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Gesundheit :: Psychologie

Stress bei Pferden erkennen und lindern

Mein Pferd hat keinen Stress ... Das möchten wir alle glauben! Denn wir alle lieben unsere Pferde. Wir tun alles für sie, machen uns Gedanken über Pferdehaltung, Fütterung, Ausbildungsweg und lassen uns das alles einiges an Geld und Zeit kosten. Dennoch leiden viele Pferde unerkannt unter Stressbelastung, wie Almut Helwig hier beschreibt.
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Unserem Pferd soll es gut gehen, wir möchten mit ihm zusammen Spaß haben und unsere Freizeit genießen.
Darum verstehe ich es vollkommen, dass Pferdehalter oft ein wenig ungehalten reagieren, wenn ich in Beratungsgesprächen das Thema „Stress“ anschneide. Es ist ein heikles Thema. Man fühlt sich schnell angegriffen und empfindet es als Vorwurf, wenn man von außen auf den möglichen Stress des eigenen Pferdes angesprochen wird. Denn man bemüht sich doch so sehr, alles richtig zu machen.

 Meist ist man davon überzeugt, dass man seinem Pferd jedes Unwohlsein anmerken würde. Und außerdem ist das Pferd doch so vollkommen ruhig! Total cool in allen Situationen! Müsste es nicht bei Stress unruhiger und nervöser sein?

Zunächst einmal: Was ist überhaupt Stress?

Stress bezeichnet die durch spezifische äußere Reize hervorgerufenen psychischen und physische Reaktionen bei Lebewesen, die zur Bewältigung besonderer Anforderungen befähigen und auch die durch dadurch entstehende körperliche und geistige Belastung.

 Wenn man dann beginnt, mehr zu lesen, bemerkt man sehr schnell, wie umfangreich und vielfältig das Thema Stress ist: Stressreaktionen verlaufen in verschiedenen Phasen, es gibt kurzfristigen und dauerhaften Stress, aktiven Stress und passiven Stress, Eustress und Disstress, verschiedene Reaktionen auf Stress und noch so einiges mehr.

Ich möchte am Beispiel meiner Pferde erzählen, wie unterschiedlich Stress aussehen und verursacht werden kann. Denn leider muss ich sagen: Seit so vielen Jahren beschäftige ich mich damit, meine Pferde so stressfrei wie möglich zu halten und auszubilden. Ich habe viel gelesen, viele Kurse besucht, sogar ein Fernstudium „Ethologie und Psychologie des Pferdes“ absolviert. Meine Pferde leben seit vielen Jahren bei mir in relativ konstanter Herdenzusammensetzung im Offenstall. Man sollte meinen, alles sei optimal. Stress dürfte für meine Pferde keine große Rolle spielen. Leider ist das jedoch nicht so.

Viele Dinge, die wir selbstverständlich von unseren Pferden erwarten, entsprechen zunächst einmal nicht ihrer Natur und müssen erst langsam erlernt werden. Und oft genug denkt man dabei über manche Schwierigkeit, die das Pferd damit haben könnte, gar nicht nach. Auch die Haltung unserer Pferde (so gut sie auch sein mag!) bringt immer mal wieder unterschiedliche Stressfaktoren mit sich. Pferde sind zwar erstaunlich anpassungsfähig, wir stellen aber auf der anderen Seite enorme Ansprüche an ihre
 Anpassungsfähigkeit.

Es ist also keinesfalls in irgendeiner Form „ehrenrührig“, sich einzugestehen, dass das eigene Pferd Stress hat. Ganz lässt es sich vermutlich nicht vermeiden und auch in freier Wildbahn gibt es Stresssituationen. 
Entscheidend ist aber: Wir müssen lernen, das zu erkennen. Wir müssen lernen, zu akzeptieren und damit umzugehen, dass Pferde viel häufiger unter Stress leiden, als wir das gerne glauben möchten. Wir müssen uns viel stärker in die Lage unserer Pferde versetzen und viel mehr wertschätzen, wie unglaublich stark sie sich auf uns einlassen, sich uns und unserer nicht immer optimalen Haltung anpassen und uns auch noch gefallen wollen. Und wie sehr sie dabei oft genug über ihre Grenzen gehen.

Stress erkennen

Auch wenn die Angaben schwanken, so sprechen die Zahlen doch eine deutliche Sprache: 37 bis 70 % der Freizeitpferde leiden unter Magengeschwüren. Vermutlich kommen so unterschiedliche Zahlen zustande, weil die Definition für „Freizeitpferd“ recht unterschiedlich ist. 

Aber selbst wenn man den niedrigsten Wert annimmt: Mindestens jedes dritte Freizeitpferd leidet an einem Magengeschwür!

Eine andere, neuere Untersuchung hat ergeben, dass viele Pferde an Depressionen leiden. Jedes 4. Pferd in dieser Untersuchung zeigte solche Symptome, wie sie typischerweise auch bei Menschen mit Depressionen festzustellen sind.
 Diese Zahlen zeigen also deutlich: Die Wahrscheinlichkeit, dass Stress in der Krankheitsgeschichte vieler Pferde eine große (oft genug die entscheidende) Rolle spielt, ist enorm hoch. Darum sind wir es unseren Pferden schuldig, dass wir den Gedanken zulassen: „Ja, mein Pferd hat möglicherweise mit manchen Faktoren in meiner Haltung oder Ausbildung Probleme.“ Denn das kommt einfach vor, auch wenn wir es noch so gut mit ihm meinen. Pferde leben in einer solch anderen Welt und Wirklichkeit als wir Menschen, dass wir manche Dinge übersehen, weil sie für uns unwichtig sind – für das Pferd aber eine extrem wichtige Rolle spielen.

Wenn wir diesen Gedanken zulassen und uns dadurch anders mit der Sichtweise unserer Pferde auseinandersetzen, können wir vielfach wahrnehmen, wo die Anpassungsfähigkeit unseres Pferdes sehr strapaziert oder sogar überfordert wird. Nur dann können wir versuchen, einiges zu ändern. Wir werden es sicher nicht schaffen, wirklich alles für jedes Pferd perfekt zu gestalten. Das müssen wir auch nicht! Aber wir müssen uns bewusst machen: Je mehr sich die Lebensbedingungen von der eigentlichen Natur des Pferdes entfernen, je weniger es also seine natürlichen Bedürfnisse stillen kann, desto leichter wird es zu stressbedingten Erkrankungen kommen. Je mehr wir die Anpassungsfähigkeit unserer Pferde überfordern, desto schwerer sind diese stressbedingten Erkrankungen durch Fütterung und / oder Medikamente auszugleichen.

Also ist es ratsam, zumindest die Faktoren, die wir beeinflussen können, günstiger für das Pferd zu gestalten.
Wir können uns dabei nicht ausschließlich auf Stallbetreiber und Trainer verlassen. Wir müssen selber lernen, unser Pferd einzuschätzen. Nicht jede Methode, die als so pferdefreundlich, sanft und gewaltlos dargestellt wird, ist dies auch wirklich. Traditionell sind viele Methoden darauf ausgerichtet, das „potentiell gefährliche“ Pferd zu kontrollieren. Das Pferd führt widerspruchslos aus, was der Mensch fordert. Das ist das
Trainingsziel. Das freundschaftliche Miteinander, die beidseitige Kommunikation, Spaß auf beiden Seiten spielen dabei oft keine Rolle.

Je mehr wir über die Natur unserer Pferde lernen, umso besser können wir Stressfaktoren erkennen. In jüngster Zeit hat mir dabei besonders das Buch „Die Intelligenz der Pferde“ von Marlitt Wendt geholfen. Ich kann also nur jedem empfehlen: Es ist gut, sich gründlich mit der Denkweise der Pferde zu beschäftigen. Und zwar sollte man sich dabei nicht nur aktuell „moderne“ Trainer anhören, sondern sich auch an biologisch gesicherte Erkenntnisse halten. Und wir sollten einfach Zeit mit unserem Pferd verbringen ohne Anforderungen, ohne Ansprüche. Einfach Zeit, sich kennenzulernen und zu beobachten! Wir müssen lernen, die Mimik unserer Pferde zu lesen und unser Pferd ermutigen, sich uns mitzuteilen! Denn einer der am stärksten krankmachenden Faktoren ist die Resignation – und die wird in vielen Ausbildungsmethoden als erreichtes Trainingsziel wahrgenommen.


Quelle:

Mit freundlicher Genehmigung von Artgerecht Tier und Autorin Almut Helwig
Bild: Fotolia #120088475