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Ausbildung :: Bodenarbeit

Dominanz und Bodenarbeit – Kommunizieren mit dem Pferd

Jeder Mensch, der sich in Richtung Pferd bewegt, vermittelt dem Tier etwas. Dabei ist es absolut egal, ob Sie leise sprechen, schreien oder schweigen. Bei der Kommunikation mit dem Pferd kommt es einzig und allein auf die Art und Weise an, wie man sich bewegt. Ob Sie gerade stehen, zögerlich von einem Bein aufs andere wippen, nach Schweiß riechen, aufgeregt oder gestresst sind, genervt, ungeduldig oder aggressiv – seien Sie sich darüber im Klaren, dass Ihr Pferd Sie in Nullkommanix durchschaut.
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Pferde beobachten ganz fein unser Verhalten – sie haben viel mehr Zeit dazu als wir Menschen. Sie sind nicht abgelenkt von Telefonaten, lassen sich von Werbung nicht begeistern, es ist ihnen völlig egal, was ein Mensch über sie denkt, ob er lügt, betrügt und tausend Freunde hat. Sie denken ans nächste Futter, lassen sich von einem schönen Hengst oder einer Stute beeindrucken und überlegen, ob sie auf dem Weg zur Reithalle ausbüchsen, um einen Sprung auf die Koppel zu wagen.

Die Missverständnisse zwischen Mensch und Tier sind oftmals ganz simpel zu erklären: Wir wissen noch nicht einmal, dass ein Pferd all das an und über uns lesen kann und wir ahnen vielleicht das, was wir aussagen, ohne etwas zu artikulieren. In der Skala 0 bis 100 sind wir Menschen je nach Ausbildung bei 5 bis maximal 30 und Pferde im Vergleich bei 110 angesiedelt. Ihr Pferd weiß haargenau, ob sie gut oder schlecht drauf sind, ob es sich in Acht nehmen muss oder ob heute ein angenehmer Ausritt ansteht.

Die Macht der Gedanken

Tiertherapeuten nutzen heute sogar die Telepathie in unterschiedlicher Art und Weise, um noch feiner mit Pferden kommunizieren zu können. Sie schicken mittels ihrer konzentrierten Gedanken Bilder und Zusammenhänge, die vom Pferd ebenso empfangen werden können wie wir umgekehrt. So ist es heute möglich, ohne Tierarzt und ohne weiteren Fachmann drückende Sättel auszumachen, einen Beschlag zu ändern oder Futterrationen umzustrukturieren. Wer sich mit seinen Gedanken noch im letzten Meeting der Firma befindet, unter Mobbing leidet oder mit seinem Ehepartner einen saftigen Streit hatte, braucht sich nicht wundern, wenn der Vierbeiner sein Hinterteil zeigt. Auf solchen Stress haben nicht nur wir Menschen keine Lust, sondern auch das Tier versagt seinen Dienst. Ungelöste Probleme, ob privat oder beruflich verursacht, krümmen nicht nur unseren Rücken – die Muskulatur ist verspannt, die Gesichtszüge verhärten sich. Wir reagieren nicht mehr fein, sind ungehalten, ungeduldig, einfach ungenießbar…

Für unsere Pferde sind wir kein Buch mit sieben Siegeln: Sie lesen unsere Gedanken anhand unseres Verhaltens. Ob wir die Mistgabel filigran greifen oder grob in die Ecke feuern, ob wir pfeifend die Stallgasse fegen oder unseren Stallnachbarn nicht mit dem Hintern anschauen.

Was dann entscheidend ist, wie ein Pferd auf die erhaltenen Informationen reagiert, sind folgende Komponenten:

  • Hat es bereits öfters schlechte Erfahrungen gemacht?
  • Ist es ein sensibler Charakter?
  • Steckt es auch mal ruppiges Verhalten weg?
  • Weiß es, dass unser Verhalten nur kurzfristig negativ ist?
  • Reagiert es unsicher, irritiert oder gar aggressiv auf unser Verhalten?

Gute Beziehungen begründen immer auf gewachsenem Vertrauen und einer besonderen Aufmerksamkeit, die gerne erwidert wird. Das Pferd als Fluchttier möchte sich in Sicherheit wiegen – wir ersetzen die Herde, die Schutz und Geborgenheit bietet. In der freien Wildbahn überlebt das Pferd durch ein sehr schnelles Fluchtverhalten, das durch feinfühlige Wahrnehmung und blitzschnelles Reagieren unterstützt wird. Hektische Bewegungen, der Geruch von Schweiß und ein Mensch, der sich längst nicht mehr in seiner Mitte befindet, signalisieren ihm nur eines: Achtung, Gefahr!

Nichts geht ohne Etikette

Innerhalb einer Herde wird der Hals lang gestreckt und die Pferde berühren sich mit den Nüstern. Diese Geste sollten wir Menschen uns zu eigen machen, wenn wir uns einem Pferd näheren. Wir Menschen tun dies in ähnlicher Form: Wir nehmen unsere Stimme zu Hilfe und reichen dem zu Begrüßenden die Hand. Wenn wir jetzt beide Vorgehensweisen sinnvoll miteinander verbinden, erreichen wir eine Kommunikation zwischen Mensch und Pferd, die von beiden verstanden werden kann. Wir nehmen unsere Hand mit dem Handrücken nach oben oder mit der Handfläche zum Pferdemaul. Aber hier aufgepasst: Das Pferd denkt vielleicht, dass wir Zucker oder sonstiges als Geschenk mitbringen und das ergibt das schnell einen blauen Fleck oder eine gequetschte Hand!

Wenn Sie Ihre Standposition jetzt nicht frontal von vorne, sondern seitlich am Pferd stehend wählen, kann das Pferd durch Drehen seines Kopfes frei wählen, wie es Sie sehen möchte. Nicht jedes Pferd findet Menschen gleich spannend wie Artgenossen. Stuten reagieren oftmals ganz anders als Wallache oder Hengste und auch die einzelnen Rassen beachten den Menschen mehr oder weniger. Wenn ein spanischer Hengst vor Ihnen steht, wird er sich stattlich präsentieren, ein steyrischer Haflinger nimmt’s eher gelassen.

Vertrauen und nochmals Vertrauen

Die Individualdistanz beim Pferd ist ähnlich strukturiert wie beim Menschen. Wer sein Pferd berührt und sein Fell streichelt, wer es am losgelassenen Strick locker führen kann, wer die Bürste mit geschickten Bewegungen führt oder den Sattel auflegt, bewegt sich in diesem engen Raum rund ums Pferd. In dieser Zone duldet das Pferd nur sehr sympathische Artgenossen, die Mutterstute ihr Fohlen und während der Decksaison an bestimmten Tagen den Hengst.

Welche Rolle spielen Sie im Leben Ihres Pferdes? Sind sie der ranghohe Chef, der vorgibt, wo es lang geht oder sind Sie ein rangniederes Wesen, das dies zu spüren bekommt, wenn ein Ausritt bereits am Hofrand endet und das Tier zielstrebig umkehrt? Ihre Aufgabe im Zusammenspiel mit dem Pferd ist es stets, Ihren hohen Rang zu bewahren und dabei Freundlichkeit zu demonstrieren – in jeder Bewegung und mit jeder Handlung! Und dies beileibe nicht nur aus ethischem Hintergrund.

Erst dann, wenn das Pferd sich sicher ist, dass Sie ihm nicht feindlich gegenüber treten, es wirklich weiß, dass ihm in Ihrer Nähe nichts geschieht, von Ihnen keinerlei Bedrohung ausgeht, d.h. dass Sie in jeder Sekunde Herr Ihrer Emotionen sind. Ranghoch bedeutet im Pferdealltag, dass Sie souverän Entscheidungen treffen, in Gefahrensituationen sicher und bestimmt voran treten und dem Pferd auch einmal eine Rüge geben können, wenn diese notwendig ist. Dies aber bestimmt und dabei stets freundlich werdend, wenn das Pferd weicht, sich fügt und sich unterordnet.

Das Spiel mit der Dominanz

Hat das Pferd den Menschen noch nicht als ranghöher akzeptiert und dies geschieht bereits in Millisekunden nach dem Kennenlernen, wird es in kritischen Situationen nicht entsprechend reagieren. Eine einfache Übung ist hier das Führen an der Hand: Beginnen Sie mit kleinen Strecken in einfachem Gelände wie zum Beispiel innerhalb einer Reithalle oder auf dem Reitplatz – dies kennt das Pferd höchstwahrscheinlich. Danach geht’s ans Eingemachte: Raus aus dem Gewohnten und rein in Aufgabenstellungen, die sehr schnell ans Tageslicht bringen, ob der Herr und Meister zwei oder vier Beine hat. Schaffen Sie es wirklich, zielsicher um Autos zu schreiten oder das Pferd um sich herum zu dirigieren, ohne dass es Ihnen auf die Füße tritt? Erst dann können Sie sich sicher sein, dass der nächste Schritt auch mühelos gemeistert werden kann. Antraben und auf den Punkt anhalten, Tempiwechsel an der Hand – eine spannende Aufgabe!!

Wir verlangen von Pferden oft Dinge, die gegen ihre Natur angehen. Es darf während eines Ausrittes keine Rangstreitigkeiten mit Artgenossen austragen, nicht vor einem am Boden liegenden Ameisenknochen Reißaus nehmen und seinen Hunger nicht am saftigen Gras des Wegrands stillen. Warum in aller Welt sollte das Tier ausgerechnet auf uns hören? Dies muss im Vorfeld geklärt und in jeder Sekunde bestätigt werden, sonst wird es schnell brenzlig. Wir bewegen uns in zivilisiertem Gelände, haben rings um uns herum Fahrzeuge aller Art und Menschen, die nicht wissen, wie gefährlich ein Pferd sein kann. Deshalb ist es dringend nötig, seinen Vierbeiner in jeder Situation beherrschen und kontrollieren zu können. Mangelnder Respekt eines Pferdes ist deshalb auch kein Kavaliersdelikt.


Quelle:

Ramona Dünisch