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Ausbildung :: Allgemeine Grundlagen

Westernreiter haben die leichtere Hand – jetzt bestätigt.

Prof. Dr. Holger Preuschoft, Professor für funktionelle Morphologie an der Ruhr-Universität Bochum, hat ein Zügelkraftmessgerät entwickelt, das zwischen Gebissring und Zügel geschnallt wird. Damit kann er feststellen, wie stark der Reiter am Zügel zieht. Die Ergebnisse sind verblüffend.
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Barnboox: Mit wie viel Kilogramm zieht ein durchschnittlicher Freizeitreiter am Zügel und mit wie viel ein Turnierreiter?

Preuschoft:
Sehr variabel. Freizeitreiter kommen auf Werte zwischen drei und 15 Kilogramm, Turnierreiter auf zwei bis 15 Kilogramm. Unsere Geräte messen Werte bis 25 Kilo. Diese wurden in Extremfällen erreicht, auch bei turniererfahrenen Reitern. Den höchsten Wert erreichten Traber. In diesem Fall ging der Wert über die 25-Kilomarke. Anfangs war ich über diese hohen Werte sehr verblüfft. Schließlich hat man die schöne Behauptung im Kopf, dass die Anlehnung am Zügel nur wenige Gramm betragen sollte. In Wahrheit handelt es sich aber fast immer um mehrere Kilogramm. Dass ein und derselbe Reiter mal mit drei, mal mit 15 Kilogramm einwirkt, liegt daran, dass das Pferd abhängig vom Takt seiner Gangart mit dem Kopf nickt. Die gleichen Schwankungen haben wir auch bei Kutschpferden gemessen.

Barnboox: Welche Reiter schnitten in ihren Tests am besten ab?

Preuschoft:
Manche Western- oder iberische Reiter haben eine deutlich leichtere Hand. Auf der Equitana habe ich einmal die Zügeleinwirkung von Claus Penquitt gemessen. Er lag ständig unterhalb des Messbereichs, der bei 2 kg begann, obwohl er anspruchsvolle Lektionen ritt. Mein ehemaliger Schüler und Kollege Parvis Falaturi maß bei dem Westernreiter Grischa Ludwig extrem niedrige Werte. Sehr niedrige Zügelkräfte von um die 2 kg fanden wir auch bei verschiedenen bekannten Dressurreitern wie Britta Rasche und verschiedenen Schülern von Egon von Neindorff.

Barnboox: Liegt dieser niedrige Wert an der Tatsache, dass Westernreiter keine Anlehnung benutzen?

Preuschoft:
Es stimmt, dass die klassische Reiterei mehr Anlehung verlangt als die Westernreitweise. Aber auch viele Western-Ausbilder reiten mit ganz weicher Anlehung. Ganz ohne Anlehnung kommt man nach meinen Erfahrungen nicht zu einer Versammlung, die ihrerseits Voraussetzung für jedes anspruchsvolle Reiten ist.

Barnboox: Was raten Sie einem Freizeitreiter im Umgang mit den Zügeln?

Preuschoft:
Grösste Vorsicht und Delikatesse. Es gibt mehrere Ausbildungsstätten in Deutschland, in denen man lernen kann, Zügel-unabhängig zu reiten. Zum Beispiel das FS-Reitzentrum in Reken mit seinem Leiter Jochen Schumacher. Dann der angesprochene Claus Penquitt und seine Tochter Nathalie Penquitt,  In Hattingen lehrt Penquitt-Schüler Hartmut Luther, um nur einige mir bekannte Beispiele zu nennen. Die Landesreit- und Fahrschulen hingegen lehren turniermäßiges Reiten. Da messen wir immer wieder Kräfte von mehr als sechs Kilogramm.

Barnboox: Was halten Sie vom gebisslosen Reiten?

Preuschoft:
Darüber habe ich einmal einen Aufsatz verfasst. Als positives Merkmal habe ich die Freundlichkeit der gebisslosen Zäumung gegenüber dem Pferd vermerkt. Negativ fiel mir auf: Das Fehlen von Präzision und Genauigkeit. Wirklich präzise Signalübermittlung ist nicht drin. Hier lassen alle gebisslosen Zäumungen zu wünschen übrig.

Barnboox: Wieviel Zügelkraft misst Ihr Gerät bei Ihnen selbst?

Preuschoft:
Um zwei bis drei Kilo, manchmal weniger. Dieser Wert wurde auch von einem meiner Mitarbeiter auf meinem eigenen, weichmäuligen Pferd geritten. Dieses Tier ritt ich 28 Jahre lang, bis es im Alter von 32 Jahren getötet werden musste. In dieser Zeit haben wir so einiges ausprobiert. Am Ende bin ich bei klassisch-konventionellen Übungen hängen geblieben. Allerdings reite ich mit Kandarenzäumung, seit Jahren ohne Unterlegtrense. Das klappte speziell bei mir und diesem Pferd gut und soll ganz und gar kein Ratschlag für andere sein.

Barnboox: Vielen Dank für das Gespräch!


Quelle:

Regina Käsmayr

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