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Zucht :: Vererbungslehre

Pferdefarben und Farbvererbung

Lässt man die verschiedenen Pferderassen und ihre vielen, teils auch rassetypischen Farbvarianten vor dem inneren Auge einmal Revue passieren, wird einen die Vielfalt an Fellfarben und Scheckmustern verwirren. So viele Farben, so viele Schattierungen, so viele Abzeichen, so viele Muster – dass hinter all dem ein zwar kompliziertes, aber dennoch in sich stimmiges Vererbungsschema steht und nicht etwa die bloße Willkür von Mutter Natur, mag man kaum glauben. Und doch ist es so.
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Kamkas Illusion of Hope am ersten Tag nach der GeburtZum Glück! Denn so können wir die Gesetzmäßigkeiten dahinter verstehen und als Züchter gezielt einsetzen. Bei der Benennung der Fellfarben orientiert man sich immer am äußeren Erscheinungsbild, dem Phänotyp. Man muss allerdings wissen, dass phänotypisch gleich erscheinende Pferde genotypisch – also hinsichtlich ihrer Erbanlagen – durchaus Unterschiede aufweisen können. Das bedeutet, dass sie dann auch ihren Nachkommen unterschiedliche Informationen weitergeben.

Eine so einfach erscheinende und häufige Farbe wie „Fuchs“ weist schon im Phänotyp ein sehr differenziertes Erscheinungsbild auf: Mal hat das Langhaar dieselbe Farbe wie das Deckhaar, mal erscheint es ein wenig heller, dann wieder ist es fast weiß. Sieht man Lichtfüchse neben Rotfüchsen oder Schweißfüchsen glaubt man kaum, dass sie alle unter dieselbe Farbbezeichnung fallen. Da hilft es nicht, wenn der Pferdefreund sich auch noch mit rassetypischen Besonderheiten oder zuchteigenen Bezeichnungen abplagen muss!

Beim American Quarter Horse kennt man 17 offizielle Fellfarben, wobei die jeweiligen Varianten mit dem englischen Namen bezeichnet werden. Die häufigste Fellfarbe ist der Fuchs und zwar in der Farbvariante Rotfuchs (sorrell). Sein Deckhaar ist rötlich, Mähne und Schweif sind von derselben Farbe oder heller (flaxen mane). Bei einem Chestnut oder Dunkelfuchs erscheint das Deckhaar dunkelrot oder rotbraun, das Langhaar kann von derselben Farbe sein, heller, aber auch schwarz erscheinen.

Pferde mit braunem Deckhaar und schwarzem Langhaar werden als Braune bezeichnet, unabhängig davon, wie hell oder dunkel das Deckhaar ausfällt. Beim American Quarter Horse unterscheidet man zwischen Brown und Bay, wobei Brown der Name für Farbvarianten ist, die auf deutsch „Schwarzbrauner“ genannt werden. Darunter fallen Pferde mit schwarzem Langhaar und braunem oder annähernd schwarzem Haarkleid, die dann allerdings rund um die Nüstern, Augen, Flanken oder Beine Aufhellungen zeigen. Geht das Deckhaar in Richtung hellbraun oder ins Rötliche, ist das Pferd ein Bay.

Ganz einfach sieht es bei den Rappen aus: Deckhaar und Langhaar sind von einem gleichmäßigen Schwarz. Allerdings ist zu beachten, dass sich die Fellfarbe etwa bei intensiver Sonneneinstrahlung oder bestimmten Mangelerscheinungen aufhellen kann und der Rappe dann „ausgebleicht“ wirkt. Beim American Quarter Horse heißt der Rappe schlicht Black.

Schimmel heißen beim American Quarter Horse Gray, also eigentlich „Graue“. Das hängt damit zusammen, dass „normale“ Schimmel als Füchse, Braune oder Rappen auf die Welt kommen und erst mit der Zeit ausschimmeln. In jedem Lebensjahr, bei jedem Fellwechsel werden sie zunehmend weiß, während die ursprüngliche Fellfarbe immer weniger durchscheint. So entstehen viele interessante Farbvarianten vom Rotschimmel über den Grauschimmel bis zum Apfelschimmel. Auch in einem hohen Alter sind diese Pferde meist nicht einheitlich weiß, sondern behalten kleine Areale dunkler gefärbter Haare zurück – es sind dann Fliegenschimmel (flea-bitten, was eigentlich „vom Floh gebissen“ heißt), nicht zu verwechseln mit einer Scheckung wie etwa dem Tigerschecken.

Aufhellungen

Zusätzlich zu diesen Grundfarben werden beim American Quarter Horse Falbmuster vererbt, wobei man zwei Varianten unterscheidet: „dun“ und „buckskin/palomino“. Diese Anlagen bewirken eine Aufhellung der Grundfarbe, wobei die Fellfarbe nie gleichmäßig am ganzen Körper aufgehellt wird. Dun und Buckskin unterscheiden sich in der Art, wie sich die Aufhellung durchsetzt: Beim Dun bleiben die Ohrenspitzen dunkel, ebenso der Bereich rund ums Maul und unten an den Beinen, außerdem trägt das Pferd einen Aalstrich, manchmal sogar noch ein Schulterkreuz und Zebrastreifen an den Beinen. In diesen Arealen bleibt also die ursprüngliche Fellfarbe erhalten. Die Aufhellung vom Typ Dun wird dominant vererbt. Anders die Buckskin-Aufhellung: Diese Pferde haben weder Aalstrich noch Schulterkreuz oder Zebrastreifen. Anders als beim Dun ist beim Buckskin eine additive Vererbung zu beobachten: Erhält der Nachwuchs von beiden Elterntieren diesen Aufhellungsfaktor, wird er quasi „doppelt hell“, oft fast weiß.

Je nach Grundfarbe unterscheidet man beim Dun verschiedene Farbvarianten: Aus dem Fuchs wird durch die Aufhellung ein Red Dun, aus dem Braunen vom Typ Bay ein Dun, aus einem Rappen oder Schwarzbraunen ein Grullo. Der Buckskin Aufhellungsfaktor macht aus der Grundfarbe Fuchs einen Palomino, aus der Grundfarbe Braun einen Buckskin. Interessanterweise können beide Aufhellungsfaktoren gleichzeitig vererbt werden, wobei sie je nach Konstellation unerkannt bleiben und erst bei den Nachkommen für so manche Überraschung sorgen.

Damit nicht genug – beim American Quarter Horse fallen uns weitere Farbvarianten auf, die als Roan (stichelhaarig) bezeichnet werden. Hier wird die Grundfarbe durch eine zusätzliche, dominant vererbbare Anlage aufgehellt, wobei die Farbe erhalten bleibt, aber über den Körper verteilt im Deckhaar zahlreiche weiße Haare wachsen. Das Langhaar sowie Kopf und untere Gliedmaßen bleiben meist von dieser Stichelhaarigkeit ausgespart. Je nach Grundfarbe unterscheiden wir etwa Blue Roan (Grundfarbe Rappe), Red Roan (Grundfarbe Fuchs) oder Bay Roan (Grundfarbe Brauner).

Verwirrende Vielfalt

Das klingt also schon kompliziert genug, die dahinter liegende Genetik der Fellfarben ist aber noch wesentlich komplexer. Eigentlich könnte es so einfach sein: Beim Pferd stecken hinter all der Vielfalt lediglich zwei verschiedene Farbstoffe, nämlich das rote Phäomelanin und das schwarze Eumelanin. Farbgene haben die Aufgabe zu steuern, wo und wie diese Farbstoffe auftauchen, man nennt sie deshalb Steuerungsgene. Über sie weiß man noch nicht viel, lediglich zwei – Agouti und Extension – sind näher erforscht. Von anderen kennt oder vermutet man ihre Funktion, ihre Wechselwirkung mit den Grundfarben.

Weitere Gene sind dafür verantwortlich, dass die Produktion der Farbstoffe, der Melanine, an irgendeinem Punkt gestört ist: Es entstehen die Farben des Albinismusspektrum. So kann etwa eine bestimmte Mutation aus einem Rappen einen Smoky Cream machen, während mit der Grundfarbe Brauner ein Perlino, mit der Grundfarbe Fuchs ein Cremello entsteht.

Eine weitere Gruppe von Erbanlagen, die man „Leuzistische Farbgene“ nennt, ist verantwortlich für Abzeichen und Scheckmuster. Grundsätzlich kann jede Grundfarbe mit einem Scheckmuster kombiniert werden.

Es gibt also drei große Gruppen von Genen, die für die Fellfarben zuständig sind: Die erste Gruppe steuert die Farbstoffe Phäomelanin und Eumelanin, die zweite nimmt Einfluss auf die Melaninsynthese und verändert die Grundfarben und die dritte sorgt für Abzeichen und Scheckmuster. Weitere Gene sorgen für noch mehr Vielfalt, lassen sich aber nicht einer der drei Gruppen zuordnen.

Der Forscher betrachtet übrigens nicht die Farben von Deckhaar und Langhaar allein, sondern interessiert sich auch für die Färbung der Haut und der Augen, die damit im Zusammenhang steht. Wichtig sind auch Auswirkungen mancher Veranlagung auf die Gesundheit der Pferde: Bekannt sind beispielsweise Auswirkungen auf das Sehvermögen, bei manchen Farbschlägen kommt es vereinzelt zur Taubheit und bei bestimmten Genen stirbt das Fohlen bereits im Mutterleib oder kurz nach der Geburt. Auch weniger dramatische Folgen sollten beachtet werden, so leiden Pferde mit heller Haut und großen Abzeichen häufig unter Sonnenbrand, dunkle Pferde werden häufiger von Insekten gestochen als etwa Schimmel und Pferde mit unpigmentierten Augen haben häufig Probleme bei starkem Sonnenlicht.


Quelle:

Angelika Schmelzer
Bild: Nika Rehm

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