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Ausbildung :: Problem & Lösung

Guter Sitz: Grundlage für die richtige Hilfengebung beim Reiten

Jeder weiß, dass der richtige Sitz beim Reiten die Basis für die korrekte Hilfengebung ist. Und trotzdem schleichen sich Haltungsfehler immer wieder ein, treiben uns zur Verzweiflung und vermitteln uns das Gefühl, ein Reitlegastheniker zu sein. Die Rede ist vom Hängender Kopf, geknickte Hüfte, eingedrehte Hände oder einem Hohlkreuz. Fast jeder hat seinen persönlichen Sitzfehler, der ihn schon über längere Zeit begleitet. Hier lesen Sie, wie Sie das Problem lösen.
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Im Sattel sitzen, das Pferd reiten, zgeln...Eingefleischte Haltungsfehler wird man einfach nicht los. Der Körper hat sich im Laufe der Zeit derart an die fehlerhafte Haltung gewöhnt, dass er sie als „richtig“ abgespeichert hat. Und anders als beim PC verfügt der menschliche Körper nicht über eine Löschtaste. Hochgezogene Fersen und eingeknickte Hüften verschwinden nicht auf Knopfdruck. Es gibt aber Übungen und Tipps, die uns zu einem Aha-Erlebnis verhelfen können und dazu beitragen, den Fehlern langsam aber sicher Herr zu werden. Also, nicht verzweifeln, mit Fleiß, Konsequenz und ein paar guten „Kniffen“ ist es gar nicht so schwer. Der schöne Nebeneffekt, die Hilfengebung verbessert sich in vielen Fällen und das Pferd läuft entspannter.

Hängender Kopf

Reiten macht Freude. Ein Blick in die Reithallen vermittelt häufig einen gegenteiligen Eindruck. Viele Reiter lassen den Kopf hängen und geben so ein trauriges Bild ab. Wie alle Sitzfehler zieht auch der „hängende Kopf“ weitere Schwierigkeiten nach sich. Reiter, die den Kopf hängen lassen, reiten meist auch mit hängenden Schultern, was wieder eine feste Mittelpositur mit sich bringt.

Tipp 1: Dieser Tipp entstammt dem Basisprinzip des Centered Ridings. Wir versuchen – ohne den Kopf seitlich zu bewegen – unser gesamtes Sichtfenster bewusst wahrzunehmen. Wir wollen alles gleichzeitig sehen, ohne dabei etwas Bestimmtes zu fixieren. Diese Übung hilft, die Augen- und Nackenmuskulatur zu entspannen und verschafft ein „Wohlfühlgefühl“.

Tipp 2: Diese Übung hilft, das Okzipitalgelenk, welches unseren Kopf mit der Wirbelsäule verbindet, zu lockern. Man stelle sich vor, einen Giraffenhals zu haben. So können wir die Welt „von oben“ betrachten; die Wirbelsäule wird so aufgerichtet. Leichtes seitliches Drehen des Kopfes nach rechts und nach links lockert das Gelenk.

Tipp 3: Manche Reiter reiten mit vorgestrecktem Kopf. Dabei ist häufig der Kiefer zusammengebissen. Diese Verkrampfung setzt sich durch den gesamten Körper fort. Also: Den Kiefer lockern, indem man den Unterkiefer deutlich hin und her bewegt.

Probleme mit der Schulterpartie

Die Losgelassenheit der Reiterschulter spielt eine enorme Rolle in der Vorwärtsbewegung. Eine feste, fixierte Schulter wirkt wie eine angezogene Handbremse. Die Reiterschulter fixiert in der Übertragung die Schulter des Pferdes. Wird zudem noch mit viel Handeinwirkung versucht, das Pferd „an den Zügel zu stellen“, geht oft jeder Vorwärtsdrang verloren.

Tipp 1: Gegen feste Schultern: Die Schulter leicht nach oben ziehen (einatmen), nach hinten rollen und nach unten fallen lassen (ausatmen); dabei das rhythmische Atmen nicht vergessen! Diese Übung mehrmals wiederholen. Zum Überprüfen: Der Reiter behält die Zügel in der Hand und jemand zieht von unten mit den Zügeln die Reiterhand nach vorn. Wie fühlt es sich an? Fester Widerstand oder weiche Bewegung?

Tipp 2: Gegen einseitig hängende Schultern: Einseitig hängende Schultern gehen oft einher mit einer eingeknickten Hüfte. Sie übertragen sich ebenfalls auf das Pferd. Es macht sich meistens zur „Hängeseite“ hin hohl. Übung wie Tipp 1 und 2, danach so weiter reiten, als würde man ein Tablett mit gefüllten Gläsern transportieren. Nichts darf verschüttet werden!

Tipp 3: Die Schulter des Reiters sollte stets parallel zu den Schultern des Pferdes sein. Manche Reiter drehen die Schulter falsch mit. Hier hilft es, einhändig zu reiten und den inneren Arm stets locker hängen zu lassen. Viele Handwechsel reiten. Das Pferd darf sich hierbei am langen Zügel bewegen, seine Kopf-/ Halshaltung ist nicht relevant.

Eingeknickte Hüfte

Wer in der Hüfte einknickt, sitzt schief auf dem Pferd und hat folglich Probleme damit, Gewichtshilfen korrekt zu geben. Das Problem haben viele Reiter vor allem beim Reiten von Wendungen und Seitengängen.

Tipp 1: In der Wendung den inneren Arm hoch strecken. So ist ein Einknicken der Hüfte unmöglich. Selbstverständlich soll niemand dauerhaft in jeder Wendung mit hoch gestreckten Armen reiten. Aber diese Übung hilft dem Körper, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich „richtig“ anfühlt.

Tipp 2: Das Einknicken in der Hüfte resultiert häufig aus einem fehlerhaften Zurückdrehen der inneren Hüfte. Diese Übung an der Longe schult ebenfalls das Körpergefühl für die richtige Hüftposition: Kopf, Oberkörper und Hüfte nach außen drehen. So entsteht ein Gefühl für das Vornehmen der inneren Hüfte. Nach einigen Runden den Kopf, später auch den Oberkörper in Bewegungsrichtung bringen; nur die innere Hüfte bleibt vorn.

Tipp 3: Den äußeren Schenkel bewusst verwahrend ans Pferd legen, aber nur soweit zurück, dass das äußere Knie tief bleibt. So kann das äußere Bein den Sitz stabilisieren.

Probleme beim Mitschwingen in der Mittelpositur

Tipp 1: Hier können kürzere Bügel den Durchbruch bringen. Ein zu lang gestrecktes Bein macht die Hüfte unbeweglich.

Tipp 2: Eine Ursache für eine feste Mittelpositur kann sein, dass der Reiter im Hohlkreuz sitzt. Hier hilft der sogenannte Kamelsitz: Die Oberschenkel werden hierzu vor das Sattelblatt gelegt, der Lendenwirbelbereich bleibt möglichst entspannt. Das Pferd wird geführt oder an die Longe genommen.

Tipp 3: Eine Sitzübung für die Longe, die hilft die Mittelpositur zu lockern: Die Beine im Wechsel nach vorne-oben ziehen (gegebenenfalls dabei am Sattel festhalten).

Hochgezogene Knie

Die Ursache für hochgezogene Knie liegt häufig an zu langen Steigbügeln oder der falschen Position des Fußes im Bügel. Bei sehr gestrecktem Bein ist ein Durchfedern im Fußgelenk nicht mehr möglich, was häufig dazu führt, dass der Absatz hochgezogen wird.

Tipp 1: Zwei, drei Loch kürzere Bügel können Wunder wirken.

Tipp 2: Steckt der Fuß zu weit im Steigbügel, kann der Reiter die Bewegung nicht mehr bis unten durchfedern. Steckt nur die Zehenspitze im Bügel, fehlt die Unterstützung und somit der Halt. Die Folge sind verkrampfte Zehen, was weitere Verspannungen nach sich zieht. Also: Regelmäßig kontrollieren, ob der Fußballen im Steigbügel ist.

Allgemeine Tipps

Trimm dich! Reiten ist ein Sport; und ohne eine gewisse körperliche Fitness und ein gutes Körpergefühl geht im Sport nichts! Also: Mit Hilfe von anderen Sportarten (z.B.: Joggen, Walken, Radfahren, Schwimmen) für eine Grundkondition sorgen und durch tanzen, Yoga oder Judo für ein gutes Körpergefühl sorgen. Wenn wir es am Boden nicht schaffen, bestimmte Muskelgruppen bewusst anzuspannen und zu entspannen und Körperteile isoliert voneinander zu bewegen, wie wollen wir dies im Sattel auf einem sich bewegenden Pferd schaffen?

Tipp 1: Spieglein, Spieglein an der Wand: Nutzen wir sie und werfen regelmäßig einen Blick in die Reithallenspiegel. Es macht keinen Sinn, alle Fehler auf einmal sehen zu wollen. Es reicht, sich auf ein Detail zu konzentrieren und dies regelmäßig durch einen Blick in den Spiegel zu kontrollieren.

Tipp 2: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier! Wir gewöhnen uns an Fehler, aber wir gewöhnen uns auch an Korrekturen. So hilft es, sich immer an einem bestimmten Punkt in der Bahn auf einen bestimmten Sitzfehler hin zu korrigieren.

Tipp 3: Verspannungen im Kiefer setzen sich durch den gesamten Körper fort. Lockert man die Kiefer, lassen auch die Verspannungen in den Schultern und der Mittelpositur nach.

Tipp 4: Tief Luft holen! Genauso tief ausatmen! Oft ist falsche Atmung die Ursache vieler Sitzfehler. Wer falsch atmet, verspannt. Deshalb zwischendurch bewusst auf die Atmung achten.

Tipp 5: Mach mal Pause! Wir gönnen uns beim Reiten oft zu wenige Pausen. Im Schritt, oder auch im Stand, in aller Ruhe neu die Mitte des Sattels finden, dabei ruhig hin und her in jede Richtung rutschen und jeden Sitzbeinhöcker einzeln spüren. Neu zentriert wieder starten.

Tipp 6: Die Videokamera so oft wie möglich zum Einsatz bringen. Wir nehmen unsere Sitzfehler oft gar nicht mehr wahr. Unser Körper hat sie als „So ist es richtig“ abgespeichert. Im Film sehen wir, wie wir tatsächlich auf dem Pferd sitzen.


Quelle:

Petra Herrmann
Bild: Fotolia_65729422