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Ausbildung :: Wettbewerbe

Weitreiter: Günter Wamser und Sonja Endlweber nach 20 Jahren am Ziel!

Sie reiten durchs wilde Kasachstan, durch tropische Wälder, Schneestürme und Wüsten. Viele tausend Kilometer weit. Jahrzehnte lang. Weitreiter nehmen ungeheure Strapazen auf sich, um ihr Ziel zu erreichen. Was treibt sie an und wie geht es ihnen nach der Heimkehr ins enge Deutschland? Mit dieser Frage müssen sich bald auch die bekanntesten deutschen Weitreiter Günter Wamser und Sonja Endlweber auseinandersetzen. Denn sie sind nach 20 Jahren am Ziel angekommen.
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Am 17. Oktober 2003 schreibt die Afrika-Reiterin Esther Stein per E-Mail an die westliche Welt: „Wir sind in Mkushi, was wohl eine Stadt sein soll. Es gibt eine Post und ein paar kleine Läden, das war’s. Horst hat einen ekelhaften Mitreisenden, einen Wurm! Ein halber Meter seines neuen Freunds kam heute Morgen aus seinem Hintern heraus. Jetzt hat er eine Entschuldigung dafür, dass er ständig hungrig ist. Wir beide sind wundgeritten und würden am liebsten aufgeben. Aber Mkushi ist nicht der Ort zum Aufgeben. Also machen wir weiter.“

Gemeinsam mit ihrem Mann Horst Hausleitner ritt die Schauspielerin Esther Stein ein Jahr lang mit Zelt und Schlafsack quer durch den afrikanischen Busch. Nur mit dem Allernötigsten ausgerüstet, durchstreifte das Paar mit seinen Pferden die Kalahari Wüste in Botswana, den Urwald Sambias, die Steppen Tansanias und schließlich die Weidegründe der Maasai im Kenianischen Hochland. „Ihr habt erfolgreich eine der schwierigsten und gefährlichsten Reittouren unserer Zeit durchgeführt“, lobte anschließend die US-amerikanische Weitreitergilde „The Long Riders’ Guild“. Wundgeritten. Von Parasiten geplagt. Warum, fragt man sich da, reiten die beiden nicht einfach durch die Lüneburger Heide?

„Nicht immer romantisch!“

Oder Günter Wamser und Sonja Endlweber. Unterwegs von Patagonien nach Alaska. Er seit 20 Jahren, sie sieben Jahre lang. Durch tropisches Klima und Monsunregen. Schwärme von Insekten, gequält vom Dengue-Fieber, einer Tropenkrankheit ähnlich Malaria. Den ersten Teil der Reise war Wamser mit Biologin Barbara Kohmanns unterwegs. Sie lebt heute wieder in Deutschland und hat sich als Yoga-Lehrerin selbstständig gemacht. „Ich hatte es mir romantischer vorgestellt“, sagt sie über ihren Ritt. „Der Alltag war mit sehr viel Arbeit verbunden. Man kommt müde am Lagerplatz an und muss sich dann noch ein bis zwei Stunden um die Pferde und das Lager kümmern, bevor man sich mit sich selbst beschäftigen kann. Außerdem wird selbst diese Art von Alltag irgendwann zur Routine. Auf unseren Bildern sieht alles immer so wahnsinnig schön aus. Nicht mit drauf sind all die Zecken, Ameisen und fliegenden Insekten aus Panama.“ Trotzdem dachte die 45-Jährige nie ans Aufgeben. „Ich wollte immer weiter“, sagt sie. Kohmanns Motivation für den Wahnsinnsritt mit Günter Wamser: Lust an der Natur. Schon immer war sie am Leben in freier Natur interessiert, arbeitete längere Zeit auf einer Alb, wo sie Butter und Käse selbst herstellte. „Für mich hat ein Tetrapak Milch aus dem Supermarkt etwas völlig Entfremdetes. Ich dachte mir oft: Das ist es nicht! Ich will mittendrin leben, ein Teil der Natur sein.“

Bei ihrem Ritt durch Mittelamerika standen Essen und Trinken im Mittelpunkt. Gab es beim Einkaufen nur Eier und Mehl, so wurden eben tagelang Fladen gebacken. „Oder wir haben irgendwelche Knollen gekauft und wussten nicht, wie man sie zubereitet“, erinnert sich die Weitreiterin. „Die Marktfrauen haben uns dann lachend erzählt, wie man es macht. Ich habe gelernt, die einfachsten, alltäglichen Dinge zu schätzen.“

Empfangen vom Regenbogen

Mitttlerweile sind Günter Wamser und Sonja Endlweber am Ziel angekommen: 30.000 Kilometer vom Start entfernt, in Begleitung ihrer Mustangs Dino, Azabache, Rusty und Lightfoot. „Vor uns lag Healy, umrahmt von einem Regenbogen“, erzählt Sonja Endlweber in Ihrer E-Mail nach Deutschland. „‚Willkommen am Ziel‘, flüsterte ich ehrfurchtsvoll, denn es war kein Moment lauter Worte. Einen schöneren Zieleinlauf hätten wir uns nicht wünschen können.“ Im grünen Herzen Alaskas sattelten sie zum letzten Mal ihre Pferde ab. „Wir nahmen die Halfter ab und Dino, Azabache, Rusty und Lightfoot wälzten sich genüsslich, dann galoppierten sie los, ausgelassen und kraftvoll sprangen sie davon. Selbst Dino, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt, machte einen Bocksprung wie ein junges Fohlen. Es ist ihre Intuition, die Pferde wissen Bescheid – das Nomadenleben ist zu Ende, ab jetzt gibt es nur noch Fressen, Schlafen und Spielen, einen ganzen nordischen Winter lang.“

Wer jahrelang mit dem Pferd unterwegs ist, steigt im Normalfall komplett aus seinem alten Leben aus. Auch in finanzieller Sicht hat das Aussteigertum mit Pferd schon so manchen Weitreiter ruiniert. Zwar kostet das tägliche Leben in Mittelamerika, Afrika und der Mongolei nur wenig, doch Visas, Veterinärkosten und Flüge schlagen sich heftig zu Buche. „An den Grenzen warteten wir auch oft bis zu drei Wochen lang, weil wir kein Schmiergeld für die Einreise zahlen wollten“, erzählt Barbara Kohmanns, die die Reise über ihr Erspartes finanzierte. „Mehr als 500 Dollar braucht man in Mittelamerika nicht im Monat. Das einzig Teure waren die Tierarztkosten an den Grenzen.“

Günter Wamser ist einer der wenigen Extremreiter, die ihre Passion nahezu komplett über Diavorträge und Buchverkäufe finanzieren. „Alle zwei bis drei Jahre komme ich in der Wintersaison nach Deutschland und halte dann 80 bis 120 Vorträge. Davon lebe ich. Es gibt einen großen Markt dafür. Ich lebe die Träume vieler Menschen und deshalb kommen sie in meine Vorträge“, sagt Wamser. Hier lernte er auch Barbara Kohmanns und seine jetztige Partnerin Sonja Endlweber kennen. Beide beschlossen während eines Vortrags: „Da will ich mit!“ und ließen nicht locker, bis sie neben dem großen Abenteurer im Sattel saßen.

„Integrationsrate liegt nahazu bei Null!“

Dr. Dietmar Köstler, VFD-Vorsitzender in Bayern und Herausgeber der deutschen Seite „Weitreitergilde.de“ weiß, wie schwierig es für Menschen wie Wamser und Endlweber ist, nach einem solchen Abenteuerritt ins enge Deutschland zurückzukehren. „Eine Freundin von mir ist als Sozialarbeiterin für die Reintegration von Aussteigern zuständig“, erzählt er. „Sie sagt, die Integrationsquote liegt nahezu bei Null. Viele wollen definitiv wieder sesshaft werden, aber sie schaffen es nicht, ihren regelmäßigen Verpflichtungen nachzukommen. Es gibt aber auch einige Beispiele von Weiterreiterin überall auf der Welt, die es geschafft haben, eine Balance zwischen dem Aussteigertum und dem Leben in der westlichen Welt hinzubekommen.“

Ursprünglich hatte Wamser geplant, in vier bis fünf Jahren von Patagonien nach Alaska zu reiten. Aber dann lernte man unterwegs nette Leute kennen und blieb länger als geplant. Was macht ein Abenteurer, wenn das Abenteuer vorbei ist? „Weiß ich noch nicht“, gibt Wamser zu. „Ich werde wohl eine ganze Weile dort bleiben. Ich möchte die Erfahrung machen, wie es ist, wenn’s wirklich eiskalt ist. Vielleicht mache ich was mit Schlittenhunden. Mir ist immer noch wichtig, unterwegs zu sein. Wenn ich das eines Tages in Frage stelle, werde ich aufhören und sesshaft werden.“

Sonja Endlweber kündigt in ihrer E-Mail an: „Wie es danach weiter geht ist noch offen. Doch wer so ein Leben führt wie wir, dem gehen die Ideen nicht 
aus. Doch eines ist sicher – wir werden auch weiterhin mit unseren Pferden unterwegs sein. Vorerst aber freuen wir uns darauf, ab Januar 2014 gleich mit zwei neuen Vorträgen in Deutschland, 
Österreich und der Schweiz auf Tournee zu gehen.“
Es verspricht, spannend zu bleiben!

 

INFO:

Die erste Weitreiterin war Celia Fiennes. Im Jahre 1697 ritt die Reiseschriftstellerin von Land’s End in England nach Aitchison Bank in Schottland: 2600 km im Damensattel – ohne männliche Begleitung.

Der bekannteste Weitreiter war Aimé Felix Tschiffely. Er legte die 16.093 Kilometer lange Strecke von Buenos Aires nach Washington mit seinen 15 und 16 Jahre alten Criollos „Mancho“ und „Gato“ zurück. Der Reitanfänger Tschiffely ritt beide immer abwechselnd und brauchte für den Weg 504 Tage. Eine Zeitung titelte damals über ihn: „Unmöglich! Absurd! Der Mann muss verrückt sein!“ Als er zurückkam, schrieb er über seinen Ritt ein Buch, das über Nacht zum Bestseller wurde. Mancha und Gato lebten nach dem kontinentalen Gewaltritt noch fast zwanzig Jahre lang – Gato wurde 36, Mancha 40 Jahre alt. Sie sind im Transport-Museum von Luján nahe Buenos Aires ausgestopft zu sehen. Auf der Estancia El Cardal in Argentinien ist dem „Gefleckten“ und dem „Getigerten“ ein Ehrenmal gewidmet.

Den längsten Ritt unternahmen von 1912 bis 1915 „The Overland Westerners“ George und Charlie Beck, Jay Ransom und Raymond Rayne. Sie ritten durch alle unteren 48 Staaten der USA.  Ein Pferd, ein Morab Wallach namens Pinto schafft den ganzen Ritt von 32.560 km Strecke. Bei ihrer Ankunft erwarteten die vier Männer, als heimkehrende Legenden gefeiert zu werden. Doch niemand interessierte sich für sie. Der Erste Weltkrieg nahm alle Schlagzeilen für sich ein. Alle außer George Beck verkauften Pferde und Equipement, um sich „mit gebrochenem Herzen“ eine Heimfahrt mit dem Zug leisten zu können. Beck und sein treuer Pinto folgten später nach. Ein Buch konnten sie nie veröffentlichen. Heute werden sie als „vergessene Helden“ gefeiert.

Der Mustang-Hengst Hidalgo ist keine Erfindung der Filmindustrie. Ihn gab es wirklich. Ende des 19. Jahrhunderts gewann er unter seinem Reiter Frank Hopkins 400 Distanzrennen in den USA und siegte 1889 im 3000-Meilen-Rennen durch die Arabische Wüste. Tatsächlich kam er aber nicht eine Nasenlänge, sondern 33 Stunden vor dem Zweiten ins Ziel. In dem US-Kinohit hatte das Hautdarsteller-Pferd „T.J“ fünf Doubles, die so geschminkt wurden, dass sie wie das Original aussahen.

 


Quelle:

Regina Käsmayr

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