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Haltung :: Fütterung

Weidegang für Pferde: Reicht das aus?

Auf der einen Seite gilt Weidegang als besonders pferdefreundliche Form der Haltung, auf der anderen Seite hört der Pferdebesitzer immer wieder Nachrichten von Krankheiten und Todesfällen infolge der Aufnahme von zuviel, zuwenig oder falschem Grünfutter. Und was ist mit den Inhaltsstoffen? Bekommen Pferde überhaupt genügend Nährstoffe über das Gras? Ein Ausflug ins Grüne.
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dscn5026Bei Fütterungsempfehlungen geht es im Prinzip immer darum, ein Gleichgewicht zwischen dem individuellen Bedarf eines Pferdes und seiner Tagesration herzustellen. Das ist solange recht einfach, wie auf beiden Seiten der Gleichung verlässliche Zahlen eine solide Grundlage liefern: Gewicht und Arbeitsleistung des Pferdes bestimmen seinen Bedarf, mit dem Menge und Zusammensetzung der eingesetzten Futtermittel abgeglichen werden müssen.

Bei Weidegras ist eine langfristig wirklich zuverlässige Aussage über die darin befindlichen Inhaltsstoffe nicht zu machen: Zwar lässt sich Weidegras analysieren und eine solche Futteranalyse ist durchaus eine feine Sache, die zumindest gewisse Anhaltspunkte liefert oder schwerwiegende Defizite offen legt, doch bleiben Unsicherheitsfaktoren, weil kaum eine Weide wirklich flächendeckend gleichmäßig bewachsen ist und eine Analyse deshalb nur eine begrenzt zutreffende Aussage über den Futterwert machen kann. Hinzu kommt, dass der Aufwuchs wie auch die Art der vorhandenen Futterpflanzen und deren chemische Zusammensetzung im Laufe einer Vegetationsperiode stark schwankt und schließlich kann keine zuverlässige Aussage darüber gemacht werden, wie viel Weidegras ein Pferd pro Zeiteinheit tatsächlich aufnimmt.

Trotzdem lassen sich einige generell anwendbare Aussagen zu richtigem Weidegang und eventuell sinnvoller Weidebeifütterung machen.

Wieviel Weidegang für mein Pferd?

Stuten mit Fohlen sollten, wo immer möglich, 24 Stunden Weidegang erhalten. Unter guten Bedingungen sind sie mit Weidegras ausreichend versorgt, die Stuten sollten aber engmaschig überwacht werden und, so möglich, zusätzlich ein Mineralfutter erhalten. Reichen Menge oder Qualität des Aufwuchses allerdings nicht aus, ist rechtzeitig zuzufüttern (hochwertiges Heu, dazu eventuell geringe Mengen an Kraftfutter), damit die Milchleistung nicht abnimmt und die Stuten nicht zu sehr abkommen. Auch eine gezielte Zufütterung der Fohlen kann notwendig werden, wenn etwa der Aufwuchs gegen den Herbst zu minderwertig wird. Dies ist am leichtesten durch einen Fohlenschlupf zu bewerkstelligen: Auf der Weide wird ein Bereich abgetrennt, der nur durch einen engen Schlupf zugänglich ist – die Stuten passen hier nicht durch! In diesem Fohlenschlupf kann Heu und/oder Kraftfutter vorgelegt und von den Fohlen aufgenommen werden.

Gerade bei Dauerweide ist dafür Sorge zu tragen, dass die Fohlen noch vor dem Absetzen an Kraftfutter gewöhnt werden, damit sie sich während der stressigen Zeit des Absetzens und des sich anschließenden Winters angemessen weiterentwickeln.

Reitpferde mit leichter bis mittlerer Arbeitsbelastung kommen über die Sommermonate oft ebenfalls allein mit Weidegras zurecht. Bei höherer Leistung und nachlassendem Aufwuchs dagegen empfiehlt es sich, sie nachts weiden zu lassen und tagsüber mit Heu und Kraftfutter zuzufüttern. So kann auch der  „Weidebauch“, der sich mit dem Einsatz im Sport nicht gut verträgt, in Grenzen gehalten werden. Der prall gefüllte, unförmige Bauch stört nicht nur beim sportlichen Einsatz (durch sein Gewicht und durch eine Behinderung der Atmung), sondern kann auch ein Hinweis darauf sein, dass es dem Weidegras an Gehalt fehlt. Überständiges, altes Gras hat viel Volumen bei wenig Inhalt und so muss das Pferd große Mengen aufnehmen, die seinen Bauchraum füllen, ohne jedoch die notwendigen Nährstoffe zu liefern.

Besonders leichtfuttrige Pferde verfetten bei unbegrenztem Weidegang schnell. Ihnen sind magere, abgegraste, gemähte oder portionierte Weiden anzubieten. Ihr Weidegang kann auch zeitlich auf etwa sechs bis sieben Stunden täglich begrenzt werden; sie erhalten dann zusätzlich gutes Stroh und/oder Heu.

Vitamine und Mineralien

Ob Dauerweide oder stundenweiser Weidegang: Weidegras allein liefert nicht zuverlässig sämtliche Vitamine, Mineralien und Spurenelemente, die Ihr Pferd braucht. Auf jede Weide gehört zunächst ein Salzleckstein, an dem sich Ihr Pferd nach Belieben bedient. Achtung: Für Fohlen sollte der Leckstein unerreichbar aufgehängt werden!

Wählen Sie ein spezielles Zusatzfutter für die Weide. Handelsübliche Gemische aus Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen sind zur Ergänzung einer Heu/Kraftfutterration gedacht, Weidebeifutter berücksichtigen dagegen, dass bestimmte Stoffe wie etwa Vitamin A (bzw. eigentlich dessen Vorstufe, das Betacarotin) in Weidegras immer in ausreichender Menge vorhanden sind. Sie ergänzen nur, was sich im Grasaufwuchs nicht, nicht zuverlässig oder nicht immer in ausreichender Konzentration findet und belasten den Körper nicht mit überflüssigen Stoffen.

Energie und Eiweiß

Früher hatte man das Eiweiß der Futterpflanzen gleich doppelt im Verdacht: Man machte es für das Sommerekzem ebenso verantwortlich wie für die Futterrehe. Heute weiß man, dass in Wahrheit ein Übermaß an Fruktanen, also Kohlenhydraten, für die gefürchtete Rehe verantwortlich ist und dass das Sommerekzem keine Reaktion des Pferdes auf ein Zuviel an Eiweißen ist, sondern eine Allergie auf bestimmte Inhaltsstoffe des Speichels der Gnitzen und Kriebelmücken. Trotzdem sollte der Pferdehalter die Eiweißaufnahme seines Pferdes, genauer, das Verhältnis von Eiweiß zu Energie in der Gesamtration im Auge behalten.

Mit dem Vegetationsstadium ändern sich die Gehalte des Weideaufwuchses an Eiweiß, Energie und Rohfaser (sog. Ballaststoffe). Im Verlaufe einer Vegetationsperiode nimmt der Eiweißgehalt stetig ab, der Energiegehalt ebenso, der Rohfasergehalt aber nimmt zu. Allerdings ist der Zeitpunkt allein kein zuverlässiger Indikator, denn es gibt erhebliche Unterschiede zwischen überständigem Gras und frischem Aufwuchs. Generell gilt: Junge Pflanzen enthalten wenig Rohfaser (sie sind blattreich, nicht stengelreich), aber viel Energie und Eiweiß. Im Herbst hat der alte Aufwuchs weniger Eiweiß und Energie, aber mehr Rohfaser als im Frühjahr, neuer Aufwuchs aber ist auch im Herbst annähernd so energie- und eiweißreich wie im Frühjahr.

Will oder muss der Pferdehalter zufüttern, wählt er ein Futter mit eher geringem Eiweißgehalt, um eine Überlastung des Stoffwechsels zu vermeiden. Günstig sind Futtermittel mit hohem Gehalt an Energielieferanten wie Futteröle oder Rübenschnitzelprodukte.

Futterempfehlungen, aber auch konkrete Rationsberechnungen sind nie als absolute Größen anzusehen, zu unterschiedlich die lokalen Gegebenheiten, aber auch die Pferde: Was für einen dreijährigen Hengst gilt, ist bei einer 25-jährigen Stute garantiert verkehrt … Behalten Sie deshalb immer sowohl das Befinden Ihrer Pferde (müde und abgeschlagen oder frisch und spritzig?) als auch ihre Körpermaße im Auge. Lassen Sie sich von voluminösen Weidebäuchen nicht täuschen, sie sagen rein gar nichts über den Futterzustand aus!


Quelle:

Angelika Schmelzer
Bild: Katarinenhof