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Panorama :: Pferde Legenden

Blindes Vertrauen: Shetlandpony Hugo ist ein Blindenführpony

Hugo ist eines der wenigen Blindenführponys in der Bundesrepublik. Wohin er auch kommt, der kleine Fuchswallach sorgt für Aufsehen. Das gilt vor allem dann, wenn das Shetlandpony in den Bus steigt oder gerade aus der Apotheke kommt.
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„Unser Hugo hat schon für kleine Unfälle gesorgt“, lacht Lillemor Hjorter-Dettmer. „Aber daran trägt er keine Schuld“, beteuert sie. „Aber ein Radfahrer hat vor lauter Staunen das Lenken vergessen, als er Hugo aus der Apotheke kommen sah. Tja, und dann lag er da. Sein Hund hat vor lauter Schreck erst einmal das Weite gesucht. Aber es ist zum Glück nichts Ernsthaftes passiert.“ Staunende Gesichter sind der Regelfall, wenn Hugo erscheint. In Zivil fällt der kleine Wallach nicht besonders auf: fuchsfarbiges Shetty, 100 cm groß, Blesse, acht Jahre alt. Doch wenn Hugo seine „Arbeitskleidung“ trägt, kennt das Erstaunen und die Bewunderung keine Grenzen mehr.

Hugos Arbeitskleidung ist ein weißes Führgeschirr. „Es ist vom Prinzip her genau so ein Geschirr wie es Blindenführhunde tragen. Aber es wurde extra für seine Größe angefertigt. Denn ein bisschen größer als ein Hund ist unser Hugo ja doch“, erläutert Erik Dettmer, Hugos Ausbilder. Sobald der kleine Wallach das Geschirr trägt, weiß er, dass es ernst wird. An sich ist das Shetty ein echter Komiker. Es knabbert an allem herum, bettelt um Streicheleinheiten und Leckerchen und ist für jeden Unsinn zu haben. Aber Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Seine Aufgabe als Blindenführpony erfüllt Hugo gewissenhaft und zuverlässig.

Umschulung für den Deckhengst

Seine „berufliche Karriere“ wurde Hugo auf keinen Fall in die „Wiege gelegt“. Die ersten Jahre seines Lebens verbrachte er als Deckhengst bei einem privaten Züchter. Als nach einiger Zeit die Nachfrage nach Shetlandponys nachließ, löste dieser seine Zucht auf und Hugo wurde arbeitslos. „Ich erinnere mich genau an den Anruf“, erzählt Lillemor Hjorter-Dettmer. „Lillemor kannst du nicht ein Shetty brauchen, der kommt sonst zum Schlachter.“ Eigentlich brauchte die in Stemwede lebende Schwedin kein Shetlandpony. Sie besitzt drei Warmblüter mit denen sie erfolgreich im Dressursport bis Klasse S und in der Vielseitigkeit unterwegs ist. Aber: ein Blick in Hugos Augen und der kleine Fuchs zog zu Familie Dettmer in den Stall. Die Dettmers leiten die Hundeschule und -pension „Preussenblut“ in Twiehausen, ihr Schwerpunkt liegt auf der Ausbildung von Blindenführhunden.

In der ersten Zeit wurde Hugo als Reitpony eingesetzt. „Ein Mädchen kam regelmäßig zu mir. Sie hat immer etwas mitgeholfen und dafür habe ich ihr Unterricht auf Hugo erteilt“, erzählt die Schwedin, die auch eine Ausbildung zur Reitlehrerin besitzt. „Die beiden haben ihre Sache wirklich gut gemacht und sind sogar bei Turnieren A-Dressuren gegangen.“ Aber bald war das Mädchen für Hugo zu groß und das Pony wieder arbeitslos. Das gefiel ihm gar nicht, er wurde richtig „nikkelig“.
Da erinnerte sich Erik Dettmer an ein längere Zeit zurückliegendes Experiment. 2001 war Rosinante zur Ausbildung in der Hundeschule, eine Amerikanische Miniaturstute. Sie wurde hier zum Blindenführpony ausgebildet. „Ich habe mich aber geweigert, Rosinante zur Stubenreinheit zu zwingen. Das geht meiner Meinung nach bei einem Pferd nicht“, so die Amazone. Die Besitzer holten ihr Pony Rosinante zurück. „Sie lebt jetzt in England.“
Aber Erik Dettmer war sich sicher, was mit Rosinante gut angelaufen ist, müsste mit Hugo auch funktionieren, und so startete das Blindenführponyausbildungs-Experiment Nummer zwei. „Hugo bot sich von Anfang an an. Er arbeitete stets begeistert mit. Und außerdem hat der Kleine Nerven aus Drahtseilen“, schwärmt sein Ausbilder.

Zahlreiche Stimmkommandos

Nichts kann den kleinen Wallach aus der Ruhe bringen. LKWs rasen an ihm vorbei, Autos hupen, Hugo zuckt noch nicht einmal mit den Ohren. Ruhig steht er an der Bundesstraße und hilft seinem Begleiter beim Überqueren. „Bei solch einer Aufgabe ist gegenseitiges Vertrauen unabdingbar“, betont Erik Dettmer. „Es ist wie beim Reiten. Pferd und Reiter sind ein Team. Der eine kann nicht ohne den anderen.“ Das Stimmkommando zum Überqueren der Straße lautet „Rüüüber!“. „Das Kommando ist eher eine Bitte. Es darf nicht zu forsch kommen, denn das Pony soll ja auf keinen Fall direkt losmarschieren, sondern auf einen gefahrlosen Moment warten“, erläutert der Blindenführhundeausbilder. „Der Mensch geht dann über die Straße, wenn keine Fahrzeuge zu hören sind und das Pony führt – Teamarbeit.“

Über 20 Stimmkommandos beherrscht Hugo. Bei „Such Bord“ führt er seinen Menschen zur nächstliegenden Bordsteinkante und bleibt dort ruhig stehen; bei „Such Tor“ führt er zur nächstliegenden Tür und zeigt mit seinem Maul die Türklinke, „Such Bank“, „Such Bus“, „Einsteigen“, „Führ links“, „Nach Hause“, auf all diese Kommandos – und zahlreiche weitere – gehorcht Hugo auf Wort. Außerdem bleibt er zuverlässig vor jedem Hindernis stehen und führt den Menschen daran vorbei. Nach Absprache mit dem ortsansässigen Bus- und Bahnunternehmen durften Dettmers mit Hugo sogar das Fahren mit Bus und Bahn üben. „Das ist für Hugo kein Problem. Wie selbstverständlich klettert er in den Bus oder das Zugabteil. Bloß die Mitreisenden finden es wohl nicht normal. Hugo sorgt hier auf jeden Fall für Aufsehen“, lacht Erik Dettmer.

Aber dieses Aufsehen scheint Hugo zu genießen. So lässt er in stoischer Ruhe die Dreharbeiten von Fernsehsendern und zahlreichen Pressetermine über sich ergehen. Solange er seine „Arbeitskleidung“ trägt, zeigt er sein Können wie ein Musterschüler. Doch sobald ihm sein Geschirr abgenommen wurde, wird der nächstbeste Mensch zart angestupst. Vielleicht hat er ja etwas Leckeres oder wenigstens ein bisschen Zeit zum Kraulen. „Auch unsere Hunde sind vor Hugos Späßen nicht sicher. Aber sie verstehen sich gut“, lacht Lillemor Hjorter-Dettmer und streichelt dem Shetty die Nase.

Hugo ist eine Ausnahme

Ihrer Meinung nach haben Blindenführponys gegenüber Hunden einige Vorteile, aber auch ganz klare Grenzen. „Zunächst einmal möchte ich betonen, dass auf keinen Fall jedes kleine Pony geeignet ist. Nervenstärke und Arbeitswille sind unabdingbar“, betont sie. „Der Vorteil von Ponys ist ihre höhere Lebenserwartung – sie werden etwa dreimal so alt wie ein Hund. Außerdem haben sie ein weiteres Blickfeld und ein gutes Gedächtnis. Ihre Ausbildung dauert allerdings länger als die Ausbildung eines Hundes.“

Die Dettmers werden ihren Hunden treu bleiben und Hugo ist die Ausnahme. „Ein Pferd, egal wie nervenstark, ist und bleibt ein Fluchttier und somit bleibt ein gewisses Risiko immer bestehen“, bringt der Ausbilder es auf den Punkt. Aus diesem Grund ist Hugo auch immer mit einer Leine zusätzlich gesichert und Kinder lassen Dettmers in keinem Fall alleine mit ihm losgehen. „Die achtjährige Marie ist von Geburt an blind. Sie liebt Hugo und ist mit ihm regelmäßig unterwegs. Aber mein Sohn ist immer dabei und hat die Sicherheitsleine dabei.“ Würde sich Hugo erschrecken, so könnte das Mädchen das Pony nicht halten. Bisher musste Erik Dettmer noch nie eingreifen, „aber Sicherheit wird bei uns groß geschrieben.“

Ponys mit Filzpantoffeln

Auch die vierzigjährige Gaby ist geburtsblind. Sie ist selbst Reiterin und hat Erfahrung im Umgang mit Pferden. Sie ist regelmäßig mit Hugo in Espelkamp unterwegs. Hugo hilft ihr über die Straße, in die Apotheke, zur Post und sucht ihr die nächste Bank zum Ausruhen. Aber auch Gaby darf Hugo nur ausleihen. Sie ist berufsmäßig in Osnabrück eingebunden, und das würde das Pony überfordern. „Wenn wir Hugo abgeben sollten, dann muss alles stimmen. So wie Blindenführponys in Amerika leben, das kommt für Hugo nicht in Frage. In einer Wohnung hat ein Pferd nichts verloren und Ponys mit Filzpantoffeln sind wohl das letzte“, ereifert sich Lillemor Hjorter-Dettmer. Sie hat während ihres New York Aufenthalts Ponys gesehen, die im vierten Stock auf dem Balkon leben. „Für Hugo kommt nur artgerechte Haltung in Frage“, betont sie.

Wenn man Hugo beobachtet, so hat man den Eindruck, dass er seine Familie nicht verlassen möchte. Neugierig streckt er seine Nase zu Hilde, seiner bellenden Kollegin rüber. Wahrscheinlich flüstert er ihr zu: „Du machst zwar den gleichen Job wie ich, aber nur ich komme dafür ins Fernsehen! Ätsch!“


Quelle:

Petra Herrmann

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