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Gesundheit :: Vorsorge

Selenmangel – was steckt dahinter?

Viele Pferdebesitzer kennen das: Das Pferd ist eigentlich gesund, aber das Kontroll-Blutbild zeigt einen Selenmangel. Laut der Dipl.-Biologin Dr. Christina Fritz zeigt ein niedriger Selenmangel aber oft nur an, dass beim Stoffwechsel des Pferdes etwas nicht stimmt. Verstärkte Selenzufütterung kann dann toxisch wirken und zu Stoffwechselstörungen führen. Zusammenfassung ihres Vortrags vom 2. Artgerecht-Symposium in Fulda.
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GRG x MV 10 05 3.jpgWird im Blutbild eines eigentlich gesunden Pferdes ein Selenmangel diagnostiziert, so lautet die Erklärung meist, dass dies an den selenarmen Böden in Deutschland liege. Dabei ist das Spurenelement laut Dr. Christina Fritz mittlerweile in fast allen Kraft- und Mineralfuttermitteln zugesetzt und seit 2003 werden sogar Düngemittel damit angereichert, um die Böden selenhaltiger zu machen. Wer allein wegen eines Blutbilds trotzdem noch mehr Selen zufüttern will, solle sich vorher bewusst machen, „dass der Grad zwischen Wirkung und Gift dabei extrem schmal ist“, so die Biologin.

Wozu brauch ein Pferd Selen?

Selen ist ein wertvolles Spurenelement, das im Körper des Pferdes als Antioxidans wirkt. Das heißt, es verhindert eine unerwünschte Oxidation (Freisetzung von Elektronen) anderer Substanzen. Auf diese Weise trägt es zum Abbau von Peroxiden bei und bindet Schwermetalle wie Quecksilber, die dadurch unschädlich gemacht werden.

Pflanzen enthalten wenig bis kein Selen. Entsprechend nehmen Pferde als Pflanzenfresser auch wenig Selen auf und sind darauf von der Evolution angepasst. „Im Blutbild haben die dann alle Selenmangel“, betonte Fritz. „Auch klinisch gesunde Pferde.“ Das Problem geht bereits bei den unterschiedlichen Grenzwerten der einzelnen Labore los. Während einige Labore einen normalen Blutplasmaselenwert von 28 -133 μg/l ansetzen, rechnen andere mit 140-250 μg/l. „Was also beim einen schon ein Mangel ist, ist beim anderen noch im Normalbereich“, sagte die Referentin.

Diese Unterschiede kommen daher, dass die zugrundeliegenden Studien zum Teil noch aus Zeiten stammen, in denen kein Selen in Düngemitteln und Kraftfuttermitteln enthalten war, zum Teil aber auch aus den Jahren danach. Entsprechend wurden also die bereits mit Selen gefütterten Pferde als Mittelwert herangezogen. „Das ist in etwa so, als ob man den Blutalkoholwert eines Alkoholikers misst und dann als Normalwert deklariert“, sagte Christina Fritz.

Dazu kommt, dass vom Labor üblicherweise nur der Blutplasmaselenwert von Selen gemessen wird und nicht der Selengehalt in verschiedenen Geweben im Körper. Der Hauptteil des Spurenelements werde aber in verschiedenen Organen gespeichert. Dazu später mehr.

Forschungsergebnisse sind nicht überzeugend

Zu Beginn der Selen-Forschung wurden die Untersuchungen bei Rindern mit gigantischen Milchleistungen gemacht. Dabei kam heraus, dass die meisten dieser Kühe einen Selen-Mangel hatten. In den 90er-Jahren wurden dann Pferde untersucht, die augenscheinlich das gleiche Problem hatten. Daraufhin entstand laut Fritz die Theorie von den selenarmen Böden. Bei Vergleichen von Selenwerten in der Milch der Kühe kam jedoch heraus, dass deutsche Rinder den doppelten bis vierfachen Selenwert haben im Vergleich zu finnischen und polnischen Kühen. Ganz besonders die untersuchte Region in Polen war für Christina Fritz interessant, denn sie lag nahe an Trakehnen. „Auch die Trakehner, unsere legendär harten Pferde, litten demnach alle unter erheblichem Selenmangel“, gab sie zu bedenken.

Und auch aus Deutschland kommen widersprüchliche Ergebnisse. Obwohl der empfohlene Selengehalt im Futter bei 0,1 bis 0,2 mg Selen pro Kilo Trockensubstanz sein sollte, zeigten 300 Grasproben aus sieben Bundesländern, dass normalerweise nur ein Bruchteil dieser Menge enthalten ist. „Mit diesem selenarmen Grundfutter wurden jahrhundertelang arbeitswillige und gesunde Pferde ernährt und aufgezogen“, stellte Fritz klar. Dass mittlerweile sogar in Leckerlies und in sämtlichen Futtermitteln Selen beigesetzt werde, hält sie deshalb für unnötig – und für bedenklich.

Denn die meisten Futtermittelhersteller berechnen den Selengehalt ihres Produkts so, als würde kein weiteres Zusatzfutter verabreicht. Der Pferdebesitzer kauft aber noch andere Produkte und vergiftet damit sein Pferd schleichend mit Selen.

Was macht Selen im Körper des Pferdes?

Wird Selen über das Futter aufgenommen, so bindet es sich zunächst im Blutplasma an verschiedene Eiweiße. So wird es weiter transportiert und reichert sich schließlich in Leber, Niere und den Hormondrüsen an. Bei Bedarf zieht der Körper das Selen zuerst aus dem Blutplasma, in den Organen ist es weiterhin reichlich vorhanden. Wird nun ein Blutbild angefertigt, so zeigt es vielleicht einen Mangel, obwohl die Organe noch reichlich versorgt sind. Oder aber der Blutwert ist normal und das Gewebe steckt bereits in der Vergiftung.

Oft sei der Selenwert laut Fritz so niedrig, weil das Pferd in Wahrheit einen Zinkmangel hat. Da sich beide Spurenelemente gegenseitig regulieren, kann ein angeblicher Selenmangel immer auch auf einen versteckten Zinkmangel hindeuten, denn der Selenwert sinkt immer vor dem Zinkwert.

„Die Ursachen sind also nicht die Böden, sondern der häufige Zinkmangel. Und der kommt von der vergifteten Leber“, machte Christina Fritz klar. „Wenn Sie nun statt Zink Selen zufüttern, dann greift das Selen massiv in den Hormonhaushalt des Pferdes ein. Die Schilddrüse produziert Hormone und gibt sie in gebundener Form an den Körper ab. Das Selen koppelt nun dieses Schilddrüsenhormon von seinem Bindeglied ab und auf einmal gibt es viel zu viele freie Schilddrüsenhormone im Körper.“

Das Pferd gerät also in eine Pseudo-Schilddrüsenüberfunktion, die gar nicht von der Schilddrüse, sondern nur von dem Überangebot an Selen ausgelöst ist. Daraufhin gerät der Körper in Alarmzustand und setzt weitere Substanzen, unter anderem Glucocorticoide, frei. Durch das in hohem Maß ausgeschüttete körpereigene Cortison kommt es zu Abmagerung, Muskelabbau, brüchigen Sehnen und Infektanfälligkeit – Symptome, die man üblicherweise mit Cushing in Verbindung bringt.

Der Körper des Pferdes reagiert darauf teilweise mit einer Unterfunktion der Schilddrüse, was schließlich zu Fetteinlagerung, Ödembildung, Hufrehe, Niereninsuffizienz, verminderter Herzleistung und Leistungsmangel führen kann. Dazu kommt, dass Selen im Überschuss direkt in das Insulinsignal in den Zellen eingreift und damit eine Insulinresistenz, besser bekannt als „Pferdediabetes“ auslösen kann. Diese Symptome werden auch oft unter dem Begriff „Equines Metabolisches Syndrom (EMS)“ zusammengefasst.

„Die Dosis macht das Gift“

„Selenüberversorgung führt also zu Symptomen von Cushing und/oder EMS. Das ist ein möglicher Faktor, weshalb diese Krankheiten ausbrechen“, fasste Christina Fritz zusammen. Nachfolgend stellte sie klar: „Ich verteufele nicht die Selengabe an sich. Die Dosis macht das Gift. Ich wehre mich allerdings dagegen, dass alle Pferde an Selenmangel leiden sollen, auch die klinisch gesunden.“

Wer ein Pferd besitzt, bei dem Selenmangel diagnostiziert wurde, sollte folgende Ratschläge beachten:

  • Bei allen von Selenmangel betroffenen Pferden muss zunächst die Fütterung optimiert werden und bei Bedarf eine Darmsanierung durchgeführt werden.
  • Der Zink-Verbrauch sollte durch eine KPU-Therapie reduziert werden, zeitweise kann die Zufütterung von Zink sinnvoll sein.
  • Alle leicht verfügbaren Zucker müssen weggelassen werden, es soll kein hitzebehandeltes Getreide und möglichst gar kein Kraftfutter verabreicht werden.
  • Keine Karotten, Äpfel und andere versteckte Zuckerlieferanten zufüttern!
  • 24 Stunden am Tag reichlich mageres Raufutter anbieten!
  • Behandlung auf EMS/Cushing (je nach Symptomen)
  • Gabe von Schüsslersalz Nr. 26, Selenium
  • Individuellen Stress reduzieren
  • Kein Selen zufüttern, um eine schleichende Gewebevergiftung zu verhindern!

Quelle:

Regina Käsmayr / Dr. Christina Fritz