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Gesundheit :: Anatomie

Die Aufgaben von Magen und Darm des Pferdes

Heu rein – Pferdeäpfel raus, so einfach scheint das Verdauungssystem des Pferdes zu sein. In Wahrheit laufen aber sehr komplexe Vorgänge ab, bei denen verschiedene Organe und Körpersysteme beteiligt sind, bis aus einer Handvoll Heu ein Pferdeapfel wird. Wir wollen ein wenig hinter die Kulissen blicken, wie die Verdauung des Pferdes funktioniert.
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sv101702Das Verdauungssystem dient bei allen Lebewesen dazu, aus der Nahrung für den Körper resorbierbare Verbindungen herzustellen, um daraus durch weitere Umbauprozesse (Verbrennung) letztendlich (Lebens-) Energie – zum Beispiel für die Wärmeproduktion oder die Bewegung von Gelenken – zu gewinnen. Alle Säugetiere haben einen ähnlich aufgebauten Verdauungstrakt. Unterschiede gibt es aber dennoch. So unterscheiden sich vor allem die Verdauungsapparate von Fleisch- und Pflanzenfressern. Die Pflanzenfresser (Herbivoren), darunter auch die Equiden (Pferdeartige), haben einen deutlich längeren Darm. Insgesamt beträgt die Darmlänge des Pferdes etwa die zehnfache Körperlänge, das sind beim Pferd zwischen 25 und 39 Meter. In die einzelnen Abschnitte unterteilt hat das Duodenum (Zwölffingerdarm) eine Länge von ein bis 1,5 Meter, das Jejunum (Leerdarm) mit dem Ileum (Hüftdarm) 18 bis 29 Meter und der Dickdarm sechs bis neun Meter.

Physiologisch gesehen gehört das Darmlumen quasi zur Außenwelt des Pferdes, da die abgeschluckten Nahrungsbestandteile nur resorbiert werden können, wenn sie mit Hilfe von Verdauungsenzymen aufnahmefähig gemacht worden sind. Nur Wasser, Salze und Vitamine müssen nicht verändert werden, damit der Körper sie aufnehmen kann.

„Gut gekaut ist halb verdaut“

Zum Verdauungstrakt gehört bereits die Maulhöhle, in der die Nahrung mit Hilfe der Zähne mechanisch zerkleinert wird. Das Zermalmen der Nahrung ist sozusagen der erste Verdauungsschritt, darum ist ein funktionierender Kauapparat die Basis für eine adäquate Verdauung. Die regelmäßige Kontrolle der Zähne durch den Tierarzt ist deshalb besonders wichtig. Über den Speichel, der über die Unterkieferspeicheldrüse (Glandula submaxillaris), der Unterzungenspeicheldrüse (Glandula sublingualis) und der Ohrspeicheldrüse (Glandula parotis) in die Maulhöhle sezerniert wird, wird der Nahrungsbrei gleitfähig gemacht. Bei einigen Säugetieren, wie auch beim Menschen, ist bereits dem Speichel das Verdauungsenzym α-Amylase (früher: Ptyalin) zugesetzt, das den Beginn der Kohlenhydratverdauung darstellt. Diese α-Amylase allerdings fehlt beim Pferd.

Nach dem Zermalmen der Nahrung und der Durchmischung mit Speichel wird der Nahrungsbrei abgeschluckt und erreicht über den Oesophagus (Speiseröhre) den Magen. Die Speiseröhre transportiert die Nahrung über peristaltische Bewegungen in den Magen. Dies ist beim Pferd schon deshalb notwendig, weil es den Kopf zum Grasen senkt und die Nahrung somit entgegen der Schwerkraft nach oben befördert werden muss. Fütterungstechnisch sind drei Engpässe der Speiseröhre von Bedeutung, weil besonders an diesen Stellen die Gefahr von Schlundverstopfungen (durch hastiges Fressen oder quellfähiges Futter) besteht. Diese physiologischen Engpässe befinden sich am Übergang zur Speiseröhre, zwischen dem ersten Rippenpaar am Durchgang zur Brusthöhle sowie beim Durchtritt durch das Zwerchfell beim Mageneingang.

Die Speiseröhre geht über einen Schließmuskel (Cardia) in eine sackartige Ausstülpung, den Saccus caecus ventriculi, über, einer gasgefüllten Magenblase, auch Blindsack genannt. Dieser Teil ist drüsenlos. Der Magen besteht weiterhin aus dem Magenkörper (Corpus ventriculi) und dem Magengrund (Fundus ventriculi). Der Magen des Pferdes ist relativ klein und hat ein Fassungsvermögen von acht bis 15 Litern. Dies macht zum einen eine schnelle Weiterbeförderung des Nahrungsbreis notwendig sowie die Fütterung von mehreren kleinen Portionen über den Tag verteilt.

Zu viel Futter schlägt auf den Magen

Die Natur hat das Pferd als Dauerfresser ausgestattet, die eine nahezu kontinuierliche Nahrungsaufnahme (bis zu 16 Stunden am Tag) vorsieht, die aus überwiegend kargem Raufutter besteht. Bei der Fütterung von zu großen Mengen, bei hastigem Fressen (Futterneid oder Hunger durch längere Karenzphasen) oder einer mit zu wenig Rohfaser versetzter Futtergabe (Kraftfutter, Müsli) besteht deshalb die Gefahr einer Magenüberladung. Hier kann es zu einer Regurgitation (pathologischer Rückfluss) von Futter kommen, wobei typische Würgebewegungen zu beobachten sind. Aufgrund des kräftigen Schließmuskels vor dem Magen (M. sphincter cardiae) kommt es aber niemals zum Erbrechen von Mageninhalt.

Die Magenwand ist von innen nach außen aus einer Schleimschicht (Mucosa), einer Muskelschicht (Muscularis) und einer Serosa (aus Plattenepithel bestehende seröse Haut) aufgebaut. In der kutanen Schleimhaut im Bereich des Blindsacks siedeln sich übrigens gerne die Larven der Dasselfliege an und entziehen dem Pferd somit Nahrungsanteile.

Im Magen unterscheidet man drei Regionen, die Cardiaregion, die Fundusregion und die Pylorusregion voneinander. In der Cardiaregion befinden sich Schleimdrüsen, die die Magenwand vor einer Selbstandauung durch die aggressive Salzsäure schützen. Diese wird in den Belegzellen, die in der Fundusregion liegen, gebildet. Ebenso der sogenannte Intrinsic-Faktor, der für die Aufnahme des Vitamins B12 im Dünndarm wichtig ist. Zudem finden sich in der Fundusregion noch muköse Nebenzellen, also ebenfalls schleimbildende Zellen. Die Hauptzellen sezernieren die Enzymvorstufen Pepsinogen, das mit Hilfe der Salzsäure zum aktiven Pepsin umgewandelt wird, welches für die Eiweißverdauung (Spaltung von Proteinen) verantwortlich ist. Aufgrund der Salzsäure herrscht ein stark saueres Milieu mit einem pH-Wert von 1,5 bis 2,5. Dadurch wirkt die Magensäure auch bakterizid, was Gärungs- und Fäulnisprozesse weitgehend verhindert.

Stress macht krank

Stressfaktoren und falsche Fütterung sind Hauptursachen von Gastritis (Magenschleimhautentzündung) und Ulcus ventriculi (Magengeschwüre). Reizstoffe in der Nahrung sowie die Aktivierung des Sympathikus (Stress) regt die Histaminausschüttung an. Das Histamin wiederum stimuliert die HCl-produzierenden Belegzellen, deren Salzsäure nun die Magenwand angreift. Dies führt zu Entzündungen und Geschwüren.

Der Magen hat drei Hauptfunktionen inne: 1. Durchmischung des Nahrungsbreis, 2. Speicherung der Nahrung und portionsweise Abgabe in den Dünndarm, 3. Chemische Aufbereitung der Nahrung für die weitere Verdauung im Dünndarm.

Der Dünndarm ist mit sogenannten Darmzotten ausgestattet, das sind Ausstülpungen der Darmschleimhaut, die zur Oberflächenvergrößerung beitragen und somit eine effektivere Resorptionsfläche ergibt. Dem Duodenum angeschlossen ist das Jejunum (Leerdarm), dem das Ileum (Hüftdarm) folgt. Dieser ist mit als Peyer-Plaques bezeichneten Lymphfollikeln ausgestattet und stellt somit eine bedeutende Abwehrfunktion dar.

Was übrig bleibt

Der dem Dünndarm angeschlossene Dickdarm ist in das Caecum (Blinddarm), Colon (Grimmdarm) und Rectum (Mastdarm) unterteilt. Der Blinddarm des Pferdes ist mit etwa einem Meter Länge relativ groß, fasst etwa 40 Liter und dient als Gärkammer für die Zelluloseverdauung.

Der aufsteigende Teil des Colons stellt sich in einer doppelten Hufeisenform dar und wird wegen seiner Ausdehnung auch als „großes Colon“, während der absteigende Teil als „kleines Colon“ bezeichnet wird. Dazwischen liegt der Colon transversum, der quer verlaufende Colonanteil. Vor allem im absteigenden Colonast sowie im anschließendem Rectum wird dem Kot Wasser entzogen und die typischen Pferdeäpfel geformt, wobei es dann etwa alle zwei Stunden zum Kotabsatz kommt. Bei einer zu schnellen Passage oder einer Funktionsstörung des Dickdarms wird zu wenig Wasser entzogen, so dass es zum Durchfall kommen kann. Damit geht dem Pferd aber auch viel Flüssigkeit verloren, ein länger anhaltender Durchfall kann deshalb auch Exsikkosezeichen nach sich ziehen.


Quelle:

Renate Ettl