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Gesundheit :: Alternative Therapien

Akupunktur beim Pferd: Regulationstherapie

Die Akupunktur ist ein Teilbereich der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), wozu außerdem noch Bereiche gehören wie Qi Gong (Bewegungs- und Atemtherapie), Phytotherapie und Diätetik. In der westlichen Welt hat die Akupunktur mittlerweile auch in die Tiermedizin Einzug gehalten. Hier erfahren Sie, was hinter der Akupunktur steckt und wie sie funktioniert.
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Die Akupunktur ist ein sehr weites Feld, denn es gibt viele verschiedene Ansätze, nach denen man vorgehen kann, um einer Krankheit oder einem Leiden auf den Grund zu gehen. Grundsätzlich aber ist die Akupunktur eine Therapieform, die das Pferd – beziehungsweise das jeweilige Individuum – als „Ganzes“ betrachtet und nicht die Krankheit als einzelnen Baustein. Deshalb ist es auch nicht möglich, nach einer Art Rezeptbuch vorzugehen und bei bestimmten Krankheiten jeweils dafür auserwählte Punkte zu stechen.

Um die richtigen Punkte für die Akupunkturbehandlung zu finden, muss der Behandler viele weitere Dinge mit berücksichtigen. Die ganzheitliche Betrachtung ist ein absolutes Muss, weil Erkrankungen von bestimmten Faktoren ausgelöst werden und wiederum andere Bereiche beeinträchtigen oder zumindest beeinflussen. So liegt das Bemühen des Therapeuten darin, zunächst der Ursache auf den Grund zu gehen, weil eine reine Symptombehandlung nicht nachhaltig wäre.

Regulationstherapie

Schließlich muss man sich im Klaren sein, dass manche Leiden mit Akupunktur nicht zu beheben sind, andere wiederum hervorragend damit behandelt werden können. Das liegt daran, dass es sich bei der Akupunktur um eine Regulationstherapie handelt, die darauf ausgerichtet ist, eine Imbalance im Körper auszugleichen. Nur ein Drittel aller Krankheiten werden in China allein mit Akupunktur behandelt. Die Akupunktur ist also keine Therapie, mit der alles geheilt werden kann.

Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass Störungen und Krankheiten mit Akupunktur sehr gut heilbar sind, wenn noch keine Strukturen zerstört wurden. Zerstörte körperliche Regionen sind nicht mehr reparabel, gestörte hingegen sind wierderum gut regulierbar. Somit wird die Akupunktur insbesondere auch präventiv eingesetzt, damit die Krankheit erst gar nicht entstehen kann. Hierfür sorgt der Behandler dafür, dass das „Qi“ – im westlichen Sprachgebrauch meist mit dem Wort „Energie“ übersetzt – ungehindert fließen und somit die Körperbalance aufrecht erhalten werden kann.

Nach dem Verständnis der Chinesen ist ein Körper krank, wenn er sich im Ungleichgewicht befindet. Gesundheit bedeutet ein Gleichgewicht von Yang und Yin. Beispiele für diese Begriffe sind Tag und Nacht, Hell und Dunkel, Hitze und Kälte, Fülle und Leere oder Außen und Innen. Das eine kann ohne das Andere nicht existieren, denn wo Licht ist, gibt es auch Schatten und wenn es ein Innen gibt, muss es auch ein Äußeres geben.

Für die Chinesen gibt es verschiedene Arten von Energie oder Qi: Jedes Lebewesen bekommt einen gewissen Energievorrat über das Erbgut bei der Geburt mit. Dieses so genannte „Ursprungs-“ oder „Yuan-Qi“ kann nicht gesteigert werden. Man kennt aber noch weitere Arten von Qi, so die Energie, die über die Nahrung (Nahrungs- oder Gu-Qi) und Atmung aufgenommen wird, wodurch der Körper für alle Lebensfunktionen Energie zur Verfügung hat. Als Beispiel kann hierdurch das Abwehr-Qi („Wei-Qi“) gebildet werden, das im westlichen Sprachgebrauch als Immunsystem bezeichnet wird.

Energie in Balance

Das Qi wiederum fließt in bestimmten Energieleitbahnen, den so genannten Meridianen, durch den Körper. Diese Meridianverläufe waren für lange Zeit umstritten, sowohl deren Lage als auch deren Existenz überhaupt. Mittlerweile konnte man diese Energieleitbahnen aber auch wissenschaftlich nachweisen.

Wenn sich nun in den Meridianen Blockaden und Energieflussstörungen entwickeln, führt dies zu Energiedysbalancen und schließlich zu Krankheiten. Eine Energieflussstörung kann man sich beispielsweise vorstellen wie ein Fluss, der durch Unrat, Abfall oder Holz angestaut wird. Vor der blockierenden Stelle bildet sich ein Überangebot an Wasser, ein ganzer (Stau-)See also, während hinter der Blockade möglicherweise nur noch ein kleines Rinnsal übrig bleibt. Die Chinesen sprechen dabei von einem Fülle- beziehungsweise Leere-Zustand. Mit der Stimulierung bestimmter Akupunkturpunkte kann aus den Meridianen Energie zugeführt oder abgeleitet werden. Auf diese Weise kann das Qi wieder harmonisiert werden.

Wenn der Therapeut nun einen Punkt stimuliert, beeinflusst er damit nicht nur den Meridian, auf dem der Punkt liegt, sondern auch dessen Nachbarmeridiane und Leitbahnen, die über Querverzweigungen mit diesem in Verbindung stehen. Eine genaue Kenntnis der Meridianverläufe, Lage und Wirkung der Akupunkturpunkte ist deshalb vonnöten, um eine erfolgreiche Akupunktur zu betreiben.

Die Energieleitbahnen

Die Lage eines Meridians bestimmt auch dessen Zuordnung als Yin- oder Yang-Meridian. Jeder Meridian hat einen Partnermeridian, wobei der eine als Yang-Leitbahn, der andere als Yin-Leitbahn eingestuft ist. Die Meridiane, die innen (in der Regel an den Beininnenseiten) und am Bauch des Pferdes verlaufen, also im „Schattenbereich“ liegen, sind Yin-Meridiane. Alle Energieleitbahnen, die entlang den Außenseiten der Beine und am Rücken verlaufen, zählen zu den Yang-Meridianen. Es gibt zwölf paarig (an jeder Körperseite) angelegte Leitbahnen. Die Energie fließt wie in einem Kreislauf durch diese Meridiane, wobei jeweils zwei Yang-Meridiane auf zwei Yin-Meridiane, dann wieder zwei Yang-Meridiane folgen.

Zu den paarigen Leitbahnen gibt es noch unpaarige Sondermeridiane, die ebenfalls spezielle Funktionen erfüllen und für den Therapeuten wichtige Quellen der Einflussnahme auf den Körper des Pferdes darstellen.

Auf den Meridianen liegen die sogenannten Akupunkturpunkte. Sie bestehen aus einem Geflecht von Nervengefäßen, die durch die Körperfaszie treten und somit bis zur Haut vordringen. Diese Nerven-Gefäß-Bündel sind in wasser- und elektrolytreiches Bindegewebe eingebettet, das einen starken elektronegativen Ladungsüberschuss hat. Akupunkturpunkte haben einen geringeren elektrischen Widerstand als die umgebende Haut. Somit kann man auch mit so genannten Punktsuchgeräten die Akupunkturpunkte ausfindig machen, was im Gegensatz zum Menschen allerdings beim Pferd wegen der störenden Felloberfläche kaum funktioniert. Der Therapeut muss demnach die Lage der Akupunkturpunkte gut kennen und sich in letzter Konsequenz auf seinen geschulten Tastsinn verlassen.

Punkt für Punkt

Die Akupunkturpunkte haben unterschiedliche, häufig aber sehr vielseitige Wirkungen. Sie nehmen Einfluss auf verschiedene Körperfunktionen und können ihre Wirksamkeit oft mit der Kombination bestimmter anderer Punkte verstärken. Die Punkte sind auf den jeweiligen Meridianen mit Zahlen versehen, verfügen allerdings noch über unterschiedliche Zusatzbezeichnungen, die ihre Wirkungsrichtung ausdrücken. So kennt man neben den Anfangs- und Endpunkten auch Luo-, Quell-, Tonisierungs-, Sedations-, Mu- und Shupunkte. Nicht alle Punkte müssen auf dem zugehörigen Meridian liegen, so sitzen die Shu- oder Zustimmungspunkte allesamt auf dem Blasenmerdian, der am Rücken entlang läuft. Etwa eine Handbreit seitlich der Wirbelsäule befinden sich die Shu-Punkte auf dem inneren Ast des Blasenmeridians. Diese Punkte sind beispielsweise hervorragende diagnostische Punkte, die dem Therapeuten bei Empfindlichkeit wichtige Hinweise für seine Therapie geben. Je nach therapeutischem Vorgehen können die Assoziationspunkte aber auch für die Therapie genutzt werden.

Dem noch lange nicht genug der TCM-Theorie: Jeder Meridian ist einer sogenannten Wandlungsphase zugeordnet. Man kennt hierzu fünf Elemente: Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. Diesen Elementen zugehörig sind spezielle Entsprechungen. Jeweils ein Yin- und ein Yang-Meridian ist einem Element zugeordnet, zu dem weitere Entsprechungen gehören. Sehen wir uns diese Zuordnung an einem Beispiel an: Die Meridiane „Leber“ und „Gallenblase“ gehören dem Element Holz an. Weitere Entsprechungen hierzu sind als Sinnesorgan das Auge, als körperliches Gewebe die Sehnen, als Gefühlsbewegung der Zorn oder Ärger, als Jahreszeit der Frühling, als klimatischen Einfluss der Wind sowie als Farbe Grün. Mit diesen und weiteren Zugehörigkeiten kann man beispielsweise feststellen, welche Meridiane bei bestimmten Erkrankungen gestört sein könnten. Wenn ein Juckreiz mal stärker, mal schwächer und an verschiedenen Körperstellen auftritt, sprechen die Chinesen von einer Winderkrankung (= Element Holz). Tritt die Krankheit vornehmlich im Frühjahr auf, passt die zweite Entsprechung auf das Element Holz, so dass man auf eine Störung im Leber- und seinem Partner dem Gallenblasenmeridian rückschließen kann. (Natürlich hat das Pferd keine Gallenblase, allerdings die Funktion einer solchen und deshalb auch den entsprechenden Meridian.)

Die TCM bezieht also nicht nur körperliche, sondern auch äußere und psychische Faktoren mit ein. Die Komplexität der Therapieform wird dadurch noch verdeutlicht, dass viele unterschiedliche Faktoren voneinander abhängen und sich gegenseitig beeinflussen.


Quelle:

Renate Ettl

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