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Gesundheit :: Krankheiten

Knochenbruch – kein Todesurteil!

Die Diagnose „Beinbruch“ galt lange Zeit als sicheres Todesurteil für das Bewegungstier Pferd. Mittlerweile sind die Chancen auf eine Heilung gut – je nachdem, um welche Art Bruch es sich handelt. Einige Ausnahmefälle kamen nach erfolgreicher Operation sogar zurück auf die Rennbahn und das Dressurviereck. Andere bekamen stattdessen eine Prothe
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Im Jahr 1993 brach sich die erfolgreiche Stute Mariah’s Storm beim Alcibiades Stakes ihr linkes vorderes Röhrbein. „Man hörte es über den ganzen Platz krachen“, erinnert sich ihr Trainer Bill Peters. Doch das Wunder geschah: Schon ein Jahr später kehrte Mariah’s Storm auf die Rennbahn zurück, gewann das Arlington Height Oaks und weitere Rennen bis sie schließlich Fünfjährig in die Zucht ging.
Dieses Beispiel macht klar: Nicht jeder Beinbruch ist ein Todesurteil für das Pferd. „Das hängt ganz von der Art der Fraktur ab“, sagt Dr. Wolfgang Ranner von der Tierklinik Schierling. Ist es ein glatter Bruch oder ein Trümmerbruch? Hat die Fraktur nur zwei Teile oder mehrere Bruchstellen? Ist der untere oder der obere Teil des Beins betroffen?“ Grundsätzlich gilt: Je weiter oben, desto schwieriger. Während eine Hufbeinfraktur noch sehr gute Heilungschancen habe, wird es beim Fesselbein und Röhrbein schon schwieriger. Einen Oberschenkel- oder Oberarmbruch zu operieren, sei wegen der Lage am Rumpf eine „Riesenmetzgerei.“

Die Heilungschancen hängen auch vom Gewicht des Pferdes ab. Bringt ein Tier über 400 Kilo auf die Waage, so werden die Prognosen immer schlechter. „Durch die höhere Masse, die auf die Knochen einwirkt, wird das Osteosynthese-Material leichter müde und bricht“, erklärt Dr. Ranner. Der Fachtierarzt für Pferde und Chirurgie hat die Erfahrung gemacht, dass manche Pferde nach überstandener Operation schnell lernen, mit der neuen Situation umzugehen und andere nicht: „Es gibt coole Typen, die wissen mit der Zeit, wie man sich mit Gips hinlegen muss. Andere bekommen gleich nach dem Aufwachen aus der Narkose Panik und zerfetzen sich alles.“ In solchen Fällen bleibt nur die Euthanasie.

Belastungsrehe sind nach einem Beinbruch die am häufigsten auftretende Komplikation. Sie entstehen durch die Überbelastung des gegenüberliegenden Hufs, wenn das Pferd den gebrochenen Fuß entlastet. „Man kann nicht vorhersagen, ob das passiert“, weiß Dr. Ranner. „Es kann selbst nach Wochen noch vorkommen. Leider gibt es auch keine generell wirksame Prophylaxe.“ Teilweise helfen blutverdünnende Mittel. Gute Chancen haben auch Pferde, die sich mit dem Gips hinlegen und so die Belastung vom gesunden Bein nehmen.
Falls es vom Pferd toleriert wird, kann es zeitweise auch durch einen Bauchgurt gestützt und „aufgehängt“ werden. „Wir hatten mal ein großes, 800 kg schweres Pferd mit Kronbeinfraktur, bei dem es absehbar war, dass er Rehe bekommen würde“, erzählt Dr. Ranner. „Der hing stundenweise im Gurt mit einem Heunetz vor der Nase und hat ganz ruhig gezeigt, wann er wieder stehen wollte.“ Leider verlegte sich dieses Pferd später in der Nacht und zertrümmerte sich dabei das Bein.

Hat der Patient die ersten Wochen überstanden und kann sein krankes Bein langsam wieder belasten, so sinkt die Rehegefahr. Auch bei einem Bruch der hinteren Gliedmaßen ist sie niedriger, da Hufrehe vermehrt an den Vorderbeinen auftreten.

Weitere Komplikationen

Eine weitere Komplikation, die nach der Operation auftreten kann, ist Osteomyelitis. Die eitrige Knochenmarksentzündung wird durch Bakterien hervorgerufen, die während der OP in die Wunde gelangen. „Man kann nie hundertprozentig steril arbeiten“, sagt Dr. Ranner. „Manche reagieren auch auf die Schrauben.“ Dennoch sei Osteomyelitis lange kein solches Thema wie die Belastungsrehe. Allenfalls eines von hundert operierten Pferden sei betroffen.

Belastung nach einem Beinbruch

Ob und wann ein Pferd nach einem Beinbruch wieder belastet werden kann, hängt von vielen Faktoren ab. Minimum ein halbes Jahr muss man einrechnen, bis langsam wieder mit Führen und kleinen Spaziergängen begonnen werden darf. Wann es so weit ist, entscheidet das Röntgenbild, das alle zwei bis drei Monate vom Tierarzt angefertigt werden sollte.

Einer, der ganz besonders schnell wieder zurückkehrte, war der berühmte Westfalen-Wallach Rembrandt. Unter seiner Reiterin Nicole Uphoff gewann er 1993 die Deutsche Dressurmeisterschaft in Verden. Während der Siegerrunde wurde er von einem ausschlagenden Pferd unterhalb des Sprunggelenks getroffen und erlitt einen Bruch am rechten Hinterbein. Nach nur elf Tagen in der Klink und elf Monaten Pause im heimischen Stall startete Rembrandt einen Grand Prix Spezial und gewann überlegen. Er lief nach dem Bruch noch weitere drei Jahre im großen Dressursport und gewann Vize- und Weltmeistertitel.

Wenn gar nichts mehr geht: Prothesen

Ganz besonders bei wertvollen Pferden wird alles daran gesetzt, sie trotz Beinbruch als Reit- oder Zuchttiere zu erhalten. In den USA ging deshalb 1973 zum erste Mal ein Mediziner so weit, ein kaputtes Bein zu amputieren und durch eine Prothese zu ersetzen. Fast Jahre später wurde dem Rennpferd Boitron ein künstliches Hinterbein verpasst, mit dem er sogar noch 60 Stuten deckte und Fohlen wie den Halbe-Million-Dollar-Sieger French Seventyfive zeugte. Auch aktuell gibt es einen solchen Fall: In Virginia deckt der Missouri Foxtrotter Gideon, obwohl ihm das rechte Hinterbein fehlt.

„In Deutschland ist so etwas nicht bezahlbar“, sagt Dr. Wolfgang Ranner. „Es ist auch fraglich, ob Pferdebesitzer hierzulande bereit sind, so weit zu gehen.“ Dennoch verurteilt er die Prothesen-Pferde nicht pauschal. „Ob so etwas Sinn macht, hängt vom jeweiligen Fall ab. „Wenn ein Pferd damit nur über die Koppel humpelt und chronische Schmerzen hat, ist das natürlich nicht gut. Hat es aber ein lebenswertes Leben, einen reizfreien Stumpf, kann traben und galoppieren… warum nicht?“

10 Fakten rund um Knochenbrüche

  • etwa 6-8 Wochen verbringt das Pferd nach einer Operation in der Tierklinik
  • eine Operation kostet 2.000 Euro aufwärts.
  • Nur wenn der Besitzer einen guten immobilisierenden Verband anlegen kann, sollte er das Pferd selbst zur Klinik transportieren. Ansonsten besser ruhig stellen und den Tierarzt kommen lassen
  • Häufiger als Beinbrüche kommen Brüche am Kopf vor. Sie entstehen durch Schläge auf den Kopf beim Toben mit anderen Pferden.
  • Wer nach dem Hufeauskratzen den Huf einfach auf den Boden fallen lässt, kann einen Hufbeinbruch verursachen. Deshalb lernen viele Pferde, den Huf auf Kommando selbst abzusetzen.
  • Sogenannte Ermüdungsbrüche entstehen, wenn Muskeln, Sehnen und Bänder durch Überlastung ermüden und den Knochen nicht mehr richtig unterstützen können.
  • Besonders unglückliche Kronbeinfrakturen können schlicht beim Laufen auftreten, wenn das Pferd übers Bein dreht und dabei den Huf stehen lässt.
  • Hufeisen sollten nicht zu lange überstehen. Sonst kann es passieren, dass das Pferd beim Freilaufen mit dem Schenkel des Eisens in die gegenüberliegende Fesselbeuge tritt und sich das Fesselbein bricht.
  • Entmineralisierte Knochen brechen leichter. Eine ausgewogene Ernährung kann vorbeugen.
  • Manchmal kündigt sich ein Bruch durch eine so genannte Knochenfissur an. Wird dieser feine Riss im Knochen nicht behandelt, kann er länger werden und den Knochen brechen lassen.

Quelle:

Regina Käsmayr
Bild: Fotolia #39015522 | Urheber: AK-DigiArt