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Ausbildung :: Gymnastizierung

Trainingsplan von Para-Dressurreiterin Hanne Brenner: Reiten ohne Kraft

Behinderte Reiter wie Hanne Brenner können ein Pferd nicht mit Kraft überzeugen. Deshalb ist es für sie umso wichtiger, ihren vierbeinigen Partner durch gute Vorbereitung und viel Abwechslung während der Trainingseinheit bei Laune zu halten. Trainerin Dorte Christensen verrät, was wir von der Handicap-Reiterin lernen können.
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Gemeinsam mit Dorte Christensen trainiert Hanne Brenner täglich fürs große Dressurviereck. Die inkomplett querschnittgelähmte Paralympics-Reiterin kann durch ihre Behinderung kein Pferd zur Ausführung einer Lektion zwingen und startet dennoch auch im Regelsport bis Klasse S. Ihr Erfolgsrezept: die Pferde müssen freiwillig und gerne mitarbeiten. Dorte Christensen hat dafür einen Trainingsplan, den sie grundsätzlich jedem Reiter nahelegen kann. Denn: „Es ist für niemanden sinnvoll, sein Pferd mit Druck und Kraft in eine Übung zu pressen!“

Neben den folgenden Tipps sei es außerdem wichtig, den vierbeinigen Partner nie als Sportgerät zu sehen, sondern in seiner Individualität wahrzunehmen und seine Wesenszüge nicht zu brechen. Nur so könne auch der Ausdruck des Pferdes erhalten bleiben. Christensen und Brenner achten überdies darauf, die Tiere häufig und ausgiebig zu loben, wenn sie etwas richtig gemacht haben. Das motiviert ein junges Pferd ebenso wie ein älteres.

Als weitere Grundvoraussetzung für feines Reiten nennt sie einen Sattel, der sowohl dem Pferd als auch dem Reiter passt. In vielen Fällen passt er lediglich einem von Beiden und Pferd bzw. Reiter arrangiert sich eher zwangsweise mit dem vorhandenen Modell.

1. Locker werden: Gymnastik vor dem Reiten!

Zur Lockerung ihrer eingeschränkt beweglichen Hüften benutzt Hanne Brenner oft vor dem Reiten den Bewegungshocker Balimo, eine Erfindung des Sport- und Bewegungspädagogen Eckart Meyners. Dieser Stuhl wurde aber nicht gezielt für behinderte Reiter konstruiert, sondern löst durch seine dreidimensional bewegliche Sitzfläche die kleinen Blockaden und Verspannungen, die jeder Reiter im Becken und in der Wirbelsäule hat. „Der Stuhl hilft mir, meine eingeschränkte und somit oft verspannte Becken-, Hüft- und Beinmuskulatur zu lockern und meine Beweglichkeit zu erhöhen“, erklärt die Dressurreiterin. „Auf dem Pferd fällt mir dann das Sitzen leichter und auch die Flexibilität, die man z.B. beim Reiten von Seitengängen benötigt.“

Wer keinen Wackelstuhl sein eigen nennt, kann sich auf eine Holzbohle oder eine Betonmauer setzen und darauf seine Hüfte lockern. Schon zehn Minuten tägliches Training reichen aus, um geschmeidiger zu werden.

2. Trab aussitzen: Fokus auf die Gesäßknochen!

Locker mitschwingen will gelernt sein, vor allem, wenn es darum geht, einen schwungvollen Trab auszusitzen. Hier nutzt Hanne Brenner ein mentales Hilfsmittel, um trotz ihrer körperlichen Einschränkungen zu einem geschmeidigen Sitz zu kommen. Dabei führt sie sich die Bewegungen des Pferdes vor Augen und achtet darauf, sich immer im richtigen Moment mitnehmen zu lassen: Dabei ist es wichtig, nicht nur das Auf und Ab der Gangart zu erspüren, sondern auch ihre Rechts-Links-Bewegungen. Sobald nämlich im Trab eines der Hinterbeine abfußt (zum besseren Verständnis hier das rechte), geht auch die rechte Hüfte des Pferdes nach oben. Entsprechend muss der Reiter seinen rechten Gesäßknochen passiv mitnehmen lassen. „Natürlich ist dieses Mitgehen nur bis zu einer gewissen Grenze möglich und sinnvoll“, räumt Brenner ein. „Aber es hilft gerade bei Trabverstärkungen, wenn es eben um kürzere Reprisen geht.“

3. Schwierige Lektionen reiten: Von unten unterstützen!

„Wenn wir kompliziertere Lektionen üben, unterstütze ich Hanne mit der Touchiergerte vom Boden aus“, erklärt Trainerin Dorte Christensen. „Dann kann sie sich beispielsweise auf die Stellung konzentrieren und muss nicht zusätzlich treiben.“ Bei der Handicap-Reiterin hat das damit zu tun, dass sie sich schwer tut, Schenkelhilfen zu geben, ohne dabei ihren Sitz zu verändern. Für nichtbehinderte Reiter ist die Methode aber genauso sinnvoll. Denn je schwerer eine Lektion, desto feiner muss die gesamte Hilfengebung aufeinander abgestimmt sein. „Da hilft es sehr, wenn gerade in der Lernphase die treibend unterstützende Kraft von unten kommt“, so Christensen.

4. Neue Lektionen einstudieren: Übung zerlegen!

Im Training fordert Dorte Christensen von Hanne Brenner manchmal nicht die ganze Lektion, wie sie im Dressurviereck verlangt wird. Das liegt unter anderem an den körperlichen Voraussetzungen der Reiterin. Aber es hat noch einen weiteren Grund, und der kommt jedem zugute: „Man überfordert dadurch auch das Pferd nicht“, weiß Dorte Christensen. „Die Grundvoraussetzung für feine Reiterei ist, dass das Pferd gerne und mit Spaß bei der Sache ist. Verlangt man gleich die ganze Lektion, ist das oft zu viel für das Tier. Durch das Zerlegen fördert man zunächst die Durchlässigkeit. Beim nächsten Mal kann man vielleicht ein paar Schritte mehr fordern.“

Fast alle klassischen Dressurlektionen lassen sich in einzelne Schritte zerlegen. So muss es zum Beispiel nicht gleich eine ganze Pirouette sein, sondern nur eine Viertelpirouette. Ähnliches gilt für das Kurzkehrt-Reiten. Ist das Schulterherein noch zu viel, übt man zunächst eben nur ein Schultervor.

5. Für mehr Vorwärts: Stimmhilfen einsetzen!

Aufmunternde Stimmhilfen wie ein Schnalzen oder ein Küsschen helfen mehr als dauerhaft quengelnde Schenkel und Sporen. Das wissen zahlreiche Holzrücker, Westernreiter und Liebhaber der Freiheitsdressur. Auf dem Dressur-Turnier sind sie leider nicht erlaubt. Trotzdem trainiert Hanne Brenner zu Hause mit Hilfe von Stimmkommandos. Diese erfolgen immer ganz knapp vor der Schenkelhilfe, damit das Pferd die Gelegenheit hat, bereits auf die Stimmhilfe zu reagieren. „Zusammen mit anderen Faktoren trägt das bewusst eingesetzte Stimmkommando im Training dazu bei, dass das Pferd grundsätzlich fleißiger und aufmerksamer wird“, erklärt Dorte Christensen. „Natürlich darf diese Hilfe nicht überstrapaziert werden, damit sie ihre Wirkung behält. Aber so eingesetzt ist es auch auf dem Turnier kein Problem, sie dann wegzulassen, weil der Reiter sie mental doch verwendet.“ Und das Pferd wird entsprechend reagieren.

6. Noch mehr vorwärts: Übergänge und Tempiwechsel

Wer ständig in derselben Geschwindigkeit vor sich hin reitet, stumpft sein Pferd damit psychisch und physisch ab. Nichtbehinderte Reiter helfen sich dann oft mit vermehrtem Gerten- und Sporeneinsatz. Für Hanne Brenner ist das keine Option, daher muss sie zu Mitteln greifen, die das Schlurfen bereits im Vorfeld unterbinden. „Ganz viele Übergänge und Tempiwechsel sind dafür entscheidend“, sagt Dorte Christensen. Die Tempiwechsel innerhalb einer Gangart selbst sind dabei ebenso wichtig wie die Übergänge zwischen zwei Gangarten.

Fangen Sie zunächst mit Schritt-Trab-Schritt-Übergängen an und steigern Sie sich bis zu Tempiwechseln im Galopp. Läuten Sie jeden Wechsel mit einer oder mehreren halben Paraden ein. Die korrekte Hilfengebung dafür ist ein kurzes, vermehrtes Einschließen des Pferdes zwischen den Gewichts-, Schenkel und Zügelhilfen, worauf immer eine nachgebende Zügelhilfe folgt.

7. Korrekt Angaloppieren: Vorher aufmerksam machen!

Für viele Reiter besteht die Aufforderung zum Angaloppieren rein aus einer Schenkelhilfe. „Damit überfällt man das Pferd“, weiß Dorte Christensen. Stattdessen sollte der Reiter sein Pferd wie folgt aufmerksam machen, bevor die Schenkelhilfe zum Galopp eingesetzt wird: „Machen Sie das Hinterbein durch halbe Paraden aktiv, setzen Sie sich schwer hin und fordern die Aufmerksamkeit des Pferdes.“, sagt Christensen. „Dazu kann auch ein aufforderndes Stimmkommando erfolgen.“ Am Anfang kann man sich hierfür die Ecken zunutze machen. Eine richtig gerittene Ecke bringt das Pferd schon fast von allein auf das Hinterbein. Die meisten Reiter kürzen die Ecken ab und geben dem Pferd damit die Möglichkeit, sich der Forderung nach korrekter Stellung und Biegung zu entziehen. So wird es dann auch keine Last aufnehmen. Durch die halben Paraden wird dem Pferd ein Hinweis geschickt: „Achtung, gleich kommt was!“ Hierdurch wird das Angaloppieren viel leichter und aktiver.

8. Locker werden: häufige Umstellung!

Sowohl Pferde als auch Reiter machen sich schnell fest, wenn häufig über längere Strecken geradeaus oder sehr lange einseitig auf dem Zirkel geritten wird. Das gilt nicht nur für diejenigen Reiter, die ein Handicap haben. „Die Pferde ziehen dann oft gegen den Zügel und werden verspannt“, weiß Dorte Christensen. Um sich zu lockern, sollte deshalb oft umgestellt werden. Schlangenlinien in all ihren Ausprägungen sind dafür ebenso geeignet wie Kehrtvolten und durch den Zirkel wechseln. „Dorte reitet mit jedem Pferd bewusst Linien, die zunächst ungewöhnlich erscheinen und dem Pferd die volle Konzentration abfordern. Ein Beispiel hierfür sind Kehrtvolten in die Ecke statt aus der Ecke oder auch Wege, die das Pferd einfach nicht erwartet. “, erzählt Hanne Brenner. Das hält nicht nur den Körper, sondern auch den Geist von Pferd und Reiter geschmeidig. Und das Pferd kann nicht „vorerahnen“, was nun kommt. So muss es „warten“, wie das nächste Kommando, die nächste Linie aussehen wird.


Quelle:

Regina Käsmayr