Rückenprotektoren zum Reiten: Alternative zur Schutzweste?

Insektenabwehr

Jedes Jahr stehen Pferdebesitzer vor der Frage, wie Sie Ihren Liebling vor lästigen Fliegen, Mücken, Bremsen etc. schützen können. Mit diesem Schwerpunktthema fasst BARNBOOX alles Wichtige zusammen, was Sie rund um die jetzt wieder einsetzende Insektenplage wissen müssen. Wählen Sie zwischen den verschiedenen Möglichkeiten.

Hufeisen

Rückenprotektoren zum Reiten: Alternative zur Schutzweste?

Viele Reiter sträuben sich gegen Sicherheitswesten. Doch spätestens dann, wenn Sie mit Ihrem Jungpferd zum erstenmal ins Gelände gehen, sollten Sie an den Schutz Ihrer empfindlichsten Körperregionen denken: Kopf und Wirbelsäule. Wem Sicherheitswesten zu klobig sind, für den sind Rückenprotektoren eine gute Alternative.

Der Sturz vom Pferd hatte es in sich: Julia Waldner knallte mit voller Wucht auf einen spitzen Stein, prellte sich die Luge und brach sich zehn Rippen. Der Stein schlitzte ihre Jacke entlang der Wirbelsäule von oben bis unten auf, doch weiter kam er nicht. Denn unter der Jacke saß ein Protektor mit Kunststoffschuppen, der die Wirbelsäule schützte. „Ohne Schutz wäre meine Wirbelsäule drangewesen“, ist Waldner sicher. „Ich würde wahrscheinlich im Rollstuhl sitzen.“

Wäre da kein Stein gewesen, so könnte man sagen: Mit einer Sicherheitsweste hätte sie sich die Rippen nicht gebrochen. Oder: Mit einem Protektor ohne Schuppen, aus reinem Schaumstoff, hätte sie sich die Lunge nicht geprellt. In entsprechenden Tests absorbierten Protektoren aus Spezialschaumstoff Schläge besser. Fest steht aber: In Waldners Fall trug die Reiterin genau den richtigen Schutz, einen Wirbelsäulen-Protektor mit Kunststoffplatten. Denn ein vom Stein durchtrenntes Rückenmark hätte lebensbedrohliche Folgen gehabt.

Mehr Bewegungsfreiheit

Diese Geschichte macht deutlich, dass es keine 100-prozentige Sicherheit gibt. Je nachdem, wie ein Reiter fällt und worauf er landet, kann er mit seinem Ausrüstungsgegenstand gut oder schlecht bedient sein. Julia Waldner hatte sich für den Tecilla Sports Reiterprotektor entschieden. Sein Erfinder Erich Helgert etablierte als erster die aus dem Motorradsport stammenden Protektoren im Reitsport, weil er nach einem geeigneten Schutz für seine reitende Nichte suchte, der sämtliche damals gängigen Schutzwesten nicht passten. Die Schuppen aus Hartkunststoff entlang des Rückgrats gleiten ineinander und passen sich damit optimal der Krümmung der Wirbelsäule an. Auf Brust- und Seitenteile verzichtete er bei der Konstruktion bewusst, um den Reiter beweglicher zu halten: „Kopf und Wirbelsäule sind die am meisten gefährdeten Punkte“, erklärt Helgert. „Werden sie verletzt, so kann der Reiter sterben oder querschnittsgelähmt sein.“ Schön für den Endkunden: Verkauft werden die Protektoren hauptsächlich im Direktvertrieb. Daher sind sie mit 39,90 Euro relativ günstig.

Obwohl eine Sicherheitsweste mehr Körperstellen schützt, hat ein Rückenprotektor gewisse Vorteile: niedriges Gewicht, größere Bewegungsfreiheit, mehr Tragekomfort, weniger Schwitzen. Michaela Schön betreibt in Lauben bei Kempten die Reitschule „Reiten ist Schön“ und unterrichtet 120 Reitschüler. Die Hälfte davon trägt einen Schutz – Protektoren sind verbreiteter als Sicherheitswesten. „Ich sage den Eltern immer, dass eine Schutzweste sicherer ist, weil sie auch die Rippen und das Schlüsselbein abdeckt. Dafür ist der Rückenschutz vom Reiten her besser. Außerdem kann er auch für andere Sportarten wie zum Beispiel Skifahren benutzt werden.“ Die meisten Eltern kaufen daraufhin den in der Reitschule verbreiteten Protektor „Back Pro“ von der Firma Kerbl. Auch dieser ist mit schuppenartigen Hartschalenelementen ausgestattet, die im Fall der Fälle wie ein Panzer wirken. Michaela Schön erinnert sich an ein Mädchen, das von ihrem Pony herunter mit dem Rücken gegen einen Holzpfosten des Reitplatzes fiel. Ein anderes knallte in der Halle gegen die Bande. Keinem der beiden passierte etwas.

Geprüft nach Motorradnorm

Statistisch gesehen gibt es bisher kaum Erkenntnisse darüber, wie die meisten Reiter fallen und mit welchem Körperteil sie aufschlagen. Laut Erich Helgert fällt jeder Mensch eher auf den Rücken, weil er reflexartig seine inneren Organe, also die Bauchregion, und den Kopf vor dem Aufprall schützt. Michaela Schön sieht ihre Reitkinder eher auf der Seite oder sogar auf den Füßen landen. Allerdings gebe es auch viele unbewegliche, plumpe Kinder, die wie ein Stein auf den Rücken fallen. Die neu gegründete Hamburger AG Reitsicherheit will künftig Untersuchungen durchführen, die die Sturzabläufe, die Schädigungsregionen und vor allem die ungeschützten Körperregionen der Reiter analysieren. Ziel ist die Testung und Optimierung von Protektoren und Schutzwesten.

Aktuell werden Rückenprotektoren im Gegensatz zu Reitwesten nach der Motorradnorm EN 1621-2 geprüft. Das klingt erst einmal gut. Stellt man sich dabei doch besonders harte Testbedingungen vor. Grundsätzlich sind die Bedingungen aber einfach anders. „Diese Norm simuliert den Hergang eines Motorradunfalls“, erklärt Bruno Mautendorfer, Pressesprecher der Albert Kerbl GmbH, die den Back Pro Rückenprotektor herstellt. „Fallhöhe, Fallwinkel und Geschwindigkeit sind natürlich anders und damit nicht ganz vergleichbar.“ Die AG Reitsicherheit arbeit deshalb auch an einem neuen, einheitlichen europäischen Standart für Schutzwesten und Protektoren.

Bester Schutz: Die Fähigkeit zum Abrollen

Mittlerweile gibt es auf dem deutschen Markt mehrere Hersteller von Rückenprotektoren. Die Produkte unterscheiden sich vor allem dadurch, ob sie entlang der Wirbelsäule mit Kunststoffplatten verstärkt sind oder nicht. In unabhängigen Tests verschiedener Protektoren schnitten bisher immer diejenigen besser ab, die ohne hartes Material auskommen. Sie absorbieren die Schlagkräfte besser, indem sie sie großflächig weiterleiten.
Dafür schützen Sie weniger vor den bereits erwähnten spitzen Steinen und Ästen. Um die Schlagkräfte großflächig zu verteilen, werden hochmoderne Schaumstoffmaterialien verwendet. Der Stübben-Rückenprotektor zum Beispiel besteht aus thermoelastischen Schäumen in Sandwich-Bauweise, die sich durch Körperwärme an die Kontur des Trägers anpassen. Er bestand bei der CE-Prüfung damit sogar den „Bordsteinkantentest“ und absorbierte bis zu 95 Prozent der einwirkenden Energie.

„Wir verkaufen zurzeit keine Sicherheitswesten mehr“, sagt Geschäftsführer Ralph Stübben. Als Gründe weist er auf die Bewegungseinschränkungen und Abrollschwierigkeiten bei Vollprotektoren hin. „Der beste Schutz, den ein Reiter haben kann, ist seine eigene Fähigkeit, sich gut abzurollen“, so Stübben. „Diesen Schutz wollen wir ihm nicht nehmen.“ Erich Helgert von Tecilla Sports findet sogar: „Mit einer Weste haben Sie keine Chance, sich in der Luft zu drehen. Damit schlagen sie in den Boden ein wie mit einer Ritterrüstung.“ Dahingegen heißt es bei der Firma USG, die den durchwegs positiv getesteten Rückenprotektor Precto aus viscoelastischem Weichschaum vertreibt: „Ein Rückenprotektor ist besser als kein Schutz – jedoch für den Reitsport sollte immer in Richtung Sicherheitsweste nach EN 13158 beraten werden. Das ist das ausgereifte Produkt für den Reitsport!“ Eine Glaubensfrage also, die nicht nur Reiter, sondern auch Hersteller entzweit.

Andreas Minner, der in Arnsberg-Vosswinkel einen Turnier- und Ausbildungsstall betreibt, hat den Stübben-Protektor getestet und würde ihn nicht gegen eine Sicherheitsweste eintauschen: „Die Kinder fallen nicht mehr wie gepanzerte Maikäfer, sondern können sich schön abrollen.“ Neulich krachte ein Mädchen dennoch mit dem Rücken auf eine Stange und stand Sekunden später unverletzt wieder auf. Die Rückendeckung aus dem Hause Stübben ist nicht die erste, die Andreas Minner testet. „Sehr komfortabel, elastisch und aus gutem Material“, urteilt der Ausbilder.

Qualität erkennen und anpassen

Ein guter Protektor – ob mit oder ohne Hartschalen – ist schon mal am Preis zu erkennen. Was ursprünglich für drei bis fünf Euro in China hergestellt wurde, und später für 20 Euro an den Kunden geht, kann weder hochwertigen Memory-Schaum noch separat gesetzte Nieten in splitterfreiem Kunststoff enthalten. Ein solcher Billigprotektor schadet Ihnen unter Umständen mehr, als er nützt. Die verwendeten Schaumstoffe bestehen teilweise aus Abfallmaterialien, passen sich der Körperform nicht an und halten Stöße nur unwesentlich ab. Eingegossene Nieten im minderwertigen Kunststoff tragen eine besondere Gefahr: Sie können bei einem Sturz wie Nägel in den Rücken stechen; der Kunststoff kann platzen und splittern. Sinnvoll ist, grundsätzlich nur Produkte mit CE-Kennzeichnung zu kaufen.

Vor dem Kauf sollten Sie Ihren neuen Protektor unbedingt anprobieren. Das geschieht am besten im Sitzen auf einem Stuhl oder noch besser auf einem Sattelbock. So erkennen Sie am besten, ob der Rückenprotektor die richtige Länge hat. Ist er zu kurz, so verliert er einen Teil der Schutzwirkung im Lendenwirbelbereich. Ist er zu lang, so behindert er Sie in Ihrem Sitz. Optimal sind zwei Zentimeter Platz zwischen Sattel und Protektor. Noch schlimmer ist eine Überlänge im Bereich des Genicks: Der Wirbelsäulenschutz darf den siebten Halswirbel nicht überragen. Seinen Dornfortsatz können Sie ganz einfach ertasten, indem Sie Ihr Kinn auf die Brust nehmen. Der „dicke Knubbel“, den Sie dann in Ihrem Nacken fühlen, ist der entsprechende Wirbel (Vertebra prominens). Ein Protektor, der ihn übersteigt, könnte bei einem Sturz Ihr Genick brechen. Deshalb gilt bei Zwischengrößen: lieber die kürzere als die längere auswählen!

Auch beim Tragen muss auf den richtigen Sitz geachtet werden. Damit der Protektor nicht verrutscht, sollten Bauch- und Schultergurte eng genug geschlossen sein, ohne einzuschnüren. Produkte aus thermoelastischem Schaum sollten bereits beim ersten Anprobieren fünf Minuten lang getragen werden, damit sie sich eng anschmiegen können. Nur so finden Sie heraus, ob der neue Ausrüstungsgegenstand wirklich passt.

Fazit:

Rückenprotektoren schützen zwar nicht den ganzen Oberkörper, dennoch haben sie einige Vorteile gegenüber Sicherheitswesten: sie tragen kaum auf, lassen den Reiter weniger ins Schwitzen kommen und bieten ihm mehr Bewegungsfreiheit – vor allem beim Abrollen während eines Sturzes. Umstritten ist, ob Hartschalen entlang der Wirbelsäule angebracht sein sollten. Der Trend geht davon weg zu neuartigen Schaumstoffen. In speziellen Situationen – wie bei einem Sturz auf einen spitzen Stein oder Ast – können Hartschalen aber hilfreich sein.

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