Gesundheit :: Alternative Therapien

Klangschalenmassage hilft auch Pferden

Töne beeinflussen unser Leben. Mit guter Musik starten wir beschwingt in den Tag, ein guter Umgangston sorgt für angenehme Atmosphäre und so manche Erlebnisse klingen noch lange in uns nach. Doch Klänge haben auch eine therapeutische Wirkung. Aus dem Humanbereich schwappt die  Klangschalenmassage nun auch in den Pferdestall über. Esoterischer Nonsense?
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Die Klangmassage wurde in den 80er Jahren von Peter Hess entwickelt. Auf seinen Reisen durch Indien, Tibet und Nepal erlebte der Ingenieur am eigenen Leib, wie stark Klänge wirken können und wie sehr sie im traditionellen Heilwesen der asiatischen Völker verankert sind. Zurück in Deutschland gab Peter Hess sein erworbenes Wissen und seine Erfahrungen in Seminaren weiter. So entwickelte sich ein flexibles System, die Peter-Hess-Klangmethoden.

Dabei werden Klangschalen auf den bekleideten Körper gestellt und behutsam angeschlagen. Die entstehenden Klänge werden vom Gehör aufgenommen und verhelfen so zur Entspannung. Zudem entstehen rhythmische Schwingungen, die eine feine Vibration erzeugen. Diese Vibration wirkt wie eine Art sanfte Massage. Klangschalenmassage wirkt bei Menschen entspannend, ist Wellness für Körper, Geist und Seele. Doch wie sieht es nun beim Pferd aus?

Beruhigend bei Nervosität und Turnierstress

Judith Tolomello ist eine der ersten, die mit Klangschalen in den Pferdestall geht. Warum? „Auch Pferde erfahren täglichen Stress durch Stallalltag, Training, Turnier oder Erkrankungen“, so die angehende Tierheilpraktikerin. „So kommt es oft zu einem gestörten Gleichgewicht, das sich durch Übellaunigkeit, Nervosität, Konzentrationsschwäche, Leistungsabfall oder Anfälligkeit für Krankheiten zeigen kann“, weiß sie. Judith Tolomello hat Klangschalenmassage am eigenen Körper erfahren und war begeistert. „Dieses Gefühl von Entspannung war unglaublich. Ich bin eher ein Kopfmensch und das Abschalten fällt mir schwer“, beschreibt sie ihre Erfahrung. „Durch die Entspannung konnte ich neue Kraft auftanken.“ Judith Tolomello absolviert momentan eine Ausbildung zur Tierheilpraktikerin und dachte sich: Was dir selbst so gut tut, kann auch für Pferde nicht schlecht sein.

Gedacht-getan: Judith Tolomello packt Klangschalen in ihr Auto und fährt mit ihrer Freundin zu deren Pferd. Das Pferd ist eigentlich unproblematisch: Es ist nicht krank, lahmt nicht, ist brav im Umgang und lässt sich gut reiten. „Attila tut sich aber unglaublich schwer damit zu entspannen“, so seine Besitzerin. „Er ist immer voll dabei, fast übereifrig. Aber ich habe noch nie gesehen, dass er einfach dasteht und döst.“ Ein guter Kandidat für eine Klangschalenmassage.
Attila ist jedoch erst einmal skeptisch. Neugierig beäugt er die goldglänzenden Schalen. Er schaut, ob darin vielleicht etwas Futter ist. Judith Tolomello lässt das Pferd in Ruhe schauen, schlägt die Schalen regelmäßig sanft an und erzeugt so einen leisen Ton.

Das Pferd entspannt sich

Attila hat Zeit, sich in der Situation zurecht zu finden. Nach zehn Minuten hat der Wallach nichts mehr dagegen, dass Judith Tolomello die Klangschalen auf seinen Körper stellt. Die 28-Jährige schlägt die Schale weiter sanft an. Der Braune ist aufmerksam, ein Ohr ist stets in Richtung Mensch und Klangschale gedreht. Doch schon nach kurzer Zeit fängt Attila an, sich zu entspannen. Seine Unterlippe zittert, er atmet laut hörbar aus, das rechte Hinterbein knickt ein und seine Augen sind halb geschlossen. Seine Besitzerin traut ihren Augen nicht: „So habe ich ihn noch nie gesehen“, versichert sie.
Tolomello streicht das Pferd am ganzen Körper mit den Schalen ab und massiert ihn so. Dabei achtet sie stets darauf, ob es dem Pferd angenehm ist. Signalisiert es Unbehagen, entfernt sie die Schale direkt, um sie dort wieder anzusetzen, wo es dem Tier gefällt. Attila gefällt es besonders, wenn die Schale auf seiner Kruppe vibriert. Nun zittert seine Unterlippe nicht nur, sie hängt. Er schlaucht aus.

Judith Tolomello sammelt im Lauf der Zeit weitere Erfahrungen mit Klangschalenmassage bei Pferden. Die Ergebnisse sind durchweg positiv. „Es reagiert zwar jedes Pferd anders, aber bei allen konnte ich feststellen, dass sie sich entspannen und ihnen diese Art der Massage gut tut“, fasst die Fachfrau zusammen.

Kein Hokuspokus

Als „Kopfmensch“ ist ihr wichtig zu betonen, dass Klangschalenmassage kein „esoterisches Wischiwaschi“ ist. „Klangschalenmassage ist Physik“, erläutert Tolomello. „Sie hat nichts mit Hokuspokus oder irgendwelchen nicht erklärbaren Phänomen zu tun.“ Die entstehenden Vibrationen übertragen sich auf die Zellen, diese geben die Schwingungen weiter und werden so stimuliert. Man kann das Ganze mit Wellen vergleichen, die entstehen, wenn man einen Stein ins Wasser wirft. Treffen die Schwingungen auf eine Blockade im Körper, zum Beispiel auf eine Muskelverspannung, dann gehen die Schwingungen erst einmal nicht weiter.

„So als wenn die Wellen auf einen Felsen im Wasser treffen“, veranschaulicht Judith Tolomello. „Doch durch weiteres rhythmisches Schlagen können dann weitere Schwingungen die Blockade sanft lösen. Das geht, je nach Schwere der Blockade, nicht beim ersten Mal, aber es geht.“ Durch die effektive Massage des jeweiligen Körperteils wird die Durchblutung gefördert, der Abtransport der Schadstoffe begünstigt sowie die Selbstheilungskräfte des Körpers angeregt. Klangschalenmassagen sind deshalb eine gute Unterstützung anderer – auch schulmedizinischer – Behandlungen. Judith Tolomello ist realistisch und Pferdefachfrau: „Das Ganze funktioniert nur, wenn das Gesamtpaket stimmt.“

Das heißt: Das Pferd bleibt nur entspannt, Blockaden werden nur dann gelöst und kommen nur dann nicht wieder, wenn das Pferd artgerecht gehalten wird, seine Gesundheit überwacht wird, sich der Reiter um feines, gutes Reiten bemüht und das Pferd ein passendes Equipment hat. „Kein Pferd der Welt bleibt locker, wenn der Sattel drückt und der Reiter ihm in den Rücken plumpst. Dagegen kommt keine Klangmassage an“, appelliert sie an alle Pferdebesitzer, das Wohl ihrer Pferde stets umfassend im Auge zu behalten.

Nichts erzwingen

Bevor sich Judith Tolomello den Pferden mit Klangschalen nähert, streicht sie jedes Tier mit den Händen ab. „So lernt das Pferd mich kennen, ich erfahre, ob ich das Pferd am ganzen Körper berühren darf und spüre, wo im Pferdekörper Verspannungen, Empfindlichkeiten oder Schwachstellen sind. Diese kann ich dann gezielt mit der Klangschalenmassage bearbeiten“, erläutert sie ihr Vorgehen. In der Regel reagieren die Pferde auf die Klangschalen sehr gelassen. Die natürliche Neugier der Tiere und die sanften Klänge der Schalen bewirken, dass die erste Annäherung meist spielerisch verläuft. Panische Reaktion hat Judith Tolomello noch nicht erlebt. „Ich erzwinge nichts“, beteuert sie. „Es soll dem Pferd gut tun und so bestimmt das Pferd, was ich mit ihm tun darf. Zwang und Entspannung durch Klangschalenmassage – das passt nun gar nicht zusammen.“

So ist beispielsweise Arabermix Newton sehr skeptisch als Tolomello den Roundpen mit den Klangschalen betritt. Er schaut kritisch und schnaubt. Berührungen mit den Klangschalen möchte er nicht. Er rennt zwar nicht davon, aber wendet sich ab. „Das ist okay so“, beruhigt die Masseurin Newtons Besitzerin. „Schau einfach mal ganz entspannt zu, wie er auf die Klänge reagiert.“ So hockt sich Judith Tolomello mit einer Klangschale auf den Boden und schlägt diese in regelmäßigen Abständen sanft an. Nach einiger Zeit wechselt sie die Schale und erzeugt neue Töne. Newton kommt näher, stellt sich in ihre Nähe und genießt. Seine Unterlippe wackelt, seine Augen schließen sich, er schlaucht aus. „Wahnsinn!“ staunt seine Besitzerin. „So entspannt steht er nie da. Newton ist Herdenchef und stets darauf bedacht, alles in seiner Umgebung mitzubekommen.“

Auch noch 20 Minuten nachdem Judith Tolomello die Schale zum letzten Mal angeschlagen hat, steht der Wallach mit hängender Unterlippe und halb geschlossenen Augen da. Dann schüttelt er den Kopf, dreht sich in Richtung Ausgang und signalisiert: Nun würde ich gerne zurück auf die Weide zu meiner Herde. „Das war Klangschalenmassage ohne Körperkontakt“, lacht die Gelsenkirchnerin. „Diese Art der Therapie hat zwar keine direkte Auswirkung auf die Zellen, aber wir hatten hier Mentaltraining.“

Andere Töne für jedes Pferd

Der gleichmäßige Ton hilft Pferden, sich zu entspannen und so Stress abzubauen. Jedes Pferd spricht auf andere Töne an. Judith Tolomello arbeitet in der Regel mit drei Klangschalen. Die Schalen werden in Nepal aus zwölf Metallen nach alter Tradition von Hand getrieben. Seine Klangschalen stellt sich jeder Therapeut selbst zusammen. Sie müssen untereinander harmonieren. Judith Tolomello arbeitet in der Regel mit einer Becken-, einer sogenannten Herz- und einer Universalschale. Die Beckenschale erzeugt einen tiefen, erdigen Ton. Sie ist recht groß und schwer. Diese Schale eignet sich in den meisten Fällen besonders gut für das Mentaltraining und zur Massage der Kruppe. Die Herzschale benutzt Judith Tolomello von ein bis zwei Hand breit hinter dem Genick bis einschließlich Mittelhand; die Universalschale wird von der Mitte Hals bis einschließlich Hinterhand eingesetzt. „Aber es gibt keine starren Regeln. Ich schaue immer wieder, worauf das einzelne Pferd am besten anspricht“, so die Fachfrau. Auch beim Gebrauch der Schlägel schaut sie genau hin, was dem Pferd behagt. Je härter der Schlägel, desto höher der Ton, je weicher der Schlägel, desto tiefer der Ton – den physikalischen Gesetzen entsprechend.

Eine Besonderheit hat die Klangschalenmassage bei Pferden: Sie bezieht den Besitzer mit ein. So macht Judith Tolomello immer wieder die Beobachtung, dass auch die Besitzer nach der Behandlung ihrer Pferde einen wohlig entspannten Eindruck machen. Newtons Besitzerin hat deshalb für den zweiten Termin mit der Klangmassagentherapeutin auch eine Massage für sich selbst vereinbart.


Quelle:

Petra Herrmann

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