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Schlauchgeräusche, Schnorcheln, Zähneknirschen: Alles über unerfreuliche Geräusche beim Reiten

Zufriedenes Abschnauben hört jeder gern. Aber was, wenn unerfreuliche Geräusche beim Reiten auftreten? Wie Zähneknirschen, eine schnorchelnde Atmung, Blubbern der Scheide oder Schlauchgeräusche? Wir haben bei Tiermedizinern, Richtern und Ausbildern nachgefragt, wie diese Geräusche entstehen, ob sie ein Alarmsignal für Stress und Verspannungen sind und wie Profis damit umgehen.
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Wenn er sich richtig gräme, dieser Hengst, dann beginne er, mit den Zähnen zu knirschen. Nicht beim Reiten – sondern wenn sich zum Beispiel ein Hund vor seine offene Boxentüre setze, sodass er nicht heraus kann. Diese Anekdote erzählt Christine Aurich, Professorin an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Bezüglich des Zähneknirschens ist sie sich sicher: „Beim Reiten ist das Zähneknirschen eindeutig ein Zeichen, dass das Pferd unter Druck steht“. Die Muskulatur von Brust zu Zungenbein verspanne sich, ebenso die Unterhalsmuskulatur. Dabei soll genau diese ja entspannt bleiben.
Gegen das Zähneknirschen gibt es so allerhand zweifelhafte Hausmittelchen: Mancher Reiter schmiert seinem Pferd vor der Turnierprüfung mit einem Block Sattelseife die Zahnoberflächen ein, damit das Knirschen nicht zu hören ist. Andere geben, etwas galanter, Kügelchen aus Bienenwachs ins Maul. Angewärmt legt sich die Schicht über die Zähne und hat den gleichen Effekt. Wieder andere experimentieren mit allerlei Gebissen, manchmal erledigt sich das Problem durch ein anderes Stück im Maul. Schließlich kann starkes Knirschen auch zu Zahnschäden führen.

Arndt Wiebus, Richter bis zum Grand-Prix-Niveau, sieht das Knirschen nicht direkt als Merkmal für Druck und Stress: „Ich muss Gesichtsausdruck, Muskulatur und Ohrenspiel mit einbeziehen“, sagt er. Ebenso sei zu unterscheiden: Knirscht das Pferd aus einer positiven Spannung heraus, voller Konzentration? Oder geht es um negative Spannung, um Unwohlsein? Wichtig für seine Wertung sei auch, wie stark das Knirschen ausgeprägt sei. Häufiges, lautes Knirschen deute für ihn ebenso klar auf Unrittigkeit und Unwohlsein hin und fließe in die Bewertung mit ein. „Ich habe jedoch auch schon Pferde gesehen, die mit leisem, geringem Knirschen gingen und bei denen es ein Zeichen der Losgelassenheit und Zufriedenheit war.“

Zahnarzt und Osteopath einbeziehen

Ein klares Konzept zur Behandlung eines zähneknirschenden Pferdes hat Dressurausbilder Jan Nivelle aus Duisburg zur Hand. Käme bei ihm ein Berittpferd an, das knirscht, so würde er es zunächst auf Verspannungen vom Osteopathen prüfen lassen, dann den Zahnarzt schauen lassen, ob Oberkiefer- und Unterkiefer korrekt schließen. Manches Mal verbirgt sich nämlich auch eine Zahnproblematik hinter dem Knirschen. Vor allem, wenn das Pferd sich schon unwillig beim Trensen zeigt, kann dies ein Hinweis sein. Beim Reiten stünde für Jan Nivelle dann der Schwerpunkt auf Losgelassenheit. Das Knirschen zeige vor allem die fehlende Mobilität des Unterkiefers. Also hieße das Rezept: „Kein Festziehen, sondern mehr Mobilität im Unterkiefer.“ Auf dem Weg zur Besserung habe er auch die Erfahrung gemacht, dass es hilft, im Training zu Hause ungequetschten Hafer zu füttern. „Ein paar Körnchen bleiben auf den Zähnen liegen, das vermindert oft das Knirschen und kann dem Pferd das Knirschen sogar abgewöhnen.“ Das wichtigste für den Reiter eines knirschenden Pferdes sei jedoch Selbstkritik. „Oft haben Reiter, die ein zähneknirschendes Pferd reiten, nicht nur eines, das diese Angewohnheit hat.“

Eine genetische Disposition für das Zähneknirschen ist nicht bekannt, sagt Prof. Christine Aurich. Es ist also nicht so, dass bestimmte Linien der Pferdezucht eher dazu neigen. Sicher könne man aber sagen, dass bestimmte Pferdetypen stressanfälliger sind als andere und so etwas damit auch bis zu einem gewissen Grade genetisch bedingt ist. Eine Forschungsgruppe um die Tiermedizinerin stellte beispielsweise fest, dass Pferde, die von ihrem Reiter und Betreuer als „intelligent“ eingestuft wurden, weniger Stress beim Anreiten haben.

„Blubberstuten“ mit schlechtem Schamschluss

Kennt ein jeder die Problematik des Zähneknirschens, so sind Töne wie ein stets schnaubendes Ausatmen oder das Blubbern mancher Stuten durch die Scheide unbekannter. „Blubberstute“ nennt man es, wenn bei manchen Stuten ein so schlechter Schamschluss vorliegt, dass durch die Scheide Luft eingezogen wird. Beim Galoppieren und Springen hört man ein blubberndes Geräusch, dann wird Luft, „durchaus bis zu fünf oder sechs Liter“, so Prof. Christine Aurich, eingezogen und sammelt sich in der Scheide. „Dadurch kann es bei Reitpferden zu Widersetzlichkeiten kommen, es entsteht regelrecht ein Ballon im Becken, der für die Stute sehr unangenehm ist“, sagt die Tiermedizinerin.

Bei Springstuten merkt man es anfänglich daran, dass die Stuten nicht mehr so ziehen. Prädestiniert für diese Auffälligkeit sind Stuten mit langer Schamspalte, wie es bei Pferden mit hohem Blutanteil gern vorkommt, ebenso begünstigt ein schräger Beckenstand, also eine schön schräg abfallende Kruppe das Blubbern. Meist sind es Stuten, die schon Fohlen hatten. Der Tierarzt kann den Schamschluss durch einen Eingriff wieder herstellen. Die Schamlippen werden dafür ambulant im oberen Teil aneinander genäht, das ist die sogenannte „Caslick-OP“. Nach 10 Tagen werden die Fäden gezogen, die Stute kann normal weiter trainiert werden und bleibt auch zuchttauglich.

Schnorcheln durch die Nasentrompete

„Trillern“ nennt Ausbilder Jan Nivelle ein schnorchelndes Ausatmen, das einige wenige Pferde zeigen. Beim Ausatmen sieht man ein Beben der Nüsternflügel, ähnlich dem Prusten. Es kommt im Trab, verstärkt im Galopp vor. Es ist so selten, dass man schon so einige bekannte Ausbilder und Richter danach fragen muss –  nur wenige kennen es, erinnern sich mal an ein Berittpferd in ihrer Karriere, dass dieses Symptom zeigte. Für Jan Nivelle ist dieses Schnaufen einem Pferdetyp eigen, der eher unsicher in neuen Lektionen oder Situationen ist. „Der Reiter muss hier versuchen Angst zu nehmen, das heißt aber nicht, dass es ein Stressmerkmal ist, bei dem der Reiter im Moment des Trillerns direkt etwas falsch macht.“

Die Tierärztin Prof. Christine Aurich kennt jedoch die Ursache dieses Symptoms. „In der Nüster befindet sich eine Ausbuchtung, Nasentrompete genannt. Diese schwingt zusammen mit der Nüster gerade beim Galoppieren mit und macht dieses Geräusch“. Die Nasentrompete, lateinisch Diverticulum nasi, ist ein blind endender Hautsack, ein Organ das länglich gezogen ausschaut und ein nierenförmiges Ende hat. Sie ist bei jedem Tier individuell unterschiedlich groß. „Besonders ausgeprägt ist die Nasentrompete bei Vollblütern“, so Prof. Christine Aurich. Durch die Betätigung der Nasenmuskeln in Zusammenwirkung mit den Lippenmuskeln kommt es beim Pferd bei verstärkter Atmung zum Blähen der Nüstern. Damit verändert sich auch der Luftstrom im Bereich der Nüstern und der Nasentrompete. Das wiederum führt zum typischen Schnaubenden bzw. prustenden Geräusch, wenn die Nasentrompete ausgeprägt vorliegt. Dies ist eine Eigenheit, keine Krankheit, das Pferd ist voll einsatzfähig. Ein starkes Geräusch der Nasentrompete wertet die Tiermedizinerin auch nicht als Stresssymptom – eher als ein Zeichen intensiver Atemtätigkeit.

Schlauchgeräusch bei angespannten Bauchmuskeln

Das Schlauchgeräusch wiederum entsteht durch eine Kontraktion der Bauchmuskeln. Diese hat Auswirkungen auf den Schlauch, denn die Vorhaut von Hengst oder Wallach hat eine komplizierte Fältelung, wenn der Penis in den Schlauch bzw. Penisschaft eingezogen wird. Spannt das Pferd die Bauchdecke an, so kann zwischen Penisschaft, Vorhaut und Penis Luft hinein- und herausgepumpt werden. Dies verursacht dann das typische Geräusch. Es ist also immer mit einer Anspannung der Bauchdecke verbunden. Was zu tun ist, wenn ein Schlauchgeräusch auftritt, da sind sich diverse Ausbilder uneins: Der eine reitet einfach darüber hinweg, bis es sich mit zunehmender Entspannung selbst erübrigt. Der andere versucht es nicht aufkommen zu lassen, indem bei Auftreten des Schlauchgeräusches, also bei Anspannung der Bauchmuskulatur, sofort eine lösende, entspannende Phase eingeleitet wird.

Ausbilder Hermann Berger aus Viersen kennt das Schlauchgeräusch vor allem bei jungen Pferden. „Meist ist das Schlauchgeräusch bei jungen Pferden anzutreffen, wenn sie ihren Aufgaben körperlich oder vom Kopf her noch nicht gewachsen sind“. Sein Rezept ist Lockermachen und das Pferd im Kopf zufrieden halten. Dafür geht er auch Kompromisse ein, etwa mit einem fünfjährigen Hengst, den er momentan ausbildet. „Er ist etwas stramm und ab und an ein bisschen contra eingestellt. Ich reite ihn wie einen Vierjährigen, schaffe erst mal die Bereitschaft, dass er mitmacht. Er muss merken, dass ihm nichts passiert, damit sich seine Arbeitsbereitschaft einstellt.“

Für den Richter Arndt Wiebus ist das Schlauchgeräusch nicht direkt ein Stressmerkmal, sondern „allenfalls ein Hinweis darauf, genauer die Losgelassenheit zu prüfen.“  Das Thema Schlauchgeräusche als Hinweis auf einen Mangel in der Losgelassenheit würde unter Richtern immer wieder diskutiert, so der Grand-Prix-Richter. Er habe auch Kollegen, die eine Verspannung nur anhand des Schlauchgeräusches attestieren. Arndt Wiebus hat für sich entschieden: „Ich kann nicht sagen: Aha, ein Schlauchgeräusch, also Spannung, also Punktabzug!“ Seiner Erfahrung nach gäbe es Pferde mit Schlauchgeräusch, die losgelassen sind und solche, die es nicht sind. „Um den Grad der Losgelassenheit zu erkennen, gibt es deutlich signifikantere Merkmale: Rückentätigkeit, verspannte Schweifhaltung, Tempokontrolle des Reiters, Mängel in der Anlehnung.“

SONDERFÄLLE:

Kehlkopfpfeifen

Das Kehlkopfpfeifen spielt hier eine Sonderrolle, da es sich nicht bloß um ein Symptom handelt, sondern um eine leistungsmindernde Erkrankung. Zu hören ist ein Geräusch beim Einatmen. Dieses entsteht durch eine Lähmung der Nerven, die für die Muskulatur zuständig sind, die den Kehldeckel schließen und öffnen. Der Kehldeckel muss zum Fressen geschlossen sein, zum Atmen geöffnet bleiben. Die Lähmung kann ein- oder beidseitig vorliegen. Bei einer Langzeitstudie der Großtierklinik an der Universität Edinburgh zeigte sich, dass 64 Prozent der untersuchten 375 Pferde durch das Kehlkopfpfeifen leistungsgemindert waren.

Das Heimchen

Eine Unterscheidung von einem krankheitsbedingtem und einen durch Verspannung entstehenden Atemgeräusch ist ohne weitere Untersuchung nicht einfach. Beide können zu einem leichten Trillern, wie man es von einem Heimchen oder einer Grille kennt, führen. Das Geräusch tritt besonders leicht bei extremer Kopf-Hals-Position auf. Ist das Pferd verspannt, so verengt sich der Kehlkopf. Je forcierter das Pferd gearbeitet wird, desto lauter das Geräusch. Hier macht die Medizin momentan große Fortschritte in der Diagnostik: „Durch endoskopische Beobachtungen des Kehlkopfes in der Bewegung des Pferdes, was z.B. auf dem Laufband oder durch kleine, mobile Endoskope, die eine Untersuchung des Pferdes auch beim Reiten möglich machen, lernt man in letzter Zeit noch einiges dazu“, sagt Tiermedizinerin Prof. Christine Aurich. „So kann man zum Beispiel beobachten, dass der Kehlkopf durch die Kopf-Hals-Stellung beim Reiten recht deutlich beeinflusst wird.“


Quelle:

Jeannette Aretz
Bild: Katharina Paulik

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