1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Gesundheit :: Krankheiten

Kolik beim Pferd – vorbeugen, erkennen, behandeln

Die Kolik ist das Gespenst unter den Pferdekrankheiten. In Geschichten geistert sie durch jeden Pferdestall, wird in jedem Stübchen und jeder FN-Prüfung ausgiebig besprochen. Doch wenn sie einmal ein Pferd befällt, laufen die meisten Besitzer trotzdem Amok. Was Sie als Pferdehalter tun können um dem Spuk ein Ende zu machen.
Grenzen Sie ihre Suche auf dem Gebiet Krankheiten ein. Mit einem Suchbegriff liefert unsere Datenbank Fachbeiträge zu diesem Thema an.

Pferd wälzt sich genussvoll im GrasPferde mit Kolik dürfen sich auf keinen Fall wälzen, heißt es immer wieder. Eine These, die mittlerweile als überholt gilt. Denn: Die Chance, dass ein kolikendes Pferd vom Wälzen eine Darmverschlingung bekommt, sind ebenso hoch wie die, dass sich dadurch eine bereits bestehende Verschlingung löst. Dennoch sind sich Fachleute uneinig darüber, wie man einen Kolik-Patienten bis zur Ankunft des Tierarztes behandeln soll. Führen, sagen sie einen, lenke das Pferd von seinen Schmerzen ab. Falsch, sagen die anderen, Führen ermüde den ohnehin beanspruchten Kreislauf des Pferdes nur noch mehr.

Dr. Georg Oeppert, Fachtierarzt für Pferde aus dem bayerischen Fleinhausen, rät jedem Pferdebesitzer, von Fall zu Fall unterschiedlich vorzugehen. Zunächst sollte beim Pferd der Puls gemessen werden. Am besten ist er an der Unterseite der Ganasche zu fühlen. Beim gesunden Pferd sind Werte zwischen 28 und 40 Schlägen pro Minute normal. „Steigt der Puls über 50, sollte man das Pferd nicht mehr führen“, sagt Oeppert. „Als Mensch möchte man ja auch nicht mit einem Kreislaufkollaps zum Joggen geschickt werden.“ Damit erübrigt sich auch die Praxis, das Kolikpferd im Galopp herumzuhetzen.

Zeigt ein Pferd Koliksymptome (siehe unten), so sollte der Besitzer in jedem Fall den Tierarzt verständigen. Dieser kann die Lage besser einschätzen, wenn er alle Symptome genau beschrieben bekommt und die sogenannten PAT-Werte (Puls, Atmung, Temperatur) mitgeteilt werden. Außerdem ist es für ihn wichtig zu wissen, ob es in letzter Zeit eine Futterumstellung gab, wie lange die letzte Fütterung zurück liegt und welche Darmgeräusche vorhanden sind. Diese sind auch ohne Stethoskop an beiden Flanken zu hören. Sehr laute Geräusche sind ebenso krankhaft wie abgehackte oder gar keine.

Bis zum Eintreffen des Tierarztes muss der Besitzer in erster Linie Ruhe bewahren. Dem ohnehin nervösen Pferd hilft es nicht, wenn sich seit „Leittier“ ruhelos und hektisch benimmt. Wichtig ist auch der Selbstschutz aller Helfer. Nur ein gesunder Helfer ist ein guter Helfer. Daher muss das Pferd an einen Ort gebracht werden, wo es sich nicht festliegen kann und bei etwaigem Um-sich-schlagen niemanden verletzt. Falls mit einem dramatischeren Verlauf der Kolik gerechnet wird, muss sich jemand um ein Transportfahrzeug mit Anhänger für die Fahrt zur Klinik kümmern.

Erleichternd wirken sich Umschläge mit warmen Decken aus, die dem Pferd um den Bauch gebunden und am Rücken zusammengeknotet werden. Im Hochsommer ist es unter Umständen empfehlenswerter, die Beine des Tiers kalt abzuspritzen. „Welche Vorgehensweise nun die richtige ist, muss der Besitzer aus dem Bauch heraus entscheiden“, so Dr. Georg Oeppert.

Wenn nichts mehr geht: Schnaps und kalter Kaffee

Im Normalfall sollte niemand eigenmächtig Medikamente verabreichen. Verzögert sich allerdings die Anfahrt des Tierarztes aus irgendeinem Grund, so kennt Dr. Oeppert einige unschädliche Mittel, die sich unter Umständen positiv auswirken können. „Drei Fläschchen Underberg wirken manchmal Wunder“, weiß der Tierarzt. Er selbst wurde einmal außer Dienst und ohne Medikamentenköfferchen zu einem Kolikpatienten gerufen. Da es keine andere Möglichkeit gab, flößte er dem Tier Schnaps und kalten Kaffee ein. Kurze Zeit später ging es dem Pferd wieder besser. Auch die häufig eingesetzten Colosan-Tropfen aus der Apotheke können helfen, ersetzen aber niemals den Tierarzt.

Ist dieser erst einmal eingetroffen, so wird er zunächst den Allgemeinzustand des Pferdes prüfen, den Puls messen und die Bindehäute auf blaue Verfärbungen kontrollieren. Anschließend wird der Magen-Darm-Bereich per Stethoskop abgehört. In den meisten Fällen spritzt der Arzt ein krampflösendes Medikament und wartet ab, ob das Pferd darauf anspricht. Problematisch ist in manchen Fällen eine rektale Untersuchung, da sich viele Pferde dagegen wehren. Um das Pferd daran zu hindern, nach dem Tierarzt zu treten, kann ein Helfer ein Bein hochheben. Dr. Oeppert empfiehlt den Einsatz einer Nasenbremse. Schützende Strohballen zwischen Hinterbein und Arzt lehnt er ab, „da der Arm des Arztes irgendwann einfach zu kurz ist“.

Falls die Kolik aufgrund einer Magenüberladung entstanden ist, wird der Arzt dem Pferd eine Nasenschlundsonde setzen. Hierbei wird ein Schlauch durch die Nasenöffnung über den Rachen in den Magen geschoben. So kann der Tierarzt feststellen ob der Mageninhalt normal oder pathologisch verändert ist. In manchen Fällen fließt Darmsaft zurück in den Magen und bringt diesen im Extremfall zum Zerreißen. Ein Pferdemagen fasst nur acht bis zehn Liter. Über die Sonde kann sich der unter Druck stehende Magen entleeren. Außerdem können über sie Medikamente eingeführt werden.

Kolik-OP bei Darmverschluss

Die Art der Weiterbehandlung ergibt sich aus dem „Reflux“, also der Menge, die aus der Nasenschlundsonde herausspritzt; aus dem Befund der rektalen Untersuchung und aus dem sogenannten Hämatokrit-Wert. Dieser Wert zeigt das Verhältnis der festen und flüssigen Bestandteile des Blutes an. Eine Studie an 452 Kolik-Patienten ergab, dass ein Hämatokrit-Wert von über 54% in rund 70 Prozent aller Fälle tödlich endete.

Stellt der Tierarzt einen Darmverschluss fest, so bleiben noch etwa sechs Stunden um einen operativen Eingriff vorzunehmen. Dieser wird nicht vor Ort, sondern nur in Tierkliniken durchgeführt. Die Kosten für eine solche OP werden oft unterschätzt. „Mit rund 5000 Euro muss der Besitzer rechnen“, sagt Dr. Oeppert.

Um Psyche, Pferd und Portemonnaie zu schonen kann jeder Pferdehalter gegen Koliken vorbeugen. Die Basis hierfür ist eine artgerechte Fütterung mit einwandfreiem Futter in häufigen, kleinen Portionen. Schimmeliges Heu, Silage oder Getreide darf nicht mehr verfüttert werden. Auch dann nicht, wenn die verschimmelten Stellen entfernt wurden. Das Pferd braucht ausreichend Bewegung, wenig Stress und einwandfreies, sauberes Wasser. Regelmäßige Parasitenkontrolle und systematische Entwurmungen sind absolute Pflicht. Dr. Oeppert rät von der Verwendung von Fertigfutter ab, da diese oft Rübenschnitzel und Melasse als Bindemittel enthalten. Ebenso wie Kleie verkleben diese den Darm. Solche Stellen können hart wie Beton werden und müssen oft operativ entfernt werden.„Klebstoffe“ verstecken sich sogar in trockenem Brot (Mehl), das häufig in rauen Mengen gefüttert wird.

Anschoppungen im Darm entstehen außerdem durch Sand. Deshalb dürfen hungrige Pferde nicht auf extrem abgefressene Weiden getrieben werden. Beim gierigen Fressen schlucken sie Gras mitsamt Wurzeln und Erde. Auch der Urlaub mit Binnenpferden an der Nordsee endete für viele Pferdehalter schon in der Tierklinik. Ihre salzhungrigen Pferde leckten am Meer kiloweise Sand auf.

Anzeichen einer Kolik:

  • Suchender Blick des Pferdes in Richtung Bauch oder Flanken
  • Bei stärkeren Schmerzen: Schlagen mit dem Bein gegen den Bauch
  • Futterverweigerung
  • Fehlender oder verminderter Kotabsatz, seltener Durchfall
  • Scharren, Hinlegen und Wälzen
  • Stöhnen
  • Schweißausbrüche
  • Zu schnelle Atmung (mehr als16 Züge pro Minute)
  • Flehmen als Ausdruck von Sauerstoffmangel im Gehirn

Info:

„Kolik“ ist lediglich ein Sammelbegriff für Bauchschmerzen mit unterschiedlichsten Ursachen. Da die Ursachen so vielfältig sind, bedarf jede Kolik der professionellen Hilfe durch einen Tierarzt. Die wichtigsten Koliken und ihre Auslöser sind:

  • Krampfkolik: Der häufigste Krankheitstyp. Die Ursachen liegen im Wetterumschwung, in Fütterungs- und Haltungsfehlern oder Stress. Auch ausgelöst durch wandernde Wurmlarven. Diese schädigen die kleinen Blutgefäße, die den Darm versorgen. Die Peristaltik (rhythmische Kontraktionen) des Darms wird gestört. Es bilden sich Gase, die Darmwand wird gedehnt. Dies erzeugt Schmerz.
  • Aufgasungskolik: Ausgelöst durch große Mengen Obst und anderes Futter, das im Magen oder Dickdarm gärt. Hierzu gehört auch eiweißhaltiges Grünfutter zu Beginn der Weidezeit. Der Darm wird durch die Gase geweitet und gebläht.
  • Magenüberladung: Die häufigste Form ist die Magenüberfüllung durch zu viel gierig aufgenommenes Futter, etwa weil das Pferd nachts in die Futterkammer eingebrochen ist. Eine andere Möglichkeit ist, dass der Mageninhalt zu quellen beginnt, weil das Pferd kurz nach der Futteraufnahme zu schwerer Arbeit herangezogen wurde. Dies behindert seine Verdauungsarbeit.
    Die dritte Form der Magenüberladung kommt zustande, wenn ein Verschluss (z.B. Sand, getrocknete Kleie) im Dünndarm die Weiterführung des Mageninhalts verhindert. Die Magenüberladung ist lebensbedrohlich, da das Pferd sich nicht erbrechen kann. Eine Art „Klappventil“ am Eingang des Magens lässt den Nahrungsbrei nur in eine Richtung passieren – nach innen.
  • Darmverschluss: Er tritt in drei Hauptformen auf. Erstens: Aufgrund einer Lähmung oder eines Krampfzustands transportiert die Darmwand den Darminhalt nicht mehr weiter. Zweitens: Verlagerung des Darms infolge von Verstopfung mit Kotmassen, Wurmknäueln oder Fremdkörpern. Drittens: Abschnürung des Darmes als Verdrehung, Darmeinschiebung, Verknotung oder Abschnürung.
  • Darmentzündungen und Magengeschwüre: Eher seltene Formen der Kolik, bedingt durch falsche Fütterung und Stress.

Quelle:

Regina Käsmayr
Bild: Fotolia #52179506