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Imprinttraining für Fohlen – Pro und Contra

Die ersten Stunden nach der Geburt prägen ein Fohlen für lange Zeit. Durch Imprinttraining soll in dieser Phase eine enge Bindung mit dem Menschen entstehen. Ob das nutzt oder schadet, war stets umstritten. Aktuelle Studien fachen die Kritik jetzt neu an. Wir haben uns unter Züchtern umgehört, wie sie zum Imprinting stehen.
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Stute mit FohlenUm ein Fohlen auf den Umgang mit dem Menschen vorzubereiten, berührt man das Neugeborene beim Imprinting (engl. für „Prägung“) überall. Umarmen, Streicheln, sanfter Druck und Geräusche gehören zum Training. Laut dem Erfinder der Methode, dem amerikanischen Tierarzt Dr. Robert M. Miller, haben so beeinflusste Fohlen später keine Probleme, Hufe zu geben, am Strick zu laufen oder Sattel bzw. Reiter zu tragen.

Schon im Jahr 2002 goss jedoch eine Studie Öl ins Feuer der Kritiker: Simpson verglich die Reaktion von 25 Fohlen, die 2, 12, 24 und 48 Stunden nach der Geburt einem Training unterzogen wurden mit anderen 22 Fohlen. In den folgenden Monaten wurde die Reaktion auf Trainingsreize der „trainierten“ mit der untrainierten verglichen. Das Ergebnis: In den ersten zwei Monaten bewältigten die trainierten Fohlen die Aufgaben schneller, ab dem dritten Monat waren keine Unterschiede mehr vorhanden. Nun geht eine Langzeitstudie der Universität Rennes noch weiter: Imprint-Fohlen seien Menschen gegenüber vorsichtiger und blieben dichter bei der Mutter, statt mit Gleichaltrigen zu spielen und die Umwelt zu erkunden. Der beste Weg, das Vertrauen des Fohlens zu gewinnen, sei freundlicher Umgang mit der Mutterstute, raten die französischen Verhaltensforscher.

Unter Züchtern ist das Imprinting nach wie vor beliebt. Die Gründe, sich für oder gegen das Training zu entscheiden sind vielfältig. Pferdetierarzt Conny Faißt und Züchter Norbert Gleissner fassen sie zusammen.

PRO
Norbert Gleissner von der Triple-D-Ranch in Wiesenburg/Mark:

„Unmittelbar nach der Geburt berühren wir das Neugeborene an allen Körperteilen. So wird der Grundstein für die weitere Arbeit gelegt. In den ersten Tagen wird das Fohlen dann ans Halfter gewöhnt und lernt, Hufe zu geben. Das Imprinttraining ist nur der Anfang einer ganzen Reihe von Dingen, die wir mit dem Fohlen machen. Wenn es so aufwächst, kann Ausbildung ganz simpel und spielerisch sein.

Viele Kritiker denken, durch Imprinting entfremdet man das Fohlen der Mutter und fixiert es stattdessen auf einen einzigen Menschen. Das stimmt aber nicht. Die Mütter stehen die ganze Zeit bei den Babys. Wir helfen ihnen dann zum Beispiel, sie trockenzureiben. Und wenn man ohnehin den Nabel desinfizieren muss, dann kann man das Fohlen dort auch ausgiebig berühren. Wenn ich einen Einlauf mache, muss ich ohnehin an den Anus ran. Dann kann ich es auch dort intensiver anfassen. Der Begriff Imprinttraining wird immer so hochstilisiert. Dabei sind das alles ganz natürliche Dinge.

Klar, dass man auch dabei viel falsch machen kann. Ein Fohlen kann sich anfangs nur ganz kurze Zeit konzentrieren, Daher muss man aufpassen, dass man es nicht überfordert. Das gilt fürs Imprinttraining genauso wie später für das Führen und Hufegeben. Wenn ich so ein Baby mit meinen Berührungen überfalle, bekomme ich am Ende vielleicht ein menschenscheues Pferd anstelle eines zutraulichen. Wir fangen so früh mit der Ausbildung an – da haben wir jede Menge Zeit. Diese nutzen wir, um das Fohlen spielerisch an alles Mögliche und Unmögliche heranzuführen. Hat man sich vorher mit der Psyche des Pferdes beschäftigt, ist es eigentlich völlig logisch, wie man sich verhalten muss. Ob man das Ganze nun Imprinttraining nennt, oder nicht.“

CONTRA
Conny Faißt, Pferdetierarzt und zusammen mit Manuela Lohse Betreiber des Betriebs „Hunsrück-Pferd“ aus Bescheid:

„Der Mensch wünscht sich das problemlose Pferd, das perfekt funktioniert. Kein Wunder also, dass eine Lehre, die verspricht, mit minimalem Aufwand in den ersten Lebenstagen ein Pferd entsprechend zu formen, viele Anhänger findet. Genauso wie ein Fohlen sofort lernen kann, sich gegen den Menschen zu wehren, kann es lernen, Zwänge zu ertragen, ohne sich zu wehren. Wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass es sich günstig auf die spätere Umgänglichkeit des Pferdes auswirkt, wenn sich der Halter mit dem Fohlen beschäftigt. Der Mensch neigt jedoch zu Übertreibungen. Besonders in den Phasen 2 (Unterwerfung) und 3 des Imprinting, der Desensibilisierung, wird versucht, das Fohlen gegen alles unsensibel zu machen. Da gibt es wahre Monsterprogramme, die vom Traktor bis zum Gewehrschuss alle Reize enthalten. Pferde, die lernen, alles zu ertragen, wird die Hilflosigkeit antrainiert. Sie werden für das Leben zu unempfindlich.

Trainer beklagen sich dann, dass sie immer mehr Jungpferde bekommen, die fast nicht mehr trainierbar sind. Diese Fohlen haben durch Fehler beim Imprint-Training gelernt, dass sie sich den Zwängen, die der Mensch anwendet, durch Abwehr erfolgreich entziehen können. Ein Verhalten, das im späteren Leben des Pferdes nur noch sehr schwer zu korrigieren ist.

Eine Überflutung des Fohlens mit Reizen während der Prägungsphase kann seine Bindung an die Stute stören und zu Verhaltensstörungen führen. Dagegen gibt es aber keine Beweise, dass es gravierende Nachteile mit sich bringt, wenn der Mensch mit der Kontaktaufnahme so lange wartet, bis sich das Fohlen an die Mutter gebunden hat.

Trotzdem sind die ersten Erfahrungen der Pferde mit dem Menschen entscheidend dafür, wie der zukünftige Umgang miteinander verlaufen wird. Pferde, die als Fohlen keinen Kontakt mit dem Menschen haben, sind später am schwierigsten zu handhaben. Die besten Ergebnisse erreicht man, wenn man nur mit umgänglichen, menschenfreundlichen Stuten züchtet. Diese Stuten werden nach der Geburt auch weiterhin den Umgang mit dem vertrauten Menschen genießen und es ruhig zulassen, wenn der Mensch ihr Fohlen berührt. Gibt man dem Fohlen die Möglichkeit als Pferd in der Herde aufzuwachsen, wobei es den Mensch als angenehmen Teil seiner Welt kennen lernt, hat man die besten Voraussetzungen für ein gutes Miteinander geschaffen.

Akzeptiert man Pferde als Pferde und gibt ihnen vom ersten Lebenstag an das was Pferde brauchen, sind schematisierte Trainingsprogramme überflüssig.  Fast alle Probleme der Pferde haben ihren Ursprung in der Vermenschlichung des Pferdes und in Vorstellungen, die der Mensch auf das Pferd projiziert, obwohl sie in keiner Weise der Natur dieses Tieres entsprechen.


Quelle:

Regina Käsmayr
Bild: Fotolia #89233350