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Ausbildung :: Anreiten

Pferd selbst einreiten: Der Selbsttest

Man muss kein Profi sein, um sein eigenes Pferd anzureiten. Das zeigen zahlreiche Fälle von gut trainierten Freizeit- und Turnierpferden. Dass die Prozedur aber auch schief gehen kann, sieht man an maultoten Pferden und Unfallstatistiken. Wann ist ein Reiter wirklich so weit, sein Jungpferd selbst anzureiten? 
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Der junge Hengst war scheinbar sein Geld nicht wert. Die besten Reiter des Landes hatten versucht, ihn einzureiten und alle fanden sich Sekunden später mit dem Gesicht im Sand wieder. Nur der kleine Alexander hatte bemerkt, wie man dem riesigen, ramsnasigen Rappen Respekt einflößen konnte. „Lasst mich es versuchen“, sagte der Junge und drehte den Hengst mit dem Gesicht gegen die Sonne. Das Tier stand mucksmäuschenstill, weil es Angst vor seinem eigenen Schatten hatte. Alexander stieg auf und galoppierte in den Sonnenuntergang.

Die beiden Hauptpersonen dieser Geschichte heißen Alexander der Große und Bukephalos. Ähnliche Märchen gibt es von Blitz, Black Beauty, Fury und vielen anderen. Die immer gleiche Geschichte ist in der Literatur so beliebt, weil sie dem Traum aller Pferdebesitzer entspricht: das eigene Pferd anreiten – wenn möglich besser als jeder Profi.

Die Reitausbilderin und Autorin Kerstin Diacont aus Neu-Isenburg gibt mit ihrem Buch „Pferde anreiten“ ambitionierten Do-It-Yourself-Trainern zwar eine Anleitung an die Hand, stellt aber nicht jedem Reiter ein Reife-Zeugnis dafür aus: „Nur solchen mit genug Balance und Stabilität im Sitz, so dass sie in der Lage sind, dem jungen Pferd einen flexiblen Rahmen zu geben. Wer ein junges Pferd anreiten will, muss sehr genau wissen, was sein eigener Körper tut und welche Vorgaben er damit dem Pferd macht. Erfahrungsgemäß wissen das viele Reiter nicht.“

Test: Spüren Sie ohne Hinsehen, ob Sie sich im richtigen Galopp befinden? Sind Sie sicher, dass Sie Ihre Gewichtshilfen immer im richtigen Maß einsetzen, ohne das Pferd aus dem Gleichgewicht zu bringen? Können Sie ohne Sattel reiten? Trauen Sie sich über kleine Hindernisse zu springen?

Dazu kommt, dass sich die mögliche Angst des Reiters auf das Pferd überträgt. Nur wer sich absolut sicher ist, weder das Pferd noch die Arbeit mit ihm zu fürchten, sollte sich deshalb in die Lehrerrolle begeben. „Das bedeutet natürlich nicht, dass man sich beim ersten Aufsitzen, beim ersten Trab oder Galopp oder beim ersten Ausritt nicht mulmig fühlen darf“, sagt die Bestseller-Autorin und langjährige Reiterin Dr. Christiane Gohl. „Mit jungen Pferden sollten nur Menschen arbeiten, die sich beim Reiten allgemein sicher und glücklich fühlen und sich auf das Reiten des eigenen Pferdes freuen. Das klingt simpel und fast selbstverständlich, aber viele Freizeitreiter sind hier nicht ehrlich vor sich selbst.“

Diese Erfahrung hat auch Katharina Schmitz gemacht. Die EWU-B-Trainerin bietet auf ihrer Anlage im oberpfälzischen Theisseil zahlreiche Kurse für Fohlen- und Jungpferdebesitzer an, damit Pferd und Besitzer schon früh an die gemeinsame Arbeit gewöhnt werden – und zwar unter Aufsicht. Viele Kunden geben später ihre Pferde eine Weile in Beritt, legen dann gemeinsam mit der Trainerin ein Ziel fest und üben zu Hause weiter. Ist das Ziel erreicht oder gibt es Probleme, so kommen sie wieder.

Bevor jemand sein eigenes Pferd anreiten möchte, sollte er laut Katharina Schmitz mindestens fünf Jahre lang ein älteres Pferd geritten haben. „Wer erfolgreich Turniere geht – und dabei nicht nur auf dem Talent seines Pferdes reitet – oder wer ein Reitabzeichen in Bronze besteht, ist normalerweise so weit, zumindest teilweise auch sein eigenes Pferd auszubilden“, findet Schmitz. Denn dafür müsse man nicht nur Reiten können, sondern auch theoretisches Wissen über Anatomie, Biomechanik und Stoffwechsel haben. Das sind die Voraussetzungen, um beim Pferd an den richtigen Stellen Muskeln aufzubauen und es auf Dauer gesund zu erhalten. „Man muss sich auch darüber schlau machen, wie Lernprozesse bei einem Pferd ablaufen. Wann und wodurch erkennt es, was gut ist und was nicht?“, gibt die 22-Jährige zu bedenken.

Solches Wissen könne man sich bei einem anerkannten Ausbilder aneignen oder zum Beispiel im Rahmen eines Reitabzeichens. Der Vorteil davon: „Nachdem jemand bei mir ein Reitabzeichen gemacht hat, weiß ich genug über seine reiterlichen Fähigkeiten, um ihm vom Anreiten seines Pferdes an- oder abzuraten“, sagt Katharina Schmitz.

Test: Können Sie erklären, warum Pferde vorwärts-abwärts geritten werden und wie ein Unterhals entsteht? Wissen Sie über die PAT-Werte und die Schrittfolgen aller Gangarten Bescheid? Kennen Sie die Skala der Ausbildung? Wissen Sie wie Muskelkater entsteht und wie man vorbeugen kann?

Doch nicht nur im Sattel und in der Theorie muss der zukünftige Lehrer eines jungen Pferdes gut sein, denn seine Ausbildung beginnt lange vor dem ersten Bügeltritt. Bodenarbeit, Hufe geben und Führübungen bilden die Grundlage für alles weitere. Dadurch ist das Pferd es gewohnt, zu arbeiten. „Dafür braucht es Konsequenz, gesunden Menschenverstand und eine souveräne Körpersprache“, sagt Kerstin Diacont. Wie beim Reiten gelte auch am Boden: Der Mensch muss wissen, was sein Körper signalisiert und wie seine Signale beim Pferd ankommen. Für viele Besitzer gar nicht so einfach einzuschätzen. „Erfahrungsgemäß überschätzen sich die meisten Reiter“, sagt Katharina Schmitz. „Man muss dabei absolut ehrlich zu sich selbst sein. Wenn man sich unsicher ist, sollte man die Ausbildung lieber von einem Profi machen lassen – oder mit ihm gemeinsam.“

Bei den ersten Ausbildungsschritten tauchen meistens noch keine Probleme auf. Wer genau weiß, wie man ein Pferd führt, ihm die Hufe reinigt, es zäumt und sattelt, der kann ihm das auch beibringen. Dr. Christiane Gohl warnt jedoch: „Bis dahin ist das noch simpel, aber schon in grundlegenden Bodenarbeitstechniken sollte man vorher am besten einen Kurs machen. Dabei empfiehlt sich eine klassische Einweisung ins Longieren und Arbeit an der Doppellonge.“

Test: Bewegen Sie ein Pferd mit Hilfe einer Gerte oder eines Bodenarbeitsseils Schritt für Schritt. Schaffen Sie es, nur die Hinterhand wegtreten zu lassen wie bei einer Vorhandwendung? Können Sie es vom Boden aus rückwärts richten und seine Schulter kontrollieren? Erkennt Ihr Pferd beim Longieren anhand Ihrer Körpersignale, dass es schneller oder langsamer gehen soll?

Beim Reiten gilt dann erst recht: Wer eine Sprache vermitteln will, muss sie selbst sprechen. „Ein englischer Lehrer wird einem italienischen Schüler nicht mit Hilfe eines Lehrbuchs Russisch beibringen. Der Ausbilder sollte also zumindest die Grundbegriffe der Reitweise, die er mit seinem Pferd praktizieren möchte, sicher beherrschen.“, sagt Dr. Christiane Gohl. Dabei muss er nicht unbedingt wissen, wie man einen Spin oder Rollback reitet – wohl aber, wie man ein Pferd gymnastiziert und wie man sich durchsetzt. Bei Freizeitreitern beobachtet Dr. Gohl häufig Haltungen wie „’Susi geht nicht gern auf dem Hufschlag, aber das ist egal, dann reiten wir eben mehr innen, auf die Dauer will ich ja sowieso nur ausreiten’. Der Reiter macht sich dann einfach nicht klar, dass sein Pferd ihm kaum im Gelände gehorchen wird, wenn er sich schon auf dem Platz nicht durchsetzt.“

Wichtig ist außerdem, dass der erste Reiter eines jungen Pferdes keine falschen Reflexe mehr hat. „Bestes Beispiel für einen falschen Reflex ist das beliebte Über-die-Schulter-Ausweichen des Pferdes, welches viele Reiter durch Festhalten oder Ziehen am inneren Zügel verhindern wollen“, sagt Kerstin Diacont. „Dadurch kommen sie in eine Verdrehung hinein, die dem Pferd noch stärker signalisiert: Lauf nach außen.“ Falsche Reflexe sind auch das Klammern mit den Beinen oder das Am-Zügel-Ziehen beim geringsten Erschrecken des Pferdes.

Test: Sind Sie sich über die Hilfengebung aller Übungen, die Sie reiten wollen, im Klaren? Wissen Sie, wie man runde Zirkel reitet? Können Sie sich bei älteren Reitpferden gut durchsetzen? Trauen Sie sich zu, mit Schreckreaktionen gelassen umzugehen?

In jeder Ausbildung gibt es Punkte, wo scheinbar nichts mehr vorangeht. Dann muss der Ausbilder erkennen, was die Ursache des Problems ist: Ist das Pferd überfordert oder unmotiviert? Hat es Schmerzen? Versteht es nicht, was von ihm verlangt wird? Taucht ein und dieselbe ungewollte Reaktion bei Ihrem Pferd öfters als dreimal hintereinander auf, so ist es wahrscheinlich, dass in seinem Lernverhalten eine falsche Konditionierung stattgefunden hat. Kerstin Diacont rät: „Wenn eine Übung völlig aus dem Ruder läuft, sollte man sie eine Weile hinten anstellen, das Pferd mit einer anderen Übung, die es kann, wieder beruhigen und die Trainingseinheit für diesen Tag mit einem positiven Ergebnis beenden. Versuchen Sie die schief gegangene Übung nicht gleich am nächsten Tag wieder, sondern warten sie ein paar Wochen.“

Sinnvoll ist auch, nach einem zuvor festgelegten Lehrplan zu arbeiten. Setzen Sie sich und Ihrem Pferd Wochenziele wie die Trabhilfen zu lernen oder einen kleinen Ausritt zu schaffen. „Wenn ich den Plan ab und zu nicht einhalte, macht das nichts. Wenn es aber nie klappt, sollte mir das zu denken geben“, sagt Dr. Christiane Gohl.

Brenzlig wird die Situation dann, wenn man nicht rechtzeitig erkennt, dass die Ausbildung aus dem Ruder läuft. „Wenn Ihre Gesundheit auf dem Spiel steht, sollten Sie aufhören“, sagt Katharina Schmitz. „Auch wenn eine Reaktion Ihres Pferdes evtl. nur seiner Trotzphase entspricht – wenn Sie diesen Punkt nicht knacken, macht es das sein Leben lang.“

Je nachdem, um was für ein Pferd es sich handelt, können Schwierigkeiten mehr oder weniger existenziell sein. Stand es drei Jahre lang auf der Koppel und ärgert sich jetzt darüber, dass es nun arbeiten muss, dann ist seine Reaktion sogar nachvollziehbar. Handelt es sich aber um Ihr eigenes Fohlen, das bisher jeden Ausbildungsschritt mitgemacht hat und mit Ihnen vertraut ist, so ist besondere Vorsicht geboten, wenn es plötzlich steigt und tritt.

Spätestens dann, wenn das Pferd gegen Sie geht, müssen Sie die Reißleine ziehen. „Wenn es in Ihre Richtung ausschlägt oder steigt, sollten Sie sich Hilfe holen“, sagt Katharina Schmitz. „Es benötigt Fachwissen und Erfahrung, so etwas ohne Gewaltanwendung wieder wegzubringen. Sind Sie sich nicht mehr ganz sicher, ob das so jetzt in Ordnung ist, dann ist Rumdoktern schon nicht mehr angesagt.“

Test: Sind Sie sich in Problemsituationen sicher, dass Sie die Sache unter Kontrolle haben? Spüren Sie, wenn Ihr Pferd sich im Rücken festhält oder sich auf den Zügel legt? Ist es ausgeschlossen, dass Ihr Pferd Sie bei der Bodenarbeit wegschiebt oder selbständig die Richtung ändert? Können Sie nach der Arbeit mit Ihrem Pferd leicht abschalten?

Haben Sie sich entschlossen, Ihr Pferd in Beritt zu geben, so schauen Sie sich früh genug nach einem Trainer um und reiten Sie, wenn möglich, dessen Schulpferde. Sie sind die Visitenkarte ihres Ausbilders. Gehen Sie auch auf Turniere und schauen Sie sich das Verhalten des Trainers auf dem Abreiteplatz an. Denn so wird er auch Ihr Pferd reiten, wenn niemand zuschaut.

Haben Sie sich für einen Ausbilder entschieden, so klären Sie bald, in welchem Zustand er das Pferd will. Den meisten Bereitern ist ein rohes Pferd lieber als eins, das schon falsche Dinge gelernt hat. „Ansonsten nimmt man sich am Besten vor dem Beritt Zeit und Herz und führt dem Bereiter vor, was das Pferd schon gelernt hat, und worauf der Profi aufbauen kann und muss. Dann kann er realistischer einschätzen, wie lange er brauchen wird, um das Pferd zu schulen“, sagt Dr. Gohl. Katharina Schmitz nimmt Pferde von guten Reitern gern ausgebunden longiert und mit entsprechendem Muskelaufbau an. Kerstin Diacont findet es sinnvoll, wenn das Pferd schon mit Sattel und Reitergewicht vertraut gemacht worden ist – „zumal der Pferdebesitzer sich in der Regel mehr Zeit für sein Pferd nimmt als ein professioneller Trainer.“

 

ANREITEN

Wann? Die Reife eines Pferdes ist je nach Rasse und Typ verschieden. Es gibt Pferdetypen, die mit 3 Jahren völlig erwachsen aussehen. Andere sind zu diesem Zeitpunkt noch typische Teenies. Vorbereitende Arbeiten können mit beiden schon gemacht werden. Die Belastung mit dem Reitergewicht sollte aber bei dem unfertigen Pferd auf einige Minuten beschränkt bleiben. Viele Trainer reiten mittlerweile erst mit vier Jahren an. Die Pferde sind dann bereits reifer und man kommt schneller vorwärts.

Wen? Manche Pferde sind einfacher anzureiten als andere. Nordische und mitteleuropäische Ponys wie Isländer, Norweger, Haflinger, Fellponys etc. können nach schlechten Erfahrungen buchstäblich ihre Festplatte löschen, wenn man den Fehler korrigiert. Bei einem Araber, Welshpony oder Warmblüter geht das oft nicht. Unabhängig von der Rasse sind alle Pferde, die ein ausgeglichenes Temperament und ausbalanciertes Exterieur besitzen, viel leichter zu handhaben als hypernervöse oder solche mit deutlichen Gebäudemängeln.

Wie? Ein junges Pferd braucht kurze aber regelmäßige Trainingseinheiten, etwa vier- bis fünfmal in der Woche. Dann ist das Pferd im Allgemeinen nach drei Monaten so weit, dass es kurze Ausritte in allen drei Grundgangarten problemlos und freudig erledigt. Eine angefangene Übung sollte immer in Ruhe und ohne Zeitdruck zu Ende gebracht werden. Verlangen Sie nicht zu viel auf einmal sondern machen Sie kleine Schritten und genug Nachdenkpausen.


Quelle:

Regina Käsmayr

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