1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Haltung :: Ausrüstung

Nasen- und Sperriemen, Mouthshutter bzw. Noseband sinnvoll?

Nasenriemen gehören beim Englischreiten einfach dazu und werden im Westernreiten häufig beim Training eingesetzt. Doch wozu sind diese Riemen wirklich gut?
Grenzen Sie ihre Suche auf dem Gebiet Ausrüstung ein. Mit einem Suchbegriff liefert unsere Datenbank Fachbeiträge zu diesem Thema an.

trensenEine Umfrage auf einem Reiterhof nach dem Sinn und Zweck der beiden Riemen bringt vielfältige Antworten, aber wenig Licht ins Dunkel: „Die gehören einfach dazu“, „Damit läuft das Pferd besser“, „Die verteilen den Druck“, „Sie verhindern, dass das Pferd das Maul aufsperrt“ und „Ist schicker so.“ Was haben Fachleute dazu zu sagen?
Wir fragen Professor Dr. Holger Preuschoft von der Universität in Bochum. Er ist mittlerweile emeritiert. Aber der Anatomieprofessor forscht als Biomechaniker eifrig weiter; am liebsten rund ums Pferd. Der Achtundsiebzigjährige ist selbst erfahrener Reiter und Pferdefreund und zahlreiche seiner Forschungsergebnisse ließen die Reiterwelt bereits aufhorchen. Sein Zügelkraftmessgerät brachte Ergebnisse zu Tage, die Reiter erschrecken ließen. Nun nahm der Professor zusammen mit Studentin Kathrin Kienapfel Nasen- und Sperrriemen unter die Lupe.

„Regelrecht zugeschnürt“

„Angeregt dazu wurden wir durch das Bundeschampioant 2009, das meine Doktorandin Kathrin Kienapfel besuchte. Nahezu allen Pferden wurde mit Nasen- und Sperrriemen das Maul regelrecht zugeschnürt. Der Aufsicht führende Steward führte bei der Kontrolle seine Finger stets seitlich entlang der Wangen oberhalb der Maulspalte entlang und interessierte sich ausschließlich für den Sperrriemen. Frau Kienapfel standen die Haare zu Berge.“ Auf ihre Frage, warum er an dieser Stelle kontrolliere, kam zur Antwort: Der Nasenriemen des kombinierten Reithalfters verlaufe so weit im oberen Bereich des Pferdekopfes, dass die Verschnallung keinerlei Auswirkungen habe. „Ich habe mich während der gesamten Heimfahrt über so viel Unverstand geärgert. Aber ärgern allein hilft ja keinem“, so die Studentin der Biologie.

Also wurde das Team Kienapfel/ Preuschoft aktiv. Ihr Motto: „Nur was ich berechnen kann, kann ich auch verstehen.“ Sie stellten Versuche an und rechneten auf der Basis von mathematischen Gesetzen. Ihr Ergebnis: „Festgeschnallte Nasenriemen sind nicht nur sinnlos, sondern ein Fall für den Tierschutz!“

„Um das zu verstehen, muss man kein Physikdiplom besitzen“, beteuert Professor Preuschoft. „Physikkenntnisse der Mittelstufe reichen aus.“ Die Pferde können ihr Maul nur dann öffnen, wenn beide Riemen locker verschnallt sind. Ist lediglich der Sperrriemen locker, aber der Nasenriemen stramm geschlossen, so kann das Pferd sein Maul nicht bewegen. Der Riemen, der am festesten zugezogen ist, bestimmt den Öffnungswinkel des Mauls. Das leuchtet ein. Die Wissenschaftler wollten es noch genauer wissen. Wie locker müssen die Riemen sein, damit Pferde wirklich kauen können?

Kauen unmöglich

Wir Menschen können letztendlich nur sehen, wie weit ein Pferd seine Schneidezähne auseinander bekommt. Das sagt aber nicht, dass die Mahlzähne ebenso beweglich sind. Holger Preuschoft: „Damit ein Pferd wirklich kauen und eine Belohnung aufnehmen kann, muss es seine Schneidezähne mindestens 16 Millimeter auseinander bewegen können.“ Zur Orientierung: Ein Stückchen Würfelzucker misst etwa 15 Millimeter. Zwischen den Backenzähnen braucht ein Pferd allerdings einen Mindestabstand von 10 Millimeter um zu kauen. Dieser Abstand von 10 mm zwischen den vorderen Mahlzähnen entspricht einem Abstand von mindestens 19 mm zwischen den Schneidezähnen. Bei großen Pferdeköpfen sind die Abstände noch etwas größer.

Ist der Nasenriemen zu eng verschnallt, bekommt das Pferd die Mahlzähne nicht auseinander und hat so keine Möglichkeit zu kauen. Um ihm den notwendigen Freiraum dafür zu verschaffen, muss der Nasenriemen um ein oder zwei Löcher gelockert werden, je nach Abstand zwischen den Löchern (meist zwei oder zweieinhalb Zentimeter). Zwischen Nasenriemen und Nasenrücken des Pferdes müssen jeweils zwei Finger nebeneinander passen. An der alten „Zweifingerregel“, die alte Reitmeister empfehlen, hat sich nichts geändert; auch wenn die Richtlinien für Reiten und Fahren nur einen Finger vorschreiben. Und: „Die zwei Finger müssen wirklich zwischen Nasenrücken und Riemen geschoben werden können“, so Kienapfel und Preuschoft. „Seitlich finden auch vier oder noch mehr Finger Platz, selbst wenn der Riemen zu eng ist. Das liegt daran, dass die Weichteile an der Seite des Pferdekopfes einfach Platz machen und der Riemen wegen seines hier gradlinigen Verlaufs keinen Widerstand leistet. Auf dieser Seite wird von den Riemen kaum Druck ausgeübt.“

Eine besondere Gefahr sehen Kathrin Kienapfel und Holger Preuschoft beim sogenannten Schwedischen Reithalfter. Hier läuft der Nasenriemen über eine Umlenkrolle, so dass der Riemen per Flaschenzugprinzip angezogen wird. „Viele Reiter merken dann gar nicht, mit welcher Kraft sie den Riemen tatsächlich festziehen“, so die Wissenschaftler. Zwei Finger zwischen Nasenrücken und Riemen: Nur so kann das Pferd locker kauen und sich ohne unnötige Fessel wohl fühlen. Zu enge Riemen sind tierschutzwidrig.

„Redefreiheit für Pferde“

Wäre es nicht einfacher, Sperr- und Nasenriemen einfach von der Trense zu entfernen? „Eindeutig ja!“ so die Meinung des Forscherteams Kienapfel/ Preuschoft. Der Doktorvater schränkt ein: „Im Extremfall kann der Nasenriemen die Kaumuskulatur des Pferdes entlasten.“ Professor Preuschoft beobachtete auch Rennpferde. Diese gehen manchmal mit geöffneten Unterkiefer heftig gegen den Zügel, wenn die Reiter versuchen, das Tempo unter Kontrolle zu halten. Dabei wird der Kaumuskel extrem angespannt. Ein Nasenriemen kann dem Pferd in diesem Fall als „Stütze“ dienen. Allerdings, so gibt Preuschoft zu: „Das gilt für den Rennsport, bei dem es nur um Geschwindigkeit und keineswegs um feines Reiten geht. Im Dressursport und auch beim Freizeitreiten sollte das Pferd keinen Anlass haben, seinen Unterkiefer permanent aufzusperren.“

Kathrin Kienapfel grinst: „Also doch Redefreiheit für die Pferde. Es ist doch gut, wenn unsere Pferde das Maul aufmachen dürfen, um uns mitzuteilen, was wir beim Reiten noch verbessern könnten. Pferde sollen uns sagen dürfen, dass unsere Zügelhilfe ihnen zu hart war.“

Eine einfache mechanische Analyse des Kraftflusses zwischen Reiterhand, Zügel, Gebiss und Reiterhand zeigt, so Professor Preuschoft, dass ein Nasenriemen keinen Einfluss auf das Gebiss hat. Wenn man auf Sperr- und Nasenriemen dennoch nicht verzichten möchte, dann sollte man aber auf jeden Fall folgende Regeln beachten:

  • Zwei Finger müssen zwischen Nasenrücken und alle Riemen passen, die um das Pferdemaul geschnürt sind, gleich ob sie Nasen- oder Sperrriemen genannt werden.
  • Es reicht nicht aus, wenn der Nasenriemen vorn breit und weich gepolstert ist. Öffnet das Pferd das Maul, wirken auch hinten die gleichen Kräfte. Dort sollte der Riemen nicht dünn und hart sein.
  • Das Trensenmundstück muss in der Breite passen, ansonsten können sich die Zügelkräfte verdoppeln. Der englische Nasenriemen sitzt zwei Finger unterhalb des Jochbeins richtig.
  • Beim Hannoveranischen Reithalfter ist darauf zu achten, dass es nicht zu weit unten auf der Nase liegt. Dort beeinträchtigt es die Atmung des Pferdes. Der Hannoversche Nasenriemen gehört etwa vier Finger breit oberhalb der Nüstern. Er darf auch nur so eng verschnallt werden, dass zwei Finger locker zwischen Nasenriemen und Nasenrücken passen.
  • Beim Schwedischen Reithalfter allergrößte Vorsicht walten lassen. Durch das Flaschenzugprinzip wird der Nasenriemen schnell viel zu fest verschnallt.
  • Hände weg von Holzknebeln und sonstigen Hilfsmittel, die dazu verhelfen sollen, den Nasenriemen richtig „schön“ fest zu bekommen. Das ist reine Tierquälerei!
  • Auch bei gebisslosen Zäumungen muss darauf geachtet werden, dass Pferde die Möglichkeit haben zu kauen.

Quelle:

Petra Herrmann
Bild: Fotolia_14417741