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Ausbildung :: Wettbewerbe

Distanzreiten: Toller Ausdauer-Sport oder Tierquälerei?

„Sind 160 km an einem Tag Tierquälerei?“  Das war eine von vielen Schlagzeilen, durch die das Distanzreiten bereits auf den Weltreiterspielen in Aachen 2006 seinen Ruf verlor. Und auch bei der WM 2014 in der Normadie sorgt die Disziplin wieder für Aufruhr in den Medien, weil viele Pferde vorzeitig ausschieden oder die Reiter aufgaben. Ein Pferd aus Costa Rica starb sogar beim Zusammenstoß mit einem Baum. Tierschützer, Trainer und Veterinäre bestätigen: Ja, auch in dieser Pferdesportdisziplin gibt es Auswüchse. Doch alles in allem ist zumindest die Szene in Deutschland auf dem richtigen Kurs.
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EquitationHauptgrund für die weltweiten Empörungsrufe war damals in Aachen der Tod des elfjährigen Fuchswallachs Dubai von Ingelise Kristoffersen. Die dänische Reiterin nahm ihr Pferd schon kurz nach dem Start über 160 Kilometer Strecke aus dem Rennen. Trotzdem musste er später wegen schweren Muskelkrämpfen und Nierenfehlfunktion eingeschläfert werden. Auch im Fall des toten Pferdes von 2014 wird vermutet, dass Erschöpfung zu dem Zusammenstoß mit dem Ast und dem nachfolgenden Sturz geführt hat. Der Wallach Dorado erlag anschließend seinen Kopfverletzungen und musste eingeschläfert werden.

Was ist dran am Vorwurf der Tierquälerei? „Nichts“, sagt Belinda Hitzler, die im Distanzkader mitreitet und Deutschland bei den Weltreiterspielen 2014 vertritt. „Dieses Pferd (der Wallach Dubai, Anm. der Red.) hatte im Vorfeld schon ein Problem. In der ersten Runde kann man kein Pferd überreiten. Distanzreiten ist genauso gesund oder ungesund wie jede andere Pferdesport-Disziplin auch.“

Beim Deutschen Tierschutzbund sieht man das anders. Katrin Umlauf, Referentin für Heimtierfragen, ist davon überzeugt, dass der Wallach Dubai durch den Ehrgeiz seiner Reiterin umkam: „Mag sein, dass er nicht auf den ersten Kilometern überfordert wurde“, sagt sie. „Aber die Pferde werden vorher ja trainiert. Ob die Krämpfe nun am Ende mit dem Training oder der Aufregung oder anderen ungünstigen Faktoren zu tun hatten, ist schlicht egal.“

Hohe Ausfallquoten verhindern Verschleiß

Gut 40 Prozent aller Starter wurde in den letzten Jahren von den Tierärzten wegen der Gefahr einer Überforderung aus dem Wettbewerb genommen. In Aachen schieden 94 von 159 gestarteten Pferden aus. „Durch diese hohen Ausfallquoten zeigt sich, dass viele Pferde überbelastet werden“, sagt Katrin Umlauf. Ohne psychische und physische Probleme kann ein Pferd laut einer Studie von 1993 lediglich Ritte bis maximal 75 Kilometer Länge durchstehen.

Die hohen Ausfallquoten auf internationalen Ritten und Championaten kann man jedoch auch von einer ganz anderen Seite sehen: Je höher die Quote, desto sorgfältiger verhindern Tierärzte, dass ein Pferd tatsächlich zu Schaden kommt. In keiner anderen Pferdesportart finden derart viele Kontrollen statt, wie im Distanzreiten. Alle 30 Kilometer werden die Pferde von Tierärzten durchgecheckt. Dabei werden Puls und Atmung kontrolliert, Schleimhäute und Darmgeräusche nach Zeichen von Dehydration und metabolischen Problemen durchsucht und Lahmheiten ausgeschlossen. „Schon bei der kleinsten Kleinigkeit fliegt man raus“, sagt Belinda Hitzler, die unterwegs ständig den Puls ihres Pferdes per Pulsmessgerät unter Kontrolle hat. Das bestätigt auch Martin Grell, FEI-Tierarzt und ehemaliger Team-Tierarzt der Deutschen Distanzreiter: „Selbst wenn ein Pferd nur minimal tickert, wird es rausgeworfen. Die Ausfallquoten muss man sehen, wie die nächste Runde beim Springreiten: Nur wer einen Null-Fehlerritt absolviert hat, kommt ins Stechen.“

Damit noch nicht genug der Kontrolle: Distanzpferde dürfen erst nach abgeschlossenem Zahnwechsel Wettbewerbe laufen und es gibt verschiedene Altersgrenzen für längere Ritte. „Rennpferde und Westernpferde werden dagegen oft schon als 2- und 3-jährige verheizt“, sagt Grell. Eines von Belinda Hitzlers Championatspferden, der Araber Experiment, lief bis ins hohe Alter im großen Sport mit. Freiwillig. Denn Sporen und Gerten dürfen die Reiter nicht benutzen.

Gymnastizierung für Distanzpferde

Selbst eine 160-km-Distanz mit Durchschnittsgeschwindigkeiten von 15 bis 17 km/h ist für gut trainierte Pferde laut Martin Grell nicht zu viel. Voraussetzug dafür sei jedoch, dass alles perfekt ist: die Kondition von Pferd und Reiter, die Arbeit von Sattler, Hufschmied und Physiotherapeut. Dazu kommt die Reitarbeit. Sian Griffiths, Reitpädagogin und Trainerin B Distanzreiten vom Distanzreitzentrum Dadow stellt hohe dressurmäßige Ansprüche an Pferd und Reiter: „Distanzpferde müssen in der Lage sein, sich am langen Zügel über die obere Verspannung selbst zu tragen und sich mehr auf die Hinterhand zu setzen. Der Reiter sitzt zwar passiv im Schwebesitz, muss aber im Gelände ständig seinen Schwerpunkt verlagern und dabei höchst entspannt und konzentriert sein.“ Ein schief sitzender Reiter belastet sein Pferd stark, weil es versucht sein wird, das störende Gewicht auszugleichen und dadurch selbst schief wird. Die schlechtesten Reiter findet man laut Griffiths unter den arabischen Distanzsportlern, da diese im Training nie bergiges Gelände überwinden müssen. Doch auch in Deutschland gebe es „extrem viele“ schlechte Reiter. Rund 60 % würden ihre Pferde nicht klassisch arbeiten. Fehlende Rückenmuskulatur und Unterhälse bei den Pferden seien äußere Anzeichen dieses Missstands. Martin Grell empfiehlt Distanzreitern neben klassischer Dressurarbeit pro Woche die Strecke eines Marathons zu laufen. Sian Griffiths baut eher auf Inlineskating und Radfahren zur Konditionssteigerung.

Vor einiger Zeit fragte Martin Grell einige S-Dressurreiter, wie hoch der Puls eines Pferdes während einer Piaffe oder Passage sei. Keiner wusste es. Grell maß nach und stellte fest, dass sämtliche Pferde in diesen hohen Dressurlektionen Herzfrequenzen von 180 bis 200 Schlägen pro Minute haben, was im anaeroben Bereich liegt und dadurch zur Übersäuerung des Körpers führt. „Bei Distanzreitern herrscht ein ganz anderes Niveau“, sagt Grell. „Die wissen jederzeit, was physiologisch mit dem Pferd geschieht. Sonst könnten sie so lange Ritte überhaupt nicht durchstehen.“

Unterwegs mit Pulsmesser und Geschwindigkeitskontrolle

Belinda Hitzler kennt sämtliche Faktoren, die auf eine zu starke Belastung des Tieres hinweisen. Neben ihrem Pulsmessgerät führt sie ein GPS-Gerät mit sich, das ihr Auskunft über ihre Geschwindigkeit gibt. Während der Pausen achtet sie darauf, ob das Pferd wie gewohnt trinkt und frisst, ob seine Haut dehydriert ist und welche Farbe seine Schleimhäute haben. „Das ist wie ein Puzzlespiel“, sagt die ehemalige Deutsche Meisterin. „Wenn ein Pferd lustlos trabt und trotz guter Werte irgendwie seltsam ist, nehme ich es aus dem Rennen. Für uns Distanzreiter ist es nicht so wichtig zu gewinnen. Bei uns gibt es keine solche Lobby und Preisgelder wie in der Dressur. Nach einem gewonnenen 100-Meiler kriege ich manchmal nur einen Mini-Pokal. Dafür mache ich mein Pferd nicht kaputt.“

Das stimmt für Deutschland, nicht aber für den Rest der Welt. International werden Unsummen an Geldern in den Distanzsport investiert, der weltweit nach dem Springsport die zweitstärkste Pferdedisziplin ist. Vor allem in den Arabischen Ländern lohnt sich ein Sieg vielfach. Da werden schon mal teure Autos und Designer-Uhren als Ehrenpreise verschenkt. „Es ist oft Prestigesache, wer von den königlichen Hoheiten als erstes über die Ziellinie reitet“, weiß Sian Griffiths. Ihren Lieblingssport lassen die Araber sich etwas kosten. 60 Kilometer von Dubai, im Endurance Village, wurden plangeschobene Pisten, künstliche Oasen und Luxushotels aus der Wüste gestampft, um dann zur WM Reiter aus der ganzen Welt einzuladen. Deren Flug und Aufenthalt wurde inklusive Pferde und Pfleger von den Gastgebern bezahlt.

Dopingfälle eher in der arabischen Welt

Doping-Skandale wie im Springen und in der Dressur gibt es im deutschen Distanzreiten kaum. Anders sieht die Sache im internationalen Wettbewerb aus. Auf der entsprechenden FEI-Liste häufen sich Dopingfälle aus der arabischen Welt. Martin Grell hat deshalb die Idee, zusätzliche Dopingkontrollen unterwegs einzuführen, da beim Zieleinlauf theoretisch das entsprechende Mittel schon abgebaut sein könnte. In der Praxis ist so etwas nur schwer durchführbar, da man einem Pferd während des Rennens schlecht Blut abzapfen kann, ohne Hämatome auszulösen. „Evtl. könnte man mit Urinproben arbeiten“, empfiehlt Grell stattdessen. Auch die Überforderung der Pferde kommt laut Grell aus dem Osten. „Dort wird Tierschutz nicht so groß geschrieben wie hier in Deutschland“, sagt der Tierarzt. „Die Scheichs haben oft tausend Pferde. Da kommt es auf eines mehr oder weniger nicht an.“ Nicht verwunderlich also, dass der nachträglich disqualifizierte Erstplatzierte in Aachen Scheich Ahmed bin Mohammed Al Maktoum hieß, Kronprinz von Dubai und Verteidigungsminister der Vereinigten Arabischen Emirate ist.

Die schwarzen Schafe sind aber nicht immer arabische Scheichs. Auch manche deutschen Reiter lassen sich vom Sieg auf Kosten des Pferdes verführen. Sian Griffiths nennt das „Championatssyndrom“. Steht das Siegertreppchen in Aussicht, werde dabei immer wieder über die Stränge geschlagen: „Gute Pferde rennen sich für ihren Reiter zu Tode. Dieses Vertrauen darf man nicht missbrauchen“, sagt die Trainern.

Während in nationalen Wettbewerben das Pferd laut Reglement nach dem Ritt einen ganzen Tag lang nicht behandelt werden darf und am nächsten Tag noch genug Power für weitere 20 Kilometer haben müsste, gilt in internationalen Wettbewerben die sogenante Zwei-Stunden-Regelung. In dieser Zeit darf das Pferd keine gesundheitlichen Probleme bekommen. Muss es nachbehandelt werden, so wird es disqualifiziert. Während sich kaum ein Reiter erlauben wird, seinem zitternden, schwitzenden Pferd über Nacht den Tierarzt zu verweigern, könnte manch einer aus Ehrgeiz versuchen, diese kurzen zwei Stunden irgendwie ohne Hilfe über die Bühne zu bringen. „Es gibt schon Fälle, wo das Gehirn den Reiter verlässt“, sagt Martin Grell. Auf Championaten sei etwa eines von 50 Pferden während der zwei Stunden nach dem Ritt in grenzwertiger gesundheitlicher Verfassung. Deshalb schlägt der FEI-Tierarzt vor, lieber die Zieluntersuchung zu verschärfen und entsprechende Pferde schon vorher zu disqualifizieren. Außerdem sähe er gern mehr Wettbewerbe, auf der Pferde nach der „Best-Condition“-Regelung ausgezeichnet würden und nicht nach der Reihenfolge des Einlaufs. Außerdem sollte es auch international die Möglichkeit geben, dass Reiter und Pferd auch dann gewertet würden, wenn sie die 160 Kilometer nicht vollenden, sondern nach 130 Kilometern aufhören. Noch eine weitere Kontrollmaßnahme schwebt Grell vor: „Die Überwachung des Pferdes mit Thermografie.“ Bei entsprechenden Tests fanden Grells Mitarbeiter heraus, wo genau während des Rittes die meiste Wärme entsteht. Seither kühlen die Reiter in den Pausen nicht mehr die Beine, sondern die Sattellage. Die wird oft bis zu 42 Grad heiß. Eingesetzt wird dann jedoch kein Eiswasser, sondern lauwarmes Wasser, das nur 15 Grad unter der gemessenen Körpertemperatur liegt.

Info:

37-jähriges Distanzpferd stellt Meilen-Rekord auf

Genau 201 Tage nach seinem 37. Geburtstag stellte der Halbaraber Elmer Bandit unter seiner Reiterin Mary Anna Wood in Kanada einen Meilen-Rekord auf: 20.720 Meilen (33.345 Kilometer), so viele wie kein anderes Distanzpferd auf der Welt, brachte der Schimmelwallach nachgewiesenermaßen hinter sich. Die ersten fünf der 30 Meilen seines Abschiedsrennens sei der Distanzrentner fast nicht zu halten gewesen, erzählte seine Besitzerin. Anschließend ging es wie gewohnt mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von acht bis neun Stundenkilometern weiter. Die kontrollierenden Tierärzte bescheinigten Elmer Bandit eine optimale gesundheitliche Verfassung.


Quelle:

Regina Käsmayr
Bild: Fotolia #64333342