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Ausbildung :: Problem & Lösung

Triebiges Pferd: Was tun?

Es gibt Pferde, die bleiben stehen wenn man losreiten will und reagieren auch auf den schlimmsten Sporentritt nur mit einem verächtlichen Grunzen. Wenn der Reiter nach zehn Minuten im Sattel aussieht als hätte er einen Zehnkampf hinter sich, kann er sein Pferd getrost als „triebig“ bezeichnen. Zwei Ausbilder erklären, wie Triebigkeit entsteht und geben 10 Tipps, wie man faule Pferde wieder in die Gänge bringt.
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„So viel wie nötig, so wenig wie möglich“ – nach diesem Motto leben nicht nur Reitausbilder, sondern leider auch etliche Pferde. „Energiespar-Prinzip“, nennt das der Westerntrainer Thies Böttcher aus dem schleswig-holsteinischen Börnsen. Er bildet nach dem Konzept des „Natural Norsemanship“ und Michael Geitners „Dualaktivierung“ aus und hat schon zahlreiche triebige Pferde wieder in die Gänge gebracht.

In den meisten Fällen hat der Reiter die Triebigkeit seines Pferdes verschuldet. Wirkt er im falschen Moment oder dauerhaft treibend ein, so sieht der Vierbeiner keinen Sinn darin, schneller zu gehen. „Nehmen wir an, ein Pferd trabt und wird dabei ständig getrieben, ohne dass es seine Geschwindigkeit ändert. Welche Information erhält dann das Pferd? Dass Treiben keine Bedeutung hat, denn die Situation verändert sich nicht!“ weiß Böttcher. Die meisten Reiter rüsten sich daraufhin mit Sporen und Gerte aus und treiben noch mehr. Am Ende führt dieser Teufelskreislauf zu hochroten Reiterköpfen und Pferden, die ausfallen, wenn der Druck nachlässt.

Mangelnde Koordination und Balance

Neben solchen reiterlichen Fehlern, schlecht passenden Sätteln und gesundheitlichen Problemen ist laut Böttcher ein häufiger Grund für Triebigkeit die mangelnde Koordination und Balance vieler Pferde. Wie das Pferd damit umgeht, hängt von seinem Charakter ab. „Das ist wie bei uns Menschen beim Fahrradfahren. Wenn noch unsichere Kinder ins Trudeln kommen, bremsen die einen ab und die anderen geben erst recht Gas“, erklärt Böttcher. Das gelte aber nicht nur für junge Pferde, sondern in hohem Maße auch für ältere, nicht fachmännisch gerittene Tiere.

Die Grand Prix-Dressurreiterin und Buchautorin Karin Lührs-Kunert aus Neversdorf sieht den Hauptgrund für Triebigkeit in falscher Anlehnung. Weil meist die korrekte Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul fehlt, kommt die treibende Hilfe nicht durch. Anstatt an das Gebiss heranzutreten, kippen die Pferde hinter die Senkrechte ab oder legen sich auf den Zügel. Gerade letztere neigen dann zur Triebigkeit.

„Oft treibt der Reiter auch falsch, schiebt wahnsinnig aus dem Sitz, wühlt mit dem Oberkörper und bringt das Pferd so völlig aus dem Rhythmus“, weiß die Reitpädagogin. „Daraufhin macht sich das Tier im Rücken fest und hat keine Freude mehr an der Arbeit. Das ist als ob man Gas und Bremse gleichzeitig betätigt.“ In all diesen Fällen sollte der Reiter sich die folgenden zehn Gebote zu Herzen nehmen.

So bringen Sie Ihr Pferd wieder in Schwung:

1. Longieren Sie!

„Fachmännisches Longieren ist eine wunderbare Möglichkeit, das Pferd ohne Reiter ans Gebiss heranzuführen.“, sagt Karin Lührs-Kunert. Dabei sollte das Pferd zunächst mit etwas längeren Ausbindezügeln longiert werden, da viele triebige Pferde auf den anstehenden Zügel mit Stehenbleiben reagieren. Nun muss das Pferd nach vorne gearbeitet werden, seinen Rhythmus und Grundtakt finden. Ähnlich wie beim Reiten muss auch hier der Longenführer sehr energisch werden falls das Pferd auf die treibende Hilfe nicht sofort reagiert.

Thies Böttcher geht etwas anders vor: „Wenn ich weiß, das Pferd fällt nach einer Runde aus, dann muss ich ihm nach einer dreiviertel Runde zuvorkommen und durchparieren. So lernt es, dass es bald wieder in den Schritt zurück darf. Mit der Zeit steigert sich die Rundenzahl. Sobald das Pferd sich in der Gangart befindet, die ich verlange, mache ich gar nichts mehr; ich treibe nicht, ich gehe nicht mit.“

2. Hören Sie auf zu rauchen!

Ein Auslöser für mentales Abschalten ist das häufig beobachtete Dahinlatschen zweier Pferde beim Aufwärmen, während ihre Reiter miteinander quatschen, rauchen und sich nicht auf die Tiere konzentrieren. „Dabei passen sich die Pferde in ihrem Tempo einander an und nicht dem Reiter“, kritisiert Thies Böttcher. Stattdessen sollte bereits im Schritt konzentriert gearbeitet werden. Böttcher fragt sogar schon in diesem Stadium erste Biegungen ab.

3. Bringen sie Abwechslung in die Arbeit!

Die Lösungsphase ist dazu da, die ersten drei Punkte der Ausbildungsskala (Takt, Losgelassenheit, Nachgiebigkeit) herzustellen. „Es macht jedoch wenig Sinn, eine Stunde lang auf dem Zirkel leichtzutraben“, sagt Karin Lührs-Kunert. Stattdessen rät sie, viele Übergänge, Handwechsel sowie das Traben über Stangen und Cavaletti in die Lösungsphase einzubauen. Auch das Schenkelweichen ist eine lösende Übung und trainiert die Geschicklichkeit von Reiter und Pferd.

4. Zeigen Sie den einfachen Weg!

Einen siebenjährigen extrem triebigen Quarterhorse-Wallach überlistete Thies Böttcher mit einer ganz einfachen Strategie: „Man musste ihm nur vermitteln, dass die höhere Gangart für ihn angenehmer ist!“ Und das geht so: Der Wallach musste im Schritt anstrengende gymnastizierende Arbeit leisten wie Volten in Konterstellung, Vor- und Hinterhandwendungen oder Seitengänge. Danach wurde er angetrabt und vollständig in Ruhe gelassen. Diese Prozedur wiederholte Böttcher einige Male. Fiel das Pferd im Trab aus, so musste es wieder hart arbeiten. „Nach etwa 15 Minuten wechselte er auf Wunsch in den Trab und hielt ihn, bis man ihn aufforderte in den Schritt zu gehen“, erzählt der Ausbilder.

5. Geben Sie diagonale Hilfen!

Das Pferd muss lernen, den Schenkel zu akzeptieren. „Mit einem seitwärts treibenden Schenkel kommt man leichter durch als mit den beiden vorwärts treibenden“, erklärt Karin Lührs-Kunert. Übungen wie das Schenkelweichen oder die Vorhandwendung sind dafür ideal. Dabei kann vom Boden aus unterstützend ein Ausbilder mitarbeiten. So lernt der Reiter, wie sich die Bewegung anfühlen muss.

6. Schauen Sie auf die Uhr!

Viele Pferde stumpfen auch deshalb ab, weil sie mit ihren Kräften haushalten. Am schlimmsten kommt das bei Schulpferden zum Tragen. Sie wissen nie, wie viele Schüler ihnen an diesem Tag noch aufgebrummt werden. Länger als eine halbe Stunde kann sich laut Thies Böttcher ohnehin kein Pferd konzentrieren. Aus diesem Grunde empfiehlt er Intervalltraining – „je fauler das Pferd, desto kürzer das Intervall“. Als Richtlinie gibt er an: Zehn Minuten Schritt, kurze Pause. Zehn Minuten Trab, Pause. Zehn Minuten Leistung, Ende.

7. Holen Sie sich Hilfe!

Hat der Reiter das Problem selbst verschuldet, sollte er sich spätestens jetzt eingestehen, dass er einen Ausbilder braucht. Thies Böttcher arbeitet mit seinen Schülern in solchen Fällen am lockeren, unverkrampften Sitz und dem Gefühl für den richtigen Augenblick des Treibens. Karin Lührs-Kunert empfiehlt einen lizensierten Ausbilder mit guten pädagogischen Fähigkeiten, der selbst kein S-Dressurreiter sein muss aber auf gutem A-Niveau reiten kann.

8. Holen Sie sich Hilfsmittel!

„Sporen und Gerte sind ein wichtiges Hilfsmittel um abgestumpfte Pferde zu sensibilisieren und aufmerksam zu machen“, sagt Karin Lührs-Kunert. Mit Sporen könne feiner und schneller eine Reaktion hervorgerufen werden. Falls das Pferd nicht reagiert, muss zwei- oder dreimal hintereinander ein stärkerer Impuls gegeben werden bis das Pferd schneller wird. Anschließend wird wieder zur feineren Hilfengebung übergegangen. Thies Böttcher favorisiert eher die Gerte, da er damit besser im richtigen Moment die einzelnen Beine aktivieren kann.

9. Machen Sie ihr Pferd zur Schnecke!

Die meisten triebigen Pferde fühlen sich in ihrem langsamen Tempo wohl. Noch langsamer allerdings wollen sie nicht gehen. Deshalb bringt Thies Böttcher Schlafmützen durch verstärkten Zügeleinsatz in ein so niedriges Tempo, dass sie den Ehrgeiz entwickeln, schneller gehen zu wollen. „Die meisten Pferde nervt das Schneckentempo. Wenn man das ein paar Mal mit ihnen macht, gehen sie freiwillig schneller. Am Ende sollen meine Berittpferde innerhalb der einzelnen Gangarten drei bis vier Geschwindigkeiten zeigen können.

10. Machen Sie Schluss!

Ein absoluter Motivationskiller ist es laut Thies Böttcher, freudestrahlend immer weiter und weiter zu reiten, wenn das Pferd etwas gut macht. Daraus lernt das Pferd: Arbeite ich mit, so werde ich lange getriezt. Schalte ich aber auf stur, so komme ich schnell zurück in die Box. Der „Verkaufsgedanke“, den der Reiter gegenüber seinem Pferd haben muss, lautet: Es hat einen Vorteil, sich zu bemühen! Wenn du mitarbeitest, bekommst du eine Pause oder darfst aufhören!


Quelle:

Regina Käsmayr

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