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Ausbildung :: Wettbewerbe

Distanzreiten für Kinder: Früh übt sich…

Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker. Mit einem Satz ist Anne aus dem Bett und weckt mit Begeisterung ihre Eltern und ihre große Schwester Lisa. Die können die Begeisterung der Achtjährigen noch nicht recht teilen. Es ist Sonntag und man könnte so schön ausschlafen. Aber daran ist nicht zu denken. Heute ist Annes großer Tag: Heute startet sie mit ihrem Pony Balu auf  einem Kinderdistanzritt.
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Balu ist auch schon wach und freut sich, dass das Frühstück heute etwas früher serviert wird. Zusammen mit seinem Kollegen Newton, einem Arabermix, wird er auf Hochglanz gebracht. Die Ponys sollen schließlich auch schön aussehen. Lisa, die sechszehnjährige Schwester wird Anne und Balu auf Newton begleiten. Sie hat ihrer Schwester auch bereits alles Wichtige erklärt. „Ich darf nicht zu schnell sein, dann sind die Pulswerte schlecht. Und zwischendurch gibt es bei einem Distanzritt Kontrollen“, weiß die Achtjährige. Satt und sauber gestriegelt steigen Balu und Newton brav in den Hänger und auf geht es in die Haard.

Der Distanzritt startet auf dem Hof Leichhauer in Oer-Erkenschwick. Der Hof liegt am Rande der Haard. In der Haard warten über 100 km ausgewiesene Reitwege auf Ross und Reiter. Aber so weit müssen die Teilnehmer der Kinderdistanz nicht reiten. Neun Kilometer stehen für sie auf dem Programm. Bevor für die 25 kleinen Starter der Startschuss fällt, muss jedes Pferd eine Voruntersuchung bestehen. Untersucht werden Puls, Atmung, Sattellage und Bewegung. „O.B.“ wird in Balus gelbes Checkheft eingetragen. Das heißt, ohne Befund und so ist die Starterlaubnis erteilt. Auf geht es!

Kinder sind nicht allein unterwegs

Die Teilnehmer der Kinderdistanz sind zwischen vier und vierzehn Jahren jung. Selbstverständlich dürfen sie sich nicht allein mit ihrem Pferd auf den Weg machen. Eine Begleitperson ist Pflicht. So radeln Väter neben ihren Töchtern her, eine Oma hat die Joggingschuhe angezogen und hält joggend mit dem Shetti ihrer Enkelin Schritt oder wie im Falle von Anne reiten große Geschwister mit. Die neun Kilometer sind gut sichtbar mit Luftballons markiert. Zur Sicherheit hat die Begleitperson eine Karte dabei. Balu und Anne sind bester Stimmung. Der Norwegerwallach trabt munter vor sich hin. Anne muss ihn weder zurückhalten noch treiben. Als sie von einer anderen Gruppe überholt werden, bleibt Anne gelassen. „Das ist nicht gut für die Pulswerte, oder Lisa?“ fragt sie ihre Schwester.

Sie hat Recht. Nach vier Kilometern sehen Lisa und Anne die leuchtenden Westen des Kontrollteams. Sie parieren zum Schritt durch und werden vom Tierarzt für die guten Pulswerte ihrer Ponys gelobt. Der Gruppe, die gerade überholt hatte, wird eine kleine Zwangspause verordnet. Die Pulswerte müssen unter 64 Schlägen liegen, bevor der Ritt fortgesetzt werden darf. Anne und Lisa dürften direkt weiter reiten, denn auch das Vortraben verläuft o.B. – ohne Befund. Aber vorher dürfen Balu und Bonni einen Apfel genießen und die Reiterinnen lassen sich einen Schokoriegel und Apfelschorle schmecken. Anne erntet vom Tierarzt ein Extralob: „Toll, dass du an eine Decke für dein Pony gedacht hast. Die Pferde kühlen ziemlich schnell aus, wenn sie erhitzt sind und dann Pause machen. Dein Pony ist dir bestimmt dankbar.“

Selber das Herz abhören

Dankbar ist Anne auf jeden Fall ihrer großen Schwester. Sie hatte auf die Mitnahme der Decken bestanden. Aber das muss man dem Tierarzt ja nicht verraten. Auf dem Rückweg muss Lisa ihre kleine Schwester ab und zu bremsen. „Denk an die Nachuntersuchung“, rät sie. Aber den ein oder anderen kleinen Galopp gönnen die beiden Mädchen ihren Ponys. Die Sandwege in der Haard laden einfach dazu ein. Die beiden Ponys sind gut trainiert. Neun Kilometer sind für sie überhaupt kein Problem. Und die letzten Meter wird selbstverständlich wieder Schritt geritten. So ist die Nachuntersuchung auch wieder o.B. – ohne Befund, und der Pulswert der gleiche wie am Start. Die Kinder dürfen ihre Pferde auch selber einmal abhören. „Toll! Das Herz von Balu habe ich noch nie gehört“, freut sich Anne.

Auch wenn die Nachuntersuchungen so etwas länger dauern, das ist es den Tierärzten wert. „Das Erlebnis ist für die Kinder einfach intensiver“, meint Tierärztin Beate Scharfenberg. Die Kinder sind fasziniert, dass sie selber ganz deutlich hören können, wie sich der Herzschlag ihres Pferdes nach zehn Minuten Pause deutlich verlangsamt. Alle Pferde beenden die Kinderdistanz in der Wertung. „Gut, dass sie den Puls vom Pony kontrolliert haben und nicht meinen“, lacht die Großmutter nach neun Kilometern Jogginglauf. „Ich bekäme keine Transportfreigabe.“ Bei Distanzreitern gilt: Angekommen ist gewonnen. Und so erhalten alle Teilnehmer einen Preis und eine Erinnerungsplakette. „Die Erinnerungsplakette kommt an Balus Sattelschrank, damit alle sehen können, dass er ein tolles Distanzpony ist. Und das Glaspferdchen kommt auf mein Regal neben meinem Bett“, verrät Anne. Stolz und zufrieden führt sie ihr Fjordpferd auf den Hänger. „Nächstes Jahr machen wir wieder mit“, flüstert sie Balu ins Ohr.

Info:

Den Veranstaltern von Kinderdistanzritten geht es nicht allein darum, Nachwuchs für den Distanzreitsport zu gewinnen. Kinderdistanzen sind in der Regel um die zehn Kilometer lang. Die Ritte sollen das Verantwortungsgefühl der Kinder wecken. „Ein Kinderdistanzritt soll dazu beitragen, dass auch schon junge Reiter die Freude an einem Distanzritt finden. Sie lernen, wie sie ihr Pferd einem Tierarzt vorstellen müssen und wie es richtig betreut und gepflegt wird. Dazu erfahren sie, wie wichtig es ist, in einem Team zu arbeiten. (Reiter, Pferd und Begleitperson)“. So steht es im Kinderdistanzritt-Reglement 2009 der Swiss Endurance.

Oder wie Ulla Huschke vom VDD, dem Verein Deutscher Distanzreiter und -fahrer es formuliert: „Kinder sollen erfahren, wie wichtig es ist, auf ihren Partner Pferd zu achten. Wer wie Schumi durch die Gegend rast, der sieht bei der Pulskontrolle schlecht aus. Er hat zu hohe Werte und muss eine Zwangspause einlegen, bis sein Pferd wieder okay ist“. Auch das Equipment wird vor und während eines Distanzrittes in Augenschein genommen. Der Sattel muss passen, die Zäumung darf die Atmung des Pferdes nicht behindern. Sporen, Gerte und Hilfszügel (Ausnahme ist hier das Martingal) sind verboten.


Quelle:

Petra Herrmann

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