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Pferdezucht – so klappt´s auch mit dem Fohlen

Nicht jede Stute, die von einem Hengst gedeckt wird, bekommt elf Monate später tatsächlich ein gesundes Fohlen. Ob „es“ klappt oder nicht, hängt ganz wesentlich davon ab, wie „es“ abläuft und in welchem Zustand die Elterntiere zum Zeitpunkt der Bedeckung sind.
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Palomino Fohlen mit MutterHat die Stute kein heißes Date mit einem feurigen Hengst, sondern einen eher unangenehmen Termin beim Pferde-Gynäkologen, wird der Kinderwunsch statistisch gesehen nur in 65 % aller Fälle erfüllt. Dürfen Herr und Frau Pferd aber nach Herzenslust und beliebig häufig miteinander auf der Weide turteln, führt ihre Liebe in annähernd 90 % aller Fälle zum Erfolg.

Manchmal stehen kleine Störenfriede dem Elternglück im Weg: In allen Phasen von Bedeckung und Trächtigkeit können bestimmte Infektionen die Fruchtbarkeit herabsetzen. Oder die das Fruchtbarkeitsgeschehen regelnden Hormone sind aus dem Tritt geraten und müssen mühsam korrigiert werden, was nicht immer und schon gar nicht immer auf Anhieb gelingt. Auch auf der genetischen Ebene tun sich Hindernisse auf. Unter den Erbkrankheiten sind einige, die direkten Einfluss auf den Zuchterfolg nehmen. Andere wiederum stehen dem Züchterglück indirekt im Wege, da sie zwar eine erfolgreiche Zucht nicht verhindern, das Zuchtprodukt – das Fohlen – jedoch „fehlerhaft“ ist, sprich den genetischen Mangel aufweist oder in sich trägt und theoretisch weitergeben kann, was mit einem verantwortungsbewussten Denken in Generationen nicht vereinbar ist. Bestimmte Aspekte von Haltung und Management können ebenfalls einer erfolgreichen Zucht abträglich sein, indem sie etwa das Zyklusgeschehen bei der Stute nicht in Gang kommen lassen oder Geburtsprobleme verursachen.

Gesund und munter

Damit nach einem knappen Jahr ein gesundes, munteres Fohlen seine Weiden zieren kann, muss der Züchter sich um Gesundheit und Wohlbefinden beider Elterntiere kümmern. Gesundheit muss hier auf mehreren Ebenen gewährleistet sein:

  • Freiheit von Infektionen, die direkt oder indirekt Einfluss auf das Zuchtgeschehen nehmen
  • hormonelle Balance
  • Freiheit von Erbkrankheiten, die direkt oder indirekt Einfluss auf das Zuchtgeschehen nehmen
  • Haltungs- und Fütterungsbedingungen, durch die die Fertilität gefördert, zumindest aber nicht behindert wird.

Alles sauber, alles frisch

Eine hohe Keimbelastung im Genitaltrakt ist doppelt schädlich: Zum einen bedrohen Krankheitskeime Leben und Gesundheit des Ungeborenen, zum anderen können diese Keime beim Deckakt leicht weiter verbreitet werden. Deshalb wird bei Stuten und Hengsten vor dem Zuchteinsatz die Keimbelastung im Labor überprüft. Bei der Stute wird ein steriler Tupfer (deshalb „Tupferprobe“) eingeführt und eine Probe des Schleims aus dem Bereich des Genitaltraktes entnommen. In einem Labor wird dann untersucht, ob eine behandlungsbedürftige Besiedelung mit pathogenen Keimen vorliegt. Ein Sonderfall ist beim geplanten Natursprung die Tupferprobe der Klitoris, die gezielt zum Nachweis der CEM (Kontagiöse Equine Metritis, also ansteckende Uterusinfektion des Pferdes) dient. Auch der Hengst muss vor dem Vergnügen zum Check: Sein bestes Stück wird ebenfalls mittels Tupfer auf pathogene Keime untersucht.

Mit weiteren diagnostischen Möglichkeiten kann die Zuchttauglichkeit näher beleuchtet werden. Schon ein Blick unter den Schweif der Stute kann aufschlussreich sein: Ist der Bereich um den Anus stark eingesunken und schließen die Labien der Stute nicht sauber, kullern bei jedem Äppeln Keim-Bomben über die Scheide und hinterlassen dort ihre gefährliche Fracht. Der Tierarzt kann weitere Untersuchungen durch Abtasten der Geschlechtsorgane mit der in den Enddarm eingeführten Hand vornehmen und zudem ein Ultraschallgerät zur bildlichen Darstellung nutzen. Der Genitaltrakt kann bis zum Muttermund mit Hilfe eines Spekulums eingehend betrachtet werden. Eine hormonanalytische Untersuchung kann ebenfalls vorgenommen werden.

Damit das Schäferstündchen Folgen haben kann, müssen weitere Voraussetzungen erfüllt werden. Beim Hengst kann eine Spermaprobe untersucht werden, um die Dichte und Lebensfähigkeit der Keimzellen zu beurteilen. Das Fruchtbarkeitsgeschehen wird hormonell geregelt, wobei auch Einflüsse von außen wie etwa die Fütterung oder die Tageslichtlänge darauf Einfluss haben. Das hormonelle Geschehen ist ein höchst komplizierter Vorgang und nicht selten kommt es zu Störungen. So fallen Stuten oft durch Unregelmäßigkeiten im Zyklus auf, nehmen nicht auf oder zeigen ein völlig untypisches Verhalten, das eher an Hengste erinnert. Eine Untersuchung des Eierstocks auf Veränderungen wie Zysten oder ein Corpus Luteum persistens (Persistierender Gelbkörper) hilft dann oft, dem Problem auf die Spur zu kommen. Heute lassen sich diese und andere Störungen gut behandeln, mehr noch: Der gesamte Zyklus lässt sich hormonell beeinflussen. So gelingt es etwa, den Zyklus und damit die Rosse mehrerer Stuten zu synchronisieren, was bei größeren Betrieben die Organisation erleichtert.

Unerfüllter Kinderwunsch

Das Alter der Stute spielt oft eine überraschend geringe Rolle, auch alte Stuten können erfolgreich aufnehmen und austragen, solange sie gut versorgt sind. Allerdings ist mit der Bedeckung älterer Stuten ein höheres Risiko verbunden: Zum einen ein gesundheitliches, weil der alte Körper die damit verbundenen Anstrengungen oft schlechter verkraftet, Probleme in der Geburt, mit der Milchbildung einfach häufiger auftreten. Alte Pferde sind grundsätzlich eher schlechte Futterverwerter, sodass es sehr schwer sein kann, der Stute genügend Nährstoffe für sie selbst und ihr Fohlen zuzuführen, vor allem während der Zeit der Hochlaktation. Das Fohlen und damit die Milchbildung hat immer Vorrang, die Stuten fallen deshalb oft irgendwann regelrecht in sich zusammen und können auch nach dem Absetzen oft nur mühsam wieder aufgepäppelt werden. Ihr jetzt schwächeres muskuläres und bindegewebiges Gerüst erholt sich nach dem Abfohlen oft nicht mehr vollständig, ein Hängerücken bleibt zurück.

Fruchtbares Management

Einige weitere Faktoren dürfen nicht unerwähnt bleiben: Das Zyklusgeschehen der Stute ist saisonal gesteuert. Auslöser sind jeweils zunehmende und abnehmende Tageslichtlängen. Im Januar etwa kommt das Zyklusgeschehen langsam wieder in Fahrt, im Spätherbst läuft es allmählich wieder aus. So ist gewährleistet, dass alle Fohlen zur günstigsten Jahreszeit fallen und Mutter und Kind von bestem Futter profitieren. Fehlt der Einfluss des Tageslichts, kommt das hormonelle Geschehen nicht in Gang. Es ist darum vorteilhaft, wenn alle Zuchtstuten täglich Auslauf erhalten, am besten ganztägig. In einem reinen Boxenstall leidet trotz bester Versorgung die Fruchtbarkeit.

Die Fütterung spielt ebenfalls eine Rolle. Wie bereits erwähnt, handelt es sich beim Zuchteinsatz um eine Leistung und die schlägt sich selbstverständlich in einem entsprechenden Futterbedarf nieder. Sind die Ansprüche von Hengst und Stute an eine leistungsgerechte Fütterung nicht gewährleistet, leidet die Fruchtbarkeit vom Zeitpunkt des Deckaktes bis hin zum Absetzen des Fohlens. Aber: Es wäre völlig falsch, potentielle Zuchtstuten gezielt fett zu füttern, denn fettleibige Stuten nehmen nur schlecht auf und leiden statistisch gesehen rund um den Geburtstermin häufiger an Problemen, es treten etwa Schwergeburten oder Hyperlipämie auf.

Zuletzt dürfen wir nicht vergessen, dem arg beanspruchten Begriff der Natürlichkeit seinen gebührenden Rang zuzuweisen. Auch im Zeitalter von Künstlicher Besamung, Tageslichtanlagen in Boxenställen und hormoneller Zyklussynchronisierung müssen wir uns manchmal nur darauf zurückbesinnen, was Mutter Natur ursprünglich geplant hatte, um die Fruchtbarkeit unserer Zuchtpferde positiv zu beeinflussen.

Natürlich bedeutet, dass die Stuten unter dem Einfluss der zunehmenden Tageslichtlänge etwa Ende Januar mit ihrem Zyklus beginnen, der seit etwa Ende September zur Ruhe gekommen ist. Sind sie dagegen nicht oder nur wenig dem Sonnenlicht ausgesetzt, fehlt diese Initialzündung, der Zyklus setzt nur schleppend ein oder es fehlt ihm der natürliche Rhythmus.

Natürlich bedeutet, dass die Stuten durch die dauernde Anwesenheit des Hengstes und vermutlich auch durch die Konkurrenz anderer Stuten hormonell angeregt werden. Fehlen diese Auslöser, fehlt dieser Anschub, es leidet die Fruchtbarkeit.

Natürlich bedeutet, dass nicht oder nicht ausreichend empfängnisbereite Stuten vom Hengst stimuliert werden, bis sie bereit für den Deckakt sind. Ohne Hengst fehlen wichtige Stimulantien, durch die sich die Fruchtbarkeitsquote verbessern lässt.

Natürlich bedeutet, dass Hengst und Stute für eine Zeit nichts anderes zu tun haben, als sich sozusagen auf ihre Fruchtbarkeit zu konzentrieren. Jeder züchterische Einsatz ist mit einer bedeutenden Leistung verbunden; müssen Zuchtpferde gleichzeitig auch auf anderen Gebieten (etwa im Sport) eine Leistung erbringen, leidet unweigerlich die Fruchtbarkeit.

Natürlich bedeutet, dass auch der Hengst durch die Anwesenheit der Stuten stimuliert wird, dass er in der Herde das richtige Verhalten den Damen gegenüber lernt, von diesen aber auch zu äußerst fruchtbaren Höchstleistungen angeregt wird.

Natürlich bedeutet auch, dass in einer Deckherde eine völlig natürliche und wichtige Form der Auslese erfolgt. Hengste, die in ihrem Sozialverhalten und Deckverhalten defizitär sind, kommen nicht zum Zuge und können ihre womöglich genetisch bedingten Störungen nicht weitergeben; gleiches gilt natürlich für Stuten mit Störungen auf der Verhaltensebene oder mit die Fruchtbarkeit betreffenden körperlichen Anomalien. Ohne diese natürliche Auslese können genetisch bedingte Probleme im Zusammenhang mit der Fruchtbarkeit an Nachkommen weitergegeben werden.


Quelle:

Angelika Schmelzer
Bild: Fotolia #107758459