sättel und grobe Ausbildungsmethoden. Zum Ausgleich mahlen sie mit den Zähnen – mehr oder weniger stark hörbar. Nachdem sie nicht laut schreien können, machen sie mit zusammengekniffenen Augen ihrem Unmut Luft und artikulieren ihre Schmerzen über markerschütterndes Knirschen. Der Körper baut damit auch beim Pferd den anhaltenden Stress wieder ab mit der Folge, dass Zähne viel zu schnell abschleifen und immer kürzer werden. Kiefergelenke schmerzen in Folge durch die dauerhafte Fehlbelastung und Muskelverspannungen bleiben nicht aus.

Was dabei sehr interessant ist: Das Knirschen mit den Zähnen ist eine Übersprungshandlung und kann bei Wildpferden nicht beobachtet werden. In der freien Natur entzieht sich das Tier durch Flucht der unangenehmen Situation und sucht sein Heil in der Ferne. Unsere domestizierten Pferde haben keine andere Wahl: Sie sind gezwungen, die jeweiligen Haltungsbedingungen zu akzeptieren und sich daran anzupassen – ob sie wollen oder nicht. Sie werden auf unterschiedliche Art und Weise geritten, tragen leichte, mittlere oder schwere Westernsättel, werden gebisslos, mit Trensen oder Kandaren unterschiedlicher Bauweise konfrontiert und mit allen möglichen Hilfsmitteln bearbeitet.

Der Eigentümer eines betroffenen Pferdes sollte das Zähneknirschen ernst nehmen, um seinem Pferd effektiv zu helfen. Meistens gibt es nur wenige Bereiche, die direkt als Auslöser für das dauerhafte Knirschen in Frage kommen.

Der Zahnarzt weiß Rat

Zahnfrakturen – vor allem an den Schneidezähnen – treten immer wieder auf, wenn die Pferde nach einem Sturz mit dem Gebiss aufschlagen oder ein anderes Pferd sie auf der Weide schmerzhaft mit beschlagenen Hinterhufen erwischt. Das Zahnfleisch kann sich im anschließenden Zeitraum schmerzhaft entzünden, die Zähne können sich verschieben, wenn einzelne Bereiche ausgeschlagen worden sind. Futterreste setzen sich fest und das Pferd riecht unangenehm aus dem Maulbereich. Es versucht sich dann selbst zu helfen, indem es in mahlenden Bewegungen mit den Zähnen überstehende Zahnreste entfernen möchte – leider ohne den erhofften bleibenden Erfolg. Diese physischen Hindernisse in Form von Gleitwiderständen können Pferde ohne weiteren Stress zu Dauerknirschern werden lassen. Meißelzähne (einzeln überstehende Backenzähne), die mit enormer Länge aus der Zahnreihe herausragen, entstehen, wenn ein Antagonist (Gegenzahn) fehlt und sie ohne diesen Gegenspieler immer weiter wachsen. Wird hier nicht regelmäßig durch den Pferdezahnarzt Abhilfe geschaffen, schleifen sich die Backenzähne in Form eines Wellen- oder Treppengebisses ein.

Die Wolfszähne (kleine, rudimentäre Backenzähne – zumeist im Oberkiefer ein- oder beidseitig vor dem ersten Backenzahn) tauchen geschlechtsunabhängig und nicht bei jedem Pferd auf. Sie können Probleme bereiten, wenn das Pferd im Rahmen seiner Ausbildung mit dem Trensengebiss gearbeitet wird. Vor allem wenn das Gebiss zu groß oder sehr schwer ausgeführt ist, kann es gegen die Wolfszähne schlagen und dem Pferd Unwohlsein verursachen. Erste Alarmzeichen sind gegeben, wenn das Pferd versucht, die Zügel aus der Hand zu reißen, sich hinter dem Zügel verkriecht und einrollt, nach vorne flüchtet und den Zügel heftig und ruckartig annimmt oder sich beim Auftrensen entziehen möchte. Meistens bringt eine eingehende Untersuchung der Zähne vom fachlich fortgebildeten Pferdetierarzt hier Klarheit.

Das Pferdegebiss sollte einmal im Jahr auf Unregelmäßigkeiten hin von einem Spezialisten untersucht und gegebenenfalls verfeinert werden. Ausgeglichene und reibungslos verlaufende Kaukräfte optimieren auch die Futterausbeute. Besonderes Augenmerk sollte gelten, wenn Pferde regelmäßig im Unterricht oder der täglichen Arbeit bocken, ihrem Unmut durch Schweifschlagen Ausdruck verleihen, sich gegen die feinen Hilfen der Hand wehren oder fast unmerklich mit den Zähnen arbeiten.

Fachleute zu Rate ziehen

Regelmäßig finden Pferdeosteopathen oder Physiotherapeuten die Ursachen für das Unbehagen eines knirschenden Pferdes. Muskuläre Verspannungen und Blockaden in unterschiedlichen Bereichen finden oftmals ihre Ursache durch nicht angepasste, zu kleine oder auch zu große Sättel mit falschen unbeweglichen Pauschen oder einseitigen, drückenden Polsterungen. Wenn ein Sattel auf unterschiedlichen Pferden eingesetzt oder über die Jahre niemals gewartet wurde, ist der Fehler schnell gefunden. Das Pferd wird dem Fachmann nicht nur im Stand, sondern auch in den unterschiedlichen Gangarten mit und ohne Reiter, an der Hand oder auch an der Longe vorgeführt.

Manchmal liegt die Ursache für das Unwohlsein auch in einem fehlerhaften, einseitigen Sitz des Reiters, der unter Umständen selbst einen Physiotherapeuten nötig hätte. Einseitiges, nicht an die Bedürfnisse des Pferdes angepasstes Training und die natürliche Schiefe von Pferd und Reiter begünstigen die Veranlagung zum Knirschen. Wer dann noch mit scharfen Gebissen, eng verschnallten Zäumen und jeder Menge Hilfsmitteln ans Werk geht, setzt den Grundstein für ein langfristig geschädigtes Pferd. Also erst einmal weg mit Nasenriemen, Schlaufzügeln und langen Kandaren – und her mit einem feinfühligen Aus- oder Fortbilder, der Pferd und Reiter beibringt, sich wieder loszulassen und Stereotypen abzulegen.

Nichts geht ohne die Psyche

Pferde haben einen eigenen Willen, eigene Wünsche und Vorstellungen und nur wer es beherrscht, den Wunsch des Reiters mit den Bedürfnissen des Tieres in Einklang zu bringen, wird dauerhaft mit einem gesundem Pferd und gleichzeitigem sportlichem Erfolg belohnt. Wer sein Pferd überfordert, dauerhaft unter Stress setzt und Ruhepausen vernachlässigt, dessen Wunderpferd wird eines Tages in sich zusammenfallen und knirschend sogar in der Box seinen Stress abbauen. Pferde reagieren unterschiedlich stark auf Belastungen, die nicht artgerecht sind. Ihr Organismus arbeitet ebenso wie bei uns Menschen mit ihrer Psyche in engem Dialog. Was beim einen zum Burn-Out führt, lässt den anderen eher abhärten. Was einen Araber zum Knirschen bringt, macht einen Haflinger unter Umständen eher phlegmatisch. Beide Anzeichen sollten jedoch ernst genommen werden.

Manche Pferde haben jahrelange Übung beim Zähnemalträtrieren, so dass sie bereits auf dem Putzplatz bei der Vorbereitung, also schon beim Striegeln oder Satteln damit beginnen. Andere wiederum agieren erst dann, wenn ein Stechen höchste Konzentration fordert, der Reiter vor lauter Prüfungsangst im Sattel zu klemmen beginnt oder die Glocke den Start der Prüfung signalisiert.

Sinnvolle Lösungen zur Vermeidung

Stressbewältigung hängt bei Pferden fast immer mit zwei Wörtern zusammen: Später und langsamer! Besonders das Anreiten sollte ohne Zeitdruck geschehen und dafür mit viel Belohnung – aber bitte nur dann, wenn das Pferd nicht mit den Zähnen knirscht, sonst verbindet es das Leckerli exakt mit dem Fehlverhalten und prägt sich die Situation falsch ein. Entspannungsübungen wie das Lösen „Vorwärts-Abwärts“ im Schritt bringen mentale Pausen zur Verarbeitung des Erlernten. Der hingegebene Zügel sollte wieder durchgängig zum Ausbildungskonzept gehören und Freiraum – so viel wie möglich – eingeplant werden. Immer wieder dürfen die Pferde dann auch in der Halle frei laufen, nachdem sie vorsichtig an der Hand warm gemacht wurden. Gelockerte Muskulatur und begeisterte Mitarbeit ist beim Pferd am entspannten Abschnauben und einem relaxten Gesichtsausdruck gut erkennbar. Wenn Pferde sich generell beim Lösen schwer tun, können auch sensibel eingesetzte Seitengänge zum Einsatz kommen und für Entspannung sorgen. Wichtig: Kaut ein Pferd, so besitzt es dabei ein entspanntes Kiefergelenk und kann nicht mit den Zähnen knirschen!

Wer seinem Pferd das dauerhafte Knirschen abgewöhnen möchte, benötigt ganz viel Zeit und noch mehr Geduld. Der Blick auf die Uhr sollte ebenso vermieden werden wie eilige Termine und hausgemachter Stress. Wenn Verhaltensmuster über viele Jahre eingeübt wurden, braucht es viel Einfühlungsvermögen um sie wieder abzulegen. Hat ein Pferd bereits in jungen Jahren damit begonnen, so wird es immer wieder darauf zurückgreifen – ebenso wie wir Menschen, die in steter Regelmäßigkeit zu Hause schlafend im Bett vor uns hin knirschen, ohne dies bewusst steuern zu können. Die Hoffnung sollte aber nicht aufgegeben werden – auch hartnäckige Fälle wurden mit der gleichen Beständigkeit dadurch geheilt, dass über die Maßen Geduld und immer wieder Geduld zum Einsatz kam.

Checkliste gegen das Knirschen:

  • das Gebiss des Pferdes 1 x jährlich prüfen lassen
  • regelmäßige Gesundheitsüberprüfung durch den Tierarzt, Osteopathen, Heilpraktiker etc.
  • sinnvolle Trainingseinheiten mit kurzen Sequenzen und vielen Entspannungsphasen
  • immer wieder Vorwärts-Abwärts-Einheiten einbauen und Lockerungsübungen auch für eigene Muskulatur anwenden
  • artgerechte Haltung mit sozialen Kontakten, Paddock, Koppelgang, evtl. Offenstallhaltung
  • sich in der Ausbildung ganz viel Zeit lassen

Quelle:

Ramona Dünisch
Bild: Fotolia #36645390

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