Ausbildung :: Gymnastizierung

Pferde gymnastizieren im Gelände – Teil 3: „L“ rückwärts

Damit ein Pferd fähig ist, seinen Reiter zu tragen, ohne dabei körperlichen Schaden zu nehmen, muss es regelmäßig mit einfachen Dressurübungen gymnastiziert werden. Das geht auch ohne Reitbahn oder Halle - ganz einfach im Gelände! Die verschiedensten Übungsplätze bieten Abwechslung und fördern die Balance und Gelassenheit des Pferdes. Der Ratgeber "Pferde gymnastizieren" (BLV Buchverlag) behandelt alle Aspekte des Trainierens im Gelände. Lesen Sie hier einen exklusiven Auszug aus dem Buch. 
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Warum L-rückwärts? In der Western-Disziplin »Trail« ist das »Stangen-L« ein beliebt-berüchtigtes Hindernis. »Beliebt«, weil es zu den Pflichthindernissen in jedem Trailparcours gehört. »Berüchtigt«, weil sich hier oft die Spreu vom Weizen trennt. Wer nicht nur gerade rückwärts richtet, sondern nach einigen Tritten um 90 Grad in seiner Bewegung abbiegen muss, stellt schnell fest, dass er die Ausmaße seines Pferdes falsch eingeschätzt hat oder vielleicht doch nicht so gut mit seinen Hilfen durchkommt, wie gedacht. Das Pferd soll bei dieser Übung keinen Schritt tun, den der Reiter nicht möchte. Nur so kann dieser das Pferd Tritt für Tritt durch die Engstelle bugsieren. Je kleiner das »L«, desto schwerer wird auch das »Einfädeln« ins Hindernis und der ganz normale Rückwärtsgang geradeaus. Denn schon die kleinste Gewichtsverlagerung des Reiters veranlasst die Hinterhand zum herumschwänzeln. Wir beginnen daher nicht in einem Stangen-L, sondern auf einem L-förmigen Weg oder einer T-Kreuzung. Wenn diese Übung optimal sitzt. Können Sie sich vor Ihrem nächsten Geländeritt die Mühe machen, einige gerade Stangen aus dem Wald zu zerren und daraus ein – vorerst recht breites – »L« auf den Weg zu legen. Sinnvoll für Pferd und Reiter ist ein möglichst hoher Kontrast zwischen Stange und Weg. Auf hellen Schotterwegen oder Teerstraßen sehen Sie das Hindernis besser als auf Gras und Matsch.

L-rückwärts

So geht’s nach links: Wenn sich die passende Kreuzung nähert, reiten Sie schon mal auf der linken Wegseite. Biegen Sie von Ihrem Weg im 90-Grad-Winkel auf den neuen Weg ab und stoppen Sie nach ein bis zwei Pferdelängen. Nun richten Sie Ihr Pferd so lange Schritt für Schritt rückwärts, bis der »alte« Weg hinter Ihrem Knie auftaucht. Blicken Sie sich beim Rückwärtsrichten nicht um, sondern warten Sie so lange in gerader Position, bis Sie den Weg aus dem Augenwinkel erkennen können. Beim nächsten Tritt rückwärts schieben Sie die Hinterhand mit dem leicht zurückgelegten rechten Schenkel nach links und sitzen dabei vermehrt auf dem linken Gesäßknochen. Den linken Schenkel lassen Sie am Gurt liegen. Sie brauchen ihn nur, wenn das Pferd mit der Hinterhand einen Schritt zu viel nach links macht. Vielleicht müssen Sie damit auch die linke Schulter des Pferdes in die neue Richtung hinterherschieben. Die Zügel geben dabei entweder Stellung nach links oder wirken seitwärtsweisend nach rechts – je nachdem, wie Ihr Pferd in dem 90-Grad-Winkel zum Stehen kommt und ob Vorderhand oder Hinterhand neu ausgerichtet werden müssen.

Über die Hilfengebung beim Rückwärtsrichten gibt es – schon wieder – zahlreiche verschiedene Theorien. Die einen sagen, Zügel- und Schenkelhilfen dürften niemals gemeinsam Gas geben und bremsen. Die anderen finden, der Reiter lehne sich dabei besser zurück, um mit seiner Gewichtshilfe nach hinten zu wirken. Wir überlassen Ihnen das Philosophieren mit anderen Reitern und zeigen hier, wie die FN den Rückwärtsgang einlegt:

»Mit beidseitig belastenden Gewichtshilfen und vortreibenden Schenkelhilfen gibt der Reiter die gleichen Hilfen wie zum Anreiten. Die Unterschenkel des Reiters liegen verwahrend am Pferdeleib und verhindern ein seitliches Ausweichen der Hinterhand. In dem Augenblick, wo das Pferd nach vorn antreten will, wirken beide Zügel leicht annehmend. Bei fortgeschrittener Ausbildung des Pferdes wirken beide Zügel nur durchhaltend und veranlassen das Zurücktreten. Dadurch wird der nach vorn gegebene Bewegungsimpuls nach rückwärts umgeleitet. Im Moment der Reaktion des Pferdes nach rückwärts muss der Reiter mit der Hand leicht werde, ohne die Anlehnung am Pferdemaul aufzugeben. Auf keinen Fall darf am Zügel gezogen werden.« (aus: Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1).

Mögliche Probleme:

  • »Mein Pferd macht alles ganz allein«:
    Das passiert vielen Reitern, die das L nur rückwärts trainieren. Bauen Sie immer wieder neue Überraschungen für Ihr Pferd ein. Gehen Sie zum Beispiel nur am neuen Weg rückwärts, wenden aber nicht in den alten Weg ab. Oder Sie gehen nach zwei Schritten rückwärts gleich wieder drei vorwärts. Alternativ können Sie nach dem Halt auch eine Vor- oder Hinterhandwendung machen und anschließend wieder vorwärts durch das »L« gehen. Hauptsache, Ihr Pferd versteht das »System« dahinter nicht. Üben Sie auch im fortgeschrittenen Zustand immer wieder nur »Schritt für Schritt«. Erst wenn Ihr Pferd Ihnen das Kommando zurückgibt, dürfen Sie wieder zügig mehrere Schritte hintereinander fordern. Manche Reitern fällt das sehr schwer, denn der Alleingang ihres Pferdes im »L« sieht oft einfach perfekt aus – so ganz ohne sichtbare Hilfen! Stoppen Sie Ihn trotzdem rechtzeitig, denn Sie wollen kein Pferd, das im Gelände selbständig und unbremsbar rückwärts läuft!
  • »Mein Pferd will in die Stangen nicht einparken«:
    Deshalb üben Sie auch zunächst an der T-Kreuzung und danach zwischen sehr breit gelegten Stangen. Wenn Sie den Weg Schritt für Schritt schmäler werden lassen, benötigen Sie auch keine Einparkhilfe.
  • »Mein Pferd geht nicht rückwärts«:
    Dann bitte nicht verstärkt mit den Schenkeln treiben, denn das wird Ihr Pferd noch mehr verunsichern. Bitten Sie einen Helfer, Ihre Hilfengebung von unten durch Druckpunkte zu unterstützen und geben Sie ein immer gleiches Stimmkommando dazu. Im optimalen Fall kennt das Pferd die Lektion »Rückwärtstreten« und die entsprechenden Druckpunkte bereits aus der Bodenarbeit.
  • »Das Rückwärtstreten ist schief«:
    Vergewissern Sie sich, dass Sie kerzengerade sitzen und auf beiden Seiten gleich dosierte Hilfen geben. Vielleicht tritt ihr Pferd schief, weil es Angst vor den Gespenstern in seinem toten Winkel hat. Auch hier kann Bodenarbeit helfen. Ein schmaler Weg mit hohem Bewuchs am Rand hält das Pferd bei den ersten Übungen auch besser in der Spur als ein breiter Weg mit viel Spielraum zum Schieftreten.

Tipp von Regina Käsmayr:

»Was an einer T-Kreuzung noch einigermaßen überschaubar ist, wird in den Stangen zum Problem: Immer ganz genau zu wissen, wo das Pferd gerade seine Hufe hebt oder absetzt. Sobald Sie Ihren Kopf bewegen, um nachzusehen, verlagern Sie Ihr Gewicht, die Hinterhand schwänzelt und es macht »Klong!« an der Stange. Orientieren Sie sich deshalb in den Stangen genau wie auf dem Weg immer am inneren Wegesrand (bzw. der inneren Stange). Halten Sie sich vom ersten Schritt an immer nah an diesem Rand und verschieben Sie die Hinterhand, wenn die 90-Grad-Kurve hinter Ihrem Knie auftaucht. Vielleicht ist ihr Pferd auch länger oder kürzer und Sie müssen einen leicht versetzten Abwendepunkt finden. Wenn Sie unbedingt den Stand aller vier Beine ansehen möchten, so parieren Sie dazu durch und überprüfen das im Stehen. «


Quelle:

Regina Käsmayr
Bild: Ilse Dunkel (ille)_pixelio.de